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Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Verkehrte Welt - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
booktitleGrimmelshausen Werke II (Bibliothek der frühen Neuzeit Band 17)
authorHans Jacob Christoffel von Grimmelshausen
year1997
publisherDeutscher Klassiker Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-618-66470-2
titleVerkehrte Welt
pages413-417
created20000907
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1672
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Jn dem wir nun so vorm Stall stunden und mit einander redeten / kam noch ein grosse Schaar solcher Stallknechte mit ihren erschrecklichen Striegeln dahin / welches zum theil Menschen / und in ihrem Leben Cupler gewesen / zum theil aber natürliche Teuffel waren; worauff die Pickirer mit ihren Spißgerten abtraten / diese aber die Klepper zu striegeln anfiengen / daß Haut und Haar mitgieng / und die Funcken so dicke darvon stoben / daß ich mich nicht länger daselbst enthalten konte / sondern nebenhin in ein Zimmer gehen muste / darinnen kein Feuer zu sehen. Hingegen aber etliche Kerl umbdapten / welche die Hände in die Seiten stellten / den Bauch damit hielten / und sich dermassen worgern / als hätten sie Lung / Leber und den Magen selbst heraus speyen wollen / davon sie im Angesicht so schwartz und abscheulich verstellt wurden / daß man leicht daran abnehmen konte / was sie vor einen unsäglichen Schmertzen litten / gleichwohl vermochte doch keiner zu erworgen / vielweniger etwas heraus zu bringen / auch nicht zu reden noch zu schreyen / ohne das sie zu Zeiten ein Geblerr hören liessen / wie das Schreyen eines Bocks / dem der Metzger die Kehl absticht / und doch das Maul zuhält / meines Erachtens sahe ich dem Spectacul wohl ein halbe Stund zu / ehe ich ein verständlich Wort von ihnen vernehmen konte / bis endlich einer schwerlich sagte awe / awe / awe / Jch sagte zu ihm was Wunders hast du im Halß? awe / ein Buch / antwortet er / ich sagte / speye es heraus / gesagt und gethan war eins / dann er spye ein lustiges Tractätlein heraus / welches zu seiner Zeit sehr beliebt und verkäufflich gewesen war / diß Buch / sagte er / hab ich in meinen Lebzeiten einem andern nachgedruckt / und ihn damit wider Christliche Lieb und Treu an seiner Nahrung in mercklichen Schaden gebracht / weswegen ich dann dergestalt daran kauen muß / wie du sihest das gegenwärtige meine Mitbrüder umb gleicher Ursachen willen auch gleiche Pein und Marter ausstehen / jedoch einer mehr als der ander / je nach dem ein jeder in dieser Sach auff Erden gehauset / ich antwortet ihm / diese Marter beduncke mich viel grösser zu seyn / als daß sie mit einer so geringen bettelhafften Brodsuchung / deren sich auch unsere heutige redliche Buchführer schämen würden / hätte verdienet werden können! Wie? fragte jener / mir in die Red fallend / pflegt man jetziger Zeit einander dann nichts mehr nachzudrucken? Wann das wäre / so müsten entweder die Neue Bücher deswegen hoch privilegirt / oder von solchen unwerth seyn / daß man sie für lauter Maculatur hingeben muß / hat sich wohl privilegiert / antwortet ich / hat sich wohl unwerth! Die Bücher vom allerbesten Abgang / seynd heutigs Tags vorm Nachdrucken so sicher / daß sie solcher Privilegien weniger als der Wagen des fünfften Rads bedürfftig! Massen die Buchführer / da man doch sonst sagt / das Handwerck hasset einander / sich nicht allein untereinander wie Brüder lieben / und ein jeder dem andern seine Nahrung und ehrlichen Gewinn von Hertzen gern gönnet; sondern sie observiren auch in allen ihren übrigen Händeln und Geschäfften das Gesetz der Natur viel mehr und fleissiger als andere Leut / dannenhero es allgemach dahin gediehen / daß man bey nahe keiner Censur noch scharpffen Auffsicht mehr wie etwan vor diesem bedarff / weil ein jeder der mit der nimmer genug belobten Buchdrucker-Kunst umbgehet und zu schaffen hat / von selbsten sich alles eiferigen Ernstes angelegen seyn lässt / so viel an ihm ist / darvor und daran zu seyn / daß weder ihnen noch der edlen Kunst selbsten das geringste tadelhaffte übersehen beygemessen werden könne.

