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Verirrt in den Zeiten

Oswald Levett: Verirrt in den Zeiten - Kapitel 6
Quellenangabe
pfad/levett/verirrt/verirrt.xml
typefiction
authorOswald Levett
titleVerirrt in den Zeiten
publisherVerlag Das Neue Berlin
year1984
firstpub1933
correctorreuters@abc.de
senderJens Sadowski
created20130612
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Fünftes Kapitel

Wenn wir umgeben sind von Büchern, und von alten Schriften, einsam hingegeben der Erforschung des Vergangenen, den Menschen fern und frei von Leidenschaft, so wird in uns bald das Bedürfnis wach, was wir an Menschenliebe noch besitzen, auf ein Geschöpf aus Fleisch und Blut zu übertragen. So ging es mir mit meiner Wirtin. Ich wurde dieser gütigen und feinen Greisin, die ein unbekannter Kummer allzu schwer bedrückte, von Herzen zugetan. Solche Gefühle bleiben selten unerwidert.

Als ich eines Abends im Dezember bei ihr eintrat – düster war’s und stürmisch, und der Regen prasselte nieder –, fand ich sie in Tränen. Ich konnte mich nicht enthalten, sie um die Ursache ihres Kummers zu befragen. Sie deutete wortlos nach dem Bilde ihres Sohnes. Heute wäre sein Geburtstag gewesen – der sechsundvierzigste.

Ich machte eine unbeherrschte Geste, die etwa besagen sollte: ›So schmerzlich dies ist – aber wie viele Menschen werden gar nicht sechsundvierzig Jahre alt!‹

Als habe sie es erraten, erwiderte sie: »So rechnet eine Mutter nicht . . . Aber, mein Gott, das ist ja schon so lange her, daß ich ihn verloren habe; das sind ja heute volle achtzehn Jahre . . . Eine Mutter braucht sich ihres Schmerzes nicht zu schämen, noch ihn zu rechtfertigen. Und dennoch – wäre er an einer Krankheit gestorben, wäre er verunglückt – Gottes Fügung. Man nimmt es hin und sucht’s zu tragen. Wäre er im Kriege gefallen, von einer Granate zerstückelt, vom Gas vergiftet – man teilt’s mit Millionen. Irgendwo steht doch ein Kreuz, vor dem man beten kann. Aber was mir meinen Jammer so vergiftet, was mich so – Gott verzeih’s mir – so unversöhnlich macht, das ist ja dieses unversöhnliche Geheimnis. Hören Sie doch, wie es zugegangen ist:

Er war ein merkwürdiger Mensch, schon als Kind und als Mann erst recht. Verträumt, verschlossen, den Kopf immer voller Pläne und Erfindungen.

Seine Phantasie war überreich. Es verging keine Nacht, da er nicht aus dem Schlafe redete. Nicht etwa einzelne, abgerissene Worte; nein, lange, zusammenhängende Gespräche. Als wir noch im Wohlstande lebten, hatten wir eine ganze Menge alter Bilder. Vor denen stand er oft stundenlang und sah sie an. Und von denen träumte er. Anfänglich erzählte er mir seine Träume, doch später vermied er, davon zu reden. Und doch, wenn ich nachts vor seine Stube schlich, hörte ich ihn immer wieder aus dem Schlafe sprechen.

Ein Nichts konnte ihn erregen und seine Einbildungskraft entfesseln. An einem Sommerabend – er mochte damals zehn oder zwölf Jahre alt gewesen sein – war er aus seiner Stube – es ist der Raum, den Sie jetzt bewohnen – auf den Lindenbaum davor geklettert. Sie sehen, die Äste dieses Baumes reichen fast ins Zimmer.

Es war Essenszeit, er kam trotz allen Rufens nicht. Ich ging ihn holen.

Da sah ich nun, wie er rittlings auf einem Ast hockte, tief hinabgebeugt, irgend etwas an dem Stamm des Baumes unausgesetzt betrachtete. Endlich richtete er sich auf, sah einen Augenblick gedankenverloren vor sich hin, dann schloß er die Augen und verharrte regungslos, indes Leichenblässe sein Gesicht bedeckte.

Ich stand da, mit angehaltenem Atem, und wagte nicht, ihn anzurufen, aus Furcht, er könnte erschrecken und hinabstürzen.

Als er endlich die Augen aufschlug und sich ins Zimmer zurückschwang, fragte ich ihn, was er denn nur hätte.

