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Verirrt in den Zeiten

Oswald Levett: Verirrt in den Zeiten - Kapitel 47
Quellenangabe
pfad/levett/verirrt/verirrt.xml
typefiction
authorOswald Levett
titleVerirrt in den Zeiten
publisherVerlag Das Neue Berlin
year1984
firstpub1933
correctorreuters@abc.de
senderJens Sadowski
created20130612
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Sechsundvierzigstes Kapitel

Strahlend heiter war die Sonne, und der Himmel war ein unaussprechlich tiefes Blau.

Strahlend war auch meine Hoffnungsfreude. Die Nachtgedanken waren wie zerstoben. Warum auch nicht? Es ist die Art weit ausschauender Charaktere, daß sie das Glück im Unglück und im Glück das Unglück vorweg erleben. Meine Kräfte hatten mich verlassen, weil ich ihrer gar nicht mehr bedurfte. Denn heute muß die große Wendung kommen.

Agathe hatte versprochen, mich zu besuchen. Zum erstenmal als Gast in meinem Hause. Da sollte sie Zeugin meines Triumphes werden. Und nachher – so hatte ich mir’s vorgenommen – wollte ich um ihre Hand anhalten, damit uns nun nichts mehr auf Erden trennen könne. Die Braut durch drei Jahrhunderte!

Die Nachricht von meinen Vorführungen hatte sich herumgesprochen. Drum zogen sie, als es Dämmerung wurde, in hellen Scharen die Landstraße herauf, um das ungewohnte Schauspiel aus der Nähe zu betrachten.

Was ich ihnen zeigen wollte, war einfach genug. Ein paar rote, gelbe, blaue Glühbirnen, aus denen ich die Worte »Vivat Gustavus Adolfus« und »Vivat libertas Germanica« gebildet hatte und die beim Einbruche der Dunkelheit aufflammen sollten; ein kleiner Eindecker, auf dem ich ein paar Schleifen in der Luft beschreiben, und das Telefon, womit ich zum Rathaus sprechen wollte, wo Magistrat und Bürgermeister versammelt waren.

Da standen sie nun unten auf der Straße, dicht gedrängt, und warteten in froher Neugier. So wie sie vor ein paar Tagen auf die Hinrichtung der vier gewartet hatten. So wie sie auch meine Hinrichtung erwarten würden . . .

Auch Agathe war da. Oben bei mir, in meiner Stube. Stumm, in ihren Augen war seltsames Leuchten.

Jetzt war es vollends dunkel. Vom Rathaus stieg eine Leuchtkugel auf und gab damit das Zeichen zum Beginn.

Nun flammten meine Lichter auf. Vieltausendstimmig ertönten Rufe des Entzückens, und alles erstrahlte in einem jähen, buntfarbigen Licht; unwirklich, zauberhaft.

Wieder war mir’s, als wandle ich in Ozeantiefen, wie ein Taucher, der die nie betretenen Gefilde des Meergrundes mit seinem Blitzlicht absucht, so daß von allen Seiten die Meeresungeheuer herbeigeschwommen kommen.

Wieder starrten sie zu mir empor, in dankbarem Entzücken, wie damals, als ich in der Stube Geige spielte und sie unten auf der Gasse horchten und emporblickten, »gleichsam von einem unsichtbaren Licht geblendet«. Ach, wie es wärmt und stärkt, hervorzuragen aus dem kalten Dunkel, den andern Freude bringen, gefeiert werden!

Und doch mischte sich in dieses Hochgefühl etwas wie Scham: Womit ich da großtue, das bringt ja jeder Handwerker aus meiner Zeit zuwege!

Aber jetzt sollen sie erst sehn und staunen! Ich zog den Monoplan hervor, um mich darauf emporzuschwingen.

Inzwischen hatte sich, unmerklich schnell, ein Unwetter zusammengezogen. Daß es nach soviel dürren, heißen Tagen endlich gewitterte, war sicherlich nicht zu verwundern. Aber daß es mit solch ungeheuerer Schnelligkeit gekommen war und daß es sich gerade hier, über meinem Häuschen, zusammenballte, dies war befremdlich, ja beklemmend. Über meinem Haupte starrten finster drohend Gewitterwolken wie Bastionen einer Feindesfestung, während rings am Horizonte in klarem Glanz die Sterne strahlten.

