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Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Verkehrte Welt - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
booktitleGrimmelshausen Werke II (Bibliothek der frühen Neuzeit Band 17)
authorHans Jacob Christoffel von Grimmelshausen
year1997
publisherDeutscher Klassiker Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-618-66470-2
titleVerkehrte Welt
pages413-417
created20000907
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1672
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Meine Antwort war / es stünde / sonderlich der Einigkeit halber in Glaubens-Sachen / so wohl in der Welt als es seit des Babylonischen Thurns Erbauung nicht gestanden wäre / seine Sect hätte (auch in dem geringsten Articul nicht) keinen einzigen Anhänger mehr / sondern würde vielmehr von allen rechtschaffenen Christen aller Orten und Enden verflucht und bis hieher in den Abgrund der Höllen herunter verdammt / betreffent die Geistliche von allerhand Gattungen / so lebten dieselbe wie er gefragt hätte / nemblich wie sie leben sollen / dergestalten daß schwerlich einer unter ihnen allen zu finden seyn würde / der nicht so wohl seiner Fromm- und Gelehrtheit / als anderer guten Gaben halber ein Bistthumb zu verwalten Capabl wäre / aber man müste solche gleichwol / ob sie es gleich tausend mahl meritirten / wegen ihrer Demuht mit Gewalt zwingen / solche hohe Aempter anzunehmen / weil jeder die Reichthumb und grosses Ansehen fliehe / damit er die Gefahr vermeide / an besagter seiner Demuht Schiffbruch zu leiden / daher sihet man offtermahl mit Verwunderung! sagte ich weiters / wann etwan ein Prediger auff einer reichen Pfarr in einer grossen Stadt: oder ein Professor Theologiæ auff einer Universität: oder irgends zu einem Ort ein Superintendent mit Tod abgangen / und darauff ein armer Dorff-Pfarrer solche Dignität und Ehren-Stell zu betreffen beruffen wird / wie er solche hohe Würde von sich scheubt und einen oder mehr aus seinen Collegen vorschlägt / also müssen auch andere (höhere Aempter und Würdigkeiten anzunehmen) gleichsam durch Krafft des Gehorsams / oder wohl gar bey Straff deß Banns gezwungen werden / dannenhero es gar nichts neues ist / sondern eine Sach die sich allweg begibt / daß die Jnfuln mit weinenden Augen und die Hüt mit höchster Betrübnis angenommen werden / nicht zwar / daß sich der eine oder der andere vor denen grossen Laboribus oder denen schweren Verantwortungen / die ihm mit Ubergebung eines solchen Ampts zugleich auffgebürdet werden / entsetzte / oder daß er sich selbst nicht zugetraute / der Sach genugsamb gewachsen zu seyn / sondern wie gehört / obiger Ursach / das ist / ihrer Demuht wegen / gleich wie nun die Demuht das einige Fundament ist / darauff alle andere heilige Tugenden ruhen und bestehen / zumahlen dieselbige Grundveste in aller rechtschaffenen Geistlichen Hertzen unserer Zeit eingewurtzelt / und von ihnen als ihr allerbestes Kleinod darinnen verwahrt wird / also kanst du dir daraus wohl einbilden / wie sie im übrigen beschaffen? daß nemblich die Begierten / Affect / und Anmuhtungen / denen du deiner Erzehlung nach ergeben gewest / als vorlängst in ihnen abgetödte Sachen / bey ihnen keinen Platz und Raum mehr finden / sie seynd genug aus deinem Fall und aus anderer deines gleichen Untergang gewitzigt / und folgen viellieber dem Exempel des heiligen Francisci / als das sie sich durch Academische Hoffart solten in Gefahr ihrer Seligkeit begeben.

