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Verirrt in den Zeiten

Oswald Levett: Verirrt in den Zeiten - Kapitel 32
Quellenangabe
pfad/levett/verirrt/verirrt.xml
typefiction
authorOswald Levett
titleVerirrt in den Zeiten
publisherVerlag Das Neue Berlin
year1984
firstpub1933
correctorreuters@abc.de
senderJens Sadowski
created20130612
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Einunddreißigstes Kapitel

Was ich zur Herstellung der Dynamomaschine brauchte, ließ ich bei den Handwerkern der Stadt anfertigen, jedes Stück bei einem anderen, so daß keiner um den Zweck des Ganzen wußte. Solange die Fertigstellung alles dessen, der Hausgeräte und des Stauwerks in dem Bache währte, verweilte ich im Hause meines Ahnherrn, ehrgeizige Träume träumend, wartend und betrachtend.

Agathe suchte ich. Irre Hoffnung lockte. Wenn alle meine Träume Wahrheit wurden, warum just dieser nicht? Ich suchte sie des Morgens in der Kirche, bald in den Laubengängen bei den Zünften, bald vor dem Stadttor auf der Wiese, wo sich abendlich das junge Volk zu sammeln pflegte. Und wenn es Nacht war, strich ich durch die stillen Straßen, und wo ein später Lichtschein glänzte, starrte ich empor, und wo aus dunkeln Fenstern trauliches Gespräch ertönte, blieb ich stehn und lauschte – bis mich der hallend gleichförmige Schritt der Scharwache verscheuchte.

Einmal, als ich an einem strahlend-heißen Nachmittag nach Hause kam und durch die gute Stube ging, da sah ich auf dem Fensterborde neben dem Spitzglas mit den Nelken – die auf dem Bildnis meines Ahnherrn abgebildet sind – ein Briefchen liegen.

Halb entfaltet war es, so daß die Schriftzüge undeutlich sichtbar waren.

Ich weiß nicht, wie es kam, daß in dem weiten, schönen Raume meine Blicke just durch jenes grobe Blatt Papier gefesselt wurden. War’s Zufall, war’s der Sonnenstrahl, der es umspielte?

Und ich weiß auch nicht, sah ich nicht deutlich, war’s die allzulange Keuschheit, die mich täuschte und verwirrte? Das Blut schoß mir zu Herzen, als ich näher blickte: es war Agathes Schrift auf jenem Blatte.

Aber war’s denn Täuschung, sah ich nicht ganz deutlich, wie da geschrieben stand: »beschließlichen in Trewen«? Agathes Handschrift war’s, nur ungefüge und verschnörkelt – wie die Sprache.

Schon schritt ich näher, schon wollte ich den Brief ergreifen und entfalten, da trat Matthäus Büttgemeister ein. Er sah um sich, betrachtete mich einen Augenblick lang mißtrauisch und finster, dann griff er nach dem Briefe und barg ihn in dem Wams mit einer hastig-zärtlichen Gebärde.

Und wiederum ein andermal, als ich in meiner Stube las, hörte ich im Garten unten Schritte und Gespräch. Das war nichts Seltenes, und dennoch trieb’s mich diesmal an das Fenster.

Da sah ich meinen Ahnen in zärtliches Gespräch vertieft mit einem jungen Mädchen, das er im Arme hielt. Eben treten sie ins Haus, so daß ich nur die feine Wange, den edlen Hals und noch das köstlich widerspenstige Gelock im Nacken mit einem raschen Blick erhaschen kann.

Doch war das nicht genug: war’s nicht Agathe, die ich da vor mir sah? Mein Herz erzitterte in süßem Schrecken, ich stöhnte auf in sehnsüchtiger Freude und in bangem Zweifel, ob sie’s wohl sei, und wenn sie’s wäre, ob sie noch mein sei.

O Dante, Ariost, Petrarca, Ihr habet eueren Geliebten Unsterblichkeit geschafft. Doch die gewaltige Monstranz leidender Liebe durch die Jahrhunderte zu tragen, wer hat es je gewagt, wer hat es je vollbracht – vor mir?

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