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Verirrt in den Zeiten

Oswald Levett: Verirrt in den Zeiten - Kapitel 53
Quellenangabe
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typefiction
authorOswald Levett
titleVerirrt in den Zeiten
publisherVerlag Das Neue Berlin
year1984
firstpub1933
correctorreuters@abc.de
senderJens Sadowski
created20130612
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Zweiundfünfzigstes Kapitel

Sie mögen mich töten, schänden werden sie mich nicht. Bei ihrer Habsucht wußte ich sie zu packen und habe ihnen etwas vorerzählt von ungeheuern Reichtümern, die bei meinem Hause vergraben seien, von zauberhaften Schätzen, die ich durch schwarze Kunst gehoben hätte. Die soll ich ihnen zeigen.

Noch ist meine Dynamomaschine unversehrt. Sie soll mich töten, soll mich vom Martertode retten.

Während ich gramvoll dem Tod entgegensinne, öffnet sich die Kerkertüre, und es tritt ein Priester ein. Der Todesbote.

Ich erkenne ihn: Er ist es, dem ich damals vor dem Rathause begegnet war. Wenn mich auch seine Lehre nicht trösten kann, so ist es doch schon Trost, ein solches Angesicht zu sehen und eines Menschen Stimme zu vernehmen.

Auf seine Bitte, ich möge durch die Beichte mein Herz erleichtern, er sei gekommen, mir Trost zu spenden, erwiderte ich: »Ich habe nichts zu beichten. Auch glaube ich nicht an das Sakrament.«

»Ich weiß, Ihr gleichet keinem Mörder, keinem Hexenmeister, und ich ahne, daß über Euch Außerordentliches waltet. Ach, menschliche Gerechtigkeit ist fehlbar. Wie viele mußte ich zum Martertod geleiten, die schuldlos waren so wie Ihr. Aber verhärtet nicht Euer Herz. Sprechet. Es wird Euch Lindrung bringen. Und Ihr sprecht zu einem Herzen, das mit Euch fühlt.«

So erzählte ich ihm alles. Erzählte ich mir alles, mein ganzes Lebensschicksal. Überschaute es noch einmal in düstrem Rückblick, übersann es.

Viele Stunden lang sprach ich vor mich hin, bis das Tageslicht mählich verblaßte.

Und er hörte zu wie nur ein reines, edles Herz zu hören weiß. Nur ab und zu, wenn mir in übergroßem Schmerze die Stimme brach, neigte er sein gütiges Gesicht ganz nah zu mir und strich mir tröstend über meine Stirne.

Als ich zu Ende war, sprach er mit ergriffner Stimme: »Bruder, mein geringer Verstand vermag all dies nicht zu begreifen. Doch will ich aus dem Urquell aller Weisheit schöpfen, aus dem Worte Gottes.

Ein ungeheures Gleichnis erkenne ich in Eurem Schicksal. Seht doch, Erasmus.

Erasmus . . . Schon in Eurem Namen liegt Vorbedeutung. Erasmus: erraturus. Der du irren wirst, dich verirren wirst.

Seht doch. An einem siebenundzwanzigsten April wurdet Ihr entrückt. Der siebenundzwanzigste April ist der Tag des heiligen Peregrinus. Peregrinus: der Fremde. Von diesem Märtyrer stammt der Ausspruch: ›Mein Gott, mein Gott, in welchem Jahrhundert hast du mich geboren werden lassen!‹

Höret weiter. Zehntausend Tage habet Ihr gelebt, um hunderttausend rückzumessen, ›quia unus dies apud dominum sicut mille anni et mille anni sicut unus dies!‹ Denn ein Tag ist vor dem Herrn gleich tausend Jahr und tausend Jahre wie ein Tag.

Und die Erinnerung an Euer eignes großes Werk ist Euch zerstört. Denn es steht geschrieben: Des Herren Angesicht steht über denen, so Böses tun, ut perdat memoriam eorum . . . Daß er ihr Gedächtnis austilge. – Das Zitat ist allerdings nicht vollständig. Es fehlen die Worte »de terra«. Damit ist auch der Sinn anders und lautet: daß er ihr Gedächtnis austilge von der Erden. Ihr habt in Gottes Allmacht eingegriffen.«

»Also nur um eines Wort- und Zahlenspieles willen soll ich gelebt haben und gelitten! . . . Gottes Allmacht. Seht her!«

Ich zeichnete mit meinen Schellen ein Dreieck in den Staub des Bodens.

»Kann Gott bewirken, daß die Summe der Winkel eines Dreiecks nicht gleich einhundertachtzig Grad ist? Wo bleibt seine Allmacht? Sie scheitert an der Zahl.

Kann er Gescheh’nes ungeschehen machen? Aber ich wollte das Gescheh’ne ungeschehen und das Ungeschehene geschehen machen. Die Kerkermauern wollte ich niederreißen, hinter denen uns die Zeit gefangenhält.«

»Gefangen hält . . . Nur unser sterblich Teil. Die Seele habet Ihr vergessen.

Die Zeit . . . Was ist die Zeit?«

Und leise, versonnen sprach er vor sich hin:

»In aeterno corda rerum
Nil in unda est dierum
Et in hora nihil verum.« Der Dinge Wesen in Unendlichkeit liegt. Im Auf und Ab des Tages dich der Schein besiegt. Und keine Stunde dir beständ’ge Wahrheit gibt.

Dann schwiegen wir beide – erfüllt von unseren Gedanken.

Um die Stille zu brechen und um wieder seine Stimme zu vernehmen, fragte ich in ehrfürchtiger Neugier: »Saget doch, wer seid Ihr? Wie nennt Ihr Euch?«

»Friedrich von Spee hieß ich, ehe ich mich der heiligen Kirche weihte.«

»Friedrich von Spee. Welch hochgepriesner Name. Der Dichter der ›Trutznachtigall‹, der edelmütige Bekämpfer des Hexenwahns. Ihr, Ihr seid unsterblich.« Und bitter schloß ich: »Und ich wollte mir Unsterblichkeit erringen und muß zerschellen, spurlos, namenlos.«

Zarte Röte deckte seine abgezehrten Wangen.

»Seid nicht ungerecht. Wer Ungeheueres erlebt, muß Ungeheures erleiden. Aber mich faßt unsagbare Freude. Nicht weil Ihr mir von meinem Nachruhm kündet. Nein, weil ich jetzt mit eignen Augen das überwältigende Wunder Gottes sehe, ja, Ihr stammt wirklich aus der Zukunft. Denn niemand, außer mir, weiß noch von den Büchern, die ich schreibe.

Und auch du, mein Bruder, freue dich. Denn wen Gott zu einem solchen Wunder ausersehen, den hat er auserkoren, nicht ausgestoßen. Sieh doch, du mußt leiden um deiner eigenen Ziele willen, aber denke doch«, und er sank nieder auf die Knie, und seine Augen leuchteten in unsagbarem Glanze, »denke doch an Ihn, der für uns alle litt, der dich erwartet in all seiner Herrlichkeit, der dich geleiten wird in die Gefilde unsterblicher Freude. Bruder, Auserwählter, der du einziehen wirst zum Throne Gottes, bete für mich Armen!«

Und in seine segnenden Hände weinte ich die letzten Tränen.

 

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