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Verschollene Inseln

Julius Rodenberg: Verschollene Inseln - Kapitel 3
Quellenangabe
authorJulius Rodenberg
titleVerschollene Inseln
publisherVerlag von Julius Springer
year1861
correctorreuters@abc.de
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Die Matrosen von St. Pauli.

(1859.)

 

Die Nordsee! Gentlemen, ein besser Bierhauszeichen
Schuf keines Wirthes Witz für Leute meinesgleichen!
Ein rechtes Schifferschild! Das salzigste am Dock!
Goddam! Ein Seemann muß in See gehn! kaum entronnen
Der einen, treibt es mich schon wieder zu den Tonnen
Der andren! – Jenny, ein Glas Grog!

Ferdinand Freiligrath.

 

Es ist noch nicht lange, daß ich wieder einmal einige Tage Station in Hamburg machte. Hamburg ist keine Stadt, die ich besuchen würde, wenn ich Ferien hätte und mich von Arbeit und Stubenluft erholen möchte. Die Stadt trägt allzusehr den Charakter der rastlosen Geschäftshast an sich, und es würde mich beunruhigen, in der ganzen Masse geschäftiger Menschen der einzige Müßiggänger zu sein. Wenn ich aber von weiten Reisen zurückkehre oder auch ehe ich sie antrete, mache ich gerne Halt in Hamburg. Gehe ich nach London, so bin ich in Hamburg gewissermaßen schon in seiner äußersten Vorstadt; und kehre ich von dort zurück, so habe ich noch die leise schwindende Nachempfindung: den Hafen, die Schiffe, ein englisches Gesicht, ein englisches Wort hie und da, und kann mich zugleich wieder an Alles gewöhnen, was die Heimath im guten und bösen Sinne Eigenthümliches hat. In diesen Uebergangs-Stadien meines Wanderlebens ist mir Hamburg lieb geworden. Diesmal kam ich von den einsamen Gestaden der Nordsee zurück, woselbst ich mehrere Wochen in tiefer Abgeschiedenheit gelebt hatte. Ich sehnte mich nach dem vollen Strome des Weltverkehrs, und wünschte mich mitten hinein. Ich nahm meinen Weg über Hamburg, und hatte was ich wollte.

Da saß ich wieder auf dem Steinbalcon meines Herrn Grube vom Kronprinzen-Hôtel; vor mir schimmerte das Alsterbassin in seinen feinsten Purpurtinten, die Morgensonne umwob das Blau mit Brocatbesatz; die Morgenluft, herbstlich kühl und erfrischend, hauchte Leben hinein; kleine Böte tanzten darüber hin, und im Hintergrund, auf der lachenden Anhöhe unter grünen Herbstbäumen, drehte die Windmühle lustig ihr weißes Flügelwerk. Da trat mein Freund zu mir, der alle erdenklichen Sprachen spricht, die halbe Welt durchreist hat und die ganze kennt. Oft, wenn er mich stundenlang mit seinen Reise-Abenteuern unterhalten hatte, und der beredte Mund sich auf eine Weile schloß, hab' ich ihn gefragt, warum er diese goldenen Schätze der Erfahrung und Beobachtung in solch' unverantwortlicher Weise verschwende? »Heißt das verschwenden,« antwortete er mir alsdann, »wenn ich sie meinen Freunden, Dir und den anderen mittheile?« »Warum,« hab' ich ihn gefragt, »benützest Du nicht eine müßige Stunde des Morgens, eine Feierstunde des Abends, um niederzuschreiben, wie Du vier Jahre in Rom unter den deutschen Künstlern verlebt hast – wie Du Sicilien bis an's letzte Außendorf durchschweift, wie Du in Florenz geschwelgt, und im Hafen von Marseille gedarbt hast – was Du in der Normandie gesehen, in Paris erfahren, und in den Schneethälern der Pyrenäen gelitten hast?« – »Laß das!« erwiderte er darauf, »wir können nicht alle Geschäftsreisende sein; es muß auch Handwerksburschen und Vagabunden geben. Die Wanderlust würde sonst bald ein schönes Märchen werden, und die ganze Literatur ein gelber Bädeker!«

