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Verirrt in den Zeiten

Oswald Levett: Verirrt in den Zeiten - Kapitel 26
Quellenangabe
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typefiction
authorOswald Levett
titleVerirrt in den Zeiten
publisherVerlag Das Neue Berlin
year1984
firstpub1933
correctorreuters@abc.de
senderJens Sadowski
created20130612
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Fünfundzwanzigstes Kapitel

Wenn wir absehen von den Wonnen der Liebe, die kurzlebig sind, und von dem Glück des Schaffens, das nur wenigen beschieden ist, so hat uns die Natur nur einen Freudenquell erschlossen: die Betrachtung. Doch die Kunst – sie dient ja der Betrachtung – ist nur ein unzureichender Ersatz der Wirklichkeit, und die Wirklichkeit, das Leben selbst, ruhig-genießend zu betrachten, nur wenigen, erles’nen Geistern ist’s vergönnt.

Allzu tief sind wir verstrickt in Haß und Gunst und in die Not des Alltags.

Doch habt Ihr Euch je zu einem Maskenfest verkleidet? Habt Ihr nicht die seltsame Veränderung gefühlt, die mit der Änderung der Tracht Euch überkommt? Das Abenteuer, die Erwartung?

Und nun denkt Euch, daß jenes flüchtige, begrenzte Spiel Wirklichkeit wird, zu einer Wirklichkeit, die unberührt von unseren Wünschen bleibt! Ahnt Ihr wohl den zauberhaften Reiz des Schauspiels, das mich nun berückte? Was immer mich erwarten mochte, die Wonne jenes Abenteuers wog’s nicht auf.

Bald ließ ich mich vom Strom der Menge treiben, besah mir die Gehaben, ihre Trachten; bald sah ich auf der Wiese den Seilern zu, wie sie die Taue haspelten, und in den Torwegen den Tuchscherern und Leinewebern, wie sie des Tages Losung überzählten; bald lugte ich durchs Fenster einer Schenke auf die Menschen, wie sie beim Würfeln ihr bißchen Ehr’ und Gut verspielten, wie sie im Halbdunkel hinter ihren Humpen saßen und in jener längst verschollnen, urwüchsigen Sprache von Sorgen und von Wünschen redeten, die mir so weltenferne waren; bald blieb ich stehn vor irgendeinem Hof, der schweigend träumte, seltsam verändert und doch so vertraut.

Es war ein köstlich-milder Abend, in tiefen Zügen schlürfte ich die wonnevolle Luft und alles war so bunt, gewichtslos schwebend, wie ein Traum. Bald schelmisch-neckend – denn hinter diesem Scheine war der alte, wohlbekannte Anblick aller Dinge gleichsam vermummt, verborgen –, bald düster-ernst; denn auf den Stadtmauern waren Batterien aufgefahren, und von dem Hochgerichte reckte der Galgen drohend seine Arme.

Und wie eine sonnbeglänzte Landschaft doppelt lieblich und geheimnisvoll erscheint, wenn am Horizonte fahle Wetterwolken lagern, so erhöhte der große Krieg, der ringsum brandete und der auf alle Dinge seinen Schatten warf, den Zauber des Erlebten.

Wie in einer Taucherglocke war ich hinabgelangt in nie betretene Gefilde, vom Ozean der Zeit längst überflutet, und war umringt von Wundern und von Grauen, handgreiflich nahe und doch – wie durch eine Glaswand – unnahbar getrennt.

Und auch ich war ihnen fremd und fern, trotz meiner gleichartigen Tracht. Irgendein schreckhaft-düstrer Schein des Unbegreiflichen mochte mich umhüllen. Ich sah’s an ihren Blicken. Und wenn mir unter blonden oder braunen Flechten so manches Augenpaar verheißend oder schalkhaft fragend entgegenleuchtete, im nächsten Augenblick schon senkte es sich scheu und angstvoll.

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