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Verirrt in den Zeiten

Oswald Levett: Verirrt in den Zeiten - Kapitel 24
Quellenangabe
pfad/levett/verirrt/verirrt.xml
typefiction
authorOswald Levett
titleVerirrt in den Zeiten
publisherVerlag Das Neue Berlin
year1984
firstpub1933
correctorreuters@abc.de
senderJens Sadowski
created20130612
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Dreiundzwanzigstes Kapitel

Der Maler fing mich in den Armen auf und sprach mir liebreich zu: »Soweit Menschen Euch helfen können, wollen wir Euch helfen. Fasset Euch und habt Vertrauen . . .«

»Und erzählet endlich, wie Ihr herkommt«, fiel der Ratsherr ein.

»Warum Ihnen gerade das so sehr auffällt, begreife ich nicht. Ich hätte doch beim Haustor eintreten und unbemerkt hiehergelangen können.«

»Das Haustor ist versperrt. Auch hätte das Gesinde Euch sehen müssen. Und letztlich hättet Ihr bei jener Tür, zur rechten Hand, eintreten müssen. Die Tür, durch die Ihr kamt, von der führt nur die Treppe in das obere Stockwerk, aber nicht hinunter.«

Ich hatte dies in meinem ersten Taumel nach dem Erwachen gar nicht bemerkt.

»Ich kann nur wiederholen, was ich sagte: Aus meiner Stube komme ich. Ich wohnte mit meiner Mutter in diesem Hause, welches seit Jahrhunderten unserem Geschlecht gehört. Denn ich heiße Erasmus Büttgemeister, und Ihr seid mein Ahn, Matthäus. Ihr seid mir wohlbekannt durch Euer Bildnis und aus meinen Träumen.«

Ungläubiges Mißtrauen und freudige Überraschung sprachen, in seltsamer Mischung, aus seinen Mienen. Denn wer hört’s nicht gern, daß sein Geschlecht noch nach Jahrhunderten besteht? Wer sieht nicht gerne seinen späten Enkel?

»Am Nachmittage – es war der fünfundzwanzigste April neunzehnhundertundsechs – schlief ich in meiner Stube ein. Als ich erwachte, war es mir, als hätte ich nur eine kurze Weile geschlafen. Was dann geschah, ist Euch bekannt.«

Der Ratsherr schüttelte den Kopf: »Und derlei soll man glauben?«

»Nicht also, wohledler Ratsherr«, fiel der Maler ein. »Wenn’s auch ein Wunder ist, so muß es drum noch keine Lüge sein. Unser Gast gleicht wahrlich keinem Lügner. Er sagt, daß Ihr sein Ahnherr seid. Nun, stellt Euch neben ihn und schaut doch in den Spiegel. Dann denkt Euch Euern Bart hinweg und seine fremdartige Tracht – sagt selber, ähnelt Ihr Euch nicht wie Zwillingsbrüder?

Und wenn er uns erzählt, er sei aus einer fernen Zeit in unsere verschlagen – so stünde dies nicht ohne Beispiel da. Kennt Ihr nicht die historia de septem dormientibus, die Geschichte von den Siebenschläfern? Der siebenundzwanzigste des Brachmonats ist ihrem Gedächtnisse geweiht. Regnet es an diesem Tage – so sagt das Volk –, dann gibt es sieben Wochen Regen.«

»Wohl kenn’ ich die Geschichte; noch als Knabe hab’ ich sie im Kirchenkalender des Caspar Goldwurm gelesen. Bin zwar kein Gottesgelehrter, aber soviel weiß ich, daß selbst die Papisten an der Echtheit der Legende zweifeln. Hat doch selbst der Kardinal Cäsar Baronius dawider geschrieben. Auch hat sich das Begebnis bei fernen Völkern und vor grauen Jahren zugetragen, da es noch genug der Wunder gab.«

»Aber auch aus unserer Zeit«, erwiderte der Maler, »in unserm Lande wird ähnliches berichtet: Bei der Stadtwache zu Mergentheim – so heißt es – erschien eines abends ein steinaltes Weiblein, im weißen Brautkleid, den Jungfernkranz auf den schneeweißen Haaren, und fragte nach dem Bürgermeister Altringer. Als man ihr bedeutete, einen Bürgermeister Altringer kenne man nicht, es gebe auch keinen dieses Namens, da tat sie sehr erstaunt und sagte, man solle sie doch nicht zum Besten haben, sie selbst sei ja des Bürgermeisters Töchterlein, und vor wenig Stunden habe sie das elterliche Haus verlassen.

Man hielt sie für eine Närrin und fragte sie, scheinbar im Ernst, was sie denn während der paar Stunden getrieben. Worauf sie erwiderte: Am heutigen Tage hätte ihre Hochzeit stattfinden sollen mit einem Junker aus der Nachbarschaft. Doch da sie ihrem Freier nicht zugetan und nur für Gottes Sohn Liebe im Herzen trug, sei sie noch vor der Hochzeit aus dem Elternhaus entflohen.

