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Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Verkehrte Welt - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
booktitleGrimmelshausen Werke II (Bibliothek der frühen Neuzeit Band 17)
authorHans Jacob Christoffel von Grimmelshausen
year1997
publisherDeutscher Klassiker Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-618-66470-2
titleVerkehrte Welt
pages413-417
created20000907
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1672
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Jch antwortet Juliano / heutigs Tags ist Christlichleben viel ein anders / und wie du ein Hoff-Leben beschreibest / also mag es wohl bey Türcken und Haiden hergehen / welches ich doch schwerlich glaube / bey unseren heutigen Hoffhaltungen werden abgeschafft alle Finantzer und Partitenmacher / alle Ohrenbläser und Mährenträger / alle Fuchßschwäntzer / Schalcks-Narren / Musicanten / Zeitvertreiber und Possenreisser / und wann sich gleich irgents bey Hoff ein natürlicher Narr befindet / so erhält ihn der Fürst aus Barmhertzigkeit / weil er sich sonst nicht Ernähren könte / und gar nicht um seine Lust damit zuhaben / seintemahl er wohl anders zuschaffen und die Edle unwiderbringliche Zeit besser anzulegen weiß / item alle auffgeblasene Hoffärtige / Ehr und Geldgeitzige Leuth; Alle falsche Murmeler und Neidige Verleumdet / alle Naßweyse Esel / deren Art ist andere und anderer Thun und Werck zuverachten / all mutwillige Lappen / Lügner / Betrüger / und waß andern mit einer giftigen Zung schädlich sein möchte; Alle übermässige Fresser / Sauffer / Hurer und waß einigerley Wohllüsten ergeben / alle Unwissende grobe Stockfisch und Ignoranten / alle boßhafftige listige Füchß und schädliche Nattern / alle Zancker / Kriegsgurgeln / Eysenbeisser / Haderkatzen und unruhige Köpff / alle faule Müssiggänger / fäige Memen / und in Summa Summarum alles tumme Gesindel / das nicht sonderbare Gaben hat / zugleich GOtt / dem Fürsten und dem Land zudienen / hingegen werden die Hoffhaltungen und Stellen der Fürstlichen ministris und Bedienten mit klugen / gelehrten / weysen / erfahrnen und tapffern Menschen versehen und bestelt die vor allen Dingen GOtt immerzu vor Augen haben / also das dero Einstimmung eine solche liebliche Harmoniam abgibt / die vor aller Welt so offentlich als heimlich nicht anders thönet / alß zuvörderst die Ehr des allerhöchsten Gottes zubefürdern / Recht und Gerechtigkeit zuerhalten / einen Jeden bey dem seinigen zuhandhaben / die Lasterhaffte zustraffen / und die Tugendliche hervor zuziehen und vor andern zuerheben / die Arme Unschuldig-Unterdruckte zubeschirmen / das Land und dessen Einwohner in Ruhe / Fride und Wohlfarth zubefestigen / Wittwen und Wäysen zu beschützen / den Betrangten und Nothleydenten zuhelffen / allen Krieg / Unruhe und was GOtt / das Land und die Unterthanen betrüeben mag / zuverhüten; Und Summariter allem Ubel zusteuren / und vorzukommen / und alles zu thun und zulassen / waß sie vermeinen das zuthun und zulassen sey / darob beydes GOtt und Menschen ein Wohlgefallen haben / und sie auch neben dem Fürsten selbst / bey GOtt dem Allwissenden der sie dieser Ursachen halber in solchen Stand gesetzt / zuverantworten getrauten / davon sie dann auch einen Lohn im Himmel / und einen guten unsterblichen Nahmen auf Erden zu ihrem ewigem Lob zuerlangen verhoffen / gleichwie sie hingegen wann sie das Widerspiel thun würden / sich der ewigen Verdamnus befürchten und versehen müssen / daß ihnen die Nachwelt wie allen Tyrannen mit den grausamsten Verfluchungen nachbettete / welche Glückwünschung auch nie / oder doch selten lehr abgehet.

