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Verirrt in den Zeiten

Oswald Levett: Verirrt in den Zeiten - Kapitel 2
Quellenangabe
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typefiction
authorOswald Levett
titleVerirrt in den Zeiten
publisherVerlag Das Neue Berlin
year1984
firstpub1933
correctorreuters@abc.de
senderJens Sadowski
created20130612
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Erstes Kapitel

Das Geheimnis ist der Liebling der Geschichte. Dunkles Geschehen, rätselhafte Menschen sind immer wieder Gegenstand historischer Betrachtung, poetischer Gestaltung. Caspar Hauser, Demetrius, Heinrich von Plauen, der falsche Waldemar – und wie sie alle heißen mögen, die Geheimnisvollen.

Doch in dem wohlbestellten Felde klafft noch Brachland; denn jede Galerie der Seltsamkeiten weist eine bemerkenswerte Lücke.

Ich meine jenen Mann, den alte Chroniken »den Frömbden von Ansbach« nennen. Soviel ich weiß, sind es drei Quellen, die ihn erwähnen: eine »Relation aller Fürnemen vnd gedenckwürdigen Historien / so sich hin vnd wieder in Hoch- vnd Nieder-Teutschland verlauffen vnd zugetragen«, also eine Zeitung aus Köln; die Chronik des Stadtschreibers von Ansbach und eine Handschrift des Klosters Oldisleben. Sie alle drei berichten übereinstimmend: Am andern Montag nach Peter und Paul das war am 9. Juli des Jahres 1632, erschien plötzlich in dem Hause eines Ratsherrn von Ansbach ein Mann, den niemand zuvor eintreten, den überhaupt niemand weit und breit je zuvor gesehen hatte. Seine Tracht war völlig unbekannt, nicht nur in Deutschland sondern auch in fremden Ländern. Die Sprache, die er redete, glich sie auch der deutschen, klang fremd und war zum großen Teile unverständlich. Der Mann behauptete, er stamme aus dem neunzehnten Jahrhundert, habe in dieser Zeit gelebt bis zum Jahre 1906 und sei nun rückversetzt worden. Des Dreißigjährigen Krieges Dauer und Ausgang und alle großen Weltbegebenheiten sagte er aufs genaueste voraus. Auch baute er Maschinen, die mächtige Wunder wirkten. Rätselhaft wie sein Erscheinen war sein Ende und grauenvoll.

Soweit die Quellen. Alle Wahrscheinlich spricht dafür, daß sie ihren Gegenstand unabhängig voneinander behandeln, und die Art ihrer Darstellung führt zwingend zu dem Schlusse, daß sie nicht bloß vom Hörensagen, sondern aus eigener Wahrnehmung berichten.

Um so mehr muß es verwundern, daß sich die zünftigen Historiker des Stoffes bisher nicht bemächtigten. Freilich darf man auf der anderen Seite nicht vergessen, aus welchen Zeiten jene Kunde stammt: Die Furie des großen Krieges schwang ihre Geißel; die Städte und die Scheiterhaufen brannten; finstrer Aberglaube herrschte. Tagtäglich bekannten Unglückliche unter Folterqualen Zauberspuk und Teufelsbund. Keplers Mutter war als Hexe angeklagt, Fürsten warf man in den Kerker wegen schwarzer Kunst – so das Schicksal Johann Friedrichs, Herzog von Weimar – und der Bischof von Schleswig, Paulus von Eitzen, hatte zwei Schritt vor seiner Kanzel mit eignen Augen Ahasver gesehen. Astrologie und Alchimie beherrschten selbst die kühnsten Geister.

Bringt doch auch einer unserer Chronisten, der Mönch von Oldisleben, die Erscheinung des Fremden von Ansbach mit kosmischen Ereignissen in Zusammenhang. Er beschreibt ganz genau, welches am 9. Juli die Konstellation gewesen.

Jupiter und Saturnus standen – ein seltenes Zusammentreffen – in Konjunktion im Zeichen des Widders, im vierten Hause; dies ist das Haus der Tiefe, des Verborgenen. Was dieser Konstellation geheimnisvolle Kraft erhöht, war, daß sie im Trigon zum Monde stand, als welcher in dem achten Hause weilte, der Stätte der okkulten Dinge. Auch die Sonne, durch Mercurii Konjunktion verstärkt, steht im Trigonaspekt zu Jovi und Saturno und sie verleiht dem Träger solchen Horoskopes mystische Kräfte, bildet ihn zu einem seltenen, geheimnisvollen Menschen. Der Mars – er stand im neunten Hause mit dem Drachenkopfe in Konjunktion – gewährt ihm starke Willenskraft und große Geistesgaben, die aber allzu leicht betrügerischer Neigung unterliegen; denn zwischen Sonne, Martem und Mercurium liegt das Quadrat.

Auch verzeichnet der Chronist eine ganze Reihe außerordentlicher Ereignisse, die am selben Tage, ja zur nämlichen Stunde stattgefunden haben sollen, da der Fremde erschien: Vor den Augen der Besatzung der genuesischen Felukke »Gagliarda«, kreuzend im atlantischen Meer, erstieg aus den Fluten ein gewaltiges Eiland bevölkert von Schlangen und riesigen Seeungeheuern; in der Zuidersee erhob sich bei windstillem Himmel eine Springflut, durchbrach die Deiche und verschlang drei Dörfer; in Neugart (Nischnij-Nowgorod) erschien ein Heer von Myriaden Lemmingen, verwüstete die Felder, ergoß sich in die Scheunen, in die Häuser und vertrieb die Menschen.

Nun gibt es aber auch zu denken, daß sich bloß drei Quellen mit unserem Stoffe befassen. Mag noch soviel Schrifttum verlorengegangen, zerstört worden sein – ein solch ungeheuerliches Phänomen wie der Fremde von Ansbach spricht sich doch weit und breit herum, hält alle Welt in Atem und wirkt noch fort nach Generationen. Man müßte seinen Spuren, so sollte man wohl meinen, auf Schritt und Tritt in allen Schriftwerken zumindest seiner eignen Zeit begegnen – wenn anders nicht die noch weit mächtigere Brandung des Dreißigjährigen Krieges jene Begebenheit und ihr Gedenken überflutete.

So finden wir denn zwei Erklärungen der Lücke, die wir oben aufgezeigt. Die eine, weniger wahrscheinliche: daß unsere Quellen den Historikern entgingen. Die andere, glaubwürdige: daß man sie wohl kennt, doch den Bericht für Fabel hält – gleich andern Überlieferungen von Zauberei und Hexenwerk aus jener Zeit.

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