Diß wäre eben die Mitte dessen gewest / was ich zureden vorhatte; ich wurde aber von einem wunderlichen vorbey passirenden Kerl in meinem Discurs dermassen erschreckt und zerstöret / daß ich allerdings so still schwieg wie ein Fisch; und als ich zureden auffhörete / hatte jener das Buch wider im Hals und worgete daran wie zuvor / derowegen verliesse ich diese Ketzer und sahe erstgemelten Ankömling zu / welches nur ein leidigs Gerip war / in aller Gestalt wie die Lebendige dem Todt abzumahlen pflegen / ohne daß dieselbe Gebeines hin und wider mit noch mehren Knochen von allerhand Thieren / fürnemblich von den Köpffen / item stücklein Gurgeln und mancherley dergleichen Abschrötlein von nichtswertigem Fleisch besetzt gewesen / welche / wie mich bedunckte / alle lebendig waren / weil sie inwendig und auswendig an diese Gerip herumb krochen / wie die Schnecken oder bluth Egel; mir fiele zu / es möchte vielleicht der Pastetenbecker Patron Vielbein sein / welchen etwan Philander von Sittenwalt zu seiner Zeit in der Höllen gesehen / ruffte ihm derohalben mit solchem Nahmen auff ein Wort mit ihm zureden; Er aber wande sich gegen mir und sagte / ich bin nicht der / darvor du mich ansiehest / gleichwol aber auch in meinem Lebzeiten ein naheverwanter des Pastetenbeckers: nemlich einer aus ihren Vorschneidern / daß ist / ein Metzger gewesen; Wie zum Potztausend / sagte ich / warest du ein Metzger und hast jetzt selbst so wenig Fleisch zum besten? daß macht / antwortet er / daß ich / dasselbige in jehner Welt sampt anderm Fleisch so ich außgehauen / alles mit verkaufft habe; dann ich wuste nicht allein meinen Vortheil im wägen / und das Fleisch in die Schale zuwerffen / das das Gewicht geschwind übersich schnappen muste / hernach dasselbe geschwind wider heraus zunehmen also das mancher / vermeint / er habe ein guten Außschlag bekommen / sonder ich wog auch bisweilen BubenFleisch mit; und solten die Käuffer alles heimgetragen haben / so an der Wag gewessen / so das sie ihr völlig Gewicht zu Hauß hätten haben sollen / so wär mir auch in meinen Lehr-Jahren kein Finger mehr an den Händen geblieben / mit niemand kond ichs besser / als mit denen Fleischschätzern / die gern ein Aug zuthäten / und was mir Wag und Gewicht zu Visitirn; armen Tropffen aber / von denen ich kein sondern Nutzen zuhoffen noch Straff oder Schaden zuförchten hatte / oder die sonst meine Freund nicht waren / den sattelt ich Bein und Lappen-Fleisch auff / oder ein Stuck das schon lang auff der Banck gelegen / und so roht wie ein gesottner Krebs aussahe; vornemblich aber wuste ich allzeit etwas schlims und untüchtigs beyzuwägen / also das ich mit einem ausgemessen Ochsen gar wol eine halbe auff die Wäid verschmachtete oder sonst verlamhbte alte Kuh / auf solche weiß vertreiben konte / deren Fleisch so halsstarrig und taurhafftig / das es sich dannoch ob es gleich lang genug gesotten: und zweymahl so viel Holtz darbey verbrennet / als das Fleisch werd / nachziehen und thänen können wie die Schuster das Leder; daß war aber an mir das allerärgste / das ich die Stücker Bein und andere ohne daß unnütze Zugaben / die weder zusieden noch zubraten / vielweniger zu essen waren / woll vier oder fünffmahl