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Verirrt in den Zeiten

Oswald Levett: Verirrt in den Zeiten - Kapitel 22
Quellenangabe
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typefiction
authorOswald Levett
titleVerirrt in den Zeiten
publisherVerlag Das Neue Berlin
year1984
firstpub1933
correctorreuters@abc.de
senderJens Sadowski
created20130612
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Einundzwanzigstes Kapitel

»Schlecht habt Ihr die Zeit gewählt für Eure Rückkehr. Krieg und nochmals Krieg. Als Ihr vor fünf Jahren nach Welschland zoget – da sagte ich – erinnert Ihr Euch noch? – Wenn er zurückkehrt als ein großer Maler, dann ist schon lange teutscher Friede. Gutes Geld wird sein und die große Ratsstube auf der Schranne, die wird von Meister Konradin mit einem Friedensbildnisse geschmückt. Und nun seid Ihr da und seid ein großer Meister, Konradin, aber Frieden ist noch lange nicht. Schlimmer ist’s denn je, Herr Jesus, vierzehn lange Jahre schon. Was werden sie noch aus dem armen Teutschland machen? Ein Trümmerfeld, auf dem Mordbrenner hausen.«

»Ja, ich hab’s schon damals nicht verstanden, und ich versteh’s auch heute nicht, daß sie sich um des Glaubens willen spießen und arquebusieren. Soll das Gottes Wille sein, daß man sein Wort mit Mord und Brand verkünden tut?«

»Stille. Bleibt bei Eurer Palette. In die Welthändel mengt Euch nicht. Es geht um die reine Lehr und um des Glaubens Freiheit und um die teutsche Libertät. Diese heiligen Güter sind kostbarer denn Menschenleben. So die errungen sind, dann war’s nicht schade, daß viele hunderttausend Menschen starben.«

»Dasselbe sagt auch kaiserliche Majestät und die Ligisten. Nein, ich versteh’ es nicht.«

Was war denn das? . . .

Ach, nun begriff ich. Ein Theaterstück. Daher auch die Verkleidung des Frauenzimmers, welchem ich begegnete.

Ich trat ganz nah heran, so daß ich durch die offene Tür den Saal zur Gänze überblicken konnte.

Er war nicht mehr leer, sondern prächtig eingerichtet mit altem kostbarem Hausrat. Manches Stück erkannte ich wieder: die schweren Armleuchter, eine reichgeschnitzte Truhe, den Schrank mit köstlich eingelegter Arbeit. Das alles war aufs feinste abgestimmt zu dem Theaterstücke, das sie da am hellen Tag agierten. Offen gesagt, das langweilige Stück war dieses prächtigen Szenariums gar nicht wert.

In der Nähe des Erkerfensters stand eine große Staffelei, welche die beiden Darsteller vor mir verbarg. Ich sah von ihnen nur die Beine. Die waren wiederum, streng stilgerecht, bekleidet mit Pluderhosen, am Knie mit breiter Masche abgebunden, mit Schnallenschuhen und mit Strümpfen. Der eine machte sich an der Staffelei zu schaffen, der andere saß im Erker, dessen Fenster nach alter Art mit bunt bemalten Scheiben reich geschmückt waren.

Durch das eine Fenster, welches offenstand, fiel in breitem Strom das Licht und brach sich an der Staffelei und tauchte die Stäubchen, die da schwebten, in einen Fluß flüssigen Goldes, indes sich von dem andern Fenster die vielfarbigen Reflexe in den geheimnisvollen Falten eines Vorhanges fingen. Dies köstliche Zusammenspiel der Lichter und der Farben auf dem alten dunklen Hausrat; der sanfte Lärm, der von der Straße drang, all dies erzeugte eine Stimmung berückender Traulichkeit, und in mir weckte es sehnsüchtig traumhaftes Erinnern.

Das Gespräch stockte. Der an der Staffelei führte Striche mit dem Pinsel oder tat zumindest so. Dann hub er wieder an: »Aber ich vermeine, der Krieg wird nimmer lange währen. Als ich durch das Veltlin reiste, gesellte sich ein Fourier des Herzogs von Nevers zu mir – er war im Jahre dreißig bei Casale gestanden –, und der erzählte, Frankreich, das wegen der Erbfolge im Mantuanischen mit dem Kaiser schon im offnen Kriege steht, habe auch einen Geheimvertrag mit dem Könige von Schweden abgeschlossen zur Restitution der unterdrückten Stände und zahle ihm gewaltige Subsidien. Kursachsen steht nun auch seit Jahr und Tag auf seiner Seite, Brandenburg gewährt ihm freien Paß: ganz Teutschland fast, von Stralsund bis München, liegt zu Füßen Gustavi Adolfi. Der Weg in des Kaisers Erblande steht ihm offen . . . Eine alte Prophezeiung sagt: Es wird ein Löwe sich aus Mitternacht erheben und dem Pfauen seine bunten Federn rupfen. Dann wird des teutschen Reiches Not ein Ende haben.«

»Tycho de Brahe, der Hofastrologus Rudolfs des Andern, hat anno zweiundsiebzig, als der Komet erschien, geweissagt, ein Held im Norden wird Rache nehmen für die Bartholomäusnacht – die war ja zweiundsiebzig – und wird nach zweimal dreißig Jahren untergehn. Man sagt, das gehe auf den Schwedenkönig. Wenn’s stimmt, was Gott nicht wolle, dann wäre seine Zeit bald um. Auch hat der Wallenstein dem Kaiser wieder eine Armada angeworben. Nun werden sich ja bald die Kräfte aneinander messen. Die ganze Welt sieht zu und wartet.«

»Auch spricht man von seltsamen Wunderzeichen, die mächtige Entscheidung vorbedeuten. Zu Wollgast, während der Belagerung der Feste, sah man in den Wolken einen Löwen und einen Adler streitend.«

»Ist richtig. Stundenlang war’s sichtbar. Und daß ich Euch’s sage, zu Donauwörth, vor wenigen Tagen, da hat man Ahasverum, den Ewigen Juden, mitten auf dem Markt gesehn.«

Nun konnte ich mich nicht enthalten und trat aus dem Versteck hervor.

Bestürztes Schweigen herrschte. Nur der an der Staffelei murmelte: »Das dritte Wunderzeichen.«

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