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Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Verkehrte Welt - Kapitel 8
Quellenangabe
typenarrative
booktitleGrimmelshausen Werke II (Bibliothek der frühen Neuzeit Band 17)
authorHans Jacob Christoffel von Grimmelshausen
year1997
publisherDeutscher Klassiker Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-618-66470-2
titleVerkehrte Welt
pages413-417
created20000907
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1672
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Unter anderm kam ich auch vor ein überhohe Maur / welche in ihrem Bezirck bey vier Stück Felds in sich gefasst haben mag / auff die Art eines alten Heydnischen Schlosses verfertigt und gebauet / ohne das kein Tach und Fenster daran waren / aus diesem schlug eine dicke Feurflamme / darinnen es von Verdammten wimmelte / die darinn auff und nider fuhren wie die Erbsen in einem sidenten Hafen / so daß auch etliche / gleichsamb als wann der Hafen überlaufft / von ihnen herunter fielen / von den höllischen Geistern aber gleich wider hinauff geholet / und widerumb in die grausame Flamme geworffen wurden / weil ich dann nun gern gewust hätte / was dieses vor Leute auff Erden gewesen / erwischte ich endlich einen solchen herab gefallenen beym Flügel / und fragte ihn was ich zu wissen verlangte / wir konten einander aber wegen deß greulichen Geschreys der Verdammten daselbst nicht hören noch verstehen / derowegen giengen wir ein wenig beyseits / welches die böse Geister / so die Gefallene wider in die Flamm zu führen pflegten / gern zuliessen / daselbst fragte ich ihn / was und wer er auff Erden gewesen / und durch was vor Verbrechens willen er in diese jämmerliche Qual verdammt worden wäre? Er antwortet / in meiner Jugend war ich arm / weil ich auch von armen Eltern gebohren worden / diese hatten mich dannoch so wol beobachtet / daß ich Schreiben und Lesen gelernet / weil ich dann nun einen guten Kopff etwas geschwind zu fassen und zu behalten / darneben auch einen grossen Lust zum Studirn hatte / um mich dardurch etwan aus der beschwerlichen Armuht zu reichen / sihe / so begab ich mich an ein Ort / da man die Christliche Jugend umbsonst instruiret, und ward ein armer Schüler / der seinen Unterhalt von andern ehrlichen Leuten erbettelte / das triebe ich ein paar Jahr / bis ich so viel gelernet / daß ich anderer Leut Kinder auch informirn konte / und des offentlichen Bettlens mich zu schämen anfieng / deren Eltern mich dann zu sich in ihre Häuser nahmen / wordurch ich zu einem bessern Auskommen gelangte / und weil ich mich wohl hielte / und dardurch der Leute günstige Zuneigung zuwegen brachte / machte mich einer vom Adel zum Hofmeister seiner Söhne / darvon ich nicht allein mein gut Maulfutter / und Besoldung / sondern auch die beste Gelegenheit zu höheren Studirn bekame / so / daß ich allgemach nachgedachte / wie ich den Schatz meiner gesammelten Wissenschafften anlegen wolte / umb mir den besten und geruhelichsten Handel darbey zu schaffen / mich duncke hierzu zu gelangen / gieng ich den sichersten Weeg / wann ich mich auff die Theologiam legte / weil es mit der Medicorum und Juristen Auffkommen mißlich stehe / und auch Anfangs härter hergehe und ein grössern Verlag brauche / also wurde ich ein Priester / mehr meinem Bauch und faulen Madensack / als GOtt zu dienen / hierzu bekam ich in bälde durch Simoneische Griff eine feiste Pfarr / und ob ich mich gleich meiner armen Eltern eben so sehr schämte / als sie sich meiner freuten / so nahm ich sie jedoch zu mir / und brauchte den Vatter mehr vor ein Knecht / und die Mutter vor eine