Er antwortete zögernd: ›Schau, Mutter, wie ich auf den Baum geklettert bin, habe ich mich an einem Knorren arg gestoßen. Ich habe mir den Knorren angesehen, und da habe ich bemerkt, daß das eigentlich zwei Buchstaben sind, die man da vor langer, langer Zeit eingeschnitten hat und die nun ganz verwachsen sind. Ein E und ein B. Erasmus Büttgemeister. Dann habe ich die Augen schließen müssen, und da habe ich mich plötzlich ganz deutlich erinnert, wie ich selbst vor vielen, vielen Jahren die Anfangsbuchstaben meines Namens in die Rinde dieses Baumes schnitzte. Ach, das muß vor hundert und hundert Jahren gewesen sein. Ich war schon erwachsen und so merkwürdig angezogen, wie die Leute auf den alten Bildern. Und ich war so furchtbar traurig.‹

Das Kind begann zu weinen und war so aufgeregt, daß es gar nichts essen konnte und daß ich es zu Bette bringen mußte.

Gleich Tags darauf habe ich mir diesen merkwürdigen Knorren angesehen. Mit großer Mühe und mit sehr viel Phantasie konnte man wirklich so etwas herauslesen wie ein verschwommenes E. B., und solche Kleinigkeiten genügten, ihn außer sich zu bringen.

Aber sonst war er die reinste, edelste Seele und ein Herz von Gold. Andere Knaben nehmen Vogelnester aus, spießen die Käfer auf. Und er, wenn er einen Regenwurm sieht, macht er einen Bogen, um ihn nicht zu zertreten, wenn er auf dem Wege eine weggeworfene Blume findet, trägt er sie ins Gras. Und wie er an uns Eltern hing!

In der Schule freilich ging’s nicht zum Besten. Der Lateinprofessor, bei dem hat es immer geheißen: ›So ein Wirrkopf, der verschläft ja alles. Der wird es nie zu etwas bringen.‹

Aber der Mathematiker – Warnbühler hat ihn noch unterrichtet in Mathematik und Physik, Sie wissen, der große Warnbühler –, der sagte immer zu meinem seligen Manne: ›Büttgemeister‹, sagte er, ›der Junge wird unsterblich werden. Denk an mich. Den wird man einmal nennen neben Newton und Galilei. Laß den Lateiner schimpfen und den Buben träumen. Er weiß schon, was er träumt.‹

Wenn man das hört, läßt man sein Kind gern gewähren. Vielleicht war das der Fehler. Vielleicht wäre alles anders gekommen, hätten wir ihn in straffere Zucht genommen.

Aber davon wollte ich ja nicht sprechen . . . Ja . . . wie das zugegangen ist. In den letzten Jahren wurde er immer schrullenhafter, immer schweigsamer.

Es begann nach dem Tode Agathes. Agathe war seine Braut. Er hing an dem Mädchen mit abgöttischer Liebe; mit aller Glut seines ungestümen Herzens, mit aller Innigkeit seiner reinen Seele. Sie war aber auch ein Engel an Schönheit und Güte. Warten Sie, Sie müssen ihr Bild sehen.«

Sie holte aus einer Truhe ein Familienalbum und zeigte mir darin das verblaßte Lichtbild eines etwa achtzehnjährigen Mädchens. Sie war tatsächlich von außerordentlicher Schönheit.

Aus dem Album wehte es mich an wie Moderduft, und ich fragte beklommen: »So jung und auch schon tot?«

Sie antwortete mit einer seltsamen Gegenfrage: »Auch? . . . Ja, sie ist gestorben, die Arme . . . verunglückt. Nun, seit Agathes Tode begann die merkwürdige Veränderung im Wesen meines Sohnes.

Soweit ich beobachten konnte, beschäftigte er sich all die letzten Jahre immer nur mit ein und derselben Erfindung.

Was das eigentlich für eine Erfindung war, habe ich nie erfahren; denn er hielt sie selbst vor mir aufs strengste geheim.

Aus seinem Zimmer hatte er ein förmliches Laboratorium gemacht, das niemand betreten durfte. Ging er aus, so schloß er sorgfältig ab, und wenn er mir auf mein dringendes Bitten alle heiligen Zeiten einmal den Schlüssel überließ, um doch endlich Ordnung zu machen, dann fand ich nur doppelt und dreifach versperrte Schränke und auf dem Schreibtisch auch nicht ein Blättchen, das sein Geheimnis hätte verraten können.