Ach, wie recht hat mein lieber Freund gehabt! ... Wir plauderten noch lange und wir rauchten noch manch eine Cigarre auf dem Steinbalcon meines Herrn Grube vom Kronprinzen-Hôtel. Mittag war längst vorüber. Endlich gingen wir. Wir gingen dem Hafen zu. Mit dem Westwind, der von England weht, kam die frische Wasserkühle uns entgegen; wir sahen die Masten und die bunten Wimpel darauf. Feierstille herrschte im Hafen, denn es war Sonntag Nachmittag, und dem Tag des Herrn zu Ehren hatten alle Schiffe die Flaggen aufgesetzt. Es war ein mannichfaltiger Wald, das dunkle Masten- und Raaenholz von tausend farbigen Tüchern belebt, und die Tücher vom rauschenden Westwind. Tausend Reminiscenzen gingen durch unsere Seelen.

Dies nun heiß' ich mein Vergnügen, an dem Hafen Nachts zu wandeln,
Wo die großen Schiffe liegen, die nach fernen Küsten handeln ...

Diese Verse Freiligrath's sagte ich, als wir uns dem Hafen von Hamburg nahten. Diese Verse fallen mir jedesmal ein, wenn ich das Meer und die Schiffe darauf sehe. Später, in London, erzählte mir Freiligrath einmal, daß er sie in Amsterdam, als sein Platz noch zwischen Buttertonnen und Zuckerfässern gewesen sei, gedichtet, und auf ein Blatt, welches nach Käse roch, geschrieben habe.

Wir begaben uns in eine Hafentaverne, aßen Beefsteak und tranken, treu unserer fernen Freunde gedenkend, Porter dazu. Darauf bestiegen wir einen Elbdampfer und fuhren durch die ankernden Weltschiffe dem offenen Strome zu. Nichts Lieblicheres als die Ufer desselben. Sie gleichen einer blühenden Gartenterrasse; das frische Wasser und die häufigen Nebel, die es entsendet, halten das Grün frischer, als sonst wo, und aus der freundlichen Umgebung von Blumengesträuch und Waldgebüsch leuchtet manch' eine weiße Villa herunter. Sie sagt dem Gehenden ein wehmüthiges Lebewohl, und sie giebt dem Kommenden, der lange nichts gesehen hat, als graue Wolken und graue Wellen, den ersten Willkommen, den ersten Gruß des farbenreichen Lebens. Die Gesellschaft auf unserem Fahrzeug war von sonntäglicher Mischung, kein Geschäftsgesicht darunter, Alles heiter, die Einen dem Westen zugewandt, wo das große Meer liegt, die Anderen dem grünen, duftigen Gestade. Auch ein paar französische Damen, junge, dunkle, hübsche Mädchen mit ihrem Vater, waren in der Gesellschaft, und fröhliche Hornmusik begleitete jeden Schlag, den die Räder in's stäubende Wasser thaten.

So fuhren wir stroman und hielten zuletzt an der Landungsbrücke von Blankenese. – Menschen genug, die gleich uns in's Freie gepilgert waren, gab es hier; und kaum war die Musik auf dem Wasser verklungen, so empfing uns andere Musik vom Lande, und in einem schön belaubten Garten auf der Terrasse nahmen wir unseren Kaffee, rauchten und plauderten dazu. Nun stand noch eine Hügelspitze über uns, die mußte erklommen werden. Aus diesen Hügel, der Süllberg genannt, bildet sich Hamburg etwas ein, und der Hamburger erläßt es keinem Fremden, ihn zu besteigen. Wir thaten es und genossen des weiten Rundblicks über den Strom, die breiten Uferanlagen und den entfernten Hafen gegen die Stadt hin. Alles lag im sanften Abendsonnenschein. Gegenüber standen, wie ein Wall, die bläulichen Grenzhügel des hannoverschen Reiches. »Hast Du keine Sehnsucht nach Deiner Heimath?« fragte mein Freund. Ich mußte den Kopf schütteln; ich hatte keine.

