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Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Verkehrte Welt - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
booktitleGrimmelshausen Werke II (Bibliothek der frühen Neuzeit Band 17)
authorHans Jacob Christoffel von Grimmelshausen
year1997
publisherDeutscher Klassiker Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-618-66470-2
titleVerkehrte Welt
pages413-417
created20000907
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1672
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Unter diesem Gespräch kahme abermahl ein schaar Geister / noch mehr verdambte zuholen und in die Presse zuwerffen; worüber Sisana also erschrack / das er sich wieder in ein Ygelmässige Kugel verfügte; derowegen gieng ich weiters und hörete gleich ein unannemblichs widerwertigs Geschrey / das nicht anders lautet / als wann viel hunderttausend Hunde einander herumb bissen / dannenhero ich mir einbildete ich möchte mich vielleicht des Luciferis Hoffhaltung nähern und albereit seine höllische Jagthunde hören; aber da ich besser hinzu kam / wahren es keine Hunde sondern arme verdambte Menschen / die in einem mit Stacketen umbgebenen Ort theils in Gestalt der Hunde / der Füchse / der Marder / Wölff / Löwen und Tigerthier: Und auch etliche in Gestalten der Menschen sich herumb bissen; aber nicht nur schlecht hinweg wie die Hunde / wann sie übereinander erzörnet sich das Fell ein wenig zerreissen und alsdann widerum von einander zulassen pflegen; sondern es werete continuirlich; da risse einer dem andern Stücker aus der Wampen daß das Jngewäid heraus fur! Da bisse ein anderer einem ein Rippstück aus der Seithen / das man Lung und Leber im Leibe zappeln sahe / dort zwickt ein anderer einen ein Ohr hinweg und den Backen damit / und gleichwie einem hier ein Schenckel hinweg gezwackt wurde / also wurde demselben hingegen widerum von einem andern eben zur selben Zeith ein anders Glied oder Stücke des Leibs hinweg gerissen / welches alles mit entsetzlichen Anblecken / Zannen / Murren / bellen / gautzen und jämmerlichen heulen und wintzeln: Und zwar viel geschwinder nacheinander geschahe / als wann die verbitterste Hunde und grimmigste wilde Thier auff Erden ineinander herumb beissen / da war nun ein grausames wüthen und ein schreckliches gegrabel unter / und übereinander zusehen! so bald wurde eine Wunde nicht gebissen und die Empfindung des Schmertzens mit einem lauten Gell oder schrey verkündigt; eben so bald hernach war derselbe Schad wider geheilet / und hingegen eben an demselbigen Leib doch an einem Ort ein andere Wunde gerissen / und also auch ein anderer neuer Schmertz empfunden; Jch wolte gehen den einen oder andern umb ihre Beschaffenheit fragen / aber ihr Eifer einander zubeschädigen / war so brennent und begierlich: Und ihr Geschrey / Geheul und Murren so laut und schrecklich / daß sie meiner entweder nicht wahrnahmen oder mein Fragen doch nicht hören konten; Weil mich aber gleichwol die Begierde triebe solches zu wissen / gieng ich umb das Staquet hinumb / ob ich vielleicht einen noch antreffen würde der bey Sinnen wäre / meiner achtet / mich hörete und mir Bescheid gebe / aber umbsonst! Sie hatten mit einander selbst so viel zu schaffen / das sie meiner nicht achteten / in solchen Umgehen fande ich ein steinern Bilde einer Jungfrauen dort ausserhalb am Staquet sitzen / welches ich der Kunst wegen die ich durch den Meister daran angelegt sahe zu betrachten stillstunde / und mich verwunderte / wie es in diesen höllischen Abgrund seyn kommen möchte: Jch gedachte es dörffte vielleicht ein Statua oder Bildniß einer alten Heydnischen Göttin seyn / die bey Aussäuberung der hiebevorigen Abgötterey aus der Welt an diesen Ort der Verdammniß geworffen worden / aber mein Genius verfügte sich damals auch herzu / und sagte zu dem Bilde / Aglauro höre und gib Antwort / so bald er diß gesagt / fieng sich der Stein an zu bewögen / und fragte was mein Begehren wäre? Jch sagte / ich möchte gern so wol ihren als deren im Staquet befindlichen Verdammten Beschaffenheit und die Ursach ihrer Verdammniß wissen; Sie antwortet / ich bin Aglauros des