Wann mann jetzunder auf Erden bey Hoff so lebet wie du erzehlest / sagt Julianus / so lebet man gegen meiner Zeit zurechnen / gantz in einer andern / ja gar in einer verkehrten Welt / und hat sich kein Fürst zubesorgen / daß er nach seinem Todt zu mir in diese Jammerqual logirt werde; Aber ein solches Leben ist gleichwol hart und beschwerlich / welches derowegen / wann es tauren soll / zuzeiten mit einigen Ergetzungen erquickt werden muß; Dann es ja ohnmüglich daß ein Fürst jederzeit so beladen gelassen werden kan / sintemahl man auch den lastbaren Thieren zu rechter Zeit ihre Bürde abnehmen muß / wann man anderst nicht will / daß sie darunter erliegen; Was haben derowegen heutigs Tags grosse Herrn vor recreationes? Erlustigen sie sich villeicht bisweilen mit Jagen?

Jch antwortet / ja wie du fragst / bisweilen / wann sie nemlich sonst keine Geschefften haben / wann es die Klag der Unterthanen über die Mänge des Wiltbrets erfordert / wann es ohne Schaden und Beschwerung der Unterthanen geschehen kan / wann keine sonderbahre Mühe und Unkosten darauff verwendet werden dörffen / und wann man versichert ist / daß der Nutz die Arbeit übertreffen werde; Derowegen werden so selten Jagten gehalten / als bey den Griechen die Luti Olimpij.

Weil du / sagte Julianus / der Olympischen Spiel gedenckest / so ermahnest du mich damit eben recht an das Spielen / damit sie sich villeicht ergetzen / als mit Würffeln und Karten / in Bret und Schach / mit dem Ball und Ballonen / mit Steinstosen / Keglen und dergleichen.

Jch antwortet / die Würffel lasen sie den Juden und Soldaten / das Kartenspiel den Spitzbuben / das Spielbret den gemeinen Burgern / Ball und Ballonen der Jugend / Steinstosen und Keglen den Bauren und ihren Söhnen und Knechten / dann gleichwie die Spiel mit Würfflen und Karten mislich sein / und die jenige so denselben nur ein wenig ergeben / je länger je verbichter drauff machen / also meyden sie dieselbe wie die Pest / umb nicht allein die Zeit nicht unnütz hinzubringen die sie zu des Lands und der Unterthanen Wohlfart anzulegen schuldig / sonder auch sich in keine Gefahr zubegeben einigs Geld zuverspielen / als welches in ihren Händen der saure Schweiß der armen Unterthanen zu sein gehalten wird. Hingegen wird das Schachspiel bey ihnen nicht verachtet / zwar nicht ihres Lusts halber / sondern weil es nicht allein grosse Kunst / Vorsichtigkeit und Fleisses / vornemlich aber auch ein ehrliche Ubung des Verstands erfordert / Julianus fragte weiters / haben sie dann villeicht im brauch sich mit dem Tranck / mit Panqueten und Zechen / mit Balletten / Tantzen und Comedien zuerlustiren? Ach nein / antwortet ich / diese Dinge erfordern neben der Zeitverlihrung auch grosse Spesen / und weil man heutigs Tags gar nicht gesinnet ist / der Armen Schweiß und Blut unnützlich zuverschwenden / und also dardurch eine künfftige schwere Verantwortung bey GOTT dem Allmächtigen auf sich zuladen / so sihet man bey Hoff alle dergleichen Ding und Eitelkeiten viel seltener als bey den Römern die Luti Seculares, welche nur alle hundert Jahr einmal gehalten wurden; Und wann etwas dergleichen einmahl an irgents einer Hoffhaltung geschehen solte / so würde man mit dem der etwan hiebevor beydes Burger und Frembde zu erstgedachten hundert Järigen Spiel einlude / aufschreien können / venite ad ludos, quos nemo viventium vidit, neque visurus est post ea, das ist / kombt zu solchen Spielen / welche dern so jezund leben / keiner gesehen noch hernachmahls sehen wird.

