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Verirrt in den Zeiten

Oswald Levett: Verirrt in den Zeiten - Kapitel 31
Quellenangabe
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typefiction
authorOswald Levett
titleVerirrt in den Zeiten
publisherVerlag Das Neue Berlin
year1984
firstpub1933
correctorreuters@abc.de
senderJens Sadowski
created20130612
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Dreißigstes Kapitel

Wenn wir eine unbekannte Gegend, eine fremde Stadt auf einer Wanderschaft betreten, so ist es erst die Landschaft, welche wir betrachten, die Gebäude, dann die Menschen. Ihnen treten wir beziehungslos entgegen. Die schweren Ketten, die uns sonst stets an sie fesseln, Liebe und Haß, Ehrgeiz und Mißgunst, an denen wir all unsre Tage so hart zu tragen haben, sie drücken nicht, sie fehlen. Daher das köstlich Unbeschwerte jeder Wanderschaft.

Beziehungslos den Menschen gegenübertreten, wie von einem fremden Stern auf dieses irdische Getriebe hinabzuschauen, wie oft, wie sehnlich hatte ich darnach verlangt, wenn ich mich vor der Kümmernis des Alltags und vor der Niedertracht der Menschen vergeblich flüchtete! Nun war es mir beschieden. Durch die geheimnisvolle Kraft des bloßen Wunsches? Durch ein Wunder? Oder durch mein eignes Werk, das mir entglitten war, sobald es sich erfüllte?

Aber so wie für den Wanderer, wenn er Fuß faßt, wenn er sich einläßt in das Tun der Menschen, die unschuldvolle Landschaft gleichsam zurücktritt, aus einem Bild zum Rahmen wird, so verblaßte mir allgemach der märchenhafte Schimmer, der über allen Dingen lag. Die Schwerkraft der Wirklichkeit begann zu wirken, die Wanderung wurde zum Verweilen, es kam die Notdurft des Alltäglichen zu Worte.

Die paar Münzen, die ich bei mir führte, konnten nicht mehr lange reichen, und die Gastfreundschaft meines Ahnen durfte ich doch nicht ins ungemessene mißbrauchen. Auch war’s nicht meine Art, die Hände müßig in den Schoß zu legen.

Und was gab es da noch alles zu vollbringen! Hinter der Drehbank, auf dem Ambos verfertigten sie mühevoll und langsam, was wir mit einem Griffe unserer Maschinen zuwegebringen. Die Kraft des Dampfes, die Elektrizität war unbekannt. Brauche ich es erst zu schildern? In jedem Schulbuch steht’s geschrieben: Handwerk, Zunftgeist.

Mit einem Meer von Licht und Kraft wollte ich dies dürre Brachland überfluten.

Zehn Klafter Erdreich brauchte ich dazu; ein Heim und eine Werkstatt. Hier wollte ich alle meine Wunderwerke schaffen, durch sie das Angesicht der Welt verändern und mich zu ihrem Herrn machen.

Draußen vor den Toren, unfern der Stadt, besaß Matthäus Büttgemeister eine Jägerhütte. Sie war vor Jahren gänzlich ausgeplündert worden und stand nun leer; denn niemand wagte, das schützende Weichbild der Stadt zu verlassen. Das Häuschen überließ er mir.

Es war auf einer Anhöhe gelegen, und von hier aus überschaute man die ganze Stadt. Ein Bach ergoß sich längs des Hügels. Es war nicht schwer, durch eine Schleuse sein Gefälle zu verstärken und den also erzeugten Wasserfall zum Antriebe eines kleinen Kraftwerks zu verwenden. Ein Stacheldraht, mit hochgespanntem Strom geladen, sollte dieses Haus zu einer Festung machen. Hatte ich erst einmal Elektrizität, so war ich unbezwinglich.

Konradin, so war mein Wunsch, sollte in dem neuen Heime mein Gefährte sein. Hier in der Einsamkeit würde seine Kunst sich doppelt wunderbar entfalten.

Doch er nahm mein Angebot nur mit Zögern an: »Trübe Ahnung drückt mich, teurer Freund. Immer muß ich fürchten, daß Euer Wissen Unheil bringe, über Euch und über mich. Wenn’s Euch nun schon einmal in Gottes Rat beschieden ist, in unsrer Zeit zu leben, so lebt mit uns und lebt gleich uns, mit unsren Wünschen, unsrem Können. Bescheidet Euch. Bedenket doch den Haß, den Neid und die Ungläubigkeit, die Euer vorzeitiges Wissen, wenn Ihr es preisgebt, bei unserm Volk erwecken wird. Die Zeit ist noch nicht reif dafür . . . Aber ich weiß, Ihr werdet es nicht können lassen, Eure Künste, Euere Maschinen. Und das wird Unheil bringen.«

»Wenn’s Gottes Ratschluß ist, daß ich in dieser Zeit hier lebe, so kann es auch nicht gegen seinen Willen sein, daß ich als der Mensch weiterlebe, der ich bin, mit meinem Wissen, meinem Streben. Oder ist’s auch gegen Gottes Willen, wenn ein Schiffbrüchiger, der zu Kannibalen verschlagen wird, nicht Menschenfleisch frißt und weiter sein Gewehr benützt, sein Fernrohr und den Kompaß statt Pfeil und Bogen und des freien Auges? . . . Und wenn es gegen Gottes Willen ist, dann wird er’s zu verhindern wissen.«

»Ach, sprechet doch nicht so. Ihr fordert damit Gott heraus.«

»Daß doch alle, die mir gut sind, sich vor meinem Wissen fürchten. Meine Mutter, der vor meiner eigenen Erfindung bangte, und nun Ihr. Immer wieder diese kleinmütige Angst vor Neuerung und Fortschritt, die das Licht flieht, weil sie seine Flamme fürchtet. Aber mich soll es nicht schrecken. Hier in dieser blutbefleckten Wüstenei will ich das Panier des zwanzigsten Jahrhunderts hissen. Ich will das Licht der Wissenschaft noch ungeborener Geschlechter bringen. Ich will es bringen . . .«

»Und solltet Ihr darin verbrennen«, schloß Konradin in düstrem Sinnen.

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