widerumb wogen und verkauffte / ehe ich einmahl die Waagschal der Gebühr nach auslehrte; und dieses seynd eben die immerwährende Gewürm / die du an mir kriechen und an mein eigen Gebein ewiglich quelen siehest; murret einer oder der ander darwider / und prætentirte umb sein Gelt die billiche Gebühr / so fieng ich an zu Potzmartern / daß er Gott danckte / daß ich wider stillschwiege / geschweige jetzt / wie manches hinfälligs kranckes Stück Vieh ich mein Tage gemetzelt / daran auch mancher ein Kranckheit gefressen / auff mich oder das Fleisch aber gleichwohl nicht gedacht / sondern sich etwan sonst eingebildet / er habe da oder dort etwas schädlichs gessen / oder den Magen mit Obs oder irgents einem kalten Trunck Wasser verderbt / so ist auch hier unnöhtig zu melden / was vor ander tausendfältige Renck und Vörthel ich in Erkauffung des Viehes gegen den einfältigen Bauren gebraucht / bis ich sie belauret und ihnen ihr Viehe ein wenig wohlfeiler als halber geschenckt / abgeschweist und in meine Händ gebracht. Jch antwortet ihm / so gehets unserer Zeit nicht her / dann zu solchen Verzwackungen und Diebsgriffen seynd unserer Metzger viel zu ehrlich! Ja / ja / sagt der Verdammte / du wirst michs nicht überreden / sie werden auff Jtalianisch darumb Beccari genant / weil sie jederzeit ein Untz oder zwo am Gewicht wissen abzubicken / daß mans nicht gewahr wird / so ist auch aus ihrem Lateinischen Nahmen nicht viel Guts zu schliessen / als welcher von Macello einem Römischen Burger / der viel heimliche Todschläg und Mörderey in seinem Hause begangen / herkommen / dann als die beyde Censores Æmilius und Fulvius ihne deswegen zum Tod verurtheilt und alle seine Güter confiscirt, ist sein Haus / welches sehr bequem an der Tyber gelegen / unserer Zunfft verkaufft / von welchem wir dann nach seinem alten Herrn Macellarii genant worden / ich antwortet / dir ist wie einer Huren / die nach ihrem Fall wünscht / daß alle ehrliche Weiber und Jungfrauen Huren wären / damit sie allein die Schandvettel nicht seye / du must aber wissen / wann einer gleich gern zu einem solchen Maußkopff werden wolte / wie du sagst / daß du einer gewesen seyest / daß ers wegen guter Ordnung und strenger Auffsicht der Obrigkeit nicht werden kan / dann ob sie gleich wie du / genaturt wären / so werden ihnen jedoch alle acht Tag / ja gleichsamb alle Stunden Gewicht und Waagen visitirt, das Viehe / beydes klein und groß / jung und alt / feist und mager / nach dem es werth ist / lebendig und nach dem es gemetzget / geschaut und geschetzt / die Verbrecher der ein und anderen Ordnung und guten Anstalt alles Ernstes gestrafft / und in Summa / von den Metzgern auch selbsten / alles so wohl in Acht genommen / das Viehe / wann es geschlachtet / artlich ausgemacht / das Blut sauber heraus gelassen / daß das Fleisch nicht roht seye / item wohl und sauber zerlegt / säuberlich gehalten und geschmückt / daß es einem jeden der unter die Metzig kommt / einen Lust gibt / etwas zu kauffen / worunter man neben dem ausgemästen Rindfleisch im Winter fette Säu / vor und nach Ostern junge Kitzlein und Saugkälber: Jm Sommer aber vor Johannis die Lämmer / und im Herbst die verschnittene Hämmel und Böck findet.