Cecropis Tochter / welche wegen Neid und Mißgunst gegen ihrer Schwester Herse von Mercurio in einen Stein verwandelt worden / und solcher gestalt ewiglich hier muß ligen verbleiben / diese aber / die mit einem Pallisaden-Zaum umbgeben / seynd meines gleichen / als welche nemblich in der Welt in ihren Lebzeiten durch Neid / Haß / Zorn / Mißgunst / heimlich und öffentliche Verleumbdungen / unzeitige Eifersucht / Murmeln / hinderwerdliche Nachred / und sonsten so wol mit Worten als mit Wercken ihre Neben-Menschen verfolgt / ihm sein Glück nit vergönnet und hindertrieben / sein Unglück gesucht und also sich und ihre Affecta den Teuffeln selbst gleich gemacht / wessentwegen sie dann hier sich ewiglich also untereinander plagen / nagen / und so wol ohne Aufhörung als Ersättigung ihrer neidigen Seelen / sich genugsamb fretten müssen / und nach dem sie mir diesen Bericht gegeben hatte / fragte sie mich / ob auff Erden noch wie zu ihrer Zeit der Neid und Haß unter den Menschen regiere? Jch antwortet / O Aglauros / es ist zu unserer Zeit in der Welt bey den Leuten darunter ich lebe / weit ein anders dann zu deiner Zeit da man den waaren GOtt noch nicht erkandt! Wir haben von demselbigen liebreichen GOtt ein Gebot / das heist / du solt deinen Nächsten lieben als dich selbst / Krafft welches Gebots wir festiglich glauben / wann ein Mensch / er sey Pabst oder Käiser / Herr oder Knecht / Edel oder Unedel / Geistlich oder Weltlich / Reich oder Arm / Jung oder Alt / in Summa er sey wer er wolle / gegen einem andern Menschen (wann er gleich der Allerbösest und Verworffenste auff Erden wäre / der ihm alles Leid gethan hätte und vermuhtlich noch anthun wolte) Neid / Haß und Feindschafft trüge / also daß er denselbigen Menschen etwas Böses in Raachweiß anzuthun gesinnet / daß alsdann solcher Rachgierige Neider in der Feindschafft Gottes und im Stand der ewigen Verdammniß seye / und sich selbst mit solchen Neid / Haaß und Feindschafft mehr Schaden zufüge / als ihm alle seine Feinde thun möchten / sintemal wir aus der Schrifft wissen / daß der so seinen Bruder oder Neben-Menschen hasset / sein selbst Mörder seye / an seiner eignen Seelen / und dann auch an seinem Nächsten / und wann wir gleich diß austrückliche Gebot nicht hätten / so lieben wir einander doch umb Gottes Willen / weil der eine wie der ander zu Gottes Lob und der ewigen Seligkeit erschaffen / die je einer dem andern hertzlich gern gönnet / damit Gott ewiglich durch ihn gelobt werde / wäre derowegen gantz ungeräumbt und wird auch nie erhöret / daß einer aus uns Christen einen andern Menschen neiden oder hassen solte / er sey gleich fromm oder gottlos / bös oder gut / glaubig oder Unglaubig / Freund oder Feind / Juden oder Heyden / Christ oder Türck oder Ketzer / da gönnet je einer dem andern daß er habe alle Tugenden / Gesundheit / Stärcke / Weisheit / Verstand / Schönheit / Reichthumb / ein ehrlichen Namen / Beförderung / und alle zeitliche Glückseligkeit / darneben aber auch vornemblich die Göttliche Liebe / und den lebendigmachenden Glauben / wordurch er zu der ewigen Seligkeit gelangen möge / und zwar O Aglauros / wie wolte es seyn können daß immermehr Neid und Haaß zwischen uns seyn könte? Jn dem wir wissen / daß GOtt selbst die Menschen so hoch liebet / daß er / wann es vonnöhten wäre / wiederumb umb eines jeden Sünders wegen vom Himmel stige und den allerschmertzlichsten Tod vor ihn litte / ihn selig zu machen / über daß / wie könte es seyn / daß ein Christ einen andern Menschen solte beneiden und hassen / von dem er weiß / daß er GOttes Ebenbild trägt / und vielleicht demselben angenehmer ist als er selbsten? Ach nein Aglauros / man find nicht allein nicht mehr deines gleichen in der Welt / sondern es befördert im Gegentheil je ein Mensch das ander zu aller so wol zeitlicher als ewigen Wolfahrt / welchem es übel gehet / dem wird gantz Christlich und treuhertzig aus einen Nöhten geholffen / und wo einigem Menschen dergestalt zu helffen eine pure Unmüglichkeit erschiene / so wird jedoch der Nohtleidente und Betrübte von jedermänniglich gantz mitleidenlich getröstet / und sein Unglück und Elend mit schmertzlicher Bitterkeit beweinet.