Magd / als daß ich sie viel höher respectirte, gleich wie nun aber ich den Priesterlichen Stande und die Pfarr selbsten nicht umb GOttes / sondern meinet Willen angenommen / also thät ich auch was mir beliebt und wol thät / aber nicht was GOtt wolte und von mir erforderte / meine Horas wurden kalt genug gesprochen / und was ich nicht auff meiner Pfarr im Gottesdienst aus Schuldigkeit verrichten muste / oder davon ich nichts hatte / das liesse ich allerdings unterwegen; Jch stelte gleich Anfangs nach höheren Pfründen / brachte auch deren durch allerhand Vörthel eine oder zwey zusammen / wie wohl ich nicht thät was ich auff der geringsten Capploney hät thun sollen / nach meiner Eltern Tod / deren tägliche Gegenwart gleichwohl meinen geilen Begierten den Lauff gehemmet / liesse ich dem Kützel des Fleisches / den Zaum schiessen / und dingte mir eine glatte Köchin / deren ich bald auslegte und bewiese / daß bey faulen müssigen Tägen und überflüssigem Essen und Trincken Feur und Stroh nicht lang beieinander ligen könte / endlich liesse ich mich auch allein mit derselbigen nicht genügen / sondern suchte auch zu Naschen bey verehlichten Weibern / bey denen ich mich nicht schämte / ihre Einfalt zu überreden / die Sünde sey so groß nicht / sintemahl auch die alte Patriarchen ihre Kebsweiber gehabt / und dannoch GOtt angenehm gewesen / daß man das gemeine Volck so überrede / beschehe die Todschläge zuverhinderen / welche sonst aus Eifersucht der Männer entstünden / dabey war ich auch über die massen geitzig / neidig / zancksüchtig / dem Wein ergeben und nicht wenig hoffärtig / ich mischte mich in Weltliche Geschäffte / wo ich verhoffte einen Genuß zu haben / nahm derowegen von meiner Köchin und anderen mir geheimen Ohrenträgern und Ohrenträgerinnen allerhand Geschwätz an / und wo mich bedunckte / daß mir jemand auff die Kutt getretten / muste solches auff der Cantzel hervor / da ich dann ihre geringe Fehler so gewaltig heraus zu streichen wuste / daß sie in der Kirchen / da sie Lehr und Trost zu vernehmen verhofft / vor allen Zuhörern ärger beschämt wurden / als wann sie an einem Halseisen gestanden wären / und andere ein abscheuliche Exempel hatten / ihren geistlichen Herrn besser zu respectirn, endlich wurde ich so verrucht und gottlos / das ich bey nahe selbst nicht glaubte / was ich andern predigte / und weil mir die Langmütigkeit Gottes zusahe / geriehte ich dahin zu gedencken / mein Beruff sey wie ein ander Handwerck oder Handtierung / sich dardurch zu ernähren und darbey zu prosperiren erdacht / ob ich nun gleich obgemeldter massen meine Pfarrkinder in Furcht hielte / zumahlen mir deren Geheimnissen ihrer Gewissen bekant / weswegen sie mich billich in hohen Ehren zu halten / ich auch über diß meine Tück und Mängel mit der Heucheley und Gleißnerey artlich bemänteln konte / so machte ichs doch so grob / daß man mir in die Karte sahe / und sich ärgerte / und wann ich deswegen von einer Pfarr verstossen wurde / bekam ich an einem frembten Ort ein andere / dann mein zusammen geschraptes Gelt (welches ich hierzu und zu Contentirung meiner Concubinen / auch Beyhülff meiner armen Verwandten wohl beobachtet) mir zimlich ausholffe / wie ich nun Gottlos gelebt / also starb ich auch ohne Bußfertigkeit / und bin billich hieher verdammt worden / mehr als die Laici zu leiden / weil ich auch besser als sie Zeit / Gelegenheit und einen Stand gehabt / Gott zu dienen / solches aber alles so schändlich mißbraucht habe / neben dem / daß ich auch der gantzen Welt der Warheit des Sprichworts gewiesen / es ist kein Schwerdt das schärffer schierd / als wann ein Bettler zum Herren wird.

