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Verirrt in den Zeiten

Oswald Levett: Verirrt in den Zeiten - Kapitel 44
Quellenangabe
pfad/levett/verirrt/verirrt.xml
typefiction
authorOswald Levett
titleVerirrt in den Zeiten
publisherVerlag Das Neue Berlin
year1984
firstpub1933
correctorreuters@abc.de
senderJens Sadowski
created20130612
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Dreiundvierzigstes Kapitel

Nun ist mein Häuschen ausgebessert und neu eingerichtet, und ich bin wieder draußen.

Unruhevoll gehe ich im Garten auf und ab. Von unten her schimmert staubbedeckt die Landstraße. Die Buchen und die Linden neigen ihre Häupter vor dem Winde, und durch die Luft zieht, herb und leidenschaftlich, der erste Duft welkenden Laubes.

Wochen auf Wochen sind nun schon verstrichen, und noch ist nichts recht fertig, und ich habe nichts getan. Ich werde noch den großen Augenblick versäumen, solange die Heere Gustav Adolfs und Wallensteins einander vor Nürnberg gegenüberstehen.

Schon heißt es, daß der Schwedenkönig die blutigen und fruchtlosen Stürme auf das kaiserliche Lager aufgeben will. Und der Friedländer – so sagt man –, unbeständig und stets wechselnd in seinen Plänen und geängstigt durch die ausbrechende Pest, trägt sich mit dem Gedanken, das Lager abzubrechen und dem Schweden eine Feldschlacht anzubieten.

Soll ich nicht endlich doch das Bündnis mit ihm schließen? Aber wird er mich nicht verraten, wird er nicht, unergründlich, unverläßlich, unersättlich, einmal im Besitze meiner Wissenschaft, mich um den Anteil, ja ums Leben bringen?

Aber nein, fürstlich ist seine Dankbarkeit und Großmut gegen seine Freunde. Und hat es nicht Richelieu schon oft bespöttelt, daß er, der Ränkevolle, sich so arglos dem verräterischen Piccolomini ergebe?

Halt, Richelieu! Der Klügste unter allen Klugen, der die Mächtigsten sich streiten läßt, damit sie seine eigne Macht erhöhen. Der wäre mir erwünscht als Partner, der wäre ebenbürtig.

Ja freilich, das wäre mir der Rechte! Wie hat er denn einem anderen Erfinder mitgespielt, dem Salomon de Caus? Arglos bot ihm der Unglückliche sein weltbewegendes Geheimnis an, die Dampfmaschine, und zum Danke ließ ihn Richelieu als wahnsinnig in das Bicêtre werfen. Würde es nicht ähnlich auch mir ergehen?

Nun, die Welt ist groß. Wie wäre es, wenn ich dem Könige von Spanien ein Dampfschiff baute? Aber nicht solch einen schwerfälligen Kasten wie jene »Trinidad«, welche Blasco de Garay dem Kaiser Karl V. vorführte. Nein, einen mächtigen Ozeandampfer mit 10000 Tonnen Deplacement und 25 Knoten Geschwindigkeit. Wenn ich ihm eine Panzerflotte baute, gegen welche die unbezwingliche Armada Philipps II. ein Kinderspielzeug wäre? Panzerkreuzer, mit denen er die Schiffe Englands wie Nußschalen zertrümmern könnte? . . . Oder aber umgekehrt. Eine solche Flotte für England? – Die Qual der Wahl. Warum bin ich Techniker, Erfinder? Wäre ich Botaniker, Sprachforscher, Theologe, ich könnte hier ruhig weiterleben, meine Arbeit dort fortsetzen, wo ich sie im zwanzigsten Jahrhundert verließ, müßte nicht die Gegenwart mit den Maßen einer fernen Zukunft messen und immer wieder, verwirrend und verwirrt, an Neuerungen denken.

Ein Windhauch strich herbei und trieb mir, so schien es, andere Gedanken zu. Und im Rückschlage des Denkens mußte ich fast lächeln über mich: Nein, wie sich doch ein Mathematiker das Weltgeschichtemachen vorstellt. Da spekuliere ich hin und her, ob und wann und wo. Und vor lauter Spekulieren komme ich gar nicht zum Handeln. Wie der Esel des Buridan, der zwischen zwei Heubündeln verhungert ist, weil er sich nicht entschließen konnte, welches von beiden er zuerst fressen sollte.

»Was gibt es da noch viel zu deliberieren und zu temporisieren?« – so hat mich der Wallenstein gefragt, und der weiß, wie man Geschichte macht. Nein, nicht spintisieren, irgendwo beginnen, und alles Weitre wird sich finden. Wo immer ich den Hebel stütze, ich werde den Erdball aus den Angeln heben.

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