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Verirrt in den Zeiten

Oswald Levett: Verirrt in den Zeiten - Kapitel 23
Quellenangabe
pfad/levett/verirrt/verirrt.xml
typefiction
authorOswald Levett
titleVerirrt in den Zeiten
publisherVerlag Das Neue Berlin
year1984
firstpub1933
correctorreuters@abc.de
senderJens Sadowski
created20130612
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Zweiundzwanzigstes Kapitel

Nun konnte ich ihn sehen. Seine Schönheit war ergreifend. Die schmale, edle Stirn, das liebliche Oval des Angesichtes war umrahmt von blonden Locken. Dunkle Augen leuchteten in schwärmerischem Glanze, und den sanften, keuschen Mund umspielte das Lächeln einer unsagbaren Hoffnung.

Ratloses Erstaunen lag in seinem Blick, der Pinsel glitt aus seinen schlaffen Händen und malte auf die Leinwand einen bösen Fleck. Und das Bildnis, das er schaffte, das ich vor mir auf dieser Leinwand sah, das mir entgegenleuchtete in frischen, feuchten Farben, es war das wohlbekannte Bildnis des Matthäus Büttgemeisters. Nur der Gesichtsausdruck war anders: gleichmütig und stolz. Es fehlte jener Zug bestürzten Staunens, der dem Bilde solch geheimnisvollen Reiz verlieh.

Wie kam das Bild hieher? Woher die eigenmächtige Veränderung? War’s eine Kopie? Das Urbild war nicht hier, das hing ja doch seit Jahren in meiner Stube droben.

Das Urbild, nein, das Urbild – dort im Erkerfenster, zwei Schritte vor mir, da saß Matthäus Büttgemeister. Bekleidet mit einem Wams aus rötlichem Damast, mit einem pelzbesetzten Überrock aus schwarzem Tuch. Wie auf dem Bilde. Und auf seinem Antlitz malte sich bestürztes Staunen.

Lähmendes Erstaunen, grauenvolles Ahnen faßte mich. War das ein Traum? Verfolgten meine Träume mich nun auch bei Tage?

Aber nein. Der Sonnenstrahl, der meine Augen blendete, die warme Luft, die mich umfloß, der Atem, der aus dem stummen Munde dieser beiden Männer strömte, das war nicht Traum. Es war ein Wunder, aber es war Wirklichkeit.

Tiefes Schweigen herrschte. Schweigend stand ich da und blickte auf die beiden, schweigend blickten sie mich an, blickte der Maler auf den Ratsherrn.

Wie der Perlenfischer, der unbeirrt durch Meereswunder nach der Perlenmuschel greift, so faßte Konradin den Pinsel, und mit einer haschenden Gebärde, mit einigen kühnen Strichen pinselte er jenen Zug bestürzten Staunens auf die Leinwand.

Endlich fragte Matthäus Büttgemeister: »Wie kommt Ihr denn hieher?«

»Aus meiner Stube komme ich.«

»Und wo ist denn Eure Stube?«

»Droben im zweiten Stock.«

»Potz Mord und Mansfeld! Potz Teufel und Tilly! Und seit wann wollt Ihr Euer Losament da droben haben?« Er tauschte mit dem andern einen Blick spöttischen Einverständnisses.

»Seit ich geboren bin, seit achtzehnhundertachtundsiebzig.«

»Wie sagt Ihr: achtzehnhundertachtundsiebzig?«

Halb höhnisch, halb erschreckt war seine Miene, doch er bezwang sich und fragte eigensinnig weiter: »Und da streicht Ihr so daher, in diesem ulkichten Habit, sonder Zehrung und Bagaglio gleichwie ein Landstörzer?«

»Ja, wie man eben von einem Zimmer ins andre geht – wenn Sie das durchaus nicht begreifen wollen. Übrigens sorgen Sie sich nicht ums Geld. Ich habe Geld genug bei mir.«

Mechanisch fuhr ich in den Sack wie jemand, der sich plötzlich auf etwas besinnt und nachsieht, ob er nichts vergessen hat. Ein paar Goldmünzen zog ich heraus.

»Die andern muß ich wohl oben auf dem Tische liegengelassen haben«, murmelte ich vor mich hin und wollte hinaus, um nach den Münzen in meiner Stube zu sehen.

