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Verirrt in den Zeiten

Oswald Levett: Verirrt in den Zeiten - Kapitel 55
Quellenangabe
pfad/levett/verirrt/verirrt.xml
typefiction
authorOswald Levett
titleVerirrt in den Zeiten
publisherVerlag Das Neue Berlin
year1984
firstpub1933
correctorreuters@abc.de
senderJens Sadowski
created20130612
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Nachwort

Der letzte Wunsch Erasmus Büttgemeisters ist damit erfüllt, die Aufgabe des Berichterstatters ist beendigt. Was ich erlebte, was ich fand, habe ich getreu erzählt. Wenn mein Fund wertlos, wenn er kostbar, ist es nicht meine Schuld noch mein Verdienst.

Aber das Rätsel des »Frömbden von Ansbach« ist damit nicht gelöst, es ist erst aufgezeigt. Wie ist mein Fund zu deuten?

Wenn das Manuskript, das ich im Turme fand, die Wahrheit erzählt – und dafür spräche der Fundort –, dann sind die Berichte der alten Chroniken über den Fremden von Ansbach nicht Legende, sondern er hat tatsächlich gelebt und war Erasmus Büttgemeister.

Er erbaute zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts eine Maschine, die es ermöglicht, sich durch die Zeit hindurchzubewegen. Während bei den ortsverändernden Fahrzeugen die Zeit gleichsam die Konstante ist und der Raum variabel, bleibt bei der Maschine Büttgemeisters der Ort konstant und die Zeit wird variabel. Wenn wir die ortsverändernde Maschine Automobil, Lokomotive nennen, können wir die zeitdurchmessende Maschine als Tempomobil bezeichnen.

Die Eindrücke, welche man während einer Reise auf dem Tempomobil empfängt, werden von Erasmus Büttgemeister deutlich geschildert: »Die alte Standuhr, die den Ablauf vieler Tage, Wochen in einen kurzen Augenblick zusammendrängt . . ., die Bäume draußen, deren Laub die rasende Beschleunigung des Laufs der Jahreszeiten bald frühlingsgrün, bald purpurn herbstlich färbte . . . Erst langsam, zögernd, nicht viel schneller, als etwa ein Fußgänger von einem Läufer überholt wird, so daß die Viertelstundenschläge sich noch deutlich unterscheiden ließen, dann immer rascher, immer wilder, so daß ich viele Monate in einem Augenblick durchraste. Und wie in einem Zuge, der dahinfährt, die Häuser, Felder, Telegraphenstangen scheinbar vorüberjagen, so strich an meiner Zeit durcheilenden Maschine die Zeit vorbei.«

Auf dem Tempomobil unternahm nun Erasmus Büttgemeister am 27. April 1906 eine Reise durch die Zeit, von der er nicht mehr zurückkehrte. Daß Erasmus’ Mutter, als sie nach ihm suchte, die Maschine nicht mehr in der Stube fand, ist nur verständlich. Das Tempomobil war nicht mehr da, ebensowenig wie etwa die Luftsäule, welche die Stube vor zehn, vor hundert Jahren erfüllt hatte.

Warum Erasmus Büttgemeisters Zeitenreise just im Jahre 1632 endigte, bleibt unaufgeklärt. Er selbst fragt: »War’s Landung oder Strandung?« Er selbst weiß also nicht, ob seine »Ankunft« im Jahre 1632 von ihm beabsichtigt oder nur eine Art Betriebsunfall war.

Unklar bleibt auch, warum Büttgemeister, der uns doch Proben seines bedeutenden mathematischen Wissens liefert, von den technischen Einzelheiten seiner Erfindung nicht das geringste zu berichten weiß, da er sie angeblich vergaß. Warum vergaß er dann nicht auch seine anderen mathematischen Kenntnisse?

Indes lassen sich für beide Fragen Erklärungen finden, welche der Vernunft nicht widerstreiten.