Hui! hui! hui! Machte Julianus / oder thönete vielmehr so mit beschlossenen Mund und nickendem Kopff durch die Nase / sie werden gleichwohl sagte er / auch etwas haben sich zuergetzen; Machen sie villeicht Laternen? oder stechen sie Mucken? oder gehen sie villeicht Leffeln wie Heliogabalus? Jch antwortet / gleichwie die erstere beyde Stück verächtlich seyn / und einem Fürsten spöttlich anstünden / auch der König und Käyser so solche getrieben zum Schimpff nach geschriben worden / also seind sie viel zu gewissenhafftig sich mit dem dritten: Das ist mit lassen Weibsbildern zuschleppen / massen seit deinen Todt niemahlen erhöret worden / daß jemahls ein Christlicher Fürst ein Concubin gehabt / oder in geringsten nur eine andere als seine Gemahlin berühret; Und zu dem haben sie dessen auch keine Ursach / dann man gibt ihnen die schönste Dames zu der Ehe unter welchen sie auch die Wahl haben / und was bildest du dir von ihnen ein? Vermeinestu wohl sie solten sich selbst mit denen Sünden und Lastern besudlen welche sie zustraffen von GOtt gesetzt seind; Jhre Ubungen seind zu müssigen Zeiten nützlich wie des Königs Cyri / der einen Baumgarten mit eignen Händen pflantzet / Trähen / Mahlen und dergleichen Künste die durch künstliche Hände verrichtet werden / seind ihnen bisweilen annemlich / aber doch so weit / daß sie indessen wann sie damit umbgeben / nichts verabsäumen / daran auch nur ihrem allergeringsten Unterthanen gelegen.

Jn dessen als ich solche Relation thät / sahe ich mithin die glühende Materiam / die aus des Juliani nidergemachten Gesellschafft entstanden: und in einen Pfuel wie in eine grosse Bräupfann zusammen geflossen war / noch immer hin sieden; welche strenge Wagulation viel eine andere Würckung hatte / als die Labores etlicher Alchimisten / dann ich sahe daß nach und nach Menschen-Köpffe heraus schossen wie die Kräuter im Aprilen aus der Erden / so / daß es mich natürlich an den Egyptischen Schlam am Nilo gemahnet / daraus Frühelings Zeit Meuse wachsen; diese ragten je länger je mehr hervor / und in dem als mich Julianus noch eins und anders fragte und eben von mir vernommen hatte / daß die Parther jetzunder dem Persianischen Reich incorporirt: und schwerlich von dem Türckischen Käiser zu Constantinopel zu überwinden wären / bekamen sie ihre vollkommene Grösse / fiengen darauff an Juliano widerumb mit den giftigsten Schmachworten: Grausamsten Verfluchungen und gleich darauff mit ihren glühenden Waffen erschrecklich anzugreifen / und wie er sie kurtz zuvor tractirt hatte / also machten sie es ihm anjetzo hinwiderumb / also daß er erstlich dort lag in unterschiedliche kleine Particul zerstückelt / und endlich auch zusammen flosse über einen Klumpen / aussehende wie die Massa eines zerschmaltzenen und gantz glühenden Metals.

Man kan wol gedencken / daß ich einen schlechten Spaß hatte / diesem elenden Spectacul länger zuzusehen / derowegen wolte ich mit meinem Genio hinweg / mit welchem ich unterwegs von dieser grausammen Pein redete / da er mir dann sagte / daß es nicht eine von den geringsten Qualen in der Höll wäre / daß die Verdammte einander also hasten und so mit einander umbgiengen / welches gemeiniglich denen widerführe / die einander in diesem Leben in Sünd und Laster verführt: und also einander die Verdammniß verursacht hätten; Jch sagte ihm / daß ich mir etwan eingebildet / die Verdammte sässen nur im höllischen Feur / und je mehr der ein oder ander gesündigt hätte / je mehr müste er auch Hitz leiden; freylich sagte der Genius seynd sie mit finstern schwartzen Flammen umbgeben / deren Hitz sie ewig quälet / daß du sie aber nicht sihest / ist die Ursach / daß ein sterblicher Mensch die Grösse der höllische Peinen eben so wenig zu begreifen vermag / als die unaussprechliche Freud und Wonne der Seligen.