Jch sagte / du hast deiner Ehrwürden Schantz übersehen / wie der Blinde das Dorff / und bist so viel ich verstehe / einem Phariseer gleicher gewesen als einem Christlichen Priester! so seynd aber unsere heutige Geistliche / sonderlich die Seelsorger / auff den Pfarren nicht gesinnet / in deme sie weit ein anders in Worten / Thaten / Leben / Sitten und Wandel würcklich erweisen / ich will dir nur den Pfarrer auff unserem Dorff zum Exempel vorstellen / welcher zwar gegen andern in den grösseren Flecken und Städten zu rechnen / noch lang nicht vor einen Heiligen / sondern nur vor einen schlechten Dorff-Priester gehalten wird / derselbe ist zwar nicht wie du (zwar vor seine Geburt und schlechtes Herkommen kan niemand) von Armen / sondern aus Reichen Eltern und einem vornehmen Geschlecht geborn / auch herrlich aufferzogen / vornemblich aber von Jugend auff / auff seiner Eltern Costen zu den Studirn / auch Erlernung anderer Löbl. Künsten unter Adelichen Ubungen aufferzogen worden / als welche im Sinn hatten / ihm seinem Herkommen gemäß zu einem ansehenlichen tapffern Herrn und Weltmann zu machen / und ihn hoch ans Bret zu bringen / darzu ihnen dann weder an Mitteln noch Gelegenheit nichts abgieng / er aber verzögerte seine Beförderung / weil er mehr Liebe zu Gott / und ein grösseren Lust hatte / demselben zu dienen / als ihm in der Welt ein groß Ansehen zu machen / bis seine Eltern den Weeg aller Welt gangen / alsdann wurde er ein Priester wider aller seiner Verwandten Willen / welche / als sie sahen daß es je nicht anders seyn konte / als ihren Vettern geistlich zu lassen / ihme vermeinten auff einem reichen Stifft zu einem Thumherrn zumachen / damit er zu höherer Beförderung gelangen möchte / aber er schlug einen solchen geruhelichen Stand rund ab / deswegen sie dann dahin practicirten / daß er in unser Dorff auff die allerschlechteste Pfarr im gantzen Land gesetzt wurde / umb ihme dardurch abzumüten und zu Annehmung höherer geistlichen Dignitäten und Einkünfften zudringen / aber unser Pfarrherr gehorsambte dem Spruch / der da heist / du solst hingehen / wo ich dich hinsenden werde; er hütet unserer wenigen Heerde und speiset sie auff einer geistlichen feisten Weid / unangesehen er selbst an überflüssiger Nahrung des Leibs Mangel leidet / er stellet uns täglich vor Augen das Exempel eines wahren Apostolischen Lebens / und in dem er sorgfältig ist / seine anvertraute Schäfflein in die ewige Seligkeit vor Gottes Angesicht zu bringen / vergist er selber seines Leibs Nohtwendigkeiten / welche sonst die Natur zum zeitlichen Unterhalt eins jeden Menschen gleichsamb unumbgänglich erfordert / er hat keine Freunde / welche an den Brüsten der geistlichen Einkünfften zu saugen begehren / sondern dieselbe mit seinen eignen Patrimonio vorlängst abgespeiset / damit er mit dem jenigen so er aus seiner Pfarr gefallen seinen Leibe abbricht / den Armen zu Hülff komme / er hat weder Koch noch Köchin / Knecht noch Mägd / die ihm / wann er solte erkrancken / auch nur ein Bett machten / ein Supp kochten / oder einen Trunck Wasser langten / wird auch meines Davorhaltens keinen Silberschatz oder Gold-Gott in der Kisten haben / auff den er sich auff dergleichen Nohtfäll zu verlassen / wie er dann offt sagt / ein Pfaff solte sonst nichts beydes zum Trost und Ergetzung als zur Nohtdurfft haben oder wissen / als den lieben GOtt / sein Buch und ein gut Gewissen! Sein Exemplarisch Leben ist ein immerwehrende Predig / und dannenhero ist es mit ihm so gethan / daß / wann ihn der liebe GOtt mit leiblicher Kranckheit heimsuchen solte / er aus seinen wenigen Pfarrkindern mehr Pfleger und Auffwärter haben würde / die ihm getreulich zu dienen begehrten / als mancher Bischoff aus so vielen seinen bestellten Dienern / massen er sie insgemein dergestalt in der Liebe GOttes und zu dem Nächsten unterricht und erhält / daß sie nicht allein erbar in Worten / züchtig in Geberden / andächtig