Unfern der Stadt habe sich ihr ein Fremder von engelgleicher Schönheit zugesellt; der führte sie in einen wundervollen Garten. Hand in Hand mit ihrem Führer lustwandelte sie hier und freute sich an seinem sinnreichen Gespräche, an lieblicher Musik und an der bunten Pracht noch nie geschauter Blumen und Getiere. Bis sie ihr Wirt mit mildem Gruß entließ; nun sei es Zeit für sie, zur Ruhe einzukehren.

Die Stadtknechte hatten ihre Kurzweil mit der greisen Braut und brachten sie zum Narrenturm. Doch der Stadtschreiber, vor den die Sache kam, ein gütiger, gelehrter Mann, dem fiel der fromme Blick der Greisin, ihr edler Anstand fiel ihm auf, und die ergreifende Einfalt der Erzählung ging ihm jäh zu Herzen. Was dem blöden Aug’ des Pöbels eine Narrenposse schien, darin ahnte er ein überwältigendes Wunder Gottes.

Mitten in der Nacht ließ er das Weiblein vor sich führen, und während sie draußen wartete, suchte er in den Chroniken nach. Und wirklich fand er dort verzeichnet, daß vor über hundertzwanzig Jahren die einzige Tochter des Bürgermeisters Altringer, eine schöne, tugendreiche Jungfrau, am Tage ihrer Hochzeit entflohen und seither verschollen sei.

Indessen war das Weiblein aus dem Vorraum in die Stube eingetreten, unbemerkt von ihren Wächtern, die der Schlaf bewältigte. Als sie, sich über des Stadtschreibers Schulter beugend, die Vermeldung in der Chronik las, als ihr Blick in einen Spiegel fiel und sie ihr welkes Antlitz, die Jungfernkrone auf den weißen Haaren sah, da erblühte ein glückseliges Lächeln auf ihrem Angesicht. Sie seufzte: ›Wie dank’ ich Dir, Herr Jesus Christ, daß Du mir die Erdenlast so leicht gemacht‹ und hauchte lächelnd ihre Seele aus. –

Wenn nun all dies beglaubigt ist, warum soll die Erzählung unsres Gastes erlogen sein? Ich glaube ihm; denn seine Augen lügen nicht . . . Aus einem Bühnenspiele, das ich einstmals hörte, hab’ ich mir gemerkt: ›Es gibt gar manches zwischen Erd’ und Himmel, davon sich unser Aberwitz nichts träumen läßt!‹ Ein Engelländer hat’s geschrieben, seinen krausen Namen habe ich vergessen.«

»Wohl. Mag sich auch alles, was Ihr uns erzähltet, in Wirklichkeit so zugetragen haben . . . es bleibt ein Unterschied. Daß einer von heute bis übermorgen, daß er von Weihnachten bis Pfingsten schläft – ich kann mir’s denken. Warum denn nicht? Der Bär schläft jeden Winter von Martini bis Lichtmeß. Und daß ein Mensch fünfzig, meinetwegen zweihundert Jahre schläft, ich kann es mir zumindest vorstellen.

Aber daß einer von übermorgen auf ehegestern, daß er von neunzehnhundertundsechs bis sechzehnhundertundzweiunddreißig schläft, sich durchschläft durch den Mutterleib, nein, das kann ich nicht begreifen. So wenig ich’s begreifen könnte, daß die Kugel in den Lauf zurückfliegt, daß der Vogel wiederum zum Ei wird statt das Ei zum Vogel.

Nein, Euer Abenteuer, Fremdling, mutet an wie jenes Türkenmärchen, das beginnt: ›Es war einmal, war einmal nicht, da kam zu mir ein Bote und sagte: Heil dir, soeben kam dein Vater auf die Welt. Und ich ging hin und fand den Vater in der Wiege, weinend.‹

Aber ich will mit Euch nicht rechten. Ich muß es glauben, da ich’s nicht begreifen kann.«

Und er erhob sich, reichte mir die Hand:

»Da Ihr nun einmal in meinem Hause seid, seid Ihr mein Gast. Ich will Euch schützen.«

Der Maler lächelte ihm dankbar zu. »So habe ich’s von Euch erwartet, gestrenger Ratsherr, so von dem Ahnherrn gegenüber seinem Enkel. Nur wollen wir an eines nicht vergessen. Es tut nicht gut, wenn allzu viele um Euer Geheimnis wissen, Herr Erasmus. Denn wen Gott durch ein Wunder auserwählt, dem läßt’s der große Haufe nur zu oft durch Tücke und durch Haß entgelten, und das Martyrium ist gerne der Trabant des Wunders. Davor wolle Euch Gott beschützen, und wir wollen Euch davor bewahren, indem wir uns geloben, Euer Geheimnis treu zu hüten.«

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