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Verirrt in den Zeiten

Oswald Levett: Verirrt in den Zeiten - Kapitel 41
Quellenangabe
pfad/levett/verirrt/verirrt.xml
typefiction
authorOswald Levett
titleVerirrt in den Zeiten
publisherVerlag Das Neue Berlin
year1984
firstpub1933
correctorreuters@abc.de
senderJens Sadowski
created20130612
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Vierzigstes Kapitel

Sie haben Konradin begraben. Als ich seinem Sarge folgte, mußte ich zu meinem noch wunden Schmerze auch die Schmach erleben, daß sie meinen Kummer für geheuchelt hielten und daß sich rings um mich böswilliges Geraun erhob, ich habe seinen Tod auf dem Gewissen, er sei ein Opfer meiner schwarzen Kunst. –

Nun bin ich wiederum in meiner altgewohnten Stube im Hause meines Ahnherrn. Nur für so lange, bis mein Häuschen draußen neuerlich in Stand gesetzt und eingerichtet ist.

Ich lese. Die alten Volksbücher, gedruckt auf grobem, fleckigem Papier mit ungefügen Lettern: die Historia von Dr. Johannes Fausten, »dem weit beschreyten Zauberer und Schwartzkünstler, wie er sich gegen den Teufel auff benandtezeit verschrieben«, vom Ewigen Juden, von den vier Haimonskindern, Wigalois, von der schönen Magelone, Flos und Blankflos, und wie sie alle heißen mögen.

Stille ringsumher. Nur ab und zu erschauern drunten in dem Garten die Wipfel unter einem leisen Windhauch, und durch das offne Fenster dringt Blütenduft und Vogelzwitschern.

Welch wundersame Stimmung, wehmütig und doch traulich. Die alten, wohlbekannten Bücher und die altgewohnte Stube und die alte, die längst verschollene, die unbekannte Zeit! Ach, in dieser Stube sucht mich meine Mutter, wartet sie auf meine Rückkehr! Meine Mutter! . . . Nein, nicht weiterdenken . . .

Aufatmend trete ich ans Fenster. Der Garten hat sich kaum verändert. Nur da und dort sind dicke Stämme, die ich in meiner Kindheit nicht gesehen hatte, und andre wieder, die ich als schattig-breite Wipfel kenne, sind noch jung und schmächtig. Vor allem sie, die treue Freundin meiner Jugend, die Linde unter meiner Stube. Bis ins Zimmer reckte sie die Äste, und heute reicht sie noch lange nicht einmal ans Fenster.

Sanfte Trauer bemächtigte sich meiner, wie sie der Mensch beim Anblicke der blühenden Natur empfindet: die Jugend, die sich stets erneuert, und die eigene Vergänglichkeit. Ach, der Garten hier wird immer wieder grünen, blühen, duften und ich werde welken und vergehn! Unwiederbringlich bleibt die Zeit! Was werde ich erreichen? Werde ich mein Werk vollbringen?

Aber da raunt mir’s zu, berückend und bedrückend: Der Garten hier wird grünen, blühen, duften, und du wirst ihn wiedersehen. In zweieinhalb Jahrhunderten, als Knabe siehst du ihn doch wieder!

Schon wiederum das Rätsel, das grauenvolle Wunder. Ich weiß nicht, bin ich ausgestoßen oder auserkoren, bin ich gezeichnet oder ausgezeichnet unter allen Menschen? Wo ist der Anfang, wo das Ende dieses unfaßbaren Kreislaufs? –

Ich gehe aus, um diesen nagenden Gedanken zu entfliehen. Zuerst einmal hinüber zu dem Kupferschmiede Barthel Groß, nachfragen, ob er schon fertig hat, was ich bei ihm bestellte. Ich kann ihn recht gut leiden, den hünenhaften Mann, mit seinem blonden Schifferbarte und den blauen Augen, aus denen doch zuweilen gehörige Verschlagenheit hervorlugt, und ich verweile gern in seiner Werkstatt, wo aus jedem Winkel der Geist des deutschen Handwerks atmet. Aber ich finde bei ihm nicht Gegenliebe, bei ihm so wenig wie bei andern.

Warum meiden sie mich alle? Umwittert mich die ferne Zeit, aus der ich stamme, und umgürtet mich mit einem Ringe von Unnahbarkeit, oder bin ich überhaupt, für alle Zeiten, verdammt zur Einsamkeit?

»Noch nicht fertig, Eure Arbeit«, brummt der Meister hinterm Ambos, schmettert mit dem hochgeschwungnen Hammer auf eine glühend rote Platte, daß die Funken stieben, und blickt mich an, als habe mir der Hieb gegolten.

»Hatt’ all mein Lebtag nit mit solchem Werk zu tun. Will besser nit erst fragen, was es soll. Aber« – er reckte sich und strich den Schweiß von seiner Stirne – »was soll man tun? Die Zeit ist schwer. So mich einer gar hieße, dem Teufel seine Hörner mit Kupfer ausplattieren, und er bezahlt – ich tät’s.«

Er lachte derb und krümmte seine kurzen, dicken Finger gleich Hörnern – halb gegen mich.

