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Verirrt in den Zeiten

Oswald Levett: Verirrt in den Zeiten - Kapitel 33
Quellenangabe
pfad/levett/verirrt/verirrt.xml
typefiction
authorOswald Levett
titleVerirrt in den Zeiten
publisherVerlag Das Neue Berlin
year1984
firstpub1933
correctorreuters@abc.de
senderJens Sadowski
created20130612
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Zweiunddreißigstes Kapitel

So kam der Tag heran, da ich das Häuschen draußen vor der Stadt beziehen konnte. Ich war wehmütig-nachdenklicher Stimmung; war’s doch das erste Mal, daß ich von meiner Stube Abschied nehmen mußte.

Am letzten Abende ersuchte mich Matthäus Büttgemeister, die große Uhr zu richten, den vielbestaunten Schmuck der guten Stube. Sie war mir wohlbekannt. Stand sie doch zuletzt – im zwanzigsten Jahrhundert – in meiner Stube droben; war doch mein letzter Blick, eh’ ich verscholl, auf sie gefallen.

Sie war der Uhr am Dom zu Straßburg nachgebildet, dem weitberühmten Werke, das Konrad Dasypodius, der Mathematiker, ersonnen und die drei vorzüglichen Meister Habrecht – Isak, Josias, Abraham – nach vierjähriger mühevoller Arbeit, im Jahre 1574, vollendet hatten.

In drei Stockwerken türmt sich der kleine Wunderbau empor, und immer scheint das obere an sinnreich-kunstfertiger Arbeit das untere zu überbieten, gleichsam als wollte der Erbauer zeigen, daß alle Kunst auf Erden übertrefflich sei.

Im ersten Stockwerk ruhen die Planeten, alle sieben versinnbildlicht durch Götterbilder, jede Gottheit thront auf einem Wagen, und den Wagen ziehen Tiere, welche jenem Gott geweiht sind. An dem Tag der Woche, der nach ihm benannt ist, fährt jeder Gott in seinem Wägelchen hervor. Über den Bildern der Planeten gewahrt man eine Scheibe, welche die Viertelstunden und Minuten angibt. Zur Rechten und zur Linken steht ein Engel, und bei jedem Stundenschlage kehrt der rechte eine Sanduhr, der andre hebt ein Szepter.

Das zweite Stockwerk trägt ein Astrolabium mit einem Stundenzeiger und mit andern Zeigern, welche die Bewegung der Planeten im Tierkreise beschreiben. Darüber kreist der Mond, und ein Quadrat bezeichnet seinen Lauf und seine Phasen.

Das dritte Stockwerk zeigt vier Männer. Sie sind geharnischt und verkörpern die vier Menschheitsalter, jede Viertelstunde setzt ein andrer von den vieren silberne Zymbeln in Bewegung und erzeugt damit ein sanftes Glockenspiel. Darüber schwebt die Stundenglocke. Auf einer Seite steht der Heiland und auf der anderen der Tod. Mit jedem Viertel naht er sich der Glocke, die Stunde anzuschlagen. Doch weist der Heiland ihn zurück. So lange, bis der vierte der Geharnischten die letzte Viertelstunde schlägt. Nun tritt die Christusstatue zurück, und es schlägt der Tod die Stunde.

Ich nahm die Uhr und trug sie auf mein Zimmer. Halb spielerisch, stellte ich sie hier auf eine Truhe. Und rechts davon, an einem Nagel, den ich in die Wand geschlagen hatte, hingen die Bleistiftskizzen der Maschinen, die ich vor kurzem angefertigt hatte.

Hier, genau an dieser Stelle, sechs Schritt vom Fenster, hatte stets die Uhr gestanden. Damals, wie soll ich sagen, vor oder nach dreihundert Jahren? Und rechts davon der Wandkalender, da, wo jetzt die Maschinenskizzen hängen.

Mühsam brachte ich das Werk in Gang, und immer wieder mußte ich mit liebevoller Andacht die Uhr betrachten und betasten.

Ach, was doch solch ein armes kleines Herz in dieser großen reichen Welt, in dieser weiten wilden Welt erfahren muß! Wie soll ich schildern, was ich fühlte, wie ein Gleichnis finden für das Unvergleichliche?

Sag, ferner Leser, du Ungeborner oder längst Verstorbner, sag, hast du je dein Heimatland verlassen und in der Fremde, fern von allen Lieben, nach vielen sehnsuchtsvollen Jahren ein altvertrautes Spielzeug deiner Kindertage unverhofft entdeckt? Oder warst du je verschlagen auf ein wüstes Eiland irgendwo im Weltmeer, ohne Hoffnung einer Heimkehr, und bist am Strand gestanden, händeringend, und starrtest auf den mitleidlosen Ozean, und plötzlich spülte eine Woge dir zu Füßen das Bildnis deiner Mutter, das du als Kind am Halse trugest?