Die steinere Aglauros liesse einen Seuftzer und wünschte daß sie auch in einer solchen Zeit gelebt: und dem was ich erzehlet / gleich gethan hätte / ich aber verfügte mich weiters / und kam vor einer Höle eines Steinfelsens / von welcher der Genius sagte / daß es vor Kälte so finster darinnen wäre / daß mir unmüglich seyn werde / von dero Dicke wegen hinein / geschweige gar hindurch zu gehen / dafern ich anders einige höllische Pein zu empfinden so fähig wäre als ein abgestorbener Verdammter / die Kälte / sagte er / wäre so scharff und grimmig grausam / daß ein stähliner Amboß / wann er bis an das Zerschmeltzen glühent gemacht / und also hinein geworffen werden solte / in einem Augenblick sich dem allerkältisten Eißschollen vergleichen würde / und alsdann vor Kälte zerspringen müste! Jch gieng hinein und sahe den Boden / die Wände und das Gewölb der Höllen überall mit Menschlichen Cörpern überstreut und behenckt / davon theils mit Nägeln angenagelt und theils mit Ketten und Banden angefesselt waren; sie sahen blau / braun und schwartz / und konten sich im geringsten nicht bewegen / ja sie hatten kaum so viel Macht und Gewalt / vor grossen Frost ihre Marter mit Heulen und Zähnklappern zu erkennen zu geben / welches dannoch fast entsetzlich und gar düster zwischen ihren bleckenden Zähnen hervor thönete und erschrecklich zu hören und anzusehen war / derowegen eilete ich mich sehr / umb geschwind von diesen Armseligen zu kommen / je ferner ich nun in diese Höle hinein kam / je grössere Qual sahe ich auch an derselben Verdammten / je besser ich mich aber dem Ausgang auff der andern Seiten der Hölen näherte / je leidenlicher befande ich dieselbige die sich dort enthalten musten / gehalten werden / so / daß auch etliche aus ihnen so viel Gnad hatten / ihre jämmerliche Pein mit verständlichen Worten und einem elenden Geschrey zu beklagen / ich fragte einen aus ihnen umb was vor einer Sünde willen sie diese erschreckliche Art der Marter ausstehen müssen? Er hingegen antwortet / sie wären die jenige / die in ihren Lebzeiten sich gantz und gar nichts wie sie billich thun sollen / umb daß was ihnen zu ihrer Seligkeit zu wissen vonnöhten gewest wäre / bekümmert: sondern ohne Nachkundigung der Göttlichen Dinge gleichsam wie das tumme unvernünfftige Vieh ohne solche Wissenschafft gelebt: Ob sie gleich hierzu zu gelangen genugsame Gelegenheit gehabt hätten / weswegen dann ihre eißkalte Hertzen durch das Feuer der Göttlichen Liebe nicht erwärmmt werden / noch sie sich anderer gestalt / weil sie nur an dem Zeitlichen geklebt / der Göttlichen Gnad und Barmhertzigkeit theilhafftig machen mögen / etliche hätten zwar wenig oder viel in diesem Stück gethan / weswegen dann auch ihre Pein so unterschiedlich wäre / gleichwol aber wären sie alle wegen ihrer Trägheit verdammt worden.

Jch fragte ihn / was er in seinen Lebzeiten vor ein Mensch gewesen? er antwortet / ein Baur / und zwar ein solcher / von denen das Sprichwort sagt:

Jck bin een arm Liffländisch Buer
Min levent dat en werd eni suer /
    Jck stige op den Berckenbom
    Mack mi darvon Sattel en thom
Jck bind mine Scho mit Baste /
En füll dem Juncker sine Kaste /
    Ick gef dem Pfarrer sine Pflichte /
    Und weet von Gott und sinem Worte nichte.