Der Spott des Pöbels entwaffnet uns viel leichter als die begründete Zurechtweisung Verständiger. Ich schwieg verlegen und schaute rings umher. Aber beim Anblick all des Handwerkszeugs regte sich in mir der Fachmann; in zwei Tagen könnte ich es so verbessern, daß es die zwanzigfache Arbeit leistet. Doch ich besann mich rechtzeitig und schwieg und ging.

Vor dem Zeughaus steht ein Musketier auf Schildwacht und blickt gelangweilt nach dem Stand der Sonne. Sie steht schon tief. Lichtgetränkte Wolken segeln auf dem seidig blauen Himmel. Über den dunkeln Wäldern breitet sich ein purpurfarbner Saum und taucht hier in der Stadt die Dinge und die Menschen in entrückten Schimmer. Ringsum atmet die Natur sanfte Heiterkeit und Frieden, so daß man sich verwundert fragen muß, warum denn nur die Menschen Böses tun und sich bekriegen.

Vor dem Rathaus wartet eine Menge Menschen. In kleinen Gruppen stehen sie beisammen oder gehen auf und ab, sprechen halblaut miteinander und blicken nach dem Rathaus.

Nun öffnet sich das Tor, die Magistratspersonen treten auf die Straße, und es beginnt ein allgemeines Grüßen und Komplimentieren.

Ich weiß nicht, ich finde nicht die rechte Einstellung zu den Dingen und den Menschen. Warum denn sonst erscheint mir alles, was sie tun und sprechen, so gleichgültig, fast lächerlich? Ich komme mir vor wie Gulliver, als er aus dem Land der Riesen heimkam und ihm nun alles zwerghaft schien, so daß er den Kutschern auf der Straße zurief, sie mögen ausweichen, damit er sie nicht zertrete. Ist es, weil ich alles aus der fernen Höhe von drei Jahrhunderten betrachte?

Inmitten der Menge stehe ich. Achtlos schiebt man mich beiseite, niemand kümmert sich um mich.

Ich bin nicht ehrgeizig und habe nie nach äußrer Auszeichnung verlangt. Allzusehr bin ich Gleichgültigkeit gewohnt, mißtrauische Beschränktheit. Aber jetzt knirscht doch etwas grimmig in mir auf: Immer unbekannt, verkannt, verachtet! Immer muß ich, in Glut und Frost, auf steinicht dornenvollem Pfade mühsam weiterkeuchen, indes ich doch dem Adler gleich in lichten Höhen kreisen könnte. Warum jubeln sie mir nicht entgegen, warum feiern sie mich nicht bewundernd als den wunderbaren Retter, als den Bringer unbekannter Wunder?

Wartet nur, ihr da, ihr sollt mich nicht mehr lange, zur Seite schieben, spotten. Auf die Knie will ich euch zwingen, wenn ich einmal hoch über euern Häuptern fliege, wenn ich mit Geschützen vor eurer Stadt erscheine, davon ein einziges die Bastionen und dieses wichtigtuerische Rathaus in Trümmer schlägt!

Aber was ist denn los? Worüber haben sie so angelegentlich zu sprechen?

Soeben haben sie da droben auf der Schranne den drei Juden Isak Lammfromm, Nathan Lewisch und Michel Pregitzer ihr Urteil gesprochen, daß sie als Hostienschänder und Brunnenvergifter, als Gott dem Allmächtigen, der Natur und der christlichen Ordnung gehässig, verschmäht und unleidentlich vorerst zur scharfen Frag’ durch alle gradus verwiesen und sodann ihr Leib zu Asche verbrannt werden solle. Auch über die Wittfrau Sabina Starschödel, eine Exulantin aus dem Österreichischen, ward der Stab gebrochen. Sie wurde zum Rad kommandiert, weil sie einen Soldaten, der bei ihr im Quartier lag, erschlagen und verzehrt hatte; sie mit ihren fünf hungernden Kindern.

Davon sprachen sie nun und tauschten ihre Meinung aus. Über die drei Juden war nur eine Stimme: freudige Genugtuung. Was die Witwe anlangte, die gerädert werden sollte, so meinte ein altes Weiblein mit spitzer Nase und bedächtig zugekniffnen Lippen, ob man sie nicht doch hätte zum Schwert begnadigen können, sie habe es aus übergroßer Desparation getan und nicht für sich, nur um ihrer Kinder willen. Ach, was sollte jetzt aus den armen Würmern werden? Die Hungersnot sei schwer; gar viele täten schon, was in der Bibel geschrieben steht vom Könige Nebukadnezar, daß sie Gras fräßen. Und der Soldat, den sie umgebracht, um den sei nicht groß schade, das war ein arger Saufaus und vertuischer Geselle.