Wir hätten noch mehr mit einander gesprochen / aber Ario wurde so viel Zeit nicht gegönnet / sondern er wurde von seinen Peinigern hingerissen und widerumb ungestümmiglich zur Marter geschlept / ich aber gieng aus diesem erschrecklichen Palatio und fande gleich auff dem Platz darvor einen Tisch / und zunechst an demselbigen eine etwas mehrers erhöchte Bühne stehen / welche ein Kerl besser ordnet und zurecht setzte / geschwind sahe ich an einem andern Ort auch einen andern solchen Tisch ausrichten und abermahl so geschwind widerumb einen andern an einen andern Ort / bis endlich der gantze Platz so voller Tisch und Stände sich befand / daß man kaum mit guter Musse dardurch passiren mochte / derohalben stunde ich still zu erwarten / was diß vor ein Spectacul abgeben würde / ich gedachte den Schwelgern und Vollsauffern / die auff Erden Tag und Nacht im Luder gelegen / würde etwan hier eine Mahlzeit zugerichtet und ihnen tapffer eingeschenckt werden; aber ich irrete / dann in einem Augenblick giengen / krochen / ritten und fuhren auff Gutschen / Kaleschen und Kärchen aus allen Winckeln her / eine unzählbare Schaar Storger / Marckschreyer Quacksalber / schlangenbanner / Oel / Schmaltz / Salben / und Teriack-Krämmer / daß ich wohl sahe / daß es da kein Convivium setzen würde / jeder aus ihnen nahm alsobald seinen Stand ein und fieng an zu agirn wie sie auff Erden auff den Marcktägen zu thun gepflegt / einer hatte einen Hanswurst / Hanssupp / oder Courtisan in einem Narren-Kleid / der ander ein Affen / Meer-Katz / Murmelthier / Schlangen / Scorpionen / Vipern / oder etwas dergleichen / etliche trieben Gauckeley mit Taschen-Spielen / andere spielten mit Puppen und andere agirten sonst Possenspiel mit ihrem Schalcks-Narren / umb andere rechte albere Narren und vorwitzige Leut aus dem noch zu sich zu locken / die ihren Lügen zuhören / und ihnen Gelt vor ihre Wahren geben solten / ob nun gleichviel Salbader- und Buffonerey- Grobianische Stück und lahme Zotten mit unterlieffen / so wäre jedoch der unterschiedlichen Jnventionen halber noch lustig zuzusehen gewest / wann man der elenden Leut Jammer und höllische Pein nicht zugleich hätte mit ansehen müssen / dann alles was sie handirten / was sie nur anrührten. Ja was sie zum theil nur redeten / war ihnen lauter Quaal und Schmertzen / wann nur einer eine Lügen repetirte / die er / seinen Nechsten umb das seinig zu betriegen auff Erden zu sagen gewohnet gewesen / so geschahe solches mit solcher Pein / das er darüber erschwartzte / und ihm der Hals / bis er sie heraus brachte / so dick wurde / als eine Härings-Thon / thät sich einer grosser Streich aus / umb ihm mit seiner Auffschneiderey ein Ansehen und Zulauff / und also auch paare Losung zuverschaffen / so lieffe ihm der Bauch so lang und viel auff (gleichsamb als wann er seinen Teriack zu probiren Gifft gesoffen hätte) bis er zersprang und einen eitelen stinckenden Dunst von sich gab / bald tratte hier einer aus dem Umbstand hervor / der sagte zu einem solchen Auffschneider / du Mörder hast mir an statt deines Balsamiritæ den Tod umb mein paar Gelt verkaufft: an einem andern Ort nahm ein junger Bauren-Knecht den Hans-Supp bey der Carthausen / zerrisse ihn zu Stücken und sagte / du Vogel hast mich durch deine ärgerliche Schwänck zu bösen Gedancken verursacht / denen ich nachgehängt / bis ich in die Sünde / und endlich in diese Verdammnis gerahten bin / die allergeringste Lästerungen so diese Elende vom Umbstand hören musten / waren diese? daß sie durch ihre / der Marcktschreyer Lügen und Quacksalberey aus Ubelhörenden zu Tauben / aus Blödsehenden zu Blinden / aus Lahmen zu