Die Sonne stand schon tief, als wir das Schiff wieder bestiegen, und sie ging unter, indem wir stromaufwärts schwammen. Selten habe ich sie schöner untergehen sehen. Sie stand lange wie ein Feuerball über der dunklen Stromfläche, bis die Nebel des Meeres kamen und sie begruben. Da aber flimmerten schon die ersten Lichter der Stadt herüber, und die Hornmusik, die uns empfangen hatte, entließ uns mit den letzten Accorden einer hübschen Tanzmelodie. Wir standen am Lande; es war Abend, und ringsum und weit hinaus brannten die Lichter der Hamburger Vorstadt. Auf einer Anhöhe zu unserer Rechten unterschied man ein dunkles Gebäude; seine breiten und hohen Außenlinien zeichneten sich auf dem dämmernden Abendhimmel ab, und seine Grundmauern schienen von Busch und Baum dicht versteckt. »Dies ist das Seemannsasyl,« sagte mein Freund. »Es wird bald fertig sein; dann werden für ein Billiges alte Seefahrer, die keine Familie und keine Heimath mehr haben, Aufnahme darin finden. Anstatt ihren Lebensrest auf den Schnapsbänken zu verlungern, werden sie ein geregeltes Dasein in guten und bequemen Verhältnissen führen. Ihr Blick geht auf das Wasser, und ihr Zeitvertreib wird es sein, mit den Schiffen und den Schiffern zu verkehren, die auf demselben liegen. – Laß uns an der Seite dieses Gebäudes hinaufgehen; der Weg führt nach St. Pauli.«

St. Pauli, auch der Hamburger Berg genannt, ist der Sammelplatz des rohen Vergnügens, der ungebändigten Freude, der wilden, naturzuständlichen Lust mit all ihren leidenschaftlichen Uebergriffen und kräftigen Ausschreitungen. Es ist bei Weitem nicht das Gemeinste, was man in dieser Art sehen kann; ich habe in der Hafengegend von Liverpool andere Dinge gesehen. Aber es ist das Eigenthümlichste, und in seiner Zusammensetzung und Ausdehnung das Mannichfaltigste. St. Pauli wimmelt von Tanzbuden und Schanklokalen, von Häusern, in denen gesungen, gespielt und gewürfelt wird, von Theatern, Caroussels, Kunstreiterzelten und Panoramen. Kein noch so entfernter Genuß, der entweder das Auge oder das Ohr ergötzen kann, ist vergessen; Stereoskopen und Wachsfiguren sind da, und es fehlt nicht an tausend Dingen, an denen nur ein Kind, oder ein Mensch, der geistig auf der Stufe desselben stehen geblieben ist, Freude haben kann. Hunde und Affen machen ihre Sprünge; Marionetten hüpfen an Drahtfäden, und auf einem großen Leierkasten sehen wir Peter den Großen, der seinem Kammerdiener den Zahn auszieht. St. Pauli ist das Eldorado, nach welchem der Seemann sich sehnt, einerlei, aus welchem Lande er stammt und unter welchem Himmelsstrich er geboren. Wenn er, alt und grau und verwittert, wieder in dem einsamen Küstendorfe, in der vom Vater ererbten Hütte sitzt, so erzählt er den Enkeln von den Wundern des Hamburger Berges, und die Enkel hören es und sagen, sie wollten auch zur See gehen, den Hamburger Berg besuchen und die Dinge sehen, die ihnen wie Wunder vorschweben, ihr Lebelang. Und der Matrose, wenn er Nachts auf der Wache steht, sein Auge in den Regen schaut und sein Ohr den Wind vernimmt, der durch die endlose See saust und heulend das Großmarssegel füllt: dann zum einsamen Rauschen der weltumspülenden Woge, indem das Schiff dahingeht, pfeift er eine Melodie, nach der er in St. Pauli getanzt, und die alles ist, was er von dort sich behalten.