Er fragte mich darauff weil er sahe daß ich mich mitleidenlich verwunderte / ob dann die Bauern zu meinem Heimat anders beschaffen wären? Jch antwortet / freylich! Geist- und Weltliche Obrigkeiten und Vorsteher aber auch! dann diese seynd gar nicht gemeinet / habens auch gar nicht im Brauch ihre von Gott anvertraute Unterthanen in solcher groben Unwissenheit stecken zu lassen / sondern sie bekümmern sich mehr umb ihre Seligkeit / als das sie sich befleissen solten / sich aus dero Vermögen zu bereichern / dannenhero werden sie von den Lehrern (welche auch deswegen Seelsorger genennet werden) mit unablässigem getreu-eiferigen Fleiß dessen / was sie wissen sollen / continuirlich unterrichtet / zur Erkäntniß Gottes und seiner Güte gezogen / und dardurch also disponirt, das sie sonst nichts thun: als Gott lieben können / und kan man wol von ihnen sagen / was dort beym Propheten Jeremiæ in seinem ein und dreysigsten Capitul geschrieben stehet / sie werden mich alle von dem Kleinsten an bis auff den Grösten erkennen / spricht der Herr / da wirst du selten ein kleines Kind finden / daß nicht beydes aus Vorsorg und Verordnung der Weltlichen Oberherrn / als selbsthabenden Eifer der Lehrer den solches obligt des Christlichen Glaubens und was dem anhängig so völlig berichtet worden sey / daß es auch einem jeden Jüdischen Rabiner mit Disputiren widerstehen: und gleichsam sein Christenthumb wider alle Welt und den Teuffel selbst defendiren könte; und wann solches die Junge vermögen / was vermeinst du daß wol die Alte wissen? Als denen solches gleichsam in ihre Gemühter eingeprägt ist / dahero man dann auch täglich in ihren Conversationen von nichts anders als Geistlichen Sachen und Göttlichen Dingen reden höret / gleich wie sie nun aus weiß Geist- und Weltlicher Vorsteher und Regenten genugsamb wissen was ein vollkommener Christ von seinem Christenthumb wissen soll / also stellen sie auch ihr Leben darnach an / die Gottselige Jugend beharret in Keuschheit / ist eingezogen / und lebt in Unschuld / die Alte aber befleissen sich der Andacht und anderer Gottwolgefälligen Wercken / wormit sie der Jugend vorleuchten / und beyder Theil Sinn und Gedancken zielen auff nichts anders / als wie sie zu vorderst Gott dienen und ihrem Nächsten zu Nutz leben mögen; da haben keine böse Begierden Platz! man höret von keinem Geitz / von keiner Hoffart / von keinem Neid / Zorn und Widerwillen / nichts von Hurerey geschweige vom Ehbruch / das Vollsauffen ist ein Greuel; vor Zanck / Hader und Schlägerey hat jederman ein Abscheuen / einander übel nachzureden / zu verachten / zu verkleinern / zu schelten / zu fluchen / zu schweren oder gar Gott zu lästern / darzu öffnet niemand seinen Mund! und jemand zu betriegen oder etwas zu entfrembten / daß würde vor ein grosses unerhörtes Wunder gehalten / so wird auch nirgents von der allergeringsten Leichtfertigkeit / weder in Worten / Geberden / Kleidungen und Wercken nichts gespührt / der Baur antwortet mir / so wären meine Landsleut wol glückselig / er aber umb so viel desto unseliger / weil er in seinem Leben die Tugend und Laster nicht zu unterscheiden gewust / sondern seine boshafftige Arglistigkeit / wann er solche zu seinem Vorthel gebraucht / vor eine rechtmässige / und zwar vor seine beste Kunst gehalten hätte. Warvon er dann auch jetzunder seinen gebührlichen Lohn empfinge.