Aber da kam die Alte schön an. Eine dicke Hökerin fuhr sie giftig an: »Recht wird der Starschödlin geschehen. Und noch zuwenig. Nicht nur eine Mörderin ist sie, gewißlich auch eine Malefizhexe. Die Schrödelsäckerin, was meine Nachbarin ist, die hat mir im Vertrauen erzählt, daß sie einmal zur Dämmerstunde vor der Hütten der Starschödel, draußen bei der Stadtmauer, vorbeikommen ist, und da hat es gestunken wie nach Mäusemist und Teufelsdreck. So riecht’s, wenn eben eine Hexe ausgeflogen ist. Hab’ mir später selbsten das Flugloch in der Mauer angesehen, der Rauch ist durchgezogen.«

»Und mit dem Freimann« – fiel eine andere ein –, »mit dem hat sie auch Glück. Auf sie kommt nicht der muntre Meister Hans, sondern sein Helfer, der zahme Heinz. Der kann kein Weibsbild lange leiden sehn. Der wird’s ihr schon barmherzig machen und gleich beim ersten Hiebe mit dem Rad den Kopf einstoßen.«

»Kann froh sein, die Starschödel« –, sagte die Dicke, »daß wir beide, ich und die Schrödelsäckerin, reinen Mund gehalten und nichts angegeben haben vor Gericht. Sonst tät’ sie schmoren zusammen mit den Jüden.«

»Denkt Euch nur« – warf eine hübsche Blonde ein mit sanfter Stimme -, »Lammfromm heißt der eine. Nein, was sich nur diese Jüden vor lustige Namen aushecken!«

Die Kinder tollten umher, in freudiger Erwartung wie vor einem Volksfest, warfen ihre Mützen in die Luft und sangen:

»Itzig, Itzig, Lammfromm,
Bist ein frommes Lamm,
Darum wirstu gebraten.
Morgen gibt es Hammelbraten.
Bäh, bäh, hepp, hepp!«

Und ich stand da, mitten unter ihnen, und hörte dies und sah. Wie ein Weißer unter Kannibalen, der zusieht, wie sie ihre Menschenopfer vor der Schlachtung wild umtanzen. Was habe ich mit diesen hier gemein? Wie kann ich sie verstehn? Wie viele Scheiterhaufen müssen flammen, eh’ sie mich verstehn? Wo führt die Brücke über drei Jahrhunderte?

Aufschrie’s in mir: Nun ist’s genug des bösen Traums! Nun wache auf! Nun werde ich erwachen!

Wie ich den umwölkten Blick erhob, begegnete ich einem andern Blicke. Teilnehmend, brüderlich verstehend und doch auch befremdet ruhte er auf mir. Ein bleiches Antlitz, fein und gütig. Das Antlitz eines Dulders, eines Priesters und Gelehrten. Welch ein Trost, unter diesen johlenden Barbaren ein solches Angesicht zu sehen.

Ich näherte mich ihm, aber die Menge schob sich zwischen uns, und bald entschwand mir im Gedränge sein schwarzes Priesterkleid.

Man machte Platz; denn es erschien der Oberst eines samländischen Regiments, ein schöner, hochgewachsener Mann, im breitkrempigen weißen Federhut, um die Schultern den ziegelroten Reitermantel malerisch drapiert.

Er trat zu den Ratsherren, begrüßte sie mit prunkvoll abgemessener Grandezza und bat um Pardon für einen Kornett aus seinem Regimente. Der hatte im Rausche einem Mädchen, weil es ihm nicht zu Willen war, den Pallasch in die Brust gerannt und war darum gefänglich eingezogen worden.

Die Ratsherren zogen krause Mienen und schüttelten die Köpfe. Sosehr sie den Valor des Herrn Obristers ästimierten, aber Strafe müsse sein, und Abschreckung tue not, denn der Übermut und die Vanigloriosität der Soldateska turbiere bisweilen gar arg die friedlichen Bürger.

Aber der Oberst blieb beharrlich. Dem Reiter, so sagte er, sitze nun einmal der Pallasch locker in der Scheide, sonst tauge er nicht viel im Felde. Der Kornett sei sonst ein handsamer Soldat und habe seine unbedachte Tat schon vielfältig bereut. Der Oberst verwies auf die Verdienste, die sich sein Regiment um den Schutz der Stadt erworben, und auf die Nähe seiner königlichen Würde, des heldenhaften Gustav Adolf, der, selbst voll Milde, solch einen Actus der Klemenz gnädig vermerken würde. Nun hätten die Herren, indem sie jene vier Missetäter dem Henker überlieferten, gezeigt, daß sie wohl verstunden, Strenge walten zu lassen. Um so herrlicher würde ihre Gnade leuchten, wenn sie seinen Kornett von der verdienten Strafe loszählten.

Alles das brachte der Oberst in seinem gebrochenen Schwedisch-Deutsch halb würdevoll, halb spaßhaft vor. Auch war er so schön und stattlich anzusehen, daß die Ratsherren endlich beschlossen, den Kornett freizulassen.

Drei Richtersprüche. Und einer überbot den andern an Unsinn und an Ungerechtigkeit. Die arme Frau muß qualvoll sterben, weil sie mordete, um ihre Kinder vor dem Hungertod zu schützen. Die drei Juden müssen den Martertod erleiden, bloß weil sie Juden sind. Aber der freche Wüstling, der sein Opfer umbringt, weil es ihm nicht willens ist, der wird begnadigt.

O menschliche Gerechtigkeit.

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