Krüppeln / aus Stamlenden zu Stummen / aus Gesunden zu Krancken / und aus Lebendigen zu Todten gemacht wären worden; Jndessen nahmen diese Aertzte / wie sie sich nennen und genennet seyn wollen / noch immerfort Gelt ein (welches vielleicht das Volck ihnen zur Sünden-Straf abrichtete) daß sie aber gleich nach dem Empfang glühent verschlucken musten / so keine geringe Pein war / gleichwol fienge einer hier der ander dort aus ihrem Umbstand mit ihnen Händel an / so / daß es zuletzt ärger bund über Eck hergieng / als in der Plünderung einer erstürmten Stadt / bis endlich alle Materialia der gantzen Quacksalberey / als da seynd zuvorderst der falsche Teriack / die Zahn- und Wurm-Pulver / unterschiedliche Liquoren von Olitäten und Wassern / vielerlei Wund und sonst Salben (die alle sehr starck nach Terpetin rochen) mancherhand so genante Balsamb / seltzame Mixturen von Schmaltz der gehenden / kriechenden / fliegenden und schwimmenden Animalien, der Metalien und Kräuter / vornemblich aber auch die Zugaben von Wurtzeln / Steinen Höltzern und allerhand unkräfftigen närrischen Dingen / die etwan die Landfahrer den Einfältigen vor das Fieber / den Rotlauff / das Zahnwehe / etc. und sonst Zustände verehrt / alle miteinander in einen grossen Kessel geworffen / darinnen zu einer Universal-Artzney oder Panacæa coagulirt, gantz glühent gemacht / die betrogene Urheber und Meister derselbigen hinein geworffen / und sambt allem zugehörigen Bettel von dem obristen Marckmeister an ein ander Ort gelieffert wurden / worinnen ich sie dann ersticken / ersäuffen / sottlen und brottlen lassen muste / an einem andern Ort auch umb ihre andere Sünden zu leiden; Ein kleines altes Männgen verblieb noch zuruck / welches an obigem Kessel und seiner darinnen befindlichen Materia kein Theil hatte / ich fragte ihn / was er gethan / daß er mit dieser ansehenlichen Gesellschafft nicht fort dörffte? Ach! antwortet er / ich hin anfänglich kein so genanter Artzt / sondern von Jugend auff ein Soldat gewesen / hab allererst nach dem Friedenschluß / nach dem ich unter den Waffen veraltet / aus dem Wiestung ein Mittel wider die Würm erlernet / und mich des Bettlens zu erwehren / desselben bedient / wäre auch deswegen / wann ich sonst just gewesen / gar nicht verdammt worden / massen ich / daß ich hier erscheinen darff / grosse Gnad und Linderung meiner anderwertlichen Pein habe / umb Willen gleichwol durch meine Wurm-Küchlein manches Kind von den Wärmen erlöset worden / welches sonst wegen seiner Eltern Unwissenheit / Unachtsamkeit und Unverstands in andere Kranckheiten gerahten / und vor der bestimmten Zeit hätte sterben müssen / wiewohl ich auch manchen Bauren überredet / sein Kind stecke voller Würme / damit ich Gelt gelöst / obs gleich nicht gewesen / hierauff fieng er an schnell fortzugehen und als ich fragte / wohin so geschwind? antwortet er / die Zeit nähere sich / in deren er mit den Verschwendern seinen Lohn empfangen müste; Jch sagte / du armer Tropff / wann du dich mit Wurm-Artzney ernähren hast müssen / so wirst du wenig zu verschwenden übrig gehabt haben / er aber antwortet / wol! aber nichts destoweniger habe ich alles was ich so wohl damahls als zuvor im Krieg per fas & nefas, mit Recht und Unrecht erarnet / erbeutet / errungen / gewonnen und zuwegen gebracht / widerumb durch die Gurgel gejagt / verhurt / verspielt / unnöhtig verkleidet und sonst unnützlich ohnworden / und wann ich gesparsamb gewest wäre wie ich hätte seyn sollen / so hätte ich mit dem was mir Gott rechtmässiger weise bescheret / mein Lebtag wohl hinaus gelangt und nicht bedörfft / mich nach unrechtmässigem Gut umbzusehen.