Es war mir nit zu sinn / das ich länger mit diesem Bauren discuriren möchte / weil ich ihm ohne das nicht helffen: Noch mehrers Notabels von ihm erfahren würde können; derohalben gieng ich weiters und kahm vor einen scheinbarlichen Pallast! der war auß Hoffart und Eigensinnigkeit gebauet; mit Gleissnerey gemahlet; mit Heucheley gedeckt; mit grosser Herrn Favor befenstert; mit des Jdioten Herrn Omnis Stärcke vergittert und verriegelt; aber inwendig mit einem bösen jmmernagenden Gewissen Außgefült; mit Falschheit getäffelt; mit Lugen gezieret; und mit Arglistigkeit bewähret und armirt; Ferner daran stund geschrieben / diß ist die Wohnung deren die nach ihres Hertzens-Lust und Begierten in der Edlen Freyheit zu leben: oder ihnen einen grossen unsterblichen Namen zu machen begehren! Wer solte nicht gemeinet haben / das dieses wo nicht selbst des Luciferis: Doch wenigst des Belialis: oder sonst eines grossen verstossenen Engels Wohnung gewest wehre? dann ich muthmasste es selber; Weil ich nun dieses prächtigen Palatii Beschaffenheit gern gewust hätte / klopffte ich kühnlich an / vornemblich weil es das Ansehen hatte / als wann ich durch keinen anderen Weg als durch diesen zu meiner Ruhe gelangen könte; So bald kahm ein nichtswürdiger unansehnlicher Kerl hervor welcher die Thür öffnet / und mich fragte / was ich so ungestümiglich zu fordern? Jch sagte ihm mein Verlangen / und begehrte darüber Bericht; Er hingegen fragte mich ob ich dann nicht ohn des Hauses Uberschrifft genugsames Contentament hatte? als ich jhm aber mit Nein antwortet / und jhn so wohl umb seinem eignen: als des Hauses Principal-Einwohners Nammen fragte / antwortet Er / ich bin Herostratus von Epheso der den berühmten Tempel Dianæ daselbsten verbrand; der Vornembste aber in dieser Wohnung ist Arius; ich fragte / ob ich diesen Weltberuffenem Mann nicht zu sehen bekommen könde? freylich / sagte Herostratus, jhn und noch viel mehr seines gleichen; Mithin öffnete Er das grosse Portal / da sahe ich hinein und wurde gewar / das diß prächtige Gebäu jnwendig bey weithen nicht beschaffen war wie außwendig! sondern es war alles voller brennent Schweffel und Bäch / voller Feuer und Flammen! Jch sahe / wie Herostratus gesagt hatte nit allein Arium sondern auch Cerinthum, Pelagium, und ohnzahlbar viel andere Ketzer mehr / da ja einer dem andern eine Spindel voll Garn auß dessen gantz klühendem Hirn spanne / welches nicht anders außsahe / als wann der Teuffel seine Trathzieherey alda gehabt hätte; derselbe bliesse auch gewaltig zu / und hub das Garn oder die Träth fleissig zusammen / umb Netz und Keffig darauß machen / die arme Einfältige und leichtglaubige Menschen damit zubestricken und gefangen darin zubehalten.

Alle Peinen der Höllen die ich noch bißher war genommen / waren gleichsamb vor nichts gegen deren einer dem andern daß Gehirn worin der Verstand wohnet / und die Augen damit man siehet / auß dem Kopff: sondern auch das Hertz sampt Lung / Leber und Jngewäid / auß dem Leib heraus? und überdiß alles wurden sie von vielen tausenden der jenigen gequelt und verflucht / die sie mit ihrer falschen Lehr verführet: Oder wenigst zu beförderen und Freunden gehabt hatten; Geschweige der Marter die jhnen die höllische Geister selbst anthäten. Jch fragte Herostratum ob mir nicht zugelassen wehre / ein paar Wort mit Ario zureden? O ja / antwortet Er / gar wohl / dann diese Art Leuthe thuen nichts liebers / und der Teuffel selbst siehet auch nichts so gern / als daß sie mit anderen conversirn; Und als Er hierauff herzu gelassen wurde / sagte ich zu jhm / Ach du armer Elender Mensch was hast du gedacht / daß du dich durch deinen Jrrthumb von der wahren Kirchen abgetrennet und in diese erschreckliche Qual gesetzt hast? an nichts wenigers / antwortet Er / als an diesen Ort; Jch sagte / was hat dich aber zur solcher deiner Abtrennung verursacht? Er antwortet; als zu meiner Zeit die Christliche Kirch herrlich auffgieng / so / daß die Bischoffe und Vorsteher derselbigen nicht mehr wie kurtz zuvor im Elend / in Mangel und Hunger: Jn allerhand Verfolgung und Trübsal oder in Forcht des Tods leben dörffen; sondern ihre Sicherheit / ihr Ansehen und jhre zeitliche Nahrung hatten; Wurden gemeiniglich solche