Wir schritten nun an den Häusern, Zelten und Buden vorbei, die von Blaujacken voll waren, und traten in ein Theater ein, das »Elysium von St. Pauli« genannt. Die Eintrittspreise sind nicht hoch; der Platz im ersten Parquet, den wir einnahmen, kostete uns ungefähr drei Silbergroschen. Allein da das Haus noch lange nicht gefüllt und wenig Aussicht vorhanden war, daß das Spiel bald beginnen würde, so wurde uns die Zeit lang, und wir begaben uns auf die Bühne. Das Erste, was wir hier sahen, war ein junger Mann in Costüm, der mit einem Gefährten Fechtübungen hielt. Ich mußte sogleich an Leander und Wilhelm Meister denken, an den Wirthshausboden, wo sie ebenfalls mit Rappieren fochten, und an Philine. Sobald Leander uns sah, kam er freundlich auf uns zu, während Wilhelm Meister sich grollend hinter den Coulissen verlor. Leander war in den Wochentagen Handlanger bei der Hamburger Wasserleitung, und sein Geschäft war alsdann, die Eimer auf beiden Schultern, durch die Straßen der Stadt zu gehen, und seinen Artikel auszuschreien. Da demnach seine Stimme gut und wohlgeübt sein mußte, so war kein Zweifel an seiner theatralischen Befähigung. Er zweifelte auch keineswegs daran; er benutzte die freien Abende der Wochentage und den ganzen Sonntag dazu, um als zweiter Liebhaber auf dem Elysium-Theater zu fungiren. Zum ersten Liebhaber würde er's wol sobald nicht bringen, war seine Meinung, denn diese Partie ließe sich der Director nicht nehmen, obwohl er schon ein Mann sei, hoch in den Fünfzigern, und nicht viel an sich habe, was zum Verlieben wäre. Seinem bürgerlichen Charakter nach sei der Director ein Kaufmann; er verkaufe nämlich Fleisch für die Hunde, und mache gute Geschäfte. Ein geschickter Theater-Director sei er auch, das müsse er ihm nachsagen, trotzdem er es ihm nie verzeihen werde, daß er nicht aufhören könne, die ersten Liebhaber zu spielen; er mache alle Stücke, die hier zur Aufführung kommen, selber, d. h. er nehme die besten Stücke, die zu kriegen wären, streiche alles Ueberflüssige, namentlich die Reime, wo sie vorkämen, weg, und studire sie dann mit der Gesellschaft ein. Jetzt führten sie »Karl den Zwölften auf Rügen« auf, und der Direktor habe seine Sache so gut gemacht, daß dieses Stück, welches auf anderen Bühnen drei bis vier Stunden dauere, hier in zwanzig Minuten, die Zwischenacte eingerechnet, zu Ende komme. Sie hätten es heute, am Sonntag, schon fünfmal hintereinander her gespielt. Das da, das junge Mädchen im kurzen rothen Rock, sei des Direktors Tochter; sie mache die ersten Liebhaberinnen. Wir sahen auf und bemerkten ein allerliebstes junges Geschöpf von höchstens sechzehn Jahren, das zwischen den Coulissen hin- und hertanzte. »Ha, Philine!« dachte ich, und wollte mich dem Rothröckchen nähern. Da aber trat Wilhelm Meister aus der Hinter-Coulisse und bedeutete mich und meinen Freund, daß es auf dem Elysium-Theater den Zuschauern nicht erlaubt sei die Bühne zu betreten. Wir gingen also, und Philine tanzte weiter.