Unter wehrenden diesem Gespräch gelangten wir zu einem grossen See / der an statt des Wassers eine glühende Materia in sich hatte / einem zerschmoltzenen Ertz gleich! Er schwam hin und wider voller Häuser und Güter / als Acker und Matten / Kauffmanns-Ballen / Silber / Zinn / und Kupffer-Geschir / Fässer / allerhand Hausrath / Gelt / Kisten / Kasten / Gewand / Kleidungen und anderer dergleichen unzahlbarer Dinge mehr / worunter sich so wohl geringe Sachen als kostbare Kleinodia befanden / ja gleich so wohl der Schweis der Armen als das grosse Vermögen der Reichen! Jn Summa / es ist beynahe nichts auff der Welt / daß sich nicht auch in diesem See befunden hätte! Ja so gar auch allerhand Thier / item gantze Städt und Länder! Nun zu diesem See kamen aus allen Nationen und aus allerhand Ständen der Menschen / vom Höchsten bis auff den Bettler beydes inclusivè, von allen Orten der Höllen / eine unzahlbare Mänge Verdammter / unter welchen ich viel Namhaffte / und in den Historien berühmter Personen sahe / als Heliogabalum / Vitellium / Cleopatram mit ihrem Antonio / und dergleichen mehr / welche alle ihre Menschliche Gestalt verwandelten / und sich in Harpyas / Balænen / Hayen / grausame Walfisch / Wölff / Vielfräß / oder Hiænen / Füchs / Löwen und allerhand gefrässige Thier und Monstra veränderten / in den feurigen See sprangen und auff die darinn schwimmende Sachen wie auff einen Preis-gegebenen Raub zu eileten / darauff gieng es an ein Schluckens und Schlindens / daß es schiene als wolten sie mit Fleiß erworgen / die grosse gehörnte Schroffen Wallfisch und Balenen verschlungen neben Königlichen Schätzen gantze Länder und Städte / und spritzten hingegen nur Puppenwerck / als allerhand Schleck- und Galanteryen von Bändern / Bosamenten / Liebreyen / Spiegeln / Haarpuder / doch bisweilen auch gülden und silberne Geschirr / Ring / Ketten und so Geschmeiß (welches aber gleich widerumb die Harpyen / Hayen / Hiænen und andere Wölffe wider erschnappten) von sich / und solches zwar mit solchem Schmertzen / daß ich nicht sagen kan / ob ihnen das Verschlucken oder das Widergeben die gröste Pein brächte; da waren sie alle zum Einschlingen genöhtigt daß sie hätten zerspringen mögen / und zum Ausspeyen / daß ihrer viel darüber zerborsten / also daß sie in einer Geschwinde mit dem grossen Gut das ich gesehen hatte / fertig wurden / und da auch der Arbeitsamen Schweis auff war / tasteten sie einander selbst an / massen viel unbehutsame Geringere von deren Stärckern auffgerieben wurden / bis sie endlich vom See selbst überschwämmt / und in andere Oerter der Höllen verzuckt wurden / zu denen Consorten die ihnen in anderen Sünden gleich waren.

