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Verirrt in den Zeiten

Oswald Levett: Verirrt in den Zeiten - Kapitel 37
Quellenangabe
pfad/levett/verirrt/verirrt.xml
typefiction
authorOswald Levett
titleVerirrt in den Zeiten
publisherVerlag Das Neue Berlin
year1984
firstpub1933
correctorreuters@abc.de
senderJens Sadowski
created20130612
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Sechsunddreißigstes Kapitel

An einem der nächsten Tage ging ich in die Stadt, um nach den Arbeiten der Handwerker zu sehen.

Es war ein strahlend-schöner Tag. In goldnem Glanze lag vor mir die Landschaft, deren Anblick mich immer wieder an die Sendung mahnte, die ich zu erfüllen hatte. Sie war der Fels, in dem die ungebornen Formen schlummern, die des Künstlers Meißel wecken soll. Mit andächtigen Blicken betrachtete ich sie, wie ein Liebender, der nach den Zügen seiner Liebsten in dem Antlitz ihrer Mutter forscht.

War das heute wirklich ein Sommermorgen des Jahres 1632? Konnte das nicht die Landschaft meiner Jugend sein? Lächelnd, unschuldig, gleichsam zeitlos lag sie vor mir. Nur weit drunten, auf der Landstraße, fuhr eine vierspännige, altmodische Reisekutsche, von Reisigen geleitet, und wenn ich zur Seite blickte, sah ich die Wälle und die Gräben der Stadt.

Unterwegs im Walde, als ich aufatmend stillstand und das Sonnenlicht verfolgte, wie es sich oben in den dichtverzweigten Wipfeln fing, so daß es unten gleich einer goldnen Spinne über das Moos, die rostig grünen Farben huschte, da fuhr mir’s plötzlich durch den Sinn, ich müsse gleich zurück und Konradin vor dem Kraftwerk warnen, damit er nicht an der gefährlichen Maschine unkundig hantiere und ihm ein Unglück widerfahre.

In jagender Angst lief ich zurück. Doch als ich oben ankam, fand ich ihn wohlbehalten vor der Staffelei. Auf seinem Antlitz lag solch inbrünstige Sammlung, solch hoheitsvoller Ernst, daß ich kaum wagte, ihn zu stören. Als er endlich aufsah und ich zu sprechen begann, strich er mir zärtlich über meinen Scheitel und sagte: »Und warum seid Ihr ganz außer Atem zurückgelaufen? Seid Ihr nicht abergläubisch? Wißt Ihr nicht, daß Umkehr Unglück vorbedeutet? Nein, Lieber, habt doch keine Furcht um mich. Furcht hab’ ich selbst vor diesen unheimlichen Dingern, die unbeseelt sind und doch unermüdlich tätig und von unmenschlicher Kraft. Nein, nie will ich denen in die Nähe kommen. Dazu bedarf es gar nicht Eurer Warnung. Denn es erscheint mir immer lästerlich vermessen, daß ich die spät errungenen Geheimnisse ferner Geschlechter schauen soll.«

Als ich ihn drängte, er möge sich, wennschon nicht das Wesen der Maschine, so doch wenigstens ein paar Handgriffe erläutern lassen, um sich vor Gefahr zu schützen, da hielt er sich die Hände vor die Ohren und wehrte schreckhaft ab.

So mußte ich gehen. Lange blickte er mir nach mit seinem strahlend holdseligen Lächeln. –

Mehr denn je mußte ich heute an Agathe denken.

Ich kann nicht müde werden, das Unerhörte zu beschreiben, das ich bei jedem Gange durch die Stadt empfand, und immer wieder suche ich nach einem Gleichnis. Habt Ihr je nach vielen Jahren eine Stadt betreten, wo Ihr einst liebtet? Kennt Ihr die seltsam köstlichen Gefühle, die der wohlvertraute und doch fremde Anblick aller Dinge weckt? Jugend, Sehnsucht und Erinnern wird wiederum lebendig, und stets aufs neue sucht Ihr nach den Zeugen dessen, was Euch teuer war. Und wenn nun erst Jahrhunderte dazwischenliegen und wenn es eine fremde Welt ist, die Euch, staunend und bestaunt, empfängt!

So suchte auch ich die Stätten der Erinnerung, als ob sie, unter dem äußern Schein, verborgen, nur auf eine Zauberformel warteten, um ihr Antlitz zu entschleiern: ein Kaufmannshof, wo Fässer aufgestapelt liegen und wo’s nach Latwerge riecht; ein halb zerfallenes Gemäuer, aus dem ein knorriger Holunderstamm erwächst; eine Hecke, wo das Geisblatt und der Rotdorn duftet.

