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Verirrt in den Zeiten

Oswald Levett: Verirrt in den Zeiten - Kapitel 49
Quellenangabe
pfad/levett/verirrt/verirrt.xml
typefiction
authorOswald Levett
titleVerirrt in den Zeiten
publisherVerlag Das Neue Berlin
year1984
firstpub1933
correctorreuters@abc.de
senderJens Sadowski
created20130612
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Achtundvierzigstes Kapitel

Aber die Gefahr erweckte mich aus der Versunkenheit. Ich habe keine Zeit mehr zu verlieren! In wenig Stunden graut der Tag, und sie werden mich ergreifen. Sie werden den Tod des Bürgermeisters an mir rächen, sie werden mich des Mordes an Agathe bezichtigen. Der einzige Zeuge meiner Unschuld, vor dessen Augen sie sich tötete, ist Ahasverus. Und der hat sich von mir abgewendet.

Kein Augenblick ist zu verlieren, fort von hier! Darum noch einmal rasch nach Hause, so schwer es mir auch fällt, um das Notdürftigste an mich zu nehmen, jetzt erst sah ich, daß ich ohne Hut und Mantel war.

Das Licht daheim, das ich vergessen hatte abzulöschen, wies mir den Weg. Denn der Himmel hatte sich bedeckt, und stockdunkel war die Nacht.

Endlich war ich oben. Myriaden von Insekten umschwirrten die Lampen, lichttrunken, todeslüstern. Ich ging in scheuem Bogen um die Tote. Aus ihren starren Augen sprach Verzweiflung und Entsetzen. Ein riesiger Nachtschmetterling umflatterte sie langsam, in schwermütiger Pracht, als sei es ihre Seele, die sich von dem schönen Leib nicht trennen konnte.

Hastig nahm ich an mich, was mir gerade in die Hände fiel, vor allem meine Aufzeichnungen, und stürzte fort.

Erst im Walde kam ich wiederum zur Besinnung. Wohin soll ich fliehen? Zu Wallenstein? Oder weit fort, in ein fernes, fremdes Land, wo mich nicht düstere Erinnerung bedrückt? Zu den Türken, nach China oder Japan?

Die werden mich nicht mißtrauisch umlauern und verfolgen; ehrerbietig dankbar werden sie mich begrüßen. Ihnen will ich meine Wissenschaft vertrauen, Panzerflotten, Flugmaschinen, Ferngeschütze bauen und mit Millionenheeren – ein zweiter, noch gewaltigerer Tamerlan – gegen Europa ziehn und dieses Raubgesindel hier dem Orient zu Sklaven machen.

Soll ich nach Italien, nach Indien? Ja, nach Italien, wo die Geister und die Künste freier sind, wo das Leben lebendiger dahinströmt. Dort werde ich Galilei sehen und mit ihm zusammen mein verschollenes Geheimnis neu entdecken.

Vor meinen Augen steigen aus der Dunkelheit bunte Städte im Lichte südländischer Sonne, in Flaggenschmuck, durchwogt von frohem Volksgewimmel, mit hohen Kirchenkuppeln, Säulenhallen, finsterschönen Gärten, und schimmernde Marmorschlösser am azurnen Meere, schöne Frauen, einsamer Gesang in duftend liebesheißen Nächten. Ein goldner Frühlingstraum, vor dessen Glanze ich die Augen schließen mußte, schmerzhaft geblendet.

Die Ferne, das Abenteuer lockte, zage Hoffnung lächelte.

Noch ein paar hundert Schritte, und es kommt die Wegkreuzung. Dort gabelt sich der Weg: nach Nürnberg, zu Wallenstein, und nach dem Süden, ins Unbekannte.

Dort muß ich mich entscheiden, dort wird es sich entscheiden, mein Schicksal, Deutschlands Schicksal, das der ganzen Welt.

Stockdunkel war’s im Walde und tiefe Stille. Nur hie und da der Angstruf eines Vogels, halb im Traume, ein Tannenzapfen, der zu Boden fiel, oder der dumpfe Flügelschlag der Eule. Es roch nach schwarzer Erde, die Waldblumen hauchten ihre wilden Düfte, und durch das Tannendüster verglomm ein Stern in schwermütigem Glanze.

Eine seltsam losgelöste Stimmung bemächtigte sich meiner, etwa wie ein gleichmütiges, entrücktes Staunen, als schaute ich mir selbst von einem fernen Sterne zu, als sei es gar nicht ich, als sei es nicht ein Schicksalsweg, den ich da ging. Und seltsam, mitten in einsamer Nacht, im Waldesdunkel, auf der Flucht ums Leben, in das Ungewisse, begann ich zu singen. Es war ein Lied, von einem Schwedenreiter hatte ich’s gehört, als er das Zaumzeug putzte und vor sich hin sang:

Süß, mein Mädchen, ist es, dir ins Aug’ zu schauen.
Süß ist’s, deinem Liebesschwur zu trauen;
Süßer, meine Liebste, ist es, dich zu küssen und zu herzen.
Doch am süßesten, o du mein Leben, sind die Schmerzen,
Wenn du ’mich verlassen, die bitter-süßen Schmerzen.

Aber da bricht es durch das Buschwerk. Hundekläffen, Stimmgewirr und Fackeln. Sie haben mich umstellt.

Matthäus Büttgemeister ist es mit ein paar Rumorknechten. In seinen Händen sehe ich Agathes Balsambüchslein und Agraffe, auch das blutbefleckte Messer, womit sie sich den Tod gegeben hatte.

In rasendem Zorne fährt er auf mich los: »Erzschelm, vermaledeiter! Das ist der Dank für meine Hospitalität, daß Er Höllenkünste treibt, daß Er Konradin verbrannt hat, daß Er meine Braut behext und umgebracht hat, meine arme Agathe!«

Und mit gezücktem Degen drang er auf mich ein. Auch ich zog das Rapier. Nicht nur, um mich zu wehren. Grimme Verzweiflung über die mißglückte Flucht und etwas wie abenteuerliche Neugier, wie Dämonenspott, raunte mir zu: Töte ihn! Wenn du ihn tötest, so vernichtest du den Urquell allen deines Leidens. Wenn dein Oheim ohne Kinder stirbt, so bist du selbst nie gewesen! Geh, mache doch die Probe aufs Exempel.

Aber kaum holte ich zum Stoße aus, flog mir der Degen klirrend aus der Hand, und die Schergen griffen mich.

Unter ihren harten Fäusten keuchte ich ihm zu: »Niemanden habe ich getötet, niemals Böses getan. Aber Ihr tötet. Ihr wirket mit beim Martertode Eures letzten Nachfahrs. Mit mir stirbt Euer Stamm. Darum verfluch’ ich Euch! . . . Ach, das das Kind dem Ahnen fluchen muß!«

Erbleichend wandte er sich ab.

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