Es verblieben etliche Krüpel / Blinde Lahme Taube und sonst Bresthaffte Personen dort liegen / welche nicht allein nicht fortkommen konten / weil Sie viel zu gebrechlich waaren / sondern es kamen noch mehr jhres gleichen nach und nach auff Krucken / Schaltkärchen / Brettern / Pferdten / Eselln und Kärchen angestochen / also daß es zuletzt ein so grosse Compagniæ abgab als eine zimmliche Armee die mit jhrem Trossen / als Hurn und Buben wol versehen war; ich gieng zu jhnen / zuvernehmen was es vor Bursch wäre / aber sie litten an jhren Gebrechen solche Schmertzen / daß etliche meiner nicht achten: etliche mich nicht sehen und etliche mich nicht hören konden; Sie waren schier alle Elend bekleidet und hatten doch zimliche starcke Hälse / welches sich meines Bedunckens nicht woll zusammen reumete: Als ich nun nicht ablassen wolte zu wissen wer sie wären / wurde einer auß jhren Mittlen zu mir abgesandt der mir Red und Antwordt geben solte; Jhme schlug ohne unterlaß eine Höllische Flamme zum Halß heraus / davon seine Zung Continuirlich gantz glühend war; ich fragte jhn wer er wäre? Er antwordet / mann könde ja an seinem Habit wol sehen daß Er ein Bettler gewesen / und an seiner Marter wohl abnemmen / daß er sich vor ein Stummen ausgeben (ob er gleich keiner gewesen) um das heilig Allmosen / dessen er nicht würdig gewest / von den Reichen zupressen / damit Er seiner Faulheit und dem Müßiggang abwarten können; in welchem Standt er dann ongebeicht und ohne Reu hingestorben; ich fragte jhn / wer dann die übrige wären? sie seind / antwortet er / alle meines gleichen / zwischen denen und mir sich kein anderer Unterscheid befindet / als das sie sich anderer Gebrechlichkeiten angenommen / Wie du dann siehest / das sie auch andere Qualen leiden als ich / jenem dort dem der Kopff brennet / gab sich aus er hätte den Erbgrind / sein Nachbar der neben jhm stehet / welchem die Augen von jnnerlichem Höllischen Feuer so funcklen / gab sich in seinen Lebzeiten vor einen Blinden aus; und solcher Gestalt wisse er mir viele die Ursach ihrer Pein zugleich mit erzehlende; Jch sagte / warum habt ihr euch aber solche Boßheit / solche Begierde zubetriegen / einnemmen und beherrschen lassen / wäre es nicht hunderttausent mal besser gewesen / ihr hättet euch gleich andern ehrlichen Armen-Leuthen mehr in Schweiß eures Angesichts ernehret / und gearbeitet / daß euch das Blut zu den Nägeln heraus gehen mögen / als daß ihr nun Ewig solche Pein leiden müsset? Er antwortet du hast recht; gleichwie aber der Mensch von Art zum bösen genäigt ist / also haben wir wie Zaumlose Thier unsern Begierten gefolgt / seind dardurch ins Luter geraten / und wie ein Schiff ohne Ruder und Steuermann unserm Verderben zugelassen / ich sagte zu jhm ihr werdet ohne Zweiffel auff der Welt noch mehr eures gleichen: und also auch Besorglich noch viel Nachfolger hier haben; Nun weiß ich das der Reiche-Mann seine Brüder gern vor der verdammnis hätte warnen lassen / wann er nur einen gehabt der solche Bottschafft ausgerichtet! wann du nun einige gute Cammerathen hast die du dieser Pein überhoben zu werden wünschest / so sag mir nur welche sie seyen / und wie jhnen zuhelffen / daß sie solches entrinnen mögen / ich will so viel an mir ist / nichts erwinden lassen / das sie hierinnen Nachricht kriegen sollen / sintemal ich wieder auff den Erdboden zukommen verhoffe; der Stumme antwortet wann du weist / das der Reiche umb seine Brüder gesorget / so weist du auch was jhm Abraham vor ein Antwort gegeben; Welche aber bey meines gleichen in der Welt sich wenig reimmen wird; dann sie haben und hören weder Mosen und die Propheten / begehren