im Beten / sondern auch überaus willfärig und begierig seynd / ihre Leiber und ihr Vermögen anzugreiffen / umb beydes zu Gottwohlgefälligen Wercken anzuwenden / kein Gasterey oder gemeine Jrten / kein Kindstauff noch Hochzeit wird von ihm besucht noch sonst einig Ort und Gelegenheit da man zecht / ja seinen Leib im Zaum zu halten / trinckt er offt nicht genug Wasser; Ausser der Beicht hat er mit keinem Weibsbild allein geredet / so lang er bey uns ist / und scheinet im übrigen als ob er einig in den Bezirck der Kirch und seines Pfarrhofs gebannet sey / mit Worten ist er gesparsamb / wann er aber von der Liebe GOttes und wie man ihm dienen soll / zu reden kommt / so höret man seine allerlieblichste Freygebigkeit / jemand in der Kirchen auff der Cantzel zu beschimpfen / würde er sich / ein Gewissen machen / aber gleichwohl gehen alle seine Zuhörer mit grösserem Haß gegen den Sünden entzündet / aus seinen Predigten / der Welthändel Neuen Zeitungen und dergleichen Curiositäten nimbt er sich so gar nichts an / daß er den jenigen / die ihm dergleichen vorbringen wollen / gleich mit diesen Worten abdanckt / ich wills nicht wissen / alle Tag liset er Meß / alle Sonn- und Feyertäg hält er Kinderlehr / darinnen sich öffters so viel Alte als Junge befinden / sein Pfarrhof und Wohnung ist öd wie eine Eremitage, aber seine Kirch ist so schön geziert / als wäre sie noch so reich / bey den Krancken so sich jetzo vermuhtlich dem Tod näheren / agirt er bey nahe / als wär er bestellt / ihnen zu warten / damit er die geringste Minut nicht versaume / ihnen bis zu einem seligen Ende als ein Christlicher Seelen-Hirt seine Schuldigkeit zu erweisen / er ist etlichmahl zu höheren Dignitäten und bessern Pfründen beruffen / so seynd ihm auch stattliche Stellen auff ansehenlichen Stifftern angeboten worden / aber er hat bishero noch alles ausgeschlagen / unter dem Vorwand / das er hierzu nicht Capabl sey / sondern genug zu schaffen habe / sich vorzusehen / damit er seinen wenigen Pfarrkindern / die ihm GOtt Anfänglich vertraut / recht vorstehe / also lebt nun unser Pfarrherr / und wird ein Zeit wie die ander / weder lustiger noch trauriger gesehen / und wann ich dir seinen Eifer / seine Mühe und Arbeit / seine Gedult / seine Demuht / seinen Fleiß / und in Summa alle seine übrige Tugenden ausführlich erzehlen solte / so müste ich einen gantzen Tag darzu haben / was ich dir aber von ihm gesagt / das verstehe auch von allen Geistlichen unserer Zeit / doch mit dem Unterscheid / daß gemeiniglich die Meinste weit vollkommener seynd als unser Pfarrherrn / gibt mich derowegen Wunder / daß du allein deiner so gar vergessen hast.

Ja wol allein / antwortet er / ich hab noch viel Cammerraten / welche an diesem Ord mehr Qual ausstehen als alle andere Verdampte in der gantzen Höllen; dann mancher der 4. oder 5.  Beneficia, præbenten / und canonicaten gehabt / aber an keinem Ort gethan was er thun sollen / muß auch 4. oder fünffach leyden / und wann dir gegönnet wäre unsre Peinen zusehen / so müssest du vor Schräcken und entsetzung sterben;

Jhme wurd nicht länger zugelassen mit mir zureden / dann es packte ihn einer ohngefehr an und führte ihn wider hin / woherunter er gefallen war; ich aber kam vor ein weites Gewölbe welches durchaus mit finstern Feuerflammen erfüllt war / darrinnen sassen lange Bäncke voller nackender Leuthe / wie sonst in einer gemeinen Badstuben / denen grausame Bader und Badknecht schrepffen; ihre Fliethen oder Schrepffeysen waren so groß und dick auch in solcher Form als wie die Hufeisen / gantz glühent / mit denen sie den armen Badgästen alle streich / nicht nur die Haut sonder alle Gebein an Schulderplättern Rippen und Länden entzwey schlugen / das Blut und Fett an dem Eisen prudelte; was hiervon vor ein jämmerlich Geschrey gehöret wurde / ist nicht auszusprechen; ihnen wurden Laßköpffe oder Schrepfhörner angesetzt in Kübelmässiger gröse / welche beydes