Jn unserem Fortgehen näherten wir sich einem Gekläpff / daß da weit erschröcklicher: aber doch so auff eine Manier lautete / als wann man continuirlich ein Hauffen auffgeblasene Schweins- oder Rinderne Plasen zersprengte; und als wir näher hinzu kamen / höreten wir auch ein darunter vermischtes elendes Geheul / als daß einem die Ohren darvon wehe thäten / und ich dasselbe beynahe nicht zu erleiden getraute; da wir vollends darzu gelangten / war es ein Pfuel ohngefehr so groß als der Feder-See / welcher an statt und in Gestalt des Wassers kohlschwartzes Feuer in sich hatte / das überall voll von Verdammten wimmelte / gleich als wie die stillstehende Wasser-Lachen immer voller Frösch / und im Sommer voll Keulköpffe; wann sich deren einer ein wenig herfür thät und den Kopff auffreckte / witsch / war ein böser Geist vorhanden / der ihm erwischte / und ihm ein Röhr in Hindern steckte / dergleichen man auff den Glaß-Hütten zu gebrauchen pflegt / und bliese ihn damit auff / daß er in kurtzen sich einem Wassersüchtigen vergliche / geschwind aber je länger je grösser und dicker: Ja so ungeheur würde als der gröste Elephant in Zeilon seyn kan / welche schmertzliche Austhönung der Heute und des Jngeweids / ja aller Glieder der Verdammten das Geschrey heraus zwang / welches wir gehöret ehe ichs gesehen; dannoch höreten die Geister nicht auff zu blasen / bis der Verdammte so groß und dick als ein Thurn: und so durchsichtig wurde als ein Glaß; so / das er endlich wie eine Wasser-Blase: Aber doch nicht so still / sondern mit einem grossen Knall / zersprang; alsdann riselten die aus ihm entsprungene und bey nahe verschwundene Atomi hinunter in Abgrund des gedachten Jammer-Sees oder Pfuhls / allwo sie sich wider collectirten / und erstlich einen Treckkeffer (mit Gunst) sich verglichen / hernach je mehr und mehr zunahmen / bis sie ihre Proportion wider hatten / und abermahl von einen Geist ergriffen und wie vormahls aufgeblasen und zersprengt wurden.

Dieses nun war ein elender Anblick / dann da sahe man gantz und halb Auffgeblasene und etliche so bald zerbersten: und in den abscheulichen Pfuhl hinunter solten; Jch fragte den Genium / weil entweder die Verdammte selbst mit mir nicht reden wolten / oder vor Schmertzen nicht reden konten / was doch diß vor Leute wären / und was ein solche erbärmliche Procedur bedeute? da antwortet er mir / es wären die jenige / die in ihrem Leben sich die Hoffart hätten einnemmen lassen; wiese mir auch unter anderen Tyberium / Caligulam / Commodum und andere mehr sehr viel ihres gleichen / die man in ihrem Leben wie Götter ehren und anbeten müssen / unter welchen Heyden sich auch nicht wenig Christen befanden.

Jch sagte zum Genio / dieweil ein Hoffärtiger selten ohne mehr andere Sünden lebe; so verwundere ich mich / warumb sie darin hier allein umb ihrer Hoffart wegen gestrafft würden? darauff antwortet mein Genius / nach dem ein jeder gesündigt hätte / umb solches fahe er auch an seine Straff zu leiden / so bald sich seine Atomi im Abgrund des Pfuhls wider gesamlet hätten / und solche Straffen continuirten / bis er wider hervor komme / und den Kopff aus dem See strecke / auch umb die Sünde der Hoffart seine Pein auszustehen; also daß diese Art der Verdammten niemal keine Ruhe zu hoffen / so wol als Julianus und seine Gesellen / welche / nach dem sie / umb willen sie einander verführt und zum Abfall gebracht sie / sich durch Waffen gemetzlet / alsdann er erst auch umb anderer ihrer Sünden willen leiden müssen.