denen auch nicht nachzuleben / sonder so viel sie den Kirchen zugefallen gehen / geschiehet umb der Reichen Allmosen willen die sie vor deren Thüren zuhoffen haben; und ob du jhnen gleich treuhertzig Predigen würdest / so seynd sie doch bey jhrem gantz billich befindenten Bettel in Faulheit also verludert / daß keine güttliche Verfahrung bey jhnen nimmermehr nichts erspriessen wird / ich sagte wem rechnest du aber nach dir selbsten die meiste Ursach deiner Verdamnus zu / seinds vielleicht deine Cammerathen? Er antwortet / ohn ists nicht / daß sie so boßhafftig und blind als ich gewesen / und mir mit jhrem Exempel / vorgeleuchtet / biß wir weil wir keinem andern Liecht folgeten / miteinander in diese Grube gefallen; wann aber Geist und Weltliche Obrigkeit / deren Länder / Stätte / Flecken und Dörffer wir mit bettlen und Verübung sonst allerhand Schand und Laster durchstreichen / hätten gethan was jhnen rümlich: sie auch vor GOtt und der Welt zuthun schuldig gewesen / so wäre es verhoffentlich so weit mit uns nicht kommen? dann Lieber wo siehest du die Patres der Loiolanischen Societät (welche Gesellschafft wegen Fleisses etlicher der jhrigen und sonderlich jhrer Vorfahren / durch die gantze Welt den Ruhm eines habenden allerhitzigsten Seeleneifers besitzt) daß sie / sich viel umb die Bettler und ihre Seeligkeit bekümmern als um die Söhne der Reichen; Wo siehest du einen eintzigen aus jhnen der mit einem unwissenden Bettler (wie sie dann in Warheit wegen jhrer Seeligkeit wenig wissen) aus Christlicher Treu und seiner Schuldigkeit / unvertrossene ernstliche Gespräch halten / um ihn in seinem Christenthum recht zu unterrichten; ihn zur Liebe Gottes zu reitzen / jhn zu einer heiligen Gedult zuweysen und Summariter jhn zu lehren / wie Er gleich den heiligen Alexio, Rocho und andern mehr in seinem Neidern und verächtlichen Stande ein heilig GOtt wollgefällig Leben führen könne und soll? nichtweniger sein diß Orts träg die Pfarrer von allerhand Religionen / ob sie gleich täglich sehen / daß die Bettler des Allmosens halber viel Gebet sprechen / jhrer Seeligkeit wegen aber selten: Und theils woll gar nicht beichten und Communiciren; so viel verstund ich mich auff die Kirchen / daß jchs gleich einer jeden: Ja auch nur den Thurn ansehen konde / ob der Ort Catolisch / Luterisch oder Calvinisch war / um entweder das Vatter Unser zuverlängeren oder nach demselbigen auch das Ave Mariæ zusprechen; sie die so genante Pfarrer vermeinen halt / wann sie die 99 Schäfflein ihres anvertrauten Pferchs weiden / und den frembten Bettler mit einen zeitlichen Allmossen fortweisen / so thuen sie der Sach genug / GOtt geb wer das verirrete hunderste suche und widerbringe / achten aber in dessen nichts / daß die Unwissende Lehren ein grosse Allmosen und heiliges Werck der Barmhertzigkeit sey mit welchen sie iederzeit gefast / und vor andern freigebig sein solten; Worzu sie dann beydes Zeit und unwissende Bettlers genug hätten. Aber weil kein zeitlicher Nutz zuhoffen / verbleibts unterwegen / ich fiele ihm in die Red und sagte: Es wehre schon ein Alts / und ich hätte es albereits vor mehr als 30.Jahren gesehen / daß ein Pater aus gedachter Societet in Cöln sich der Bettler-Zunfft angenommen der sie vor dem Bettlen in die Kirch zum Gottes-Dienst versamlet hab / und nach desselben Verrichtung mit ihnen von Haus zu Haus gangen sey / damit alles ordentlich und andächtig hergehe und die Bettler so wohl mit der Seelen als des Leibs Speyse versehen worden weren / und welcher sich hierzu nicht bequemt / den hätte er vom empfang des Almosens ausgeschlossen / eines Pfarherren Schuldigkeit aber wehre gar