Ich kam zum Marktplatz. Noch nie war mir das Bildhaft-Ferne dieses Anblicks so aufgefallen wie gerade heute. Ich finde kein treffenderes Gleichnis als mit einem Film: Wie auf einer Flimmerleinwand, lebendig deutlich und doch unwirklich, entrollte sich das Bild. Wie vom Borde eines Schiffes, das langsam durch die Fluten streicht, sah ich hinab, bis tief im Meeresgrunde.

Kirchenkuppeln und Türme sich zeigten,
Und endlich, sonnenklar, eine ganze Stadt,
Altertümlich und menschenbelebt.

Bebend vor Rührung sprach ich die Verse vor mich hin und achtete nicht der spöttisch mißtrauischen Blicke, die mir folgten.

War’s Zufall, oder war es nicht traumschweres Schicksal, düstre Prophezeiung, daß ich gerade dies Gedicht vor allen andern liebte, dieses Gedicht von der versunknen Stadt im Meeresgrunde? Und paßte denn nicht Wort für Wort auf alles, was ich leibhaftig hier vor mir sah:

Bedächtige Männer, schwarzbemäntelt,
Mit weißen Halskrausen und Ehrenketten,
Und langen Degen und langen Gesichtern,
Schreiten über den wimmelnden Marktplatz
Nach dem treppenhohen Rathaus . . .

Unfern, vor langen Häuserreih’n
Wandeln seidenrauschende Jungfern,
Schlanke Leibchen, die Blumengesichter
Sittsam umschlossen von schwarzen Mützchen
Und hervorquellendem Goldhaar.
Bunte Gesellen, in spanischer Tracht,
Stolzieren vorüber und necken.
Bejahrte Frauen,
In braunen, verschollnen Gewändern,
Gesangbuch und Rosenkranz in der Hand,
Eilen trippelnden Schrittes
Nach dem großen Dome,
Getrieben von Glockengeläute
Und rauschendem Orgelton.

Ich folgte meinem Führer, auch ich ging in die Kirche und fragte mich in ahnungsschwerer Sehnsucht: Alles ist bis jetzt erfüllt, wie es das Gedicht verkündet. Wird nun auch das Letzte sich erfüllen? Werde ich dich wiederfinden, dich,

Du Immergeliebte,
Du Längstverlorene?

Ich trat ins Kirchenschiff. Weihrauchduft umfing mich, kühles Dunkel, geheimnisvoll durchzittert von gedämpftem Lichte, das sich vielfarbig in den bunten Kirchenfenstern brach.

Seit meiner Kindheit hatte ich kein Gotteshaus betreten. Kinderträume wurden wiederum lebendig, und der längst verschollne Kinderglaube öffnete mein Herz, ich faltete die Hände, und unter Tränen sprach ich: »Wenn Du wirklich über Wolken thronst und ein allgütig liebevoller Vater bist, dann blicke doch auf mich. Sieh, wie ich hier verlassen bin, verirrt, in tiefster Einsamkeit. Erlöse mich aus der Verirrung, bewahre mich vor Irrung und führe mich nicht in Versuchung!«

Und was nun geschah, war’s Täuschung, Zufall, oder war es eine Antwort? Ein Lichtschein brach durchs Kirchenfenster, wie eine Feuergarbe, ekstatisch hell, beseligend, wie eine Offenbarung aus der Höhe des Himmels, und drang bis in das Dunkel einer Altarnische und wob um eine betend Hingesunkne eine goldne Gloriole. Sie hob das Haupt und blickte in den Lichtschein, geblendet, wie verzückt.

Nun konnte ich sie sehen. Das Blut schoß mir zu Herzen. Es war Agathe.

Ich stürzte auf sie zu, lachend, weinend, sprachlos, jubelnd. Und in den triumphierenden Gesang der Orgel ertönte die Verheißung des Gedichtes:

So tief, meertief also
Verstecktest dich vor mir,
Und konntest nicht mehr herauf,
Und saßest fremd unter fremden Leuten,
Jahrhundertelang,
Derweilen ich, die Seele voll Gram,
Auf der ganzen Erde dich suchte,
Und immer dich suchte,
Du Immergeliebte,
Du Längstverlorene,
Du Endlichgefundene.

Und sie stand da, die Arme auf dem Pfeiler rückwärts aufgestützt, wortlos, ergriffen, verwirrt-holdselig lächelnd. Und aus ihren Augen blickte – wie soll ich nur beschreiben, was aus ihren Blicken strahlte: süßer Schrecken, traumhaftes Erinnern, Erkennen, Liebe auf den ersten Blick.

Was ich zu ihr sprach, was sie erwiderte, weiß ich ja gar nicht mehr. Ich weiß nur, daß ich sie gefunden habe, daß ich sie wiedersehen werde, immer wieder sehen.

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