»Bleibt nur. Man wird sie Euch nicht vulpinieren, so sie droben liegen. Aber weiset mir doch dies Geld hier.«

Ich zeigte ihm die Münzen. Er betrachtete sie einen Augenblick, wog sie in der Hand. Dann sah er mich spöttisch an und sagte: »Also mit diesen Münzen seid Ihr ausgezogen anno . . . wie sagtet Ihr doch? Und von wem habt Ihr sie denn?«

»Nun, von jenem Juden«, erwiderte ich gedankenlos. Als ob er wissen könnte . . .

»Ei, da hat Euch Euer Jüd vor die Reise gar fürsichtig und ehrlich staffieret. ’s sind gute, vollwichtige Karlinen, geprägt anno sechzehn. Gehn vierundzwanzig auf eine Kölnische Mark . . . Da steht Ihr nun wie Matz von Dresden. Seht Ihr nun, was Ihr vor ein loser Vogel seid? Wollt uns solchen Bären aufbinden.«

Einen Augenblick schwieg ich betreten. Dann aber, gereizt durch seinen Spott, entgegnete ich und achtete gar nicht des ungeheuerlichen Widersinns, den ich da redete: »Weit eher müßten Sie mir Rede stehen als ich Ihnen: Wie kommt denn dieses Bild hieher, das mir gehört und das seit Jahren in meiner Stube hängt?«

Mit offnem Munde sah er mich an, wie einen Narren, dann brach er in ein Lachen aus, daß ihm am Wams die Troddeln wackelten, und schlug sich auf die Schenkel.

»Bei Sankt Velten, kein schlechter Spaß. Mein Bild soll Euch gehören! Mein Bild, das noch kaum fertig ist, das soll seit Jahren in Eurer Stube hängen!«

»Soll ich’s beweisen? Ich zeig’s Euch droben! Aber noch besser, gleich hier. Hier, vor Jahren habe ich mir eine Photographie des Bildes angefertigt. Hier ist sie!«

Ich griff in meine Brieftasche und hielt ihnen das Lichtbild hin.

In sprachloser Neugier starrten sie darauf, dann wichen sie zurück, stumm, Grauen und Verwunderung in ihren Blicken.

Der erste, der sich faßte, war Matthäus Büttgemeister. Gepreßten Tones, mit mühsamer Beherrschung sprach er: »Ihr seid kein ungeschickter Gaukler. Glaubt Ihr, daß jetzo Faßnacht ist? jetzt ist nicht Zeit zu Faßnachtspielen!«

»Fastnachtspielen! Wer treibt Komödie, ich oder Sie? Was ist denn das für Schauspiel aus dem Dreißigjährigen Kriege, das Sie eben spielten?«

Ich sprach’s wie jemand, der zu seinem Traume spricht und weiß, daß er im Traume spricht.

»Aus welchem Kriege?«

»Nun, doch aus dem Dreißigjährigen. Wenn ich Namen nennen höre wie Gustav Adolf, Wallenstein, so kann doch nur die Rede vom Dreißigjährigen Kriege sein. Das weiß doch jedes Kind.«

»Dreißig . . .«

Das Wort versagte ihm, erstarb in einem heiseren Geflüster: »So soll das Unheil dreißig Jahre währen?«

Dann sprang er auf, zornig wie jemand, der unverbürgte böse Nachricht hört, und rief: »Nun genug der Narrenpossen. Wenn Ihr vom Himmel herabgestiegen, wenn Ihr der Höll’ entkommen seid, so wisset: Wir schreiben den neunten Heumond des Jahres sechzehnhundertzweiunddreißig, und Ihr seid zu Anspach im Hause des Ratsherrn Matthäus Büttgemeister. Da seht!«

Mit ungestümem Drucke stieß er das Fenster auf.

Und durch das Fenster sah ich in hellem Sonnenglanze die Häuser einer mittelalterlichen Stadt, mit Erkern, Laubengängen, Innungszeichen. Und auf dem Markte sah ich Kaufherren, Musketiere, Bettelmönche, Hökerinnen, Gildenmeister, eine buntbewegte Menge, alle in der Tracht des siebzehnten Jahrhunderts.

Nun drang es auf mich ein, nun sank es auf mich nieder, riesengroß, beseligend, betörend und zermalmend: Erfüllung und Verdammnis. Aufstöhnend schlug ich meine Hände vors Gesicht und taumelte.

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