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Verirrt in den Zeiten

Oswald Levett: Verirrt in den Zeiten - Kapitel 9
Quellenangabe
pfad/levett/verirrt/verirrt.xml
typefiction
authorOswald Levett
titleVerirrt in den Zeiten
publisherVerlag Das Neue Berlin
year1984
firstpub1933
correctorreuters@abc.de
senderJens Sadowski
created20130612
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Achtes Kapitel

»Vergeblich erwartete ich Erasmus zum Abendessen; er kam nicht.

Ich rief ihn, niemand antwortete.

Ich pochte an die Türe seines Arbeitszimmers; er meldete sich nicht, in seinem Zimmer war es totenstille. Und er hatte doch vor meinen Augen die Türe zugeschlagen und von innen verschlossen.

Vielleicht war er ausgegangen? Unmöglich; ich hätte es ja hören müssen, und überdies stak doch der Schlüssel innen in der Tür.

Rasende Angst erfaßte mich. Und dennoch, als könnte ich das Äußerste nicht fassen, klammerte ich mich an die sinnlose Hoffnung, er könnte ausgegangen sein.

Ich eilte hinunter, suchte die Gastwirtschaften ab, fragte bei allen Bekannten nach, lief die Gassen auf und ab, so daß die Leute neugierig ans Fenster kamen. Niemand hatte ihn gesehen.

Ich lief hinaus aufs Feld, bis in den Wald. Ich fand ihn nicht.

Und nun zurück in atemloser Hast. Inzwischen mußte er nach Hause gekommen sein und wartete auf das Abendbrot.

Das Haus war leer, die Stube blieb verschlossen.

Ich will nicht weitläufig werden, will nicht im einzelnen schildern, wie ich die ganze Nacht vor seiner Tür stand und rief und pochte, wie ich mich vergeblich mühte, das Schloß zu sprengen, bei jedem Schritt, der von der stillen Gasse hallte, ans Fenster lief und wieder rief – bis die Nachbarsleute kamen und mich zu Bette brachten, fiebernd und halb von Sinnen.

In jener Nacht sind meine Haare schlohweiß geworden.

Am nächsten Morgen, so früh es irgend möglich war, ließ ich den Schlosser holen, um das Zimmer zu öffnen. Schmerzlich fuhr mir’s durch den Sinn: Also hat mein Junge doch sein Versprechen gehalten; die Maschine werde ich heute sehen. Doch wie werde ich ihn wiedersehen?

Die Türe war mit leichter Müh’ geöffnet. Bebend an allen Gliedern stürzte ich ins Zimmer. Das Zimmer war leer, von Erasmus keine Spur.

Ich hatte an einen Unfall bei der Hantierung mit der Maschine gedacht und war darauf gefaßt, ihn schwer verletzt, in seinem Blute schwimmend, vielleicht entseelt zu finden. Den Anblick hätte ich vielleicht ertragen. Doch diese Unsichtbarkeit, die ertrug ich nicht. Ich wurde ohnmächtig.

Als ich wieder zu mir kam, war das erste, was mir ins Auge fiel, daß die Maschine fehlte. Die Maschine, die so groß war, daß sie nicht einmal durchs Haustor, geschweige denn durch die Zimmertüre oder gar durchs Fenster zu schaffen war; und sicherlich so schwer, daß sie kaum vier Männer schleppen konnten!

Ich durchsuchte das Zimmer bis in die entlegenste Ecke. Von irgendeinem Kampfe oder sonst einer Gewalttat keine Spur. Das Bett war unberührt. Im Schranke waren Kleider und Wäsche vollzählig und in bester Ordnung, so auch Bücherbord und Werkzeugkasten.

Auf dem Schreibtisch lagen Geldstücke; alte, schwere Goldmünzen waren es, nicht weniger als dreißig. Ich hatte diese Münzen nie gesehen und wußte nicht, daß sie Erasmus je besessen hatte.

Die Schreibtischfächer standen offen, und ich sah auf den ersten Blick, daß seine Aufschreibungen über die Erfindung, – es war ein dicker Stoß, der eine ganze Lade füllte –, daß diese Aufschreibungen fehlten.

Selbstverständlich machte ich sogleich die Anzeige. Vergeblich. Alle Nachforschungen der Behörden nach Erasmus, nach der Maschine, den Notizen, nach dem Fremden, blieben fruchtlos.

Ich stand vor einem furchtbaren Rätsel. Wo war Erasmus hinverschwunden, wo die Maschine, die Notizen?

War er das Opfer eines Verbrechens? Wie war das möglich am hellichten Tage, zehn Schritt vor mir, und ohne eine Spur des Eindringens, des Kampfes? Warum blieb dann das Geld, blieben die kostbaren Instrumente unangetastet?

Wie war’s nur möglich, die Maschine wegzuschaffen? Oder hatte es jemand just nur auf die Erfindung, auf die Maschine und Notizen abgesehen? Niemand wußte von der Erfindung, außer mir und dem Fremden.

Hatte der Fremde seine Hand im Spiele? Ich habe ihn mit eignen Augen fortziehen und nicht mehr wiederkehren sehen.

War Erasmus entflohen? Durch die von innen abgesperrte Türe? Durchs Fenster, ein Stockwerk hoch, am hellen Tage? Und warum; am Tage seines Triumphes?

Hatte er eine Übeltat begangen? Wieso blieb sie dann unentdeckt? Und er hätte es je übers Herz gebracht, mir nicht ein Sterbenswort zu schreiben, achtzehn Jahre lang, auch als Flüchtling, als Verbrecher?

Nein, das kann kein Kind seiner Mutter antun; am allerwenigsten er, mein Erasmus, mir.«

Sie blickte nach dem Bildnis ihres Sohnes, als forderte sie Antwort.

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