Jn dem ich dergestalt meinem Metzger Widerpart hielte / bekam er allgemach sein Fleisch und Kleider widerumb an den Leib / also das er ihm selbsten gleich sahe wie er auff Erden ausgesehen hatte / ihme wurde aber in derselbigen Gestalt keine Ruhe gelassen / dann nach dem er auch einen Spieß in die Hand bekommen; reitzte und trieb ihn ein höllischer Geist auf einen andern Platz / welches mich gemahnet / als wann jrgents ein Corporal einen Soldaten auff die Wacht commandirte / Jch gieng mit / zu sehen / was es ferner mit ihm abgeben würde / dann mich bedunckte nicht / daß er als ein Metzger nunmehr wie ein Kriegs-mann armirt seyn solte / es müste dann etwas besonders bedeuten / also kamen wir auff einen grossen umbschranckten Platz / auff welchem noch mehr so bewehrte Männer aus allerhand Ständen / Handels und Handwercks-Leuten sich befanden / welche mit ihren Spiessen viel grimmiger ineinander fielen und sich ohn alle Barmhertzigkeit dahin metzgeten / als des Cadmi Kriegs-Leute / die aus eines Drachen Zähnen gewachsen und entsprungen / immer thun mögen / umb so viel greulicher und erschrecklicher war dieser Scharmützel / als jener Trachen-Krieger gewesen seyn mag / weil ihre Spieß-Eisen gantz glüent / und die Frantzen daran / lauter höllische Feuerflammen waren / welche also einem in Leib gestossen einen schmertzlichen Tod verursachten; dannenhero war auch ein grösser Ach- und Zetterlichs Mord-Geschrey / als in einem grossen Treffen auff Erden seyn kan / und demnach sie miteinander fertig / eröffnete sich der Boden / darauff die Schlacht geschehen / und verschluckte die Gefallene an andere höllische Oerter / gleich wie aber dem gemeinen Sprichwort nach keine Schlacht so groß ist / daß nicht etwan einer darvon kommt / also blieben hier auch noch etliche wenige übrig denen ich zusprach / um mich der Bedeutung dessen so ich gesehen / zu erkundigen / die berichten mich / daß die Nidergemachte in ihren Lebzeiten solche Leute gewesen wären / die andere von ihres gleichen Handwerck und Handelschafften durch allerhand List und Fünd so subtile Stricke gelegt / daß sie sich darinn fangen / in Armuht gerahten / ihren Credit verliehren / und wann sie nicht mehr waten noch schwimmen mögen / Falliment und Banquerot spielen / und sich also mit dem Judenspieß nidermachen lassen müssen / wie sie / die mir solches erzehlet / dann auch mit solchen Practiquen bey ihren Lebzeiten caput gemacht worden / und jetzo zu keinem andern End auff dem Kampff-Platz erschienen wären / als daß sie an denen die ihnen solches gethan / die jenige Rach üben helffen / die ich erst gesehen / ich hätte gemeinet / sagte ich zu ihnen / weil ihr so vortelhafftig und Gleichsam gantz unschuldiger weise hinders Liecht ins Garn geführt / umb das eurig gebracht und in die unglückselige Armuht auff jener Welt gesetzt worden seyd / ihr soltet mehr eines barmhertzigen Mitleidens als auch in dieser Welt der noch unglücklichern Verdammnis würdig geacht worden seyn? Ja antworteten sie / wann wir sich in solche zugefallene Göttliche Verhängnis mit Christlicher Gedult geschickt / selbige vor ein Straff der bereits vollbrachten / und als eine Warnung von den künfftigen Sünden angenommen / sich gebessert und durch die Gewinnsucht und Begierde widerumb jn Posses voriger Reichthumen zu gelangen / uns nicht bethören hätten lassen / so hätte es wohl geschehen mögen / aber in dem wir nit erkant / das die Entladung unserer zeitlicher Haab uns viel bequemer gemacht auff GOtt zu gedencken und nach den Himmlischen zustellen / so thäten wir gerad das Widerspiel / und suchten durch übermässige Begierde mit neuen griffen auch neue Reichthumb / dardurch wir unser altes Sünden-Maß vollends auffzuhäuffen nicht auffgehöret haben / bis wir von dem zeitlichen Tod übereilet / und in diese ewige Qual gestürtzt worden.