hohe Aempter / (deren ich eins zuvertretten wünscht) mit geistreichen frommen und gelehrten Männern versehen und besetzt; Jch beschloß aus Ehrgeitz mich auch umb eins umbzuthun / weil ich als ein Priester darzu zugelangen getraute; hingegen befand ich aber an mir nicht die Fromkeit noch andere Qualiteten / die mich darzu beförderen hätten mögen! dann ich war hoffärtig / Ehr und Geltgeitzig; der Freyheit und fleischlichen Wollüste begierig; des Gehorsams unter meinen geistlichen Ubermuth; der Geistlichen Zucht und Erbarkeit satt; der Mortification übertrüssig / und der Andacht und Gottesforcht so viel als nichts ergeben; ich liebte Essen und Trincken mehr als Fasten / und weil ich auch an Statt einer demütigen geringschetzung meiner selbsten / mir viel einbildete / erkühnet mein grosser Muth / mich durch mein doctrinitaet großzumachen und mich hoch ans Bret zu setzen; derowegen fieng ich an disputirn / und unterstunde Sachen zubehaubten / daran zuvor kein Lehrer gedacht hatte / Einig und allein darumb / damit ich mich hervor thun und meine Geschicklichkeit sehen lassen könte; ob meine Person vielleicht in Consideration gezogen: und dardurch der Weg zu meiner so hochverlangten Beförderung gebahnet werden möchte; Aber dieweil der reine Glaub so wenig ohn Verletzung mit sich schertzen läst als ein Aug oder die Jungfrauschafft / so wurde mein verborgenes Gifft / das ich hegte / bald vermercket / und meine Person sampt meiner Lehr / weil ich mich nicht abwarnen lassen noch bessern wolte / verworfen und aus der Kirchen verbannet; Es vertrosse mich zwar das mein Jntent den vorgesetzten Zweck nicht erreicht / aber zu wideruffen und mich zu besseren war mir ungelegen weil ich allbereit einen grossen Anhang hatte der mich schützte / und eben daher wurde ich desto trutziger / halsstarriger und je länger je ärger; Dergestalt erlangte ich nicht allein die Freyheit vor meine Person / sondern überkam auch einen grossen Namen bey aller Welt; So daß ich so kühn wurde / nit nur in geistlichen Sachen alles nach meinem Kopf zurichten / sondern mich auch in die Weltliche zu mischen / ich erregte Krieg wo ich wolte und schrieb dem König und Fürsten die mir anhiengen Gesetze vor / doch solche die sie gern hielten / und Statuirn genäigt waren; gegen meine widerwärtige aber donnerte ich mit Schmähungen / daß sich die gantze Welt darvor entsetzte; und ob mir gleich mein geängstigtes Gewissen zusprach / so wolte ichs doch nicht hören / weniger demselben folgen / sondern ich tröste mich mit schlechten Trost so gut als ich konte / und beredet mich zuglauben / ob ichs gleich nicht glauben könte / meine Lehr war aus GOtt / nach dem Schluß Gamalielis, weil ich so einen grossen Beyfall hatte; massen dieselbige in kurtzer Zeit Asiam, Europam und Africam durchbrochen; Jn solchem Stand verharret ich / ohne Besserung biß mein Sünden-Maß voll wurde / und meine arme Seele sambt dem Jngewäid unten auß zu dieser höllischen Wohnung fuhr / die mir und meines gleichen von Ewigkeit her bereitet ist; dergestalten nun ist ein kleines Füncklein das in meinem Ungottsfürchtigen Hertzen gläntzete / zu einem grossen Feuer ausgebrochen / mich und noch viel tausend in dieses Ewigwerende zu stürtzen; es ist auch nach meinem Tod immerforth ja mehr und mehr geschirt und durch dem Teuffel selbst angeblassen worden / also das ich / wann ich noch gleich das Leben gehabt und gern gewolt hätte / nicht mehr hätte remedirn können; weil ich dann nun / wie du siehest / mit so vielen alten Ketzern / auch ihren und meinen Anhängern umbgeben / daß es rundherumb wimmelt / also daß kein neuer / dafern es anderster noch in der Welt gebe / nach seinem Tod zu mir nähern kan; zumahlen ich ohne daß / mit so übermässiger Qual gepeinigt werde / daß ich zu ihrer Ankunfft keine Advisen von ihnen vernemmen könte / wann sie gleich von ihrer eignen Marter etwas zu communiciren die Gnad hätten / so bitte ich / sage mir doch / wie stehet es jetzunder umb die Christenheit? Wehret meine Sect noch / oder haben seithero neue Spaltungen sich ereignet? Seyn die Geistliche wie sie seyn sollen / oder hat es mehr meines gleichen Köpffe gesetzt? die Verwirrungen angerichtet.

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