Wir giengen weitere dahin / wo mich der Genius die Qual der Geitzhälse weisen wolte / das war eine Kelter oder Trotte die sich einem weiten Thurn vergliche von glühenden eisenen Quatern aufferbauet / an statt der Butten / wohinein die Ausgepreste blutrote Materia lieffe / befande sich ein Loch ausgehauen in einem Felsen wie ein zimlicher grosser Weyer / in demselbigen lagen viel und unterschiedliche Verdammte / gleichsam wie die Häring / die man wässert; etliche waren so dünn und mager wie die dörre Stockfisch / andere so ausgefüllt als wie die Blutegel die sich gleich einem Badschwam vollgesoffen haben / und aber andere waren halb leibig und noch im an sich saugen begriffen; Jch hörete kein so grausam Geschrey der Verdammten wie an andern Orten / sondern nur in dem Thurn oder Trotten ein Winseln als wann es junge Wölff wären; vor der Thüren lag eine Kugel in der Grösse als die Granaten seynd die man aus den Feurmörßlen spielet / die belägerte Stätte damit anzuzünden / sie war aber nicht aus Seilern geflochten / sondern so dick mit Stacheln besetzt als die Haut eines Jgels immer seyn mag; Als ich nun so da stund und diese betrachtete / tratt der Genius herzu und sagte zu derselbigen / surge Sisane; hierauff bewegte sie sich alsobalden / thät sich auseinander allerdings wie ein Jgel / bekam aber eine Menschliche Form der auffrecht stund und die Stacheln artlich nach einander fein glat am Leib hinlegete.

Jch verwunderte mich wie leicht zugedencken / und fragte ihn wer er wäre? da antwortet er / ich heisse Sisana / und bin unter der Regierung Cambyse ein Richter gewesen / und weil ich mich mit Gelt bestechen lassen / ein ungerechtes Urtheil zu verfassen / so bin ich billich hieher zu den Geitzwänsten verdammt worden / demnach aber gedachter Cumbyses mich deswegen lebendig schinden: und allen falschen Richtern zum abscheulichen Exempel meiner Haut über den Richterstuhl spannen lassen / also daß ich meinen verdienten Lohn zum theil auf Erden empfangen habe / als bin ich der jenigen Pein so andere Geitzhälse auszustehen haben / so weit entübrigt und überhoben / daß ich nicht gleich ihnen geprest werden darff / sondern muß ewiglich solcher gestalt ligen bleiben wie du mich hier hast ligen sehen / welches zwar Pein genug / wann man sich nicht regen darff / aber gleichwol gegen dem was andere meines gleichen falsche Richter und Geitzwänste zu leiden haben / nur ein erträglicher Schertz und pures Kinder-Spiel ist.

Hierauff fragte ich ihm / was so viel Stacheln an seinem Leib bedeuteten? mit dieser Jgelshaut / antwortet er / bin ich begabt worden / damit mich die Peiniger der geitzigen und falschen Richter / als welche die allergrimmigste Executores unter dem gantzen höllischen Heer seyn / nicht zugleich mit andern erdappen und in die Presse werffen / und so mancher Richter auff Erden von meiner zeitlichen Straffe Nachricht erhält / so manche neue Stachel bekomme ich zu meiner bessern Versicherung / derselbe Richter lasse ihm gleich mein Exempel zur Warnung dienen oder nicht.

Als ich ihn fragte / was die Presse sey / davon er geredet / und warumb die falsche Richter mit den Geitzigen ein gleiche Straffe ausstehen müssen? da wiese er mir obenangeregte schreckliche Kelter / und sagte / diß ist die Preß / und deshalber müssen beyde Theil hinein / weil daß ein Theil die arme Unschuld durch ungerechte Urthel: Das ander aber dieselbige durch allerhand Vortheil / List und Betrug beschwerd / getruckt: und ihnen ihren sauren Schweis und Blut ja auch so gar die seuftzende Seelen ausgeprest / in dem als wir dergestalt mit einander redeten / wurden oberhalb aus der Kelter als ausgetruckte Trauben etliche hundert Bälge der Verdammten herunter in das Loch geworffen / welche nicht anders daher flohen und aussahen / als wann man einen Wollsack voller Plateislein ausgelehrt hätte / so dörr / dünne und Rippensichtig waren sie / also daß man auch alle Gebein hätte zehlen mögen / diese / sagte Sisana / als hier gantz unempfindlich / leiden jetzt umb anderer ihre Sünden halber auch anderwerdlich / bis sie sich wider in dem ausgepresten Schweis der Armen angefüllt / und wie ein voller Schwam bequem seyn / sich mit höchstem Schmertzen wider auspressen zu lassen; und solcher gestalt / sagte er ferners / würden sie ewiglich gepeinigt / gleich als er dieses sagte / fladerten etliche böse Geister von der Trotten oder Kelter herunter und fischten mit ihren Tritenten und Hacken viel Verdammte aus dem gedachten Loch / welche sich in dem selben mit dem ausgetruckten blutroten Schweis / der sich darinn befand / angefüllt und so vollgesoffen hatten als die Zecken / solche führten sie klipperweis wie in des Michael Angeli gemahlten jüngsten Gerichts entworffen ist / mit ihrem erschrecklichen Geschrey und Weheklagen darvon / und warffen sie widerumb in die Presse.