Daß eine solch ungeheuerliche Neuheit wie das Tempomobil bei der Erprobung Überraschungen bietet, plötzlich irgendwie versagt, dem Willen seines Lenkers nicht gehorcht, das ist nicht verwunderlicher, als wenn etwa eines jener neuen, phantastisch schnellen Gleitboote bei seiner Probefahrt kentert.

Sein Nichtwissen von den technischen Einzelheiten der Erfindung führt Büttgemeister auf eine krankhafte Erinnerungslücke (Amnesie) zurück. Diese Erklärung ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Denn es ist sehr wohl denkbar, daß eine Zeitdurchquerung – wenn sie überhaupt möglich – unsern Organismus den tiefgreifendsten Veränderungen aussetzt, ja, es ist eines der großen Geheimnisse um diese wunderbare Erfindung, wie es nur möglich ist, den Lenker des Tempomobils vor dem zerstörenden Einflusse der Zeit, die er ja eilends durchmißt, zu schützen.

Bleibt noch zu fragen: Was ist aus der Dynamomaschine geworden, die Büttgemeister im Jahre 1632 erbaut hatte, und was ist mit dem Tempomobil geschehen?

Die Dynamomaschine war unversehrt geblieben. Sie war nicht leicht zu übersehen – wie etwa der silberne Taschenstift, den Büttgemeister dem Justiziar Altmannstetter schenkte. Wie kommt es, daß in den zeitgenössischen Quellen nirgend von ihr die Rede ist?

Darauf ist eine Antwort bald gefunden: Nach Erasmus’ gewaltsamem Tode wußte man mit der Dynamomaschine nichts anzufangen. Vielleicht zerstörte man sie als Teufelswerk, vielleicht geriet sie einfach in Vergessenheit, stand irgendwo herum mit allerhand Gerümpel, bis sie als altes Eisen eingeschmolzen wurde.

Was ist aus dem Tempomobil geworden? »Wohin ist das Gespensterschiff gesegelt?« fragte Erasmus Büttgemeister. Solange seine Triebkraft reichte, machte es – in umgekehrter Folge – alle räumlichen Veränderungen seines Standortes mit. Wenn es bis in die Zeit zurückgelangte, da das Haus der Büttgemeister neu erbaut wurde, mußte es zu Boden stürzen – sofern es nicht auch Schwebekraft besitzt und überhaupt an die Schwere gebunden ist. Es mußte, falls es nicht zuschaden kam und seine Triebkraft anhielt, in prähistorische Zeiten gelangen und somit in Erdschichten, welche tief unter der jetzigen Erdoberfläche liegen. Und wenn seine Bewegung nicht erlahmte, geriet es schließlich »bis in den Urbeginn der Erdentage«, in jene Äonenferne, da der Erdball feurig-flüssig war. Dies ist die äußerste Grenze jenes Wunderfluges; denn daß die Maschine auch den Feuernebeln der Erderschaffung standhielt, dies muß auch die wundergläubigste Phantasie verneinen. Mit gutem Grund fragte Büttgemeister: »Wird man es einst in einer Höhle des Eozän entdecken? Oder ist es fortgerast bis an den Anfang allen Anfangs, bis in den Urbeginn der Erdentage, um in den Flammennebeln der Erschaffung zu verdampfen?«

Wenn sich auch für die bisher aufgeworfenen Fragen zur Not eine Erklärung finden läßt, so waltet doch über der Erfindung Büttgemeisters ein unergründliches Geheimnis.

Ist es überhaupt denkbar, die Zeit zu »überwinden«; die Zeit, die etwas Unwirkliches ist, die nur in unserer Vorstellung existiert, die in Wirklichkeit nichts ist als die Veränderung des Raumes, also eine Eigenschaft desselben? Und dieses Unwirkliche, dieses Abstraktum soll mit etwas Konkretem, mit einer Maschine durchmessen werden können?

