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Verirrt in den Zeiten

Oswald Levett: Verirrt in den Zeiten - Kapitel 51
Quellenangabe
pfad/levett/verirrt/verirrt.xml
typefiction
authorOswald Levett
titleVerirrt in den Zeiten
publisherVerlag Das Neue Berlin
year1984
firstpub1933
correctorreuters@abc.de
senderJens Sadowski
created20130612
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Fünfzigstes Kapitel

Während sie diesen Unsinn schwatzten, plante ich, ihn zu widerlegen, eine kleine Überraschung.

Ich griff nach meinem Sack. Die Taschenbatterie war drin. Sie war unversehrt geblieben. Niemand hat sie je gesehen, außer dem armen Konradin.

Als die Sachverständigen zu Ende waren, bedankt von beifälligem Gemurmel, als Scultetus mich in abweisendem Tone fragte, ob und was ich zu entgegnen hätte, verneigte ich mich vor den Sachverständigen mit einem tiefen Kratzfuß, zog mit einem raschen Griffe meine Taschenbatterie, hielt sie mit beiden ausgestreckten Händen hoch empor – wie eine Monstranz – und fragte mit mühsam beherrschter Ruhe, mit verhaltnem Spott: »Nun, und wie explizieren die hochgelahrten Herren hier diesen kleinen Scherz?« Und die hocherhobne Batterie ließ ich jäh aufleuchten.

Die Wirkung übertraf alles Erwarten.

Alle duckten sich wie unter einem Blitz. Der würdige Scultetus versteckte sich behende wie ein Wiesel hinter seinem Armstuhl, der gestrenge Altmannstetter schlüpfte mit einem Affensprunge in die Nische hinterm Ofen, der Bilfinger kletterte wie eine Katze auf den Kasten; mit einem Satz war der Henker draußen bei der Türe, und die andern verschwanden unter den Bänken, hinter ihren Stühlen.

Nur einer blieb gelassen, Matthäus Büttgemeister, ja, um seine Lippen spielte es wie heimliche Genugtuung, und fast schien es, als lächle er mir zu, ermunternd.

Spielend leicht hätte ich entfliehen können. Aber ich dachte nicht an Flucht. Meines Sieges wollte ich mich freuen. In jubelndem Triumphe schwang ich die hoch erhobne Batterie, leuchtend, wie eine Freiheitsfackel, und rief: »Ist das hier auch Blendwerk? Blendet es Euch recht das Blendwerk, Ihr Maulwürfe, Ihr blinden? Seht Ihr, das ist das Licht des zwanzigsten Jahrhunderts!«

Und mit der strahlenden Batterie fuhr ich unter die Bänke, hinter die Stühle, wo sie angstvoll kauerten, und scheuchte sie hervor wie Ratten aus den Löchern.

Als sie sahen, daß diesem Blitz kein Donner folgte, daß das Ding in meinen Händen nicht weitern Schaden tat, da krochen sie allmählich hervor und schlichen sich an ihre Plätze.

Spielend leicht hätte ich entfliehen können . . . Ach, wäre ich doch geflohen!

Ich barg die Batterie in meiner Tasche, trat an die Barre, und die Vernehmung wurde fortgesetzt.

»Wenn ich Euch recht versteh«, begann Scultetus mit verlegnem Räuspern, »movieret Ihr inspectionem rei, Augenschein des Dinges. so Ihr in Händen habet Admittimus . . . Wir lassen's zu. Wohl denn, weist das Ding her und zeigt, was Ihr damit vermöget. Aber bei diesem Crucifixo, ich warne Euch vor Hexerei!«

Und mit tiefem Ernst, beschwörend, hielt er mir das Kruzifix entgegen, das auf dem Tische stand.

Gehorsam zog ich die Batterie hervor. Aller Blicke hingen an mir, halb neugierig, halb furchtsam. Atemlose Stille herrschte, so daß man hinterm Ofen das Rascheln einer Maus vernahm.

Mit der ruhigen Sicherheit des Sieges blickte ich auf Scultetus, auf das Kruzifix, das er mir entgegenhielt, und preßte meinen Finger an den Druckknopf, um den Strahl der Lampe zu entzünden.

Aber was war dies? Die Batterie blieb dunkel, sie versagte.

Alles Drücken, Pressen, Rütteln blieb vergeblich. Auf meine Bitten wurden mir die Schellen abgenommen, damit ich frei hantieren und die Batterie zerlegen könne.

Ungeduld und Unruhe wurden fühlbar, Zurufe, bald spöttisch und bald drohend, wurden laut.

Der Atem stockte mir, kalter Schweiß trat mir auf die Stirne. Um Gottes willen, nur jetzt nicht versagen! Von dieser Winzigkeit hängt jetzt mein Leben ab, mein ganzes Schicksal, Deutschlands Schicksal, das der ganzen Welt!

Alles vergeblich! Die Batterie war ausgebrannt. Die wenigen Minuten, da ich sie »gleich einer Freiheitsfackel« aufflammen ließ, die hatten ihre letzten Kräfte aufgezehrt. So rächte sich meine unselige Triumphsucht.

Rasender Zorn erfaßte mich, gegen mich, gegen meine törichte Verblendung, die mich von müheloser Flucht abhielt und zu kindischer Rechthaberei verleitete, gegen das tückische Verhängnis, das an einem lächerlichen Zufall mein ganzes Leben scheitern läßt.

