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Verirrt in den Zeiten

Oswald Levett: Verirrt in den Zeiten - Kapitel 7
Quellenangabe
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typefiction
authorOswald Levett
titleVerirrt in den Zeiten
publisherVerlag Das Neue Berlin
year1984
firstpub1933
correctorreuters@abc.de
senderJens Sadowski
created20130612
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Sechstes Kapitel

»So ging das bis zum Frühling 1906. Immer wieder glaubte er am Ende angelangt zu sein, und immer wieder narrte ihn dies Teufelsding. Wohl aber war ich am Ende mit meinem Vermögen und mit meiner Nervenkraft. Ich fühlte, daß die Entscheidung herannahe.

Eines Tages war da so ein Mensch aufgetaucht, ein Fremder. Plötzlich war er da. Wie die Pest. Man wußte nicht, woher, wohin.

Mit dem steckte Erasmus oft beisammen. Offenbar interessierte er sich irgendwie für die Erfindung.

Rätselhaft blieb es mir, wie es kommen konnte, daß Erasmus die Erfindung, die er doch vor jedermann, selbst vor mir, so strenge geheimhielt, daß er die Erfindung mit allen ihren Einzelheiten jenem Unbekannten anvertraute. Ich habe es ja selbst gesehen, wie er ihn ins Laboratorium führte – für mich war’s stets versperrt –, wie er ihm die Maschine zeigte und erklärte.

Mir waren diese Zusammenkünfte mit dem Fremden immer ein Dorn im Auge, und der fremde Mensch war mir vom ersten Augenblick an ein Greuel. Warum, das kann ich eigentlich bis heute nicht sagen.

Nachträglich suchte ich’s mit Eifersucht zu erklären, weil mein Junge ihm die Geheimnisse anvertraute, die er mir so ängstlich vorenthielt.

Möglich; ich glaub’s nicht. Der Instinkt war’s, die Ahnungskraft des Mutterherzen.

Aber was das auch für ein Menschenwesen war! Noch heute, nach achtzehn Jahren, würde ich ihn wiedererkennen unter Hunderttausenden, obwohl ich ihn damals nur etwa drei-, viermal gesehen habe.

Und doch könnte ich nicht beschreiben, was ihn so absonderlich machte, so unheimlich, so außerordentlich. Dazu müßte man ein Künstler sein.

Die Tracht war’s nicht, obwohl sie altmodisch und merkwürdig genug war. Auch das Aussehen war es nicht. Ich kann mir schließlich vorstellen, daß in der Berberei, in Äthiopien oder sonst irgendwo im Osten alle Männer so aussehen.

Der Gesichtsausdruck war’s. Irgend etwas war in diesem Gesichte, was sonst jedem Menschenantlitz fremd ist. Oder besser gesagt, umgekehrt: Etwas fehlte dem Gesichte dieses Menschen, was sonst in jedes Menschen Antlitz heimisch ist: Mitleid und Hoffnung.

Dieser Mensch – das glaubte ich in seinen Zügen zu lesen – hatte ungeheure Schuld auf sich geladen und mußte dafür ungeheure Buße tun. Und in der Hoffnungslosigkeit des eignen Leids blieb ihm das Leid der andern Menschen fremd. ›Es stand ihm an der Stirn geschrieben, daß er mag keine Seele lieben.‹

Ich warnte meinen Sohn vor der Gemeinschaft, doch er verlachte mich.

Fast schien es, als ob ich diesmal Unrecht behalten sollte. Seine Arbeit, die an einen toten Punkt geraten war und infolge der Erschöpfung unsrer Geldmittel gestockt hatte, die Arbeit ging wieder vonstatten; ja, wenn ich ihm glauben durfte, stand sie vor der Vollendung.

Nun gäbe es nichts mehr zu befürchten, so versicherte er, das letzte Hindernis sei beseitigt; in zwei Tagen werde er mir die fertige Maschine vorführen. Und das hatte er mir noch nie versprochen.

Wie ich mich freute! Aber man darf sich auf nichts freuen.«

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