Die Handschrift erhebt gegen die Möglichkeit einer derartigen Erfindung Einwendungen, die – wenigstens bei dem heutigen Stande unserer Erkenntnisse – unwiderleglich sind: »Wenn ich von heute in zweihundert Jahren längst verstorben bin, wie kann ich dann zur selben Zeit, auf der Maschine sitzend, leben? Vielleicht vom Fahrzeug steigen und meine eigene Gruft besuchen, wo meine längst vermoderten Gebeine ruhen? Und in der Vergangenheit: Wenn ich gestern ging und stand und sprach und allerhand verrichtete, wie kann ich dann dasselbe Gestern, auf der Maschine fahrend, noch einmal durchleben, also zu gleicher Zeit auf der Maschine und außerhalb derselben? Wenn es möglich ist, die Zeit zu überwinden, so muß es doch, so wie es mir geglückt ist, ob früher oder später auch ein anderer Mensch zu Wege bringen, es muß Gemeingut aller Menschen werden, wie die Dampfmaschine, wie das Luftschiff. Warum ist dann noch nie ein solcher Zeitumsegler auch bei uns erschienen? Und wenn es ihm beifiele, zurückzujagen bis in die entfernteste Vergangenheit, bis an die Wiege allen menschlichen Geschlechts, und hier mit ein paar Bomben oder mit einer Phiole giftiger Bakterien alles Leben zu vernichten – wo wäre dann die Menschheit, wo er selbst?«

Freilich gibt es genug Erfindungen und Entdeckungen, die auch, ehe sie gemacht wurden, undenkbar schienen. Unser ganzes Weltgebäude, die Vorstellung, daß die Erde eine Kugel ist, die im unendlichen Raume mit unfaßlicher Geschwindigkeit um die Sonne kreist, daß sie nur einer unter Myriaden anderer Weltkörper ist – diese Vorstellung wäre den Völkern der Antike undenkbar gewesen. Die Schallplatte und der Fernsprecher wären vor hundert Jahren, der Rundfunk noch vor fünfzig Jahren auch von den erleuchtetsten Geistern als barste Unmöglichkeit betrachtet worden.

Folgen wir diesem optimistischen Gedankengange und glauben wir einmal an die Realität von Büttgemeisters Erfindung. Aber da stehen wir im nächsten Augenblick vor einem zweiten, noch unergründlicheren Rätsel. Neben dem Wunder der Technik erhebt sich in bizarr-erhabner Nachbarschaft ein Wunder Gottes.

Denn wenn wir Büttgemeister seine Erfindung glauben – an deren Einzelheiten er sich gar nicht besinnt –, dann müssen wir ihm auch den Ewigen Juden Ahasverus glauben, den er auf das bestimmteste erkennt. Hier kann es sich nicht um eine verwirrende Ähnlichkeit handeln, wie bei Agathe, hier schließt die Handschrift mit vollem Nachdruck jede Täuschung aus. Auch ist die Erscheinung jenes Mannes – dem Erasmus im siebzehnten und im zwanzigsten Jahrhundert begegnet –, sind seine Worte und sein Handeln derart, daß sie folgerichtig nur dem Ewigen Juden zugeschrieben werden können.

Sowie er von Erasmus’ Erfindung erfährt, fördert er die stockende Arbeit, betreibt mit fieberhaftem Eifer ihre Vollendung, zu keinem anderen Zweck, als um sich der Wundermaschine zu bemächtigen und sich mit ihrer Hilfe von dem Fluche der Unsterblichkeit zu erlösen. »Ach, wenn ich es erst hätte, dies Ding, dies Unding! Dann fort, fort bis ans Ende aller Zeiten!« Und da er sich von Erasmus um sein Ziel betrogen glaubt, flucht er ihm mit den Worten: »›Ich werde ruhn, doch du wirst gehn.‹ Das waren auch die Worte eines anderen, der mich verfluchte. So sei verdammt wie ich. So soll dich Gott mit deinem eigenen vermeßnen Werke strafen. Wie ich im Raume friedlos irre, so mögest du dich in der Wüstenei der Zeit verirren, heimatlos und hoffnungslos.«