Oft, ich gestehe es, versuchte ich, durchs Schlüsselloch zu spähen. Wahrhaftig nicht aus bloßer Neugierde, nein, aus Besorgnis. Denn ich hatte immer solch eine trübe Ahnung, daß es mit dieser geheimnisvollen Erfindung noch ein Unglück geben werde. Und ich bleibe heute noch dabei, daß diese unglückselige Erfindung irgendwie mit seinem Verschwinden in Zusammenhang steht.

Nun, wenn ich so durchs Schlüsselloch lugte, dann sah ich den Schreibtisch bedeckt mit ganzen Stößen von Papieren, und er, er rechnete, rechnete, schrieb. Oft saß er, den Kopf tief in die Hände vergraben, stundenlang regungslos, um plötzlich aufzuspringen und durchs Zimmer zu jagen, auf und ab, rastlos, mit fieberglühenden Wangen und wirren Haaren, die Stirne schweißbedeckt, abgerissene Worte vor sich hin murmelnd – wie ein Gehetzter, wie ein Besessener.

Und mitten im Zimmer da stand eine Maschine, reichlich so groß wie ein Automobil, ein ganzes Wirrsal von Rädern, Rädchen, Sparren, Bolzen und Schrauben. Das zuckte und vibrierte und schillerte und oszillierte, wie wenn tausend böse Geister drinnen stäken; und geheimnisvolle Lichter flammten auf, vielfarbig wie die Augen eines Dämons.

An der Maschine nun bosselte und probierte er immer wieder herum, vertauschte, verbesserte, verfolgte ihren Gang wie fasziniert. Bald gab er ihr die zärtlichsten Kosenamen wie einer angebeteten Geliebten, bald hämmerte er mit Fäusten auf sie los und schimpfte wie ein Fuhrmann.

Von Michelangelo habe ich irgendwo gelesen, daß er mit seinen Figuren, die er unterm Meißel hatte, so schimpfte und so schmeichelte.

Einmal, als ich wieder an der Türe stand, als ich diese betörten Zwiegespräche mit dem leblosen Dinge mit anhörte, als ich dies verzweifelte Ringen mit ansah, da konnte ich mich nicht enthalten, ich pochte an die Türe und rief ihn laut beim Namen, bittend, beschwörend, beruhigend.

Ganz unwillkürlich tat ich’s, so wie man einen Schlafwandler anruft, wenn er aufs Fenstersims steigt. So unwillkürlich und so schändlich. Er fuhr zusammen, wirklich wie aus dem Schlaf geschreckt, und im Nu war er vor der Türe, stand vor mir mit wutverzerrten Zügen, und es fehlte nicht viel, so hätte er die Hand gegen mich erhoben. Gegen mich, die Mutter, die er sonst vergötterte.

Seither ließ ich es sein; es hätte auch nichts genützt; denn das Schlüsselloch blieb fortan von innen verhängt.

Sicher ist, daß diese Erfindung sein ganzes Erbteil und auch mein Vermögen zum größten Teile verschlang. Sich selbst gönnte er nicht das bescheidenste Vergnügen, sparte jeden Pfennig; aber wo’s um die Maschine ging, da kannte er nicht Maß und Ziel, da opferte er unser Letztes, störrisch wie ein Trunkener, bedenkenlos wie ein Spieler.

Wie oft drang ich in ihn: ›Erasmus, komm’ doch zur Besinnung. Was suchst du, was versuchst du? Versuchst du denn nicht Gott?‹

Die Antwort war ein trotziges Lachen.

Ja, einmal machte er eine Bemerkung wie etwa: diese Maschine, wenn sie gelänge, sei der beste Beweis gegen die Existenz Gottes, so daß ich mich ganz entsetzt bekreuzigte.

Vergebens bat ich ihn, mir doch wenigstens zu sagen, welchen Zwecken die Erfindung diene, ja, ich setzte alles Zartgefühl beiseite und hielt ihm vor, ich hätte doch ein Recht zu wissen, wofür ich mein Vermögen opfere.

›Frag nicht, Mutter‹, war die Antwort. ›Du kennst ja meinen Aberglauben. Nicht umsonst heißt in der alten Sprache besprechen soviel wie bannen, wie verzaubern. Unfertiges besprechen heißt es töten. Einstweilen laß es dir genügen: Wenn’s gelingt, so wird’s das Größte, was je Menschengeist ersonnen hat.‹«

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