Als wir auf unsere Plätze zurückgekehrt waren – das Haus hatte sich inzwischen mehr gefüllt – sahen wir am Clavier, welches hier die Stelle des Orchesters vertritt, ein wunderliches, altes, hochaufgetakeltes Weib sitzen. »Hurrah!« rief mein Freund, »das ist die tolle Gräfin! – Wie gehts, wie gehts, alte Scharteke?« wendete er sich darauf an sie. Die Angeredete sah groß auf, und kehrte uns ihr verrunzeltes Gesicht zu, das mit Schminke dick belegt und von einem falschen, haaröltriefenden Lockenputz umflattert war. »Alte Scharteke?« kreischte sie. »Was? Du Lump!« Dann drehte sie sich wieder herum, und kehrte uns den Rücken. Sie trug ein schmutziges Kleid von rosa Seide, tief ausgeschnitten, so daß man vieles sah, was man lieber nicht gesehen hätte; ihre gespensterhaft dürren Arme und Hände, nackt und angenehm zu betrachten, wie ihr Hals und ihr Nacken, lagen auf dem Clavierdeckel.

»Sieh Dir dieses Weib an,« sagte mein Freund. »Sie ist die Tochter eines dänischen Grafenhauses; ihr Bruder lebt noch auf den väterlichen Besitzungen, und ein Vetter, der denselben Namen führt, wie sie, ist eine angesehene Persönlichkeit in Hamburg. Sie ist jetzt alt und häßlich, und trägt jegliche Spur eines verworfenen Lebenswandels an sich; aber ältere Leute erinnern sich noch der Zeit, wo sie von Jugendfrische und Schönheit strahlte. Du frägst mich, welche Schicksale es gewesen sein mögen, die ein Wesen, von Natur und Geburt geadelt, aus den höchsten Sphären der Gesellschaft in die verrufensten heruntergeführt haben? Ich habe wenig darüber erfahren können. Man weiß nur, daß sie eines Tages aus dem Grafenschloß verschwand, daß man sie lange suchte, und zuletzt wiederfand, wie sie in einem dieser Häuser in den Armen eines Matrosen hing, der mit ihr tanzte. Die Familie ließ kein Mittel unversucht, um die arme Verirrte zurückzubringen; aber Güte erwies sich ebenso fruchtlos als Gewalt. Kaum daß man sie eine kurze Zeit im elterlichen Schlosse gehabt hatte, so war sie plötzlich wieder verschwunden, und man wußte bald nur zu gut, wo sie zu suchen sei; man schickte sie auf Reisen, man sperrte sie in ein Gefängniß, und darauf in ein Irrenhaus – aber das Ende war immer dasselbe. Man gab sie frei, und sie fuhr fort, mit den Matrosen von St. Pauli zu tanzen.«

»Ihr Vater starb darüber hin und auch von ihrer Mutter sagt man, daß der Gram sie getödtet habe; der Bruder setzte der Unglücklichen eine kleine Summe aus, und überließ sie ihrem Schicksal. Darauf tanzte sie jahrelang fort, und als der Rest von Schönheit und Jugend zerstört und gänzlich ausgegeben war, setzte sie sich ans Clavier und begleitete die Tänze und Orgien der Anderen. So lange ich denken kann, spielt sie ihre Rolle in St. Pauli, und der Name der tollen Gräfin ist in dieser Gegend volksthümlich geworden.« Dann redete er sie wieder an: »Schöne Gräfin,« sagte er diesmal, »wie geht es Ihnen?« Das Weib hatte die erste Anrede schon wieder vergessen; mit einem freundlichen Grinsen, das ihr Gesicht noch mehr entstellte, als vorher der Zorn, sah sie meinen Freund an und sagte, es gehe ihr gut und sie danke für die gütige Nachfrage. »Wollen Sie uns nicht etwas vortragen?« fragte der Freund, indem er ihr einige Silbermünzen auf das Clavier legte. »O ja, recht gern, mein schöner Herr,« war die Antwort, »recht gern, wenn Sie wünschen!«

Sie schlug den Clavierdeckel zurück und begann zu spielen, wahnwitzige Melodien, ohne Zusammenhang, ohne Rhythmus; ein chaotischer Wirrwar, bald abgebrochen, bald aufs Neue begonnen, als suche sie etwas, das sie in weiter Ferne verloren habe. Zuletzt fand sie's; es war ein wildes Matrosenlied, wie es die Seeleute von der englischen Marine singen. Ein unheimliches Feuer füllte für einen Augenblick ihre matten Augen, und stürmisch, indem sie mit aller Kraft und in kühnen Octavensprüngen das Lied wiederholte, fielen sechs, acht Männer ein, die oben im dunklen Zuschauerraume saßen. Nicht lange, so sang das ganze Elysium-Theater mit, wir selber sangen mit, und schwer war es, als endlich die Glocke zum Beginn des Stückes rief, diese seltsame Ouvertüre zum Schluß zu bringen.