Diese Worte, die im Munde jedes anderen Menschen irres Gefasel wären, sie gewinnen, von Ahasverus gesprochen, erhabne, furchterregende Bedeutung. Denn tatsächlich – so ist es überliefert – sprach Jesus Christus, als er auf dem Wege nach Golgatha vor dem Hause des Ahasverus ruhen wollte und dieser ihn davontrieb, zu Ahasver: »Ich werde ruhen, du aber sollst gehen, bis ich wiederkomme!«

Wie lösen wir nun jenes zweite Rätsel? Wenn je ein Menschenwerk den Glauben an das Dasein Gottes erschüttern könnte, so wäre es die zeitüberwindende Maschine. Und doch berichtet uns der Schöpfer jenes gottesleugnerischen Werkes ein sichtbares Wunder Gottes! –

Diesen rätselhaften Widersprüchen und widerspruchsvollen Rätseln entrinnen wir, wenn wir nach einer andern Deutung der Handschrift suchen, einer Deutung, welche den Bericht der Handschrift aus dem Bereich der Wirklichkeit verweist.

Freilich – um es vorwegzunehmen – bleibt auch bei dieser Deutung manches unaufgeklärt: der Fundort der Handschrift in dem vermauerten Gefängnistrakt, das Verschwinden der Maschine, das Verschollensein Erasmus’. Aber all dies sind Tatsachen, die zwar unaufgeklärt, doch nicht unerklärlich sind, für die sich Erklärungen finden lassen, die zwar nicht völlig befriedigen, aber doch nicht den Denkgesetzen widersprechen.

Die Kerkerzelle im Turme – wo die Handschrift gefunden wurde – war zu Lebzeiten Erasmus Büttgemeisters wohl nicht vom Gerichtsgebäude aus, aber von außen her für jeden halbwegs geübten Kletterer ohne weiteres zugänglich.

Die Maschine war zwar nach der Schätzung von Erasmus’ Mutter so groß, »daß sie nicht einmal durchs Haustor, geschweige durch die Zimmertüre oder gar durchs Fenster zu schaffen war«. Aber Frau Büttgemeister hatte die Maschine nur in ihrem anfänglichen, unfertigen Zustand gesehen. Späterhin verwehrte ihr Erasmus bekanntlich auch den bloßen Anblick der Maschine, indem er das Schlüsselloch verhängte. Es ist nun durchaus möglich, daß die fertige Maschine weitaus kleinere Dimensionen hatte, und wenn sie eine Art Flugzeug war – im Jahre 1906, als Erasmus verschwand, überflog Blériot bereits den Ärmelkanal –, so ist es zumindest nicht undenkbar, daß die Maschine durchs Fenster entschwand und Erasmus mit ihr. Und wenn Erasmus mitsamt seiner Maschine fortan verschollen blieb, so teilte er dieses Schicksal mit gar manchem Flieger.

Für eine Deutung, welche die Wahrheit des von mir vorgelegten Berichtes negiert, finden sich Anhaltspunkte genug.

Erasmus Büttgemeister war zweifellos nicht nur ein hochbegabter, sondern auch ein übernervöser Mensch. Schon das Charakterbild des Knaben weist Züge auf, die der Arzt als neuropathisch bezeichnen müßte: das Sprechen aus dem Schlafe, die bunten Träume, das Übergreifen des Traumlebens in seinen Wachzustand. All dies wissen wir nicht nur von seiner Mutter, sondern von ihm selbst.

Dieser überbegabte, überempfindliche, in sich versponnene junge Mensch, dessen Kindheit in Wohlstand geborgen, von liebenden, gebildeten Eltern sorglich behütet war, er wird von einem schweren Unglück betroffen, von dem gewaltsamen Tode seiner über alles geliebten Braut. Der Schicksalsschlag scheint auf das allzu empfängliche Gemüt Erasmus Büttgemeisters geradezu verheerend gewirkt zu haben, dermaßen, daß sein Geist getrübt wurde. Das Volk würde sagen: Er wurde vor Kummer wahnsinnig.

