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Verirrt in den Zeiten

Oswald Levett: Verirrt in den Zeiten - Kapitel 43
Quellenangabe
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typefiction
authorOswald Levett
titleVerirrt in den Zeiten
publisherVerlag Das Neue Berlin
year1984
firstpub1933
correctorreuters@abc.de
senderJens Sadowski
created20130612
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Zweiundvierzigstes Kapitel

Böse Träume schreckten mich, und am frühen Morgen erwachte ich durch ungewohnten Lärm. Er kam von der Straße her, wie von einer großen Menge. Mich durchzuckte eine böse Ahnung. Da trat auch schon Matthäus Büttgemeister ein und fragte mich, ob ich nicht mitkommen wolle, mir’s anzusehen; jetzt führe man die vier Verurteilten zur Hinrichtung.

So hielt er Wort, der Schurke Altmannstetter?

Rasch war ich auf der Straße und hatte ihn bald erreicht, wie er hoch zu Roß dem Zuge der Verurteilten voranritt. Als ich wutbebend auf ihn zutrat, herrschte er mich an:

»Was wollt Ihr denn? Wartet erst ab, dann remonstrieret. Der Henker hat gemessene Befelch, die Strafe erst nach vorgängiger Zuziehung des Stranges zu exekutieren, so daß den Kondemnierten weitere Qual Leibes und der Seele erspart bleibt. Ist das nicht genug der Gnade? Ich habe Euch versprochen, daß die vier begnadigt werden, doch nicht, daß sie am Leben bleiben. Darum gebe ich Euch den guten Rat« – er rief es mir noch nach, als ich mich verächtlich von ihm wendete –, »seid nicht weiter malkontent und rebellantisch!«

Nun folgte ich, in stummer Wut, erfüllt vom Mitleid und von bittrem Wehgefühl, dem jammervollen Zug, wie er sich vors Stadttor schleppte, hinaus zum Rabenstein.

Auf allen Seiten eine große Menge Volkes, einige nachdenklich, stumm betrachtend, die meisten lachend, naschend, schwatzend. Und inmitten eines Piketts von Spießknechten die vier Verurteilten. Totenbleich, die Glieder verkrümmt von der Tortur.

Das Weib war stumm, aus ihren irren Blicken sprach Todesnot und Wahnsinn. Die drei Juden stammelten mit bebenden Lippen ihre uralten Gebete: »Zu meiner Rechten stehet Michael, zu meiner Linken Gabriel, und vor mir Rafael und im Rücken Uriel. Doch über meinem Haupte Gottes Majestät. Feindschaft wird sein – so hat der Herr gesprochen – zwischen Jisroel und den anderen Völkern; sie haben uns geschlagen. Doch einst wird kommen der Tag, da wird uns Gott umgürten mit dem Schwerte, unsre Widersacher zu vernichten. Und es wird ein Schrecken fallen von Israel auf seine Feinde. Aug um Auge, Zahn um Zahn.«

So gingen sie zum Martertode, in ihren spitzen Judenhüten, am Arm den gelben Fleck und um den Hals die Schandkrause. Schmutzig, häßlich und geduckt, »nagende Würmer am Leib der Christenheit, dem armen Manne widerwärtig und verderblich«.

So zogen sie dahin, gehöhnt, geschändet und gemartert. Und doch sprach aus ihrem Antlitz uralte, milde Weisheit, und mir war’s, als leuchteten aus ihren Augen in feurigem Glanze die Zinnen der Ewigen Stadt . . . Das auserwählte Volk!

Jähes Mitleid schoß mir dunkel in die Augen. Sind sie mir denn nicht Gefährten? Ach, auch sie nennen sich die Auserwählten und sind doch nur Ausgestoßene!

Das Stadttor lag schon hinter uns, das Hochgericht war nahe. Da ging Unruhe durch die Menge, angstvolles Geraune, und alles deutete nach vorn; Ich blickte hin und sah ihn, wie er dem Zug voranschritt, und das Herz erstarrte mir in Grauen.

Eisengraue Locken umwallten königlich das tiefgebräunte Antlitz. In härenem Gewande die mächtige Gestalt, gestützt auf einen Pilgerstab. So schritt er hin, mit seinen weit ausholenden und doch so müden Wanderschritten.

Und ringsum flüsterte das Volk: »Seht Ihr ihn nicht? Das ist der Jud’, der Ewige, der Ahasverus, der seine Landsleute zum Tod geleiten tut.«

Ja, so zog er hin, wie ein Verderben kündender Prophet, seinem Volk voran, in Schmach und Haß und Flammen.

War er’s, oder war er’s nicht, der Jude, der mich einst verfluchte? Ich konnte ihn nicht mehr deutlich sehen, denn er zog weiter, mit den Schritten des müden Weltenwanderers. Zog weiter, bis er am Waldesrand verschwand.

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