Der Vorhang rollte auf – mit einigem Widerstreben, da er an einem Nagel der Seitenwand hängen zu bleiben schien – und das Erste, was wir sahen, war Wilhelm Meister und Leander, die ihren Part resolut heruntersagten; dann kam Philine, das sechzehnjährige Rothröckchen, schüchtern und verlegen, da sie uns erblickte, und gegen Ende des ersten Actes Karl der Zwölfte, der Hundefleisch-Verkäufer. Karl der Zwölfte sah für einen ersten Liebhaber schrecklich genug aus. Sein Gesicht war ganz schwarz – ob von Schmutz oder Natur, konnte ich bei der zweifelhaften Beleuchtung nicht unterscheiden. Eine Nase hatte er nicht mehr, aber die Stelle, wo sie ehedem gesessen, war durch ein großes Pflaster angedeutet; der Mund war dafür um so größer, man konnte jeden Zahn sehen, den er hatte; lange gelbe Zähne, die den Eindruck eines Todtenkopfes vollendeten. Mit diesen Zähnen biß er unausgesetzt auf die Knöchel seiner Hand, und da man ihm nach dieser Thätigkeit wohl Leben zutrauen mußte, so konnte man ihn für einen Vampyr in Uniform halten. Der erste Act ging ohne Blutvergießen vorüber; er dauerte vier Minuten, dann fiel der Vorhang. Der zweite Act jedoch begann in höchst bedenklicher Weise; die Rappiere, mit denen Wilhelm Meister und Leander gefochten hatten, erschienen auf der Scene, und Karl der Zwölfte sah aus, als ob ihn nach Blut gelüste. Philine, das Rothröckchen, lag jammernd zu seinen Füßen, und Alles schien auf eine große Mordthat gefaßt.

Da aber schoß, wie eine Rakete, der erste Theil des »Feuerwehr-Galopps« in das Todesschweigen, welches der Katastrophe vorschriftsmäßig voranging, und plötzlich war das ganze Haus Tumult und Bewegung. Mein Freund hatte heimlicherweise die tolle Gräfin bewogen, in die Tasten zu greifen; anfangs wollte sie zwar nicht recht, aber einige Schmeicheleien bewirkten, was ein paar zuvor schon gegebene Schillinge nicht ganz zu thun im Stande waren, und bald unterbrach ihr Spiel und das Geschrei der Zuschauer den Gang der Aufführung. »Tolles Mensch!« kreischte Karl der Zwölfte, der jetzt wieder ganz Director und Hundefleisch-Verkäufer geworden schien, »was zum Henker fällt Dir ein?« – »Die Beiden da vorne, auf der ersten Bank, haben ihr Geld gegeben!« brüllten die in ihrem Genuß gestörten Zuschauer. »Meine Herren!« redete der Director uns an, indem er seinen Königshut abnahm, »ist das wahr?« – »Herr Director,« erwiderte mein Freund, »ich war der Ansicht, daß Musik die Wirkung des Stückes erhöhen würde.« – »Entschuldigen Sie,« versetzte der Director, »daß ich in diesem Punkte nicht Ihrer Ansicht bin, und erlauben Sie, daß wir den Act ohne Musik zu Ende bringen!« Mein Freund gab seine Erlaubniß, der König setzte seinen Hut wieder auf, und nachdem die Rappiere ihre Schuldigkeit gethan und das Blut einer Ochsenblase die Bühne überschwemmt hatte, fiel der Vorhang zum zweitenmale, und wir verließen das Haus. Denn offenbar hatten wir uns durch unsere musikalische Eigenmächtigkeit viele Feinde gemacht, und wir wollten es auf eine Lynch-Justiz nicht ankommen lassen. Das Zischen und Stampfen dauerte so lange, bis wir unsere Plätze verlassen hatten, und noch draußen, in der frischen Nachtluft, vernahmen wir einige Häuser weit den schwachen Nachklang.