Jch sagte der Judenspieß seye jetziger Zeit gantz aus der Welt verschwunden / das Wort Kauffmanns interesse, wäre bey allen rechtschaffenen Christen auch nur zu hören ein Greuel / man leihe und borge einander aus Christlicher Liebe und gar nicht umb Gewinns willen / die Kauffleute handelten nicht wie die Juden etwas zu erschachern und ihre Reichthumb zuvermehren / sondern ihrem Nebenmenschen umb einen gar geringen ehrlichen Gewinn mit ihrer Wahr zu dienen / und also seyen auch alle Handwercks-Leute gegen denen so mit ihnen umbgiengen und handelten / gesinnet / dannenhero verbleibe aller Wucher / alle Argelist / aller Betrug / alle böse Griff / Fünd und dergleichen sündliche Werck so etwan im schwang gangen / Gelt und Gut zu erobern / unterwegen / weil nunmehr jederman die überflüssige / insonderheit aber die unrechtmässige erschundene Reichthumb wie die Pest fliehe / dieweil bekandt / daß solche nicht allein nicht mit in jene Welt genommen werden können / sondern noch darzu bisweilen zu den ewigen Gütern zu gelangen / verhinderlich zu seyn pflegen / ja! antworten die so mit mir redeten / hätten wir solches auff Erden betrachtet / so wären wir hieher nicht kommen / allwo wir (aber ach viel zu spat) erkennen / daß wir die allergröste Narrheit begangen / in dem wir uns umb des zergänglichen zeitlichen Willen in eine ewige immerwehrende Qual gestürtzt haben / es würde nach und nach einer nach dem andern von diesen Kerln hinweg gezwackt / also daß nur zween bey mir verblieben / mit denen ich in ein umbmauret Gewölb kam / das an Statt des Dachs eitel Kamin hatte / aus denen immerfort Feur-Flammen schlugen / es sahe mehr einem Gemählte oder einer altfränckischen seltzamen Antiquität gleich / als daß ich gedachte etwas besonders darinn anzutreffen / als ich aber hinein kam / befande ichs viel grösser / als es von aussen das Ansehen gehabt / und so viel Leute darinnen / und zwar in lauteren Feuer arbeiten / daß ich vermeinte / entweder müste Vulcanus seine Schmiede / oder Pluto selbsten sein Laboratorium Alchimiæ, daraus er seine grosse Reichthumb schöpffte / daselbst haben / alle Jnstrumenta so zu der Arbeit gebraucht wurden / waren so wohl als die Arbeiter selbst gantz glühent / und wann man sie nicht auff die Metall hätte sehen hämmern / so hätte man nicht gewust / welches die Materialia so zu verarbeiten waren / oder die Arbeiter gewest wären / etliche limentirten das Gold / etliche gradirten das Fein-Silber und nahmen Kupffer zum Zusatz / etliche gossen die Mixtur in Stangen / etliche hämmerten dieselbe in ein gebührliche Breite und Dicke / etliche schnitten sie in gevierdte Stücklein / etliche glüheten dergleichen Stücklein ab / und trieben und beschnitten sie weiters in eine Grösse / wie sie die haben wolten / andere wogen sie / schnitten und schlugen sie rund / andere säuberten es und gaben ihm sein Farb / und endlich schlugen andere das Gepräg darauff / und solcher gestalt machten sie aus alten Reinischen Goltgülden neue Ducaten / und aus alten Reichsthalern einen Hauffen geringe Scheidmüntz / so daß ich mich diese Multiplicirung wegen nicht enthalten konte zu sagen / ach ists nicht immer Schad / das diese Leute nicht noch auff der Welt leben / unserem heutigen Geltmangel mit ihrer Arbeit zu Hülff zu kommen? sintemahl sie aus wenigem so viel machen können.