den Rucken und Bauch in sich zogen / und weil sie gleichfalls glühend waren / eine unsägliche Pein verursachten; so wurde auch etlichen mit gantz glühenden Pantzerflecken so unsäuberlich ausgetrieben / das Haut und Fleisch vollents weg gieng / und man ihnen das Gebein und Jngeweid sehen konde; so sahe man auch bey dem zwagen keine geringere Qual / weil der Baderknechte scharffe Klauen alle Strich bis auffs Hirn giengen / und ihre Lauge brennender Schweffel war; ich hätte gern den einen oder andern umb die Ursach ihrer Pein gefragt / so konten sie mich aber wegen ihres eignen Geschreys nicht hören / noch wegen ihrer Qual Antwort geben / bis endlich ihrer etliche auff eine kleine Zeit ausgebadet hatten / die berichteten mich / das sie auff dieser Welt / Wirthe / Müller und dergleichen Leute gewesen / die andere in ihren Handtierungen übernommen welches sie aber Schrepffen genannt hätten; und dannenhero würde ihnen wider geschrepfft; weil die jenige nun so mit mir redeten / ein Linderung ihrer Pein empfanden / so wolte derohalben ein jeder sagen was ich wissen wolte / weßwegen ich wie in einen Tumult gar nichts vernemmen konte / begehrte derowegen allein von einen die Ursach seiner Verdambnus und wie er auff Erden gelebt / zuwissen; der antwortet mir / ich war ein Wirth / der voller List / Betrug und Tück steckte / und bey welchem weder Treu noch Glauben zufinden / dann ich hatte Augen und Hände nicht auff Lieb / Ehr / Freundlichkeit Dienst und Notturfft der Gässte: sondern auff meinen eigenen Nutzen und Gewin gerichtet; mein Herberg stunde offen den Hurern Spielern / Fluchern und Vollsäuffern / deren sie täglich voll stacke / kam mir dann ohngefehr ein frembder unter die Klauen so zwagte und schrepffte ich seinem Beutel eben so unbarmhertzig als man jetzunder mir thut / so / das er zusammen fallen mögen wie eine Wandlaus; alle Büberey und Gottlossigkeit der Gäste von seltzamen Auffzügen und Narrentheidungen / Huren / Fluchen / Spielen / Raßlen / Schreyen / Jöhlen / Gottslästern / liesse ich zu und nahm Gelt darvor; ich machte ihnen dessen teurer Jrrten / weswegen man mir jetzt schrepfft; ich taufft den Wein mit Wasser / warum man mir jetzo zwaget / ich schrieb mit doppelter Kreide / darum man mir dann so ausreibet / alles war in meinem Haus lausig und unsauber und lies mir doch alles wohl bezahlen / darumb muß ich jetzo so heis baden / und wie ich war / so hatte ich auch mein Gesind abgerichtet / darüber beklagten sich zwar die arme: und die Reiche verspien sich selbst / das sie bey einem solchen Schinder eingekehrt / die Hirnschellige verfluchten mich und die gantze Welt hat genug von mir und meines gleichen zusagen / ich aber hielte es nur vor einen Schertz / bey GOtt und Menschen verhasset zu sein / wann ich mir Gelt prosperirte und ob mirs gleich Ludovicus Bigus, der zu meiner Zeit gelebt / wie man mir und meinen Collegen Glück zuwünschen pflege / mit nachfolgenden Worten / zuverstehen gegeben / so tröste ich mich doch / Katzengebet gehe nicht gehn Himmel?

In felicem utinam traducas caupo juventam
    Sitque tibi multis plena senecta malis
Putrulus hirsutis distillet narib. Humor
    Decidat ex oculis plurima gutta tuis,
Sit Scabiosa cultis, putrescant sordibus aures
    Spumea convulsis dentibus ora fluant
Pectora turgescant, turgeseant terga, lacertos
    Contractos habeas invalidasque manus
.

Das ist:      

   Daß du in Jugend und Alter dein
Allzeit müssest verfluchet seyn /
Die Naß mit Schnupffen stets erfüllt /
Und für Triefen dein Augen verhüllt /
Der Grind und Grätz dein gantzen Leib /
Einnehm / deim Maul kein Zahn mehr bleib /
Daß du hinden und forn ein Buckel bekommst /
Darzu an Händen und Füssen verlahmst.

Vielweniger besserte ich mich aus dem / was mir die Prediger vorhielten / dann ich dachte sie stellen selbst dem Gelt und Gut nach / und also hausete ich hinaus / bis mich der Tod ergriff / und in diese Bad-Stube schickte.