Als ich nun auf der Maschine anflog, da erhob sich mit einem Male pfeifend, pfauchend, tobend ein Windstoß von solch ungeheuerer Gewalt, daß sich das Fahrzeug überschlug. Ich selbst konnte mich noch durch einen tollkühnen Sprung vom sichern Tode retten, doch die Maschine trieb führerlos im Sturme weiter, bis sie mitten in der aufkreischenden Menge zerschmettert niedersank.

Die Arbeit vieler Wochen war zerstört!

Ich biß die Zähne voll Erbitterung zusammen und ging ans dritte, ans Telephon. Vergeblich rief mir Agathe zu: Laß ab, höre auf die Warnung!

Ich gab das Glockenzeichen und mußte fast lächeln: Das hat sich der alte Graham Bell nicht träumen lassen, daß man schon im Jahre 1632 telephoniert hat. Wie sich das drollig ausnehmen wird, wenn ich ins Telephon hineinspreche: Eure hochwohledelgeborene Gestrengigkeit! – wie ein Flieger im Plumagehut und Stulpenstiefeln, wie ein Telegramm auf Pergament und in gotischen Lettern.

Doch als ich das Gespräch beginnen wollte, da zischte ein furchtbarer Blitz hernieder, gerade in die Stange, die den Draht trug, und fuhr den Draht entlang gleich einer Feuerschlange und züngelte mich an aus Flammenrachen. Der Draht zerschmolz, die bunten Lampen fielen ab, zerschellten. Und nun folgte, blendend und betäubend, Blitz auf Blitz und Schlag auf Schlag, und vom Orkan gepeitscht, prasselte gleich einer Sintflut ein Wolkenbruch herab. Der Hügel, wo mein Häuschen stand, war gleichsam eingehüllt in eine Donnerwolke des Verderbens. Ungeheure Wut sprach aus dem Toben der entfesselten Natur; wie ein Rachefeldzug, wie ein Strafgericht.

Unten stob die Menge auseinander in wilder Flucht, unter Angstrufen, Gebeten, unter Flüchen. Gegen mich.

Bei diesem Wetter war tatsächlich an eine Fortsetzung nicht zu denken. Auch hatte höchstwahrscheinlich der einschlagende Blitz das Telephon und seine Leitung vollständig zerstört.

Zum zweiten Male war ich heute wie durch ein Wunder dem sichern Tod entronnen. Denn hätte ich nur einen Augenblick später in den Apparat gesprochen, wäre ich sicherlich vom Blitz getroffen worden.

Jetzt fehlte nur noch, daß der Bürgermeister, der ja zur selben Zeit am Apparate stand, durch den Blitz zu Schaden kam. Dann kann ich einen Halsgerichtsprozeß erwarten!

Während das Unwetter allmählich schwächer wurde – gleichsam nach getaner Arbeit –, blickte ich hinaus zum Fenster und murmelte: »Seltsam nur das eine. Daß es gerade über diesem Hügel steht, trotz des Orkans. Sonst ist der Himmel rein und klar.«

Bleich, mühsam gefaßt, wendete ich mich zu Agathe. Sie stand reglos, totenbleich und stumm. In ihren Augen war ein unstet wildes Leuchten.

Um sie zu beruhigen, suchte ich zu scherzen.

»Ja, man macht’s dem zwanzigsten Jahrhundert nicht leicht im siebzehnten. Da sind wir eingehüllt in Blitz und Donner wie auf dem Berge Sinai . . . Wo es eine Offenbarung gibt, da gibt es eben Blitz und Donner. Tut nichts. ›Wegen schlechten Wetters wird die Vorstellung verschoben.‹

Aber nun zu dir, Liebste. Ich habe mir diesen Tag zwar anders vorgestellt. Ich hoffte, daß sie mich im Triumphe zum Rathaus führen und dort feiern werden, wie noch nie ein Mensch gefeiert wurde. Und mitten im Triumphe wollte ich dir meine Werbung darbringen. Daß es anders kam, wirst du mir nicht als Niederlage anrechnen, und mich soll es nicht beirren. Die Schlacht ist abgebrochen, nicht verloren. Darum bitte ich dich jetzt, unter Blitz und Donner: werde mein Weib, vor aller Welt. Nichts soll uns mehr trennen!