Ja; sagte einer zu mir / so mit mir hinein kommen war / weil du den Handel nicht verstehest / so weist du auch nicht was du wünschest; diß seind Kipper und Wipper / Land-Dieb / Seckel-Rauber / Ertzwucherer / Beutelschneider die ärger als Strauchmörder und Strassenrauber / ja rechte Harpyen, durchteuffelte Geitzhälse / unersättliche Wölffe und in ihrem Leben so durchtriebene leichtsinnige gewissenlosse Grundschelmen gewesen; die sich nichts darumb bekümmert / wann sie gleich ärger als die ungetauffte Juden durch ihre vortelhafftige Bubengriff und Diebs Practick das Land beraubet; ihren neben Menschen wissentlich und wohlbedächtlich betrogen; dem Namen das seinig aus dem Seckel schandlich gestohlen / und das Marck aus den Beinen: Das Blut aus den Adern ja gleichsamb gar die Spiritus Vitalis biß auff den eusserlichen Grad ausgezogen; diese seinds / die vor Jahren / wie man dan noch von A. 1622. zusagen weiß: viel Jammer und Noth viel Seufftzen und Klagen; viel Streit und Zerrüttung gestifftet und angericht und viel tausend Menschen an Bettelstab gebracht haben; Jn dem sie die gute grobe zwar klein und grosse Silberreiche alte Sorten auffgeschnappet / in Tigel gesetzt und vermittels ihres zusatzes des Kupffers lose leichtfertige Müntz hingegen daraus geschlagen; über welches damals eingerissenen Confusion und Zerrüttung lang hernach geklagt worden und vielleicht noch geseufftzet wird; ich antwortet seind es solche Galgenvögel / so möchten sie gleichwol bleiben wo sie wären; ich wäre fro daß wir jetziger Zeit keine solche Müntz-Verderber auff der Welt hätten; und zwar so würden Fürsten und Herren auch nicht zugeben / das sie ihrer hochlöblichen Vorfahren Bildnus so zu ewigen Gedächtnuß mit höchstem Fleiß auff die alte Müntzen geprägt seyn / dergestalten zernichten: und dargegen auff ihrer leichtfertigen neuen Müntz den einen und andern mit einer küpfernen Nassen wie einen Trunckenbolt der Nachwelt darstellen solten; ja! ja! wurd mir geantwortet / du bildest dirs woll ein; aber worvor seind dann noch so viel lehre Stellen und Werckstätte hier übrig / als das solche Gesellen so woll als gegenwärtige hier auch ins künfftig ewig darin arbeiten sollen? harre nur / wann nicht bald ein anders Einsehen gehalten wird / ob es nicht bald wider dahin gedeyhen wird / wie es zu meiner Zeit Anno 22. gewesen; ich fragte ihn was sie beyde so mit mir dahin kommen / in diesem glühenden Gewölbe zuthun / sintemahl sie nicht so wol als andere mit müntzten / das macht / wurde mir geantwortet daß wir sich auff Erden bey diesen Gelthambstern nur als Mackler und Auffwexler gebrauchen lassen / selbsten aber weder den Verlag noch einigen andern Nutzen darvon gehabt haben / als was uns diese Schindhunde vor unsre Mühe und an statt des Umbwexels gegeben; welches ob es zwar gegen ihrem Gewinn zurechnen / ein gerings gewesen / uns dannoch wie du gleich sehen wirst / anjetzo grausam genug eingetränckt wird; so bald diß ausgeredet war / wurde diesen beyden ein Tranck von vierlötigem zerschmoltzen Silber eingegossen / wie etwan die Parthier dem Crasso Gold eingeschüttet / oder als wie die Gottlose unter den Soldaten einen Schwedischen Trunck zugeben gepflegt; daraus ich abnahm / das nit allein nur die Müntzverderber selbst / sondern auch ihre Helffer und Helffershelffer in jehner Welt umb das Kippen und Wippen leyden musten.

Weil nun diese in solchem Zustand mit mir nicht länger reden konden / machte ich mich fort und kam vor einen Stall / welchen ich vor des Augeæ gehalten / dafern ich nicht ein altes Weib denselben hätte misten sehen / es war ein solcher Gestanck daselbst / das mich noch bedunckt wann ich daran gedencke ich hätte ihn so wol zu den Ohren als zu der Nasen hinein gerochen / ich fragte die alte Vettel wer sie wäre / und warumb sie diese abscheuliche Arbeit verrichtete? sie antwortet ich bin Dipsas aller Kupler und Kuplerinen Großmutter deren Ovidius also gedencket /

Est quædam (qui cunque volet cognoscere Lenam.
    Audiat) est quædam nomine Dipsas anus
.