Jch sagte zu ihm / nunmehr aber erkennest du / was du gethan hast / aber unter tausend Wirthen auff Erden / wird man keinen solchen schlimmen Vocativum finden / als du einer gewesen bist / dann sie sind alle wie Cimon Atheniensis / von welchem Theophrastus Lib. de Operibus Piis rühmet / daß er sich / sein Haus und seine Knechte mit höchster Freundlichkeit den Frembden zu Dienst angeboten und gebrauchen lassen / dann also ist auch aller unserer Wirth vornemster Zweck / daß die Frembde und Wanders-Leute bey ihnen freundlich auffgenommen / mit Speis und Tranck gebührlich versehen / und mit nohtwendiger Ruhe erquickt werden / wie sie dann aus Christlicher Liebe und gar nicht aus Begierde reich zu werden / den müden und verschmachten Frembdlingen / die ihre Zuflucht zu ihnen haben / ihre Thor öffnen / und sie mit aller Nohtwendigkeit umb eine ehrliche und geringe Gebühr versehen / da ist kein gemeiner Sprichwort / als daß man sagt / der Wirth sey des Gasts Vatter! Was aber das Wort Vatter vor eine Bedeutung und starcken Nachdruck hinder sich habe / ist unaussprechlich / wie solte dann ein Vatter sein Kind umb sein gut Gelt mit vermischtem Wein betriegen / mit zu theurer Rechnung übernehmen und mit geringer und falscher Messung hinders Liecht führen / und sich selbst dardurch in die ewige Verdammnis stürtzen können? O sagte ein anderer / so auch darbey stunde / ich war ein Müller und nahm das Maß nur zu voll / und bin doch auch hier; das macht / antwortet ich / daß du einnahmest / und also deinen Mahl-kunden / wie dieser Wirth seinen Gästen schrepfftest; Jch solte gleichwohl / sagte der Müller ferners / deswegen nicht verdammt worden seyn / dann ich verfuhr in meinem Moltzern viel gerechter als mancher Richter / in dem ich ein durchgehende Gleichheit hielte / und mich weder Gunst noch Mitleiden anders zu thun bewegen liesse / als Geistlich und Weltlich / Edelmann und Bauren / Reich und Arm / wie sie nacheinander zur Mühlen kamen / über einen Kamm / ohne einigen Unterscheid zu scheren / welche schöne Gewohnheit man wohl auff manchen Rahthause nicht finden dörffte / und wann du aber allen Jammer / alle Arbeit / Mühe und Elend wistest / die ein Müller ausstehen muß / ich auch in meinen Leben überstanden / so würdest du selbst gestehen müssen / daß mir zu viel geschiehet / dann sihe / nach dem ich mein Handwerck gelernet und ausgewandert / mich auch mit einem Weib versehen hätte / muste ich viel verschencken / bis ich eine Mühl umb genugsamb theure Pfracht oder Sült antraff / auff deren ich meinen Nutzen zu schaffen verhoffte / aber ich fande sie gleich den ersten Tag an allen Orten baufällig / mangelhaft und kranck / daß ich nicht nur einen / sondern etliche Mühl-Aertzt suchen und bellen muste / ihr etlicher massen zu recht zu helffen / und da ich sie zu brauchen vermeinte / fande ich der Mängel je länger je mehr / und zwar so viel / das ich den Tag verfluchte / auff welchen ich den ersten Fuß hinein gesetzt / bald giengen die Gäng nicht recht / bald waren die Steine zu hart / oder zu weich / oder zu glat / der Boden nicht eben / bald mahlet sie zu viel / bald zu wenig / bald war der Trichter zu weit / das Werth zu eng / oder fiel ein / bald brach das Wasser aus / und zerriß mir Teich / Schleussen und Wasser-Bau / Jn Summa / wo ich nur hin sahe / da fand ich nichts als lauter Unglück und Schaden; Da erschellet mir das Tach / das mir das Wasser oben an allen Orten hinein tropffte / und wann ich oben kaum gewehret / so war kein Stern unten / da legt sich der Unrad ins Wasserbrett / dort riß das Werth aus / im Winter hat ich Tag und Nacht zu Eisen / im Sommer kam eine Dürre / bald fiel das Wasser zu hart / bald brach ein Rad / oder sonst etwas / bald lieff etwas ans Wasser-Rad / bald faulten die Schauffeln / die Wellbäum / die Pfähl / bald kam ein ander Unglück / daß ich fast allezeit den Beutel muste in Händen haben / wo solte ich aber alles hergenommen haben / wann die Säck nicht gewest wären? geschweige jetzt / daß ich ohne daß so hoch mit der Gült übernommen war / daß ich nirgents hätte fortkommen / noch bekleiben / vielweniger etwas vor mich bringen können / wann ich nicht mich zu behelffen gewust / sondern endlich im Spittal hätte sterben wollen / über daß muste ich Tag und Nacht das Getümmel der Mühlen hören / davon ich taub hät mögen werden / das Wasser und der Staub verursachten mir mancherley Flüß und Zustände / und keinen Sonn- und Feiertäge konte ich weder zu der Seelen / noch des Leibs Trost- und Erquickung geniessen / weil meine Kunden Meel von mir haben wollten / wann es gleich auff den heiligen Pfingst-Tag war / und endlich so muste ich selbsten hinden und fornen daran seyn / Tag und Nacht in der Mühl stecken / hier Kämm und die Räder zurichten / dort den Stein lüfften / behauen / bald gar abwerffen / und an allen Enden in dergleichen müheseligen Arbeiten selbsten zu greiffen.