Der durchschnittlich veranlagte Mensch mag unter einem solchen Schmerz zusammenbrechen und sich erst nach schwerem Siechtum wiederfinden. Er wird vielleicht, wenn der Verlust den Lebenswillen überwiegt, zum Selbstmord greifen. Aber er wird sich nicht dem irren Wunsche hingeben, die Tote noch auf Erden wiederzusehen. Dieser Wunsch an sich kennzeichnet sich als Manie.

Das klinische Bild wird nicht nur durch Erasmus’ Mutter bestätigt, welche berichtet, daß er seit Agathes Tod immer »schrullenhafter« wurde, es wird auch auf das treffendste ergänzt durch ein charakteristisches Symptom: die Amnesie.

Während wir zuvor, da wir von der Wahrheit der Erzählung ausgingen, die Erinnerungslücke, das Nichtwissen von den Einzelheiten der Erfindung, nur zögernd als einen Notbehelf hinnehmen mußten, fügt sie sich jetzt nicht nur ungezwungen, sondern geradezu zwangsläufig in den Rahmen des Krankheitsbildes.

Der Schmerz um den Verlust der Geliebten, die Sehnsucht nach ihr wird im zerrütteten Gemüt Erasmus Büttgemeisters zur überwertigen Idee, zum Wahn. Mag der Ausdruck dieses Schmerzes erhaben sein, mag der Versuch, die Zeit zu überwinden, titanisch scheinen – es bleibt ein Wahn.

Auf dem Wege seiner Diagnose findet der Psychiater einen merkwürdigen Wegweiser: die Stelle aus Maupassant in der Handschrift. Es ist kein bloßer Zufall, daß es just Maupassant ist, jener Dichter, der selbst dem Wahnsinn verfiel, und daß gerade jene Worte zitiert werden, welche der Dichter einen Irren sprechen läßt. Der manische Wunsch eines Besessenen, erträumt von einem wahnverfallnen Dichter – sie sind das Leitmotiv für den verstörten Sinn Erasmus Büttgemeisters, ihre »liebliche Musik bleibt ihm unauslöschlich im Gedächtnis«.

Aus der Wirklichkeit, die ihm unerträglich wird ohne den Besitz Agathes, flüchtet sein verwirrter Geist in das Reich der Träume. Und Träume sind Wahn. Die Wirklichkeit wird ihm unverständlich und unerinnerlich. Darum breitet sich über sein äußeres Leben das Vergessen »wie Nebelschleier über einer Landschaft«, und es sind nur seine Träume, die »aus jenem Nebelmeer in vielfarbigem Glanze leuchten«. Darum seine erschütternde Frage: »Wo ist Wirklichkeit, wo ist Erwachen? Was ich jetzt durchlebe, ist’s ein Traumbild oder Wachen? Wann, wann denn werde ich erwachen?«

Nein, nirgend ist da Wirklichkeit, ein Traum ist alles. Über die grausame Wirklichkeit, über Not, Verlassenheit, die Sehnsucht nach der verlorenen Geliebten, über seine ehrgeizigen Erfinderpläne, über all seine unerfüllten Wünsche täuscht er sich hinweg und gaukelt sich Erfüllung vor: die weltbewegende Erfindung, den stolzen Flug ins siebzehnte Jahrhundert, das Wiederfinden der Geliebten.

Aber mitten im Tumulte seiner wildbewegten, bunten Träume ertönte noch wie aus weiter Ferne die Stimme der mahnenden Vernunft. Sie erinnert daran, daß die Zeit nicht zu besiegen ist, daß wir einen Toten auf Erden nicht wiedersehen können. Darum malt er in seinen Träumen nicht nur die Erfüllung seiner unerfüllten Wünsche, sondern – seltsames Widerspiel – er tröstet sich zugleich über die Unerfüllbarkeit der Wünsche, indem er die Erfüllung zur Verdammnis werden läßt.