Pfuy du alter Wurm was hast du vor stinckenden Mist / das du gleichsamb die gantze Höll damit durchstänckerst? sagte ich zu ihr / und hielte die Nase zu / in dem ich besorgte ohnmächtig zu werden; gemach / gemach / antwortet sie / das sind meine Kinder Söhne und Töchter / Ruffianen und Kuplerinen: welche hiebevor in jehner Welt mit ihrer Kunst so fix gewesen; das sie sich viel geschwinder als Protheus in allerhand Formen verstellen: und wie der Gamelæon in allerhand Farben verkleiden konnen; bis sie durch Gleißnerey und Unterthänigkeit; durch höfliche Wort und Lügen / durch Verheissungen und Geschencke / durch Hexenwerck und Zauberkunst und beydes durch Betrohung und Liebkosen ehrliche Frauen und Jungfrauen verführt und hingeliefert / wo sie ihren unwiderbringlichen Schatz der Keuschheit verlohren haben / dann da ist keine Wittib so vorsichtig / keine Frau so klug / keine Jungfrau so züchtig / kein Vorsatz so gewiß / kein Intention so fest und kein Continenz so standhafftig gewesen / welche nicht durch dieser listige Erfindungen und betrügliche Vorstellungen entweder in äusserste Gefahr gerahten / oder mit der Zeit überwunden worden / was Wunders ists dann nun / daß die jenige so andere zu bescheissen sich so offt verkleidet / sich nunmehr auch in stinckenden Mist verändern? Du möchtest vielleicht vermeinen / weil die Mackler / Ruffianer und Kupler gemeiniglich lose nichtswürdige geringe Leute zu seyn pflegen / so würden sie deßwegen billich zu solchem abscheulichen Unflat gemacht; aber du must wissen / das sich mein Geschlecht in alle Stände der Welt erstreckt / darinnen sich auch die Käyser Nero, Commodus und Heliogabalus (als welche wie Campridius von ihnen schreibet / sich so wohl der Kuplerey als der Hurerey selbsten beflissen / in dem sie sich zum öfftern höchstes bemühet / auch andere ihre Freunde den Huren zuzuführen) darinnen befinden; der unleidenliche gestanck den du reuchst / gibt dir nur ein Beyspiel / wie unangenehm und stinckent die mit äignen und fremten Sünden Beladene Ruchlose Gewissen und Unbusfertige Sünder vor den Augen Gottes / seiner lieben Engeln und dem gantzen himmlischen seyen; und wann du die Augen recht auffthun wirst / so wirst du auch noch greulicher Abscheuligkeiten sehen; in dem wurde ich gewahr das aus dem stinckenden Misst / der in eitel halb und bey nahe gantz vermoderten Cörpern bestund / an statt der so genanten Regenwürm / die sich sonst auff Erden in gemeinen Misst zubefinden pflegen / grausame Lindwürme / Trachen / Bassiliscken / Spinnen / Fledermäusen / Scorpionen und Schlangen sich befanden; zur Anzeigung daß die Cupler auff Erden / sie kommen gleich angestochen in welcher Gestalt sie wollen / mit ihrer Beywohnung die Seellen der unschuldigen Einfalt vergiften / und wie der Basilisck thuet / auch nur mit ihren Anblick töden: diese verfluchte Teuffels Brut verbliebe gleichwohl nicht in jetziger erzehlter giftiger Thieren und Unziffers Gestalt / sondern verwandelt sich in lauter Kanninichen / einen glühenden gantz ställinen Felsen / der sich seiner grösse nach dem Taffelberg am Caput Bonæ Speranta vergleich / bis zum einfallen zu untergraben / weil sie auff Erden auch wie die Kanninchen zu thun pflegen / nicht nachgelassen / biß sie allgemach und mit der Zeit manch ehrlich standhafftig Gemüth mit allerhand listigen Anschlägen und Nachstellungen zu Fall gebracht; da ich sie dann in ihrer bittern Qual gleichsamb halb gebrathen arbeiten liesse / mich anderwerts hinbegab / der Sachen nachgedachte / und mich verwunderte / das so losse Leute ohne ernstliche Straffe auff Erden gedultet würden / die beydes sich selbst und ander in Gefahr der ewigen Verdammnus vorsetzlicher und gewissenloser Weiß stürtzen dörfften.

Folgents kam ich durch unterschiedliche Oerter der Höllen / als da die mörderische Töchter Danai Wasser in ein löchericht Faß giessen / wo Tantalus bis an Mund im Wasser stehet / schöne Aepffel vor sich hangen hat / und dannoch mit Hunger und Durst gequält wird / item sahe ich Sisyphum mit dem Stein waltzen / den Jxion das Rad umbtreiben / und andere Sachen mehr so längst hiebevor von andern auch gesehen und der Welt offenbahr worden / also daß unnöhtig etwas davon ferners zu melden.

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