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Verirrt in den Zeiten

Oswald Levett: Verirrt in den Zeiten - Kapitel 38
Quellenangabe
pfad/levett/verirrt/verirrt.xml
typefiction
authorOswald Levett
titleVerirrt in den Zeiten
publisherVerlag Das Neue Berlin
year1984
firstpub1933
correctorreuters@abc.de
senderJens Sadowski
created20130612
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Siebenunddreißigstes Kapitel

Wie im Taumel ging ich heimwärts. Wenn aus unsern Augen ein großes inneres Glück erstrahlt, so leuchtet uns ein Widerschein der eignen Freude auch aus den Blicken der Begegnenden.

Aber so war es diesmal nicht. Wohl erkannten sie mich, das sah ich deutlich. Aber nicht Wohlwollen las ich in ihren Blicken, nicht einmal Neugier. Nein, dumpfe Fremdheit, feindseliges Mißtrauen. Und was sie hinter mir zu tuscheln hatten, war alles, nur nicht freundlich. Von Feuerzeichen hörte ich etwas, die nachts aus meinem Hause flammten und daß es da nicht ganz mit rechten Dingen zugehn könne.

Mochten sie schwatzen, die unwissenden Narren. Was kümmerte es mich?

Als ich wieder vor den Toren war, allein in der lächelnd ruhevollen Landschaft, da durchströmte mich heißes Glücksgefühl und froher Dank, und eine innre Stimme sprach zu mir: »Nun hast du, was du suchtest, nun kannst du dich bescheiden. Genieße still dein Glück, lebe friedlich an der Seite deiner Liebsten, laß dich nicht ein ins Tun der Menschen, versuche nicht, dem Schicksal vorzugreifen, und erwidre nicht die Gnade, die dir widerfahren, mit vermeßnem Trotze.«

Wie ein mildes Licht des Friedens nach einem langen Weg voll Kampf und Irrung leuchtete es auf. Ergriffen stand ich still und sann und grübelte und kämpfte mit mir selbst. Und endlich, befreiend und ermattend, entrang sich meinem wild bewegten Herzen der Entschluß.

»Ja, ich will verzichten. Dankbar will ich sein und fromm und gläubig. Vergessen will ich mein vormaliges Leben, all mein Wissen, meine Pläne. Hier will ich leben als ein Bürger dieses Landes, als ein Kind dieser Zeit, ein Gleicher unter Gleichen, den Menschen helfen und demütig mein Tagewerk verrichten bis an mein gottgewolltes Ende. Bescheiden will ich sein, will mich bescheiden.«

Halb heiter, halb entsagend umfaßte ich die Landschaft rings umher mit meinen Blicken, begrüßend, Abschied nehmend, und sprach zur mütterlichen Erde: »Nicht als gewaltiger Eroberer, als friedlicher Bebauer, dienend, nicht herrschend, will ich dich fortan betreten.«

Ich mußte mich des Traums erinnern, da Konradin und Agathe mir erschienen und von den Zinnen Ansbachs winkten, beschwörend, Abschied nehmend. Nun war die Deutung klar: Beschwörend winkten sie mir zu, ich möge mich bekehren; Abschied nehmend, ich möge Abschied nehmen von meinem früheren Wissen, meinen ehrgeizigen Plänen, sonst müßte ich von ihnen, den beiden Teuern, Abschied nehmen.

Aber, Gottlob, nun bin ich ja vereint mit beiden.

Wie wird Konradin sich freuen, wenn ich ihm von meiner Einkehr, meinem demütigen Verzicht erzählen werde. Bis ins kleinste malte ich mir aus, wie er zuhören würde, er, der wie kein andrer zuzuhören weiß; wie er mich ansehn würde mit seinen wunderbaren Augen, jenen Augen, aus denen alles Schöne, alles Edle dieser Welt erstrahlt. O du mein teurer Freund, Zierde der Menschheit, Unvergleichlicher!

Ungeduldig blickte ich empor, ob ich nicht bald daheim sei.