Jch antwortet / unsere Müller seynd noch auff den heutigen Tag / solcher Arbeit und Beschwerlichkeiten nicht überhoben / aber sie übersehen es mit einer Christlichen Gedult / und stehlen darumb nicht wie du gethan zu haben bekennest / sondern halten einem jeden das seinig fleissig zusammen / nach dem sie nichts mehr als ihre Gebühr darvon empfangen / daß dir Unrecht geschehe / glaub ich schwerlich / weil ich noch keinen andern Verdammten solches klagen hören; Ja! sagte der Müller / das Meel ist so eine anklebige Materia / daß es sich einem überall in die Kleidungen / in Bard und Haar / ins Angesicht ansetzet / warumb solte dann einer so hart zu straffen seyn / wann es einem auch an den Händen hängen bleibt.

Jch sahe wol das der Müller noch ein Schalck war wie er auff Erden einer gewessen sein mag / derowegen liesse ich ihn stehen und gieng über einen grossen Platz der überal mit Spinweben von Seiten und Zwirn aus allerhand Stoß und Farben übersponnen war / diesse waren da und dort mit dafften / auch silbern und gulden Banden / Galaunen / Schnüren / Knöpffen / Haften / stücklein Sammet / Taffet / Tuch / und allerhand Zeuch so Seiden als Wüllen / halb- und gantz Leinen: Ja auch so gar mit Zwilch gezieret / in denselben aber hingegen wie die Mucken oder Fliegen in unsern Spinwebben / allerhand Mannsbilder von unterschiedlichen Trachten und Kleidungen / massen sich etliche den Allemode Monsiern andere Gemeinen Bürgern: und andere etwas stöltzer als Bauren bekleidet befanden / sie kriegten ohne Unterlas einige Ripstösse von etlichen Böcken / daß ich all Augenblick vermeinte / das Geweb würde mit den Tropffen herumb fallen / oder das wenigst zerrissen / aber es war so eine leichte War das es nicht geschahe / ich hätte gern mit ihnen geredet / um zu vernemmen / was wunders diese seltzame Abenteuern bedeute / aber wie mich bedunckte / so waren sie viel zu hoffärtig mir auff mein Zuschreyen zu antworten / und dennoch es ohne das gar starck selbigem Ort böckelte / so / das ich mich die Länge nicht alldorten zubehelffen getraute / als gieng ich weiters und kam vor eine enge Thür / dardurch ich mich kaum zwingen oder tringen konte / gelangte aber gleich darauff in einen langen Gang der Berg-auffwerts in Felsen verfertigt war / zu dessen Ende / ich vor einen Schrecken oder Windelstege kam / und dieselbe zu steigen anfieng auch nicht nachliese wiewohl ich unterschiedlichmal ruhen muste / bis ich in der Baumans Höle mich befande / alwo ich seltzame Sibensachen gesehen / aus welcher ich nach wegweis und Anleitung eines Erdmännleins gekrochen / und mich von dannen nach Hüttenrod mich begeben / alwo ich erfahren / das ich siebenzehen Meylen nach Haus zu gehen hatte / alwo ich dann nach viertagen glücklich anlangte / aber weder Kräuter noch Wurtzeln in meine Apoteck mitbrachte.

 
ENDE.

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