Als ich so dieser grausamen Fischerey mit Entsetzung zusahe / fragte mich Sisana / ob die jetzige Menschen in der Welt auch noch wie etwan vor diesem dern Geitz ergeben: Oder genäigt wären / unrechtmässige Urthel zuvor abfassten? Jch antwortet / was das Erstere anbelangt / so findet sich zwar selten Jemand der etwas hinweg wirfft / weil solches ein schlimme Art der Verschwendung währe / welches unnütze Laster vor gottloß gehalten: Und deßwegen von aller mäniglichen gehasset wird; daß aber einer oder anderer den Geitz ergeben sein: Und umb Geld und Guths willen seine Seeligkeit aufsetzen solte? daß ist ferne von Jederman! Dann sie wissen und beobachten alle den güldenen Spruch mehr als das Gold selbst / der da sagt / was hilffts einem / wann er die gantze Welt gewünt / und litte Schaden an seiner Seel? Betreffent das ander / da wüste ich nicht / wordurch ein Richter bewegt werden könte ein falsches Urthel zuschöpffen / und auszusprechen / dafern er anders ein bessers wüste; wordurch? sagte Sisana; wo nit durch Neid / durch Gunst / durch Freundschafft oder Feindschafft / jedoch durch Schändung wie ich gethan habe; hoho! sagte ich / er solte ein Client bey einem Richter / und solte es gleich nur der allereinfältigste Baurn Schultheiß sein / jetziger Zeit mit Anerbietung einer Verehrung auffgezogen kommen! Würde er nicht alsobalden abgeprügelt und die Stige hinunter geworffen / so würde er doch sonst gestrafft oder kriegte auffs wenigst ein schrecklichen Filtz; Ja ein solcher machte seine sonst an sich habende Redlichkeit sampt seiner guten Sach verdächtig / und gibt einem jeden Richter Ursach zugedencken wärest du kein Maußkopff und hättest keine faule Sach / so würdest du dich nicht unterstehen die Iustitiam zuverfälschen / und mich gleich dir zu einem Schelmen zu machen; Dann / O Sisanae / du must wissen / das jetziger Zeit alle Menschen auff Erden so rechtfertig gesind seind / daß du / wann du wieder von den Todten aufferstehen und in die Welt kommen soltest / dich darüber verwundern müssest; über die ist die gewisse und allerschröcklichste Verdamnüß der Ungerechten Richter so kuntbar auff Erden / daß nicht allein die Segensprecher (welche sonst gar nicht vor heilig gehalten werden) sich in ihren Beschwerungen wann sie ein Ubel oder Kranckheit abschaffen wollen / vornemblich dieser Wort gebrauchen / du N. (hie nennen sie die Kranckheit oder das Ubel so sie vertreiben wollen) müssest dem N. (und hier wird der Patient genennet) so nunmehr sein / als GOtt dem Allmächtigen der Mann / der ein falsch Urthel spricht und ein bessers weiß; sondern die Schweinhirten (warhafftig sonst ein unwissendes alberes Volck) pflegen auch ihre unbändige Säu auff solchen Schrot in Stall zubannen / wann sie nemblich sagen / lauffet oder rennet dem Stall zu wie die falsche Richter und ungerechte Juristen nach der Höllen etc. Welches einmal ein vornehmer Jurist von einem Schweinhirten-Knaben gehört und den effect alsobalden gesehen weßwegen Er dann seine Juristerey quittirt / und in einem heiligen Orden auch ein heiliger Mann worden. Sisana fragte / ob dieselbe zur Gerechtigkeit: Und die Verachtung unrechtmässiger Reichthumb schon lang in der Welt florirt hetten ? Jch antwortet beyde haben gleich nach deinem Todt zu grünen angefangen / welches ich dir mit einem eintzigen Exempel erweisen will / jetziger Zeit aber bringen sie die alleranmutigste Früchte; Das Exempel