nicht / sich ohne sonderbare Ursachen oder habenden Befelch oder licens anderer Pfarkinder anzunehmen / waß er hier denselben zumesse und auflade / halte keinen Stich / der arme Lazarus wehre ohn Zweiffel / (dafern anders war sey waß er auf die Geistliche gestichelt / als ob sie nemlich die Reiche besser als die Arme weideten) nicht mit so vielen Seelsorgern umgeben gewest als der Reiche Prasser / der ihnen wohl auftragen und die Absolution bezahlen können / und seye jedoch Jehner seelig / dieser aber verdambt worden. Wo derowegen Jeder nach dem zeitlichen Leben hingelange / sey nicht der Geistlichen sondern eines Jeden eigne Boßheit und Sünden schult / und gleichwie er den Frommen Geistlichen hierinnen zuviel thue / also könte ich mir leicht einbilden / daß ers der weltlichen Obrigkeit nicht besser mache; Waß? Antwortet der Stumme / diß seind die Rechte; Es stehet geschrieben / nöthiget sie herein / damit mein Haus voll werde / wer soll nun solches anders thun / als der / den GOtt den Gewalt darzu gegeben und verliehen hat? Zwar muß ich bekennen / daß etliche aus unserem und anderer Landstreicher Orden durch ihre Hand der Verdammnus glücklich entronnen / nach dem sie zuvor in Diebstal / Mord und andern offenbaren Ubelthaten erdappet / zeitlich abgestrafft / und bey solcher Gelegenheit vor ihrem End zu GOtt bekehrt worden; Wann sie aber thun wolten was sie könden und solten / so könden und würden sie mehr verrichten als wann sie neue Klöster stifften und Kirchen bauten / wann sie nemlich meines Gleichen faule liderliche Betler und Landstörtzer ohne Barmhertzigkeit / so zu reden (dann an sich selbst were es das gröste Werck der Barmhertzigkeit) sambt deren Huren / Weibern und Kindern wie die Hund zusammen Cupplen und dieselbe arbeiten liese daß ihnen die Schwarte kracht / die Alte und Junge Vettlen müsten sitzen und Spinnen / und solten sie so breite Aerse darvon kriegen als die Scheuerthor / vor die Mannsbilder selbsten aber / wehren so viel Gräben auszuführen beydes umb Stätte / Schlösser und auf dem Lande / so viel gemeine Gebäu zumachen / Büsche auszureuten / Weg / Strassen und Wasser fürthen zu verbessern / und dergleichen Arbeiten zuverrichten / daß beyderley Geschlecht ihr anjezo ohne das wohlfeiles stück Brod nicht allein wohl daran verdienen / sondern auch so viel Uberschus erarbeiten könden / daß die wenige Alte und Brechhafftige so sich unter ihnen befinden / erhalten / und ihre Jugend zu ehrlichen Handtierungen auferzogen werden könden / worbey sie dann in allweg eben so emsich zum GOttes-Dienst als zur Arbeit angehalten werden müsten / wordurch das Land / welches diß faule Lumpen-Gesindel ohne das erhalten muß gebessert / mancher der jetzo zur Höllen rennet / zur Gottseeligkeit bekehret / der Landmann aber vom überlauff so vieler importunen Presser / die sich albereit nit nur mit dem lieben Brod abweisen lasen / sondern Schmaltz / Speck. Eyer und dergleichen haben wollen / befreyet / und endlich der Betler Jugend / so das meiste ist / von der bösen Nachfolg und Gewonheit ihrer Eltern abgezogen / und sich ehrlich zuernehren angehalten würde / welche andern Fals auch wie Vätter und Mütter zu einem unnutzen Last der Erden / ja wohl besorglich zu ärgern Bößwichtern / Dieben / Strassenraubern und Mördern werden; Hierzu nun hat der Heidnische König Amasis in Egypten allen Potentaten ein fein Exempel geben / und GOtt selbst wolte durchaus nicht / daß einiger Bettler unter seinen Auserwählten Volck sein solte / und wann ich noch lebte / und wüste was ich jetzt weiß / so wolte ich in diesem Augenblick / etc.

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