Darum läßt er die wiedergefundene Agathe durch eigene Hand sterben, ihn selber hassend, darum müssen alle seine Werke vernichtet werden und er selbst zerschellen.

Nun hebt der eine Traumestrostspruch den andern gleichsam auf. Seine Träume sagen ihm: Wir trösten dich über den Verlust Agathes, über deine unerfüllbaren Erfinderpläne; denn du findest ja Agathe wieder, deine Erfindung wird verwirklicht. Doch gleich darauf fährt der Traum fort: Aber wenn du Agathe wiederfindest, wird sie dir sogleich entrissen werden, und die Verwirklichung deiner Erfinderpläne bedeutet deinen Untergang.

Der Gewinn seiner Träume wäre zu gering, wenn sie ihm nicht für diese neue Wunde Linderung brächten. Darum erfindet seine geschäftige Phantasie die edle Gestalt des Malers Konradin, dessen Bildern Unsterblichkeit gebührte – wären sie nicht verbrannt; darum läßt er den Heereszug Wallensteins an sich vorüberziehen: den Stolz und Schrecken seiner Zeit – und heute ein Schattenbild, ein Traum, in Staub und Dunst ein Haufen längst vermoderter Gespenster; darum ragt aus den Nebeln seiner Träume das mächtig-düstre Haupt des Ahasverus, sein tragischer Gegenspieler. Auch der Ewige Jude hat die Zeit bezwungen – gleich Erasmus – und leidet doch durch diesen Sieg Unmenschliches und wünscht nichts sehnlicher, als diesem Siege zu entrinnen.

All dies ist nur ein Traum: die weltbewegende Erfindung, der Wunderflug ins siebzehnte Jahrhundert, Agathes Wiederfinden, der Ratsherr Matthäus Büttgemeister, der Priester Friedrich von Spee und Konradin und Wallenstein.

All dies buntbewegte Treiben ist nur ein Traum: »Aus ihren Rahmen stiegen, schritten, schwebten Ratsherren, Ritter, Mönche, Frauen, klirrend und kosend, scherzend und scheltend, und wandelten umher, gespreizt und gravitätisch, und redeten in längst verschollnen Zungen und liebten und trogen und haßten und litten . . .«

Daß solch ein verzückter Schwärmer wie Erasmus, hingegeben der Begierde nach versunkenen Zeiten, auf seinen traumverlorenen Wanderungen auch in ein längst vergessenes Gefängnis gerät und, in seinen Traum versponnen, hier den geeigneten Ort wähnt, um sein »Einziges, sein alles, seine Werke« zugleich zu bergen und zu verbergen, um von seinem ungeheuerlichen Erleben Kunde zu geben und doch wiederum – auch hier ein seltsames Widerspiel – die Kunde zu verhindern – dies wäre nicht befremdlich.

All das wäre nun zwar recht interessant, aber nur für den Psychiater, nicht für den Leser – wenn nicht jene Träume zugleich ein Kunstwerk wären.

Hier können wir einmal aus nächster Nähe den merkwürdigen Prozeß betrachten, wie sich das Gebrest im Leib der Muschel zur Perle formt, wie das Blut, das aus der Wunde des Baumes träufelt, zum wohlriechenden Balsam wird. Der Schmerz wird hier zum Wahn, der Wahn zur Poesie, und im Traumgewölk verdämmernd, führt der schmale, schmerzensreiche Pfad zwischen Genie und Irrsinn.

Wenn wir die irren Träume Erasmus Büttgemeisters als Dichtung gelten lassen, dann werden sie zur Allegorie für ein bedeutungsvolles Gleichnis: Die Sphinx der Zeit, die hinter unsern Tagen lauert, zerschmettert jeden, der es wagt, ihr Rätsel zu durchdringen. Dem Menschen ist der Raum gegeben, daß er ihn beherrsche; doch die Zeit ist Gottes. Und wer sich vermißt, sich mit dem Unermeßlichen zu messen, der muß zerschellen!

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