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Verirrt in den Zeiten

Oswald Levett: Verirrt in den Zeiten - Kapitel 40
Quellenangabe
pfad/levett/verirrt/verirrt.xml
typefiction
authorOswald Levett
titleVerirrt in den Zeiten
publisherVerlag Das Neue Berlin
year1984
firstpub1933
correctorreuters@abc.de
senderJens Sadowski
created20130612
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Neununddreißigstes Kapitel

Das war ein Fingerzeig des Schicksals. Als ich schwach gewesen, mußte ich den Freund verlieren. Nun, da ich mich meiner Sendung wiederum besann, nun bot sich mir ein Bündnis mit dem größten Manne dieser Zeit. Gab’s da noch ein Zögern?

Ehrgeiz, Trotz und Hoffnung entzündeten aufs neue meine Tatkraft, und die Freude am Besitz Agathes erweckte neuen Lebensmut.

Wenn ich mit ihr dahinging auf den heimlichen Wegen der Liebe, dann war es mir, als sei es wiederum wie einst, in fernen, fernen Zeiten, da wir uns vordem angehörten, als sei ich wiederum der Jüngling, dessen Füßen alle Pfade, dessen Herzen alle Träume offenstehn. Wenn wir zusammen auf die Stadt herniederblickten, wie sie mit ihren breiten, schweren Türmen, ihren spitzen Dächern aus Gärten und Gebüschen kraftvoll-ruhig aufstieg, wenn ich, an sie geschmiegt, in engen, winkeligen Gäßchen emporsah zu den gelben und den roten Topfblumen in den Fenstern, empor zum traulichen Gewirr der Giebel, da schien es mir, als ob mir an den alten Orten wiederum die alte Zeit begegnete. Oft wieder wähnte ich, als sei all dies nur flüchtiges Verweilen, nur eine köstlich kurze Wanderung, von der wir bald heimfinden werden.

Agathe nenn’ ich sie, ja, war sie denn Agathe? Wenn sie Agathe war, wie war sie hergekommen? War auch sie rückversetzt? Wie denn? Rückversetzt, nachdem sie doch zu meiner Zeit verstorben war? Oder begegnete ich ihr in einer frühern Phase ihres Erdenlebens? Gibt’s also eine Wiederkunft des gleichen? Oder aber war’s nur eine zufällige Ähnlichkeit, und das Heimweh nach einer jahrhundertfernen Welt und die Sehnsucht nach der längst Verlorenen hüllen mich in einen wohltätigen Trug? Immer wieder forschte ich in ihren Zügen, ob sie wohl dieselbe wäre, suchte ich in ihren Worten eine Lösung jenes Rätsels zu entdecken.

Es wurde gesagt: »Es wandelt niemand ungestraft unter Palmen, und die Gesinnungen ändern sich gewiß in einem Lande, wo Elefanten und Tiger zu Hause sind.« Noch weniger aber wandelt man ungestraft in einer fernen Zeit, und wenn die Tropenreisenden von einem »Tropenkoller« erzählen, so könnte ich von einem »Zeitenkoller« sprechen: der Sinn für Wirklichkeit verschwindet. Oft zweifelte ich dran, daß ich noch ich sei, Erasmus Büttgemeister, und wähnte, meine Seele sei in einen andern Leib gefahren. Oft spielte ich mit dem Gedanken, was ich hier angetroffen, das sei ja gar nicht das Deutschland des siebzehnten Jahrhunderts, das sei eine der zahllosen Permutationen, irgendwo im Weltraume, vielleicht auf einem fremden Stern.

Bisweilen sprach ich andeutend, prüfend von ehemals – ich sage ehemals und meine das zwanzigste Jahrhundert –, und da glaubte ich in Agathes Zügen etwas wie fernes, dämmerndes Erinnern zu erkennen. Und oftmals wiederum, wenn ich von der Gegenwart, von meinen Plänen sprach, war ihre Antwort Schweigen, fremdes Staunen. Zuzeiten, mitten im Gespräch, hielt sie versonnen inne und hob den Kopf, als horche sie auf eine ferne Stimme, oder sie wendete den Blick halb rückwärts, irgendwo nach einer Hecke, einer Mauernische, als sei dort plötzlich jemand aufgetaucht und trete auf sie zu. Was war es, wer war es, dem diese Erwartung galt?

Ich ging mit ihr im Walde, und der Widerschein der Blätter tauchte ihr Gesicht in grünes Dunkel. In grünem Glanze, nixenhaft, strahlten ihre Augen aus dem meeresbleichen Antlitz. Und wiederum, wie schon so oft, erfüllte mich mit süßer Trauer, erschreckend und berückend, die Vorstellung: In Meerestiefen bin ich hinabgelangt, in nie betretene Gefilde, vom Ozean der Zeit längst überflutet, in die versunkne Stadt am Meeresgrunde. Meerwasser ist die grüne Helle in der Runde, Meerblumen sind die Birkenstämme, und rings um mich sind Nixen, Meereswunder. Ist sie nicht eine Nixe, die Gefährtin meiner Wanderung, wird sie mir nicht entgleiten, wenn ich ihr Geheimnis lüfte, wie Melusine, unstillbare Sehnsucht hinterlassend?

Ach, wie ich sie umfing, wie ich in ihre Arme stürzte, mit welch verzweiflungsvoller Inbrunst ich in ihrem Fleische wühlte, als könnte ich in ihrem Leibe das Geheimnis ihrer Seele schlürfen.

Doch fort mit diesen düsteren Gedanken. Wenn ich mit ihr durch die sommerliche Landschaft schreite, da durchbraust es mich mit heißer Kraft: Mein ist sie, und ich liebe sie. Und vor mir, wie diese Landschaft weit und strahlend, liegt das Feld der Möglichkeiten. Köstlich ist’s zu leben! Köstlich sind die Abenteuer, denen ich entgegengehe! Köstlich ist die Ungewißheit!

Dort, wo am Horizonte der Rauch aufsteigt, vor Nürnberg, kaum einen Tagmarsch weit, dort stehen sie einander gegenüber, die beiden größten Feldherrn dieser Zeit, der Schwedenkönig und der Wallenstein, und warten, wem von ihnen ich zum Sieg verhelfe.

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