Nun, vor dieser Uhr war ich schon als Knabe stundenlang gestanden. Sie war es, die mir das Geheimnis der Mechanik zum erstenmal enthüllte, die mir das rätselvolle Bild der Zeit in spielerischem Gleichnis spiegelte. Und bei der sinnenden Betrachtung dieses Uhrwerks war mir zum ersten Male – schattenhaft, beglückend – die Idee genaht, ein andres Spielwerk zu ersinnen, das dieses Rätsel lösen, das die ewig Flüchtige in ihrem Fluge überflügeln, das die Zeit bezwingen sollte.

Und während ich alldem in schmerzlichem Erinnern nachhing, löste ich die Hemmung aus und brachte das Getriebe in Gang. Aus dem Dornröschenschlaf erwachten nun zu fieberhaftem Leben die Maschinen. Die Wagen der Planeten fuhren rasselnd vor, unablässig hob der eine Engel seinen Stab, wendete der andere seine Sanduhr. Es zog der Mond am Firmament dahin in deutlich wechselnder Gestalt, und auf dem Astrolabium beschrieben die Gestirne eilends ihren Kreislauf. Und vollends in dem dritten Stockwerk, bei den Glocken, da war ein ruheloses Hin und Her. Die Harnischmänner drängten sich zum Läutwerk. Kaum daß der Heiland noch dem Tode wehren konnte. Das Glockenspiel der Viertelstunden jagte sich, vom tiefen, ernsten Stundenschlage immer wieder unterbrochen; es war ein unaufhörliches Getöne. So drängte die entfesselte Maschine in eine kurze Spanne Zeit zusammen, was sonst das wohlgemeßne Werk des Ablaufs vieler Wochen war.

Wehmütig lächeln mußte ich. Nun hatte ich ja doch die Zeit besiegt.

Die Zeit besiegt – o grauenvoller Hohn. Im Spiel, in tändelnder Verkleinerung, was ich in Riesenmaß, in heiligem Ernst, der Ewigkeit zum Trotz, der Menschheit zur Erlösung wollte! . . . Nur wollte, nicht vollbrachte?

Und wie ich so in seltsamem Gemisch von Rührung, Spott und Zweifel das ruhelose Uhrwerk abschnurren ließ, da strich ein Windhauch durch das Fenster, und von dem Nagel lösten sich die Skizzenblätter und sanken nieder, wie welkes Laub, eins um das andere sich überblätternd. Und durch die bunten Scheiben fiel ein letzter Strahl der abendlichen Sonne und ließ das Laub der Bäume draußen bald smaragdgrün, bald in purpurroten Farben leuchten.

Wie nun mein Blick all dies umfaßte, da erstarb mein Lächeln in ein lähmendes, grauenvolles Sinnen. Hatte ich nicht dies schon einmal gesehn? Die alte Wanduhr, die den Ablauf vieler Tage, Wochen in einen kurzen Augenblick zusammendrängte; der Wandkalender dort am Nagel, dessen Blätter eines ums andre an jedem Tage abgerissen wurden und die, zusammengeballt in der verdichteten Geschwindigkeit der Zeit, sich scheinbar überblätternd, wie welkes Laub zur Erde sanken; die Bäume draußen, deren Laub die rasende Beschleunigung des Laufs der Jahreszeiten bald frühlingsgrün, bald purpurn herbstlich färbte.

Wo hatte ich dies nur schon einmal gesehn? Wie ein Blitz durchdrang’s den Nebel, schreckhaft, jäh und blendend: Von meiner Maschine aus hatte ich all dies gesehen, als ich die große Reise antrat durch die Zeit.

Erst langsam, zögernd, nicht viel schneller, als etwa ein Fußgänger von einem Läufer überholt wird, so daß die Viertelstundenschläge sich doch deutlich unterscheiden ließen. Dann immer rascher, immer wilder, so daß ich viele Monate in einem Augenblick durchraste.

Und wie an einem Zuge, der dahinfährt, die Häuser, Felder, Telegraphenstangen scheinbar vorüberjagen, wie also an der Raum durchmessenden Maschine der Raum vorüberzieht, so strich an meiner Zeit durcheilenden Maschine die Zeit vorbei. Soweit sie ihre Spuren im Raume hinterläßt: im Glockenschlag des Uhrwerks, im Blätterfall, im Lauf der Jahreszeiten.

Auch entsann ich mich nun deutlich der ersten tastenden Versuche, eh’ es mir gelang, die kaum entschwundne Stunde wiederzugewinnen: die ungeheure Spannung, der unbändige Triumph, wie drüben auf der Turmuhr der Zeiger rückwärts rückte, wie in dem Garten nebenan das kaum verflogene Gespräch aufs neue anhub, wie die Nachbarstochter ihr Stück auf dem Klavier von neuem übte. Gespräch und Melodien seltsam verworren, unverständlich, da ich sie doch von rückwärts hörte, gleichsam in einer Spiegelschrift des Schalles.

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