Vorbereitet, wie wir waren, betraten wir nun das nächste Tanzlokal. Es ist ein Haus von altem Ruf, und das Gemälde, das es auf seinem Schilde trägt (obgleich es nun schon etwas verblaßt ist) zusammt der Unterschrift: »In den grünen Jäger« ist wolbekannt unter den Leuten vom Hamburger Hafen. Doch hat der grüne Jäger seine goldenen Zeiten gehabt; denn die Polizei ist in seiner Nähe und Umgebung geschäftig gewesen, und nur ein kleiner Rest ist ihm geblieben. Die Traditionen des grünen Jägers erzählen noch von alten Seefahrern, die in einer Nacht den Erwerb einer ostindischen Reise hierselbst verpraßt und oft eine Börse voll Gold in den Busen eines dieser Mädchen geworfen haben; aber die Gegenwart ist ärmlicher geworden, und was sie fortwirft, sind Kupferstücke und kleine Silbermünzen. Auch von Stiletstichen und Messerwunden wird nichts mehr gehört; eine erbärmliche Alltagsschlägerei ist das Höchste, und auch ihr macht der nächste Polizeimann und das Stadtgefängniß rasch ein Ende. Die Romantik des grünen Jägers ist dahin; aber die Wirklichkeit ist immer noch bezeichnend genug. Sie hat ihre Dirnen in Röcken, die nicht länger sind als die Jacken der Seeleute, mit denen sie im niedrigen, vom Tabaksqualm erfüllten Saale herumspringen; sie hat ihre alte Kundschaft – wetterharte Gestalten, mit der Farbe, Sprache und Tracht jeglicher Zone; und zuletzt hat sie ihre Gelage und Liebesscenen – ungenirt in den Ecken des Saales, während die Anderen tanzen.

Das vornehmste dieser Lokale – denn bekanntlich giebt es über und unter Null Grade und Abstufungen – ist das, welches sich »In die vier Löwens« nennt. Hier pflegt sich nur die Aristokratie des Marinewesens zu versammeln, zu der vornehmlich die fremdländischen Seeleute gerechnet werden; denn in seiner Verehrung des Auslands – so kosmopolitisch er sonst immer sein mag – ist der Hamburger Berg gut deutsch. Wir setzten uns zu einem Liebespaar in die Ecke des Saales und belauschten das Gespräch. Er war der Ofenheizer eines englischen Dampfers und konnte kein Sterbenswort deutsch; sie trug ein himmelblaues Kleid und hatte sich ein Taschentuch über den Schoß gebreitet, denn er aß ein Beefsteak und hatte fettige Hände. Sie verstand übrigens von der englischen Sprache gerade so viel, wie er von der deutschen. Sie gab ihm die süßesten und verliebtesten Schmeicheleien, von denen er aber nur Notiz nahm, wenn sie Miene machte, ihn zu küssen, worauf er in der Regel nicht einging, weil sein Hunger größer zu sein schien als seine Liebe. Mehreremal jedoch bot er ihr auf der Spitze seines Messers einen Bissen Fleisch an; sie sagte, sie habe keinen Appetit, sie wolle lieber trinken. »Drink?« fragte er. »Ja!« schrie sie, denn sie schien zu glauben, daß er Schreien besser verstehen würde, als Sprechen. Allein ihr Glaube täuschte sie; und sie nahm weiterhin ihre Zuflucht zum Nicken und Kopfschütteln. »Beer?« fragte er. Sie schüttelte mit dem Kopfe, »Wine?« fragte er. Sie nickte mit dem Kopfe.

