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Verirrt in den Zeiten

Oswald Levett: Verirrt in den Zeiten - Kapitel 46
Quellenangabe
pfad/levett/verirrt/verirrt.xml
typefiction
authorOswald Levett
titleVerirrt in den Zeiten
publisherVerlag Das Neue Berlin
year1984
firstpub1933
correctorreuters@abc.de
senderJens Sadowski
created20130612
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Fünfundvierzigstes Kapitel

Bald war der Tag gekommen, da ich meine Künste zeigen und da sich mein Schicksal entscheiden sollte. Meines und das der ganzen Welt.

Bei dem Ungeschick der Handwerker und bei der Unzulänglichkeit der Mittel, die mir zu Gebote standen, mußte ich selbst überall am Werke sein. Endlich, am Vortage, war dank meiner fieberhaften Arbeit alles so gut wie fertig. Nur der Leitungsdraht des Telephons mußte noch gelegt werden; denn morgen wollte ich von meinem Häuschen zum Rathaus fernsprechen. Es war schon spät am Abend, so daß ich diese Arbeit allein besorgen mußte.

Zerrissenes Gewölke jagte durch die Lüfte und wenn der bleiche Mond für einen kurzen Augenblick erschien, dann war’s, als ob die Bäume ihre Häupter rauften, als ob das nackte Felsgestein sich jammervoll zerfleische, als ob die ganze Landschaft anklagend zum Himmel riefe. Ungeheure Unrast keuchte aus dem wilden Atem der Natur. Und doch erstrahlte aus dieser Unbegrenztheit, wie fernes Lächeln, köstliche Beruhigung.

Wie ich nun meines Weges ging und den Draht bald an einem Felsblock, bald an einem Baum befestigte, da suchte ich zum Zeitvertreibe abzumessen, was an jeder Stelle, die ich jetzt durchschritt, zu meiner Zeit gestanden hatte: hier die Gartenhäuser der Letzkau und der Koppenhöfer, da die Gastwirtschaft »Zum Weißen Stern« und dort das Kaufhaus Wallenrod.

Und plötzlich überkam es, überfiel es, überwältigte es mich: Heimweh, Sehnsucht. Sehnsucht nach der Zeit, aus der ich stammte, nach allen Äußerungen ihres Lebens. Das Nüchternste schien mir begehrenswert und das Alltägliche bezaubernd. Ich sehnte mich nach einem Eisenwalzwerk, wo sich die weißen Fluten gebändigten Metalls in die gewollte Form ergießen, nach einer Bahnhofshalle, wo ein Expreßzug donnernd in die gleißenden Geleise stürzt, nach Zeitungsrufern, Straßenbahnen, nach dem nüchtern-kalten Glanz moderner Waffen und nach dem knappen Rhythmus der Maschinen.

All das stand, schwebte, schimmerte vor mir, handgreiflich nahe und doch weltenfern, strahlend wie ein Zauberschloß, wie eine Fata morgana – indes ich auf der nächtig dunkeln Straße einsam hinschritt, zu den düstern Bastionen, die drohend aus dem Finstern ragten.

Auf dem Markt war alles still und dunkel. Nur vor dem Rathaustore schwelten Fackeln, und die Innungszeichen schaukelten im Winde.

Doch im Rathaus ist es noch lebendig. Aus den Fenstern des großen Saals im ersten Stockwerk dringt festliche Beleuchtung, Musik und Lärm. Sie feiern ein Bankett dem siegreichen Treffen zu Ehren, das die Schweden gestern den Kaiserlichen lieferten, wobei sie ihnen eine Proviantkolonne und vier Geschütze nahmen.

Gerade unter diesen lichtbestrahlten Fenstern muß ich den Draht befestigen. Da ich keine Leiter finde, klettere ich kurzerhand hinauf.

Nach getaner Arbeit raste ich und schaue, auf das Sims gekauert, in den Saal.

Auf der Estrade die Musikanten mit ihren Pfeifen und Violen, Zinken und Theorben. Sie spielen zum Tanze auf: eine nachdenkliche Passacaglia und eine ernste Sarabande; dann ein muntrer Rigaudon, ein Tambourin, ein leichtbeschwingter Passepied und eine heitre Romanesca.

Und im Saale, da drehen sich die Paare und wiegen sich und hüpfen, in ihren Gewändern aus Kapizol, aus Terzenell und Engelsatt. In allen Farben schillern sie, in Bleumorant und Koquinelle, in Kolombin und Isabelle. Und es wippen die Plumagehüte und die Fontangen, die Makronenhörnermützen nicken.

Ab und zu tritt einer von den Tänzern an das Fenster, so daß ich mich rasch ducken muß, atmet auf, trocknet sich die Stirne und sieht zerstreut hinunter auf die dunkle Gasse.