Aber was sah ich da? Dicker, schwarzer Qualm stieg aus dem Schornstein, drang aus den Fenstern, und aus dem Dachstuhl schlugen Flammen.

Rasende Angst erfaßte mich. Nicht um meine Habe, um Konradin. Und ich jagte den Hügel hinan . . . Nun schon zum zweiten Male heute.

Hatte Konradin nicht recht mit seiner Ahnung? Umkehr bedeutet Unglück. Und warum hatte er mir mit solch langem Abschiedsblicke nachgesehen?

Um Gottes willen, mag das ganze Haus verbrennen, wenn nur ihm nichts zugestoßen ist! Die Angst schnürte mir die Kehle zu; keuchend, schluchzend langte ich oben an.

Die Flammen hatten fast das ganze Haus ergriffen. Die Dachschindeln, von der Hitze der letzten Wochen ausgedörrt, brannten wie Zunder.

Ja selbst die Bäume in dem kleinen Garten vor dem Hause begannen schon zu glimmen.

Wo war Konradin? Ich rief ihn überall, bis mir die Stimme schier versagte. Keine Antwort. War er vielleicht – zum Glücke – ausgegangen? Oder war er im Hause drinnen, in den Flammen, erstickt, verbrannt? Es war nicht auszudenken.

Ich muß ins Haus, und koste es mein Leben. Neunmal versuchte ich es, und neunmal mußte ich zurück vor dem höllisch heißen Brodem, der mir entgegenfuhr, und vor dem flammenden Gebälke, das sich krachend von der Decke löste. Wie es mir gelang, in diese Lohe einzudringen, weiß ich nicht, kann ich nicht begreifen.

Drinnen fand ich ihn. Auf dem Boden liegend. Ich schleppte ihn mit mir. Wie ich wiederum hinausgelangte, geblendet, mit versengten Haaren, blutend und zerfetzt, bleibt mir ein Rätsel.

Ich stürzte mich auf den geborgnen Körper. Entsetzt, gelähmt fuhr ich zurück. War das denn Konradin? Dies armselige, verkohlte Bündel Fleisch war Konradin? Die goldenen Locken weggebrannt, und wo das Cherubsantlitz lächelte, da bleckte ein entstellter Stumpf.

Die rechte Hand des Leichnams umklammerte die Glühlampe, und in der linken hielt er die verkohlten Reste eines Handtuchs. Nun war die Ursache des Brandes leicht erklärt. Konradin hatte sich, wie auch sonst, nach der Arbeit an der Staffelei die Hände gewaschen. Mit der feuchten Hand griff er nach der Glühlampe. Sie war schlecht gesichert, so daß der Strom ihn traf. Mit voller Wucht, denn das Unglück wollte es, daß seine Hand noch naß war, und Wasser leitet die Elektrizität besonders gut. Betäubt, vielleicht schon tot, stürzte er zusammen, seine Kleider fingen Feuer, und der Brand, gefördert durch die übergroße Hitze, konnte ungehindert um sich greifen. Und wenn den Unglücklichen nicht schon der Strom getötet hatte, so taten’s um so sicherer die Flammen.

Ich war völlig von Sinnen, wie gelähmt. Unfähig, zu denken, mich zu rühren, hingekauert vor dem Leichnam, sah ich dem Spiel der Flammen zu, sah ruhig zu, wie das ganze Haus bis auf die Mauern niederbrannte.

Alles hatte der Brand verzehrt. Nur die Maschine nicht und ein Gebetbuch, das wie durch ein Wunder unversehrt geblieben war. Ich fand es an der Stelle, wo Konradin gelegen hatte. Sein Körper hatte es vor dem Brand geschützt.

Konradin hatte das Buch mit Federzeichnungen etwa in der Art geschmückt wie Albrecht Dürer die Handbibel des Kaisers Maximilian. Dieses Gebetbuch mit seinem zeichnerischen Schmuck war alles, was von Konradins Schaffen übrigblieb.