Ach, dir gelten ja alle meine Pläne, dich habe ich gesucht durch drei Jahrhunderte.«

Und in mächtig aufströmender Rührung sank ich ihr zu Füßen, tausend Zärtlichkeiten auf den Lippen.

Doch was war die Antwort? Sie stieß mich wild von sich und wich zurück und fuhr mich an: »Fort von mir, höllischer Zauberer, verfluchter! . . . Früher, wann Ihr von Maschinen spracht und von Euren Plänen, hielt ich’s für Narrieren, und wenn sie in der Stadt Euch einen Hexenmeister nannten, ich achtete nicht drauf. Aber jetzo seh’ ich ja mit meinen eignen Augen, daß Ihr schwarze Künste treibet. Und statt daß Ihr Euch durch Gottes sichtbarlichen Zorn bekehren lasset, seid Ihr noch insolent und spottet.

Ach, auch mich habt Ihr behext. Wie hätte ich Euch denn sonst so willenlos in Liebe verfallen können? Warum nur? Die Ähnlichkeit?« Sie schlug die Hände vors Gesicht und schluchzte. »In der Unehre habt Ihr mich erobert. Ein Kind trag’ ich von Euch unterm Herzen, einen Strauchbalg, gezeugt unter Hecken und Bäumen. Und bin doch – bei den teuern Wunden unsres Heilands – des Matthäus Büttgemeisters Braut. Ihm bin ich feierlich versprochen. Dem Matthäus, der doch, wie Ihr saget, Euer eigner Ahnherr ist! Ach, wie werde ich da nur bestehn? Ach, daß sich Gottes Liebe mein’ erbarme! Einem Höllenkünstler hab’ ich mich verschrieben, einem Revenanten, der aus fernen Zeiten wiederkommen ist. Nun trifft mich Gottes Fluch. Gleich Euch!«

So klagte sie, so schluchzte sie. Es war, als ob es ihr das Herz aufrisse und in hilflos banger Klage sein Blut verströme. Alle Süßigkeit der Liebe, das kurze, heiße Glück, das wir genossen, und alle Fremdheit, alle Ungemeinschaft, die uns trennte, schmerzliches Gedenken und Verzweiflung, all dies brach aus in ihrem Schluchzen.

Horch, was war da draußen? Schritte tönten, schwere, müde Wanderschritte. Und von dem nächtig-düstern Himmel, von Blitz und Donner gespensterhaft umrahmt, erschien ein Haupt im Fenster. Eisengraue Lo . . .

Agathe blickt nach mir, blickt nach dem Haupte. Entsetztes Ahnen, jähes Erkennen weitet ihre Augen, und sie ergreift das Messer, das da verhängnisvoll im Wege liegt, und schluchzend stößt sie sich’s ins Herz.

Wortlos, wie gelähmt, versteinert, starrte ich nach dem Blutstrom, worin ihr Lebensatem rasch versickerte, starrte nach dem Haupt am Fenster.

Ich sah ihn deutlich, ich erkannte ihn. Da war kein Zweifel: es war der Jude, der mich einst verfluchte, der Ewige, der Ahasverus.

Auch er blickte mich an aus seinen eiseskalten, unergründlich dunkeln Augen, Augen wie erstorbne Lavagluten, und aus seinem Blicke sprach es wie Erkennen, wie Verleugnen.

Hilfesuchend streckte ich nach ihm die Hände. Doch er wandte sich, und mir schien es, als lächle er in grausamem Hohn. Und schritt davon, in Blitz und Donner, Nacht und Grauen. Schritt weiter, bis er in Finsternis verschwand.

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