All dies sah ich, handgreiflich nahe und doch, auch dies, wie weltenferne!

Und Pärchen zogen sich hieher zurück, ganz dicht bei mir, so daß ich jedes einzelne Mouchesternchen sehen konnte, welches die Wangen und das Kinn der Schönen schmückte, und daß ich jedes Wort verstehen konnte, womit der Werbende das Herz der Angebeteten zu rühren suchte.

Das alte Lied! Doch in welch putzig-schrullenhaften Tönen erklang es hier.

»Bitte um Pardon, so ich dem Frauenzimmer nicht gelegen käme. Doch nun liege ich schon seit Monden im Spitale einer ungewissen Hoffnung und warte auf die Ärztin, so mir Heilung bringen möge.«

Ein anderer, die Hände zierlich an das Herz gepreßt, nannte seine Schöne nicht anders als »seiner Sorgen Löschpapier« und vermeinte, seit er des Fräuleins wonnesamen Anblick genossen, blickten seine Augen auf die Himmelsfackel mit Despekt.

Und wiederum ein dritter holte weit aus zu einem Kratzfuß und beteuerte, er habe in dem tiefen Meere seiner Ohnwürdigkeit die Tugend der geneigten Jungfer gleich einer köstlichen Perle gefischt.

So ging das weiter. Bis ich nicht länger an mir halten konnte und losplatzte, daß die Scheiben klirrten. Die gerade vor mir standen, mußten’s hören. Als sie dies wilde Lachen hörten, das gleichsam aus den Lüften schallte, als sie dies bleiche, höhnische Gesicht gewahrten, das gleichsam zwischen Erd’ und Himmel schwebte, da mochten sie wohl glauben, daß der leibhaftige Gottseibeiuns vor ihnen stünde. Und die tugendreiche Jungfer wurde bleich bis unter ihre Schminke, kreischte auf, schlug ein Kreuz, raffte ihre Röcke und lief davon.

Auch ich machte, daß ich fortkam, und mit dem letzten Blicke, den ich in den Saal warf, sah ich unter den Tanzenden Agathe. Am Arme des Matthäus Büttgemeister, wie sie ihm holdselig zulächelte und wie er zärtlich-ehrerbietig auf sie einsprach.

Ich taumelte, und das Herzblut stockte mir in böser Ahnung.

Hinter mir Stimmgewirr und Fackeln und Schritte, die mir eilends folgten. Doch ich entkam, und als ich endlich in einem dunkeln Gäßchen keuchend stehenblieb, da ballte ich, dem Rathaus zugekehrt, die Fäuste und lachte laut und zornig.

Das war einmal ein Gleichnis, welches stimmt! Nirgend daheim, zwischen dem Himmel und der Erde schwebend, so muß ich ihre Affenpossen ansehn. Ein Schrecken bin ich ihnen, und sie sind mir zum Ekel. Immer allein, gemieden, unverstanden! In zwei Jahrhunderten!

Daß sie sich ihre Mäuler nicht verrenken mit diesem widerlichen Schwulst! Fehlt nur noch, daß sie sich wie die Hottentotten mit den Nasenspitzen küssen. Sind das Deutsche? Ist das mein Vaterland? Verlohnt sich’s, über dieses Volk zu herrschen? Lieber unter Wilden!

Und so wie heute wird es weitergehen noch viele Jahrzehnte lang! Da werden sie Lobenstein bewundern und Hoffmannswalden, werden die »Adriatische Banise« lesen, das »blutige doch mutige Pegu« und wie er sonst noch heißen möge, der lächerliche Schund. Und noch sechzehn Jahre Krieg, Scheiterhaufen, Finsternis und Barbarei!

All das weiß ich, seh’ ich kommen. Das also ist der Preis, den ich für mein Wunder zu bezahlen habe: daß mir die wohltätige Unkenntnis der Zukunft versagt bleibt, daß ich gleich Cassandra alles Unheil kommen sehen muß.

Werde ich es ändern können? Werden sie nicht ihre Glaubenskriege statt mit Musketen und Kartaunen mit Flugzeugen – und Ferngeschützen weiterführen? . . .

Und was ist das mit Agathe? Soll ich sie, kaum gefunden, wiederum verlieren? Wäre es ein Wunder, wenn sie sich von mir, dem Düstern, dem Heimatlosen, Unbekannten, abwendete und dem frohgemuten, reichen Ratsherrn folgte?

Einsam, unbekannt und unverstanden!

Ja, einer, der hat mich verstanden, der hat mir auch geholfen. Und der war ein Verfluchter, und der hat mich verflucht.

Fast überkam es mich wie Sehnsucht nach ihm, dem Juden.

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