Schon hatten die Flammen alles Brennbare vernichtet, da fiel ein heftiger Gewitterregen und rettete so wenigstens die Bäume vor den Flammen. Es war wie grausamer Hohn: wäre der Regen nur um zwei Stunden früher losgebrochen, so hätte er den Brand noch rechtzeitig gelöscht, Konradin wäre vielleicht noch am Leben.

So verharrte ich den ganzen Abend und die ganze Nacht, unter Regen, Blitz und Donner; schlief nicht und wachte nicht, dachte nicht, regungslos und tränenlos. Kauerte vor den rauchgeschwärzten Trümmern meines Hauses – wie ein Gespenst vor seinem offnen Grabe.

Und als der kühle Morgen graute, als jene düstre Stunden des Erkennens nahte, die bleiche, erste Morgenstunde, die uns die graue Wirklichkeit der Dinge zeigt – da fand ich endlich Worte, fand ich Tränen. Nach dem fahlen Schimmer, der am fernen Horizonte aufstieg, reckte ich die Hände und schrie mit heisrer, haßerfüllter Stimme: »Jetzt sind wir quitt!«

Daß ich ein zweites Mal zum Bettler wurde, ohne Murren hätte ich’s ertragen. Bettelarm, ein Schiffbrüchiger, war ich ja angelangt im siebzehnten Jahrhundert. Aber daß mir der Freund entrissen wurde, der einzige, der mich verstand, dem ich mich anvertrauen konnte, der mir gut war – das war die Antwort auf meinen demütigen Dank, auf mein bußfertiges Entsagen? Das ist die Liebe des Allerbarmers? Nein, das ist Teufelshohn.

Hier hatte die Natur einmal ein Meisterwerk gebildet, schön wie ein Gott und arglos wie ein Kind, einzig dem Guten zugetan und von dem Glauben an das Göttliche erfüllt und ein Künstler ohnegleichen. Und dieser Einzige muß sterben, vorzeitig, namenlos, und seine Werke, welche durch die Jahrhunderte hätten leuchten müssen, liegen auf der Brandstatt, vom Wind verstreute Asche. Zeigt das nicht aufs neue, wie sinnlos alles ist?

Wer hat nun recht behalten, ich, der starre Gottesleugner, oder der arme Freund, der meinen gottesleugnerischen Trotz voll frommen Eifers zu bekehren suchte, der immerdar den hochgelobten Namen Gottes pries?

Ach, ahnte er nicht sein frühes Ende, hatte er nicht stets gefürchtet, daß mein »vorzeitiges« Wissen Unheil bringen werde über mich und über ihn?

Wehe, meine Maschine hat ihn ja getötet! Was war das, Warnung, Strafe oder Zufall?

Aber, gam su letoba, auch dies zum Guten. Auch diese letzte, schreckliche Prüfung soll mir eine Lehre sein, ein Fingerzeig. Hatte ich nicht dort unten in der Kirche die Hände gefaltet und gebetet? Schwach war ich gewesen, untreu wollte ich mir werden, abtrünnig meiner Sendung – genarrt durch einen Zufall, durch Weihrauchdunst, durch einen Lichtreflex. Aber nun bin ich rechtzeitig gewarnt. Nun weiß ich, was ich zu erwarten habe, wenn ich auf Gott vertraue. Nein, niemandem vertrauen, nur mir selbst, und jetzt erst recht den Kampf beginnen, dem ich in einem Augenblick der Schwäche feig entsagen wollte!

Nachtschwarz ist der Weltenraum, den wir von goldnem Licht durchflutet glauben, und was das arme, bange Herz als weisen Schöpfer anbetend ersehnt, ist ein fühlloses Nichts. Was immer Großes und Erhebendes geschaffen wurde, dem Nichts ist’s trotzig abgerungen worden.

So schritt ich auf und nieder, vor den Trümmern meiner Habe, vor dem Leichnam meines Freundes, bald gramvoll sinnend, bald die Hände ringend, bald düstere Verwünschung murmelnd.

Tragischer Aberwitz! So fluchte ich der Gottheit, die ich leugnete.

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