ist diß; Nach dem der grosse Macedemonische König Alexander die Nachkömling deines gewessenen Herrn Campysis überwunden: und die Monarchiam von den Medern und Persern auff sich selbst gebracht hatte / beliebte ihm einsmahls unverwandter Weise in seinem eroberten Ländern und Stätten herumber zugehen / umbzusehen / wie Recht und Gerechtigkeit gehandhabt würde; er kam also in einer Statt auffs Rathauß und hörete zu / wie die Leuthe ihre Sach vor Gericht vorbrachten; Ein Kläger hub unter andern also an zu reden; Herr Richter / von gegenwärtigen Mann hab ich ein Haus gekaufft / in welchem ich / als ich den Keller zuvergrössern / darinn grube / einen grossen Schatz von Gold gefunden; weil ich ihm dann allein das Hauß und nit den Schatz abgekaufft / hab ich ihm denselben alsobald wider zustellen wollen / sintemahl Er mir nicht gehörig; Er aber hat ihn nit annemmen wollen / bitte derowegen / rechtlich zuerkennen und Obrigkeitlich zugebiethen das er den Schatz zuhanden nemme / dan ich hab gantz kein Theil noch Recht davon; der Richter befahl dem andern Theil seine Verantwortung zu thun; der sprach / Herr seith versichert / daß der Schatz den dieser gefunden / Niemahls mein gewessen ist; Das Hauß hab ich zwar bauen lassen / aber die Stätte war gemein / darauff jeder bauen könde; hab derohalben keine rechtmässige Ansprüch zum Schatz etc. Auff diese Art disputirten sie so lang biß sie endlich einig wurden / den Schatz dem Richter einzuhändigen; Derselbe aber sagte / ihr bekennet beyde mit eurem eignen Munde / daß euch der Schatz nicht zugehöret / da er doch im eurigen gefunden worden; unter was Schein oder mit welchem bessern Recht solte ich ihn dann zu mir nemen? darvor behüten mich die Götter daß ich mich nicht frembdes Guths ahnmasste! Dieweil ihr aber gleichwol die gantze Sach meinem Ampt und meinem Gewissen heim setzet / so ligt mir ob / hierin einen Rath zu finden; darauff fragte er Klägern ob er keinem Sohn: Und Beklagten / ob er keine Tochter hätte; Und als beyde mit ja antworteten / sprach der Richter so erkenne ich und urtheyle / daß dieses Sohn deme Tochter zur Ehe nemme / und ich gebe ihnen das gefundene Gold zum Braudschatz; Als Alexander diß alles angehöret / und über der reiffen und vernünfftigen deliberation sich verwundert; konte er sich nit enthalten überlauth zusagen / er hätte nicht geglaubt / daß an einem Ort auff der Welt Leute wehren / welche die Gerechtigkeit so sehr handhabten / als diese thäten; der Richter / welcher ihn nicht kandte / fragte ihn hingegen / obs dann auch müglich wehre / das Leuth gefunden würden so anders thäten? und als Alexander solches bejahete / verwundert sich der Richter / und fragte Alexandrum / ob dann die Götter auch Regen und Sonnenschein über solche Menschen kommen liesse? Als wolte er sagen / das GOtt weder Regen noch Sonnenschein denen jenigen gedeyhen lassen solte / welche die Gerechtigkeit der Gebühr noch nicht beobachteten; Nun magst du O Sisanæ bey dir selbst vollends erachten / wann die Handhabung der lieben Gerechtigkeit albereith mehr als vor 2000.Jahren schon zu der blinden Heyden-Zeiten auff der Welt so trefflich in acht genommen worden / wie es dann jetzo bey uns Christen und anderen Völckern so dem gerechten Gott erkennen / hergehe / als die von demselben der Belohnung des guthen: Und der Bestraffung des bösen versichert sein.

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