In ohnmächtiger Wut schüttelte ich meine Fäuste gegen das Kruzifix und schrie: »Höhnst du mich schon wieder? Erst Konradin und dann Agathe und nun auch dies!«

Dann kehrte sich meine sinnlose Wut gegen die erloschne Batterie; ich schmetterte sie zu Boden und trat sie mit Füßen: »Zum Teufel mit dem jämmerlichen Schund!«

Jählings besann ich mich: Was treib’ ich denn, wohin treibt mich mein Wahnwitz! Mühsam ringe ich nach Fassung und bitte um eine kurze Frist, damit ich ihnen die wiederhergestellten Apparate aufs neue vorführe.

Aber da brach’s los, da fuhren sie mich an wie aus einem Munde, voll Hohn und rachsüchtiger Schadenfreude: »Ja, das wär’ Ihm so zupaß! Das tät’ Ihm frommen, dem Malefizverbrecher, dem zauberischen Buben, dem verdammten! Jetzo weist sich’s klärlich; vor dem Crucifixo ist sein höllisch Blendwerk zuschanden worden. Drum hat er Gott verlästert und den Teufel angerufen. Gebt ihm wiederum die Ketten und führt ihn zur Tortur!«

Verspielt, zerschellt!

Nun war’s schon einerlei, nun rief ich ihnen zu: »Gut, also ist es Blendwerk. Für Euch ist’s Blendwerk. Und von mir war es Verblendung, Euch engstirnigen Bestien den Fortschritt einer bessern Zeit zu weisen. Könnt Ihr mit dem Licht, das ich Euch bringe, Eure Finsternis erhellen? Aber ich geb’ es auf, ich nehme mein Geheimnis mit ins Grab.«

Und mit den Ketten, die wiederum an meinen Händen klirrten, hämmerte ich los auf alles, was da auf dem Tische lag, alle meine mühevollen Werke, und was nicht schon zertrümmert war, schlug ich in Trümmer.

Ich schrie sie an, todestrunken, nach Erlösung lechzend, in bitter-süßer Selbstvernichtung: »Mir graut vor Euch. Selbst über Euch zu herrschen wäre Verdammnis. Brennt nur weiter Eure Scheiterhaufen, rädert, martert, spießt und drangsaliert Euch in Eurer finstern Barbarei. Daß Ihr’s nur wißt: noch sechzehn Jahre Krieg stehn Euch bevor. Kaum die Hälfte habt Ihr überstanden. Aber ich, ich werde leben in einer fernen, bessern Zeit. Über Eure Gräber bin ich hinweggehüpft! Ich werde leben, wenn von Eueren vermoderten Gebeinen der letzte Staub verweht, von Euern Äsern der letzte Stank verdampft!«

So rief ich’s ihnen zu, schmutzbedeckt, mit wirren Haaren und zerrissenem Gewande, den übermütigen Ratsherren, und wiederum erbleichten sie in atemlosem Schweigen, geblendet von dem Strahle der ungeheuerlichen Wahrheit.

Als sie losbrachen in hämischer Wut, tausend Martern über mich berieten, da hörte ich kaum zu, gleichsam eingehüllt in eine Rosenwolke. Mich umfing ein köstlich schlaffes, trunkenes Gefühl des Unwirklichen. Mir war’s, als sei ich hergeschwommen durch den Ozean, auf einem Zauberschiff, und sei ans Land gestiegen vor irgendeiner fernen, unbekannten Stadt zu einem kurzen, flüchtigen Verweilen und habe, gelassen durch die Straßen schlendernd, das Treiben ihrer Menschen, ihr Glück und Leiden, wohl beschaut. Aber nun lichtet meine Brigg den Anker, ich ziehe fort, ich kehre heim, und nichts verbleibt von mir, nur die Welle, die den Bug des Schiffs umkräuselt, nur seine mondbeglänzte Kielspur. Alles hier verdämmert gleich einem fernen Bild in einem Zauberspiegel; ist nie gewesen. Und ich wache auf in meiner wohlvertrauten Stube, betreut vom Blicke meiner lieben Mutter.

Es war ein wonnevolles, körperloses Schweben, so daß ich es kaum merkte, wie mich die Knechte mit sich schleppten.

Als ich die engen Treppen des Kerkerturmes emporstieg, als ich vor meiner Kerkertür verweilte und durch das offene Turmfenster einen letzten Blick hinabwarf auf die Stadt, wie sie im Sommerglanze dalag, umgürtet von den Auen, behütet von den Wäldern, da fährt mir’s schreckhaft deutlich durch den Sinn: Ob da wohl einmal, in einer fernen Zukunft, wieder einer durch das Fenster hier hinausblickt, gleich mir, einer, der von mir weiß.

Zärtlich verstohlen drücke ich mein Büchlein an das Herz. Wie jener Dichter, der in fernem, wildem Lande sich mühsam vor dem Tode rettet und, mit den Fluten kämpfend, in erhobnen Händen, gleich einem Heiligtum, sein Letztes trägt, sein Einziges, sein alles: seine Werke. Gemeint ist Camões, der Dichter der »Lusiaden«, der Ilias und Odyssee der Portugiesen. Als er von Goa in Indien heimkehren wollte, scheiterte das Schiff. Camões stürzte sich in die Wellen, und mit der Rechten schwimmend, hielt er in der Linken die Handschrift der Lusiaden hoch über die Wogen empor.

Entsagungsreicher Trost: Diese Handschrift ist alles, was von mir bleibt . . . Ich werde Kunde geben.

 

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