Er ließ Wein kommen; sie trank ein Bierglas davon mit einem Zuge leer, und küßte ihn darauf. Er hatte sein Beefsteak verzehrt, und wischte sich die Hände an dem weißen Tuche ab, das sie über ihren himmelblauen Schoß gebreitet hatte. »Hast Du viel Geld?« fragte sie. Er sah sie an und sagte: »Did ye say anything?« Sie suchte ihm darauf durch Zeichen und Geberden klar zu machen, was sie meine. »Klingeling!« rief sie, hob die Hand an's Ohr, und machte zugleich eine Bewegung, als ob sie einen Geldbeutel schüttle. »Oh yes!« rief er – » yes,« und nickte mit dem Kopfe. »Dann zeig' mal!« entgegnete sie, und machte eine Bewegung nach seiner Tasche, der er aber zuvorkam, indem er ein kleines Lederbeutelchen herauszog, das von Steinkohlenruß glänzte. Er öffnete die Schnüre desselben und ließ sie hineinsehen, worauf sie ihn wieder küßte und sagte, er solle mit ihr tanzen. » Dance!« fragte er. »Ja!« sagte sie, und nickte mit dem Kopfe. Dann standen sie auf, sie nahm das Taschentuch mit den Fettgriffen in den Mund, und sie tanzten dahin.

Wir indessen verließen das Lokal, und ich kann nicht sagen, daß mir der Abschied schwer wurde. Denn die Luft wurde von Minute zu Minute, je mehr der Raum sich mit tanzenden und rauchenden Männern (und sie rauchten nicht immer den besten Tabak!) füllte, schlechter und ungenießbarer. Sie wurde nicht viel besser, als wir in die Straße einbogen, deren Eckhaus die »vier Löwens« bilden. Die Straße war voll Lärm und Menschen und schlechtem Tabaksgeruch, wie der Saal, den wir verlassen hatten; aus jedem Hause klang Musik, und seltsame Orchester waren es zuweilen, die diese Musik machten. Eines derselben, welches dicht neben der Hausthüre saß, bestand aus drei Weibern, welche Harfe, Flöte und Geige spielten, und einem Jungen, welcher bei den Effectstellen mit der Faust gegen die Bretterwand schlug.

Doch würde man sich irren, wenn man sich den ganzen Hamburger Berg in der bisher geschilderten Weise dächte; er wird anständiger, je mehr er sich dem Stadtthore nähert. Hier liegt das Tivoli-Theater und das »Odeum«, das große Gesangslokal, in welchem sich der anständige Philister vom Hamburger Mittelstände aufhält. Anständig mag es hier sein; aber unerträglich ist es gewiß, das sah ich sogleich, nachdem ich am Arme des Freundes eingetreten war. Man denke sich eine Rotunde, die einige tausend Zuhörer fassen kann, und in diesem Augenblicke wirklich faßte – einige tausend Zuhörer in Sonntagszeug und Sonntagslaune, mit der dampfenden Cigarre für die Männer und dem dampfenden Glas Thee für die Weiber, dazu die erstickende Gluth der zahllosen Gasflammen und – die Gnadenarie! – »Gnade! Gnade!« rief ich, mit der Sängerin zugleich, deren Stimme übrigens in dem tausendfachen Gesumme kaum mehr gehört ward, »der Hamburger Berg von seiner anständigen Seite betrachtet, ist fürchterlich! Lieber zurück »»in die vier Löwens!«« – Mein Freund jedoch war für den Fortschritt; er schlug einen Austernkeller mit Rheinwein vor. »Armselige Menschen doch, wir, die wir die Gebildeten heißen!« sagte er, indem wir im Wagen dahinfuhren. »Unsere Woche hat keinen rechten Sonntag, unser Leben keine rechte Freude mehr; und nachdem wir einen ganzen Abend lang mehrere Tausende bei Tanz, Gesang und Theater fröhlich gesehen, bleibt uns als letzter Rest die Etiquette einer Rheinweinflasche und eine – Austernschaale!«

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