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Verirrt in den Zeiten

Oswald Levett: Verirrt in den Zeiten - Kapitel 18
Quellenangabe
pfad/levett/verirrt/verirrt.xml
typefiction
authorOswald Levett
titleVerirrt in den Zeiten
publisherVerlag Das Neue Berlin
year1984
firstpub1933
correctorreuters@abc.de
senderJens Sadowski
created20130612
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Siebzehntes Kapitel

Alle Habe war vertan. Das Haus war unterm Hammer, die letzten Bilder wanderten zum Trödler. Düster, stummen Vorwurf in den Blicken, umringten mich die nächtlichen Gefährten. Nur eines war mir noch geblieben, mein Liebling, mein Ahn Matthäus Büttgemeister. Als ich auch dieses letzte von der Wand nahm, da funkelten – es war am hellen Tage – da funkelten die Augen des Bildes so zornig, und seine Hände ballten sich so drohend, daß ich nicht wagte, auch dieses zu verschachern, und lieber hungerte.

Hinter mir Mißraten und Enttäuschung, und vor mir Not und Hoffnungslosigkeit. Ratlos, planlos strich ich umher, Haß und zornige Verzweiflung in meinem öden Herzen.

Es war im März. Weiße Wölkchen trieben auf azurnem Grunde, in zartem Glanze leuchtete das erste Grün, und in den Lüften atmete es Hoffnung. Allen nur nicht mir. In mir war Nacht und Frost, ich war verstoßen.

Irgendwie gelangte ich in einen Garten, den eine frohbewegte Menge füllte. Ich ließ mich nieder und versank aufs neue in mein trübes Sinnen.

Da mußte ich aufschauen unter der Berührung eines Blickes. Es war ein Blick aus machtvoll dunkeln Augen, aus einem Angesicht, so düster, so zerklüftet, wie ich es nie zuvor gesehen.

Unvergeßlich bleibt mir dieses Antlitz. Durch Traum und Nebel und Vergessen leuchtet es in seinem fahlen Glanze.

Wie ein Kind, das seine Tränen über einem ungewohnten Anblick leicht vergißt, so mußte ich auf diesen Fremden starren. In eisengrauen Locken wallten seine Haare und umrahmten königlich das tiefgebräunte Antlitz – wie Rauhreif einen düstern Bergwald. Unbestimmbar war sein Alter – fünfzig, achtzig, hundert Jahre? – und seine Tracht so fremdartig wie seine Züge.

Sonderbar, daß er den vielen Müßiggängern ringsumher nicht auffiel. Es war, als würden sie ihn gar nicht sehen. Und auch er schien ihrer nicht zu achten, sah nur auf mich, mit dem müden und doch scharfen Blick eines greisen Adlers.

In dieser frohen Menge, unter all den Unbekümmerten, den Lachenden und Plaudernden duldete es mich nicht lange. Ich ging hinweg, mit wildem Blick auf diese Menschen, auf diese Welt, die sich mir so feindselig versagte. Ich zog hinaus, dem Walde zu.

Dort im Schatten des Gehölzes wanderte ich rastlos auf und nieder und sann und brütete verzweifelnd, was ich nun beginnen solle. Mich auf den ersten besten, der des Weges käme, stürzen, ihn erschlagen und mit dem geraubten Gelde meine Arbeit fördern? Mich schreckte nicht die Tat, nur die Entdeckung.

Oder all dem Jammer rasch ein Ende machen? Ja, ein Ende machen, aber noch zuvor als Totenopfer Hekatomben schlachten, einen Rachefeldzug führen, wie ihn die Welt noch nie gesehn! Nicht vergeblich sollte ich all die tief verborgnen Kräfte der Zerstörung meistern können.

Einen Rachefeldzug führen; gegen wen, womit – ich, ein ohnmächtiger Bettler? Zähneknirschend, in sinnloser Wut schlug ich um mich.

Und mit leisem Hauche strich der Abendwind herbei, und die Bäume neigten ihre Häupter seufzend, als klagten sie, daß ich mit meiner frevlen Unrast ihren Frieden schände.

Da knackte es im Buschwerk. Der Fremde kam daher, der düstre Unbekannte von zuvor. Das war ein Fingerzeig, da war ein Opfer, eine Beute. Ich raffte einen Ast an mich und stürzte auf ihn zu, mit hochgeschwungnem Knüttel gegen seinen Kopf.

Aber ich weiß nicht, wie das kam, mitten im Schwunge war es, als erlahme meine Hand. Kraftlos fuhr das Holz zu Boden.

Der andere sprach ruhig, ohne Verwunderung und ohne Zorn: »Ich habe Euch gesucht, Ihr wolltet mich recht unfreundlich empfangen.«

Fremdklingend, tief und rauh war seine Sprache.

»Töten wollt’ ich Sie, ja, ich gestehe es. Erschlagen und berauben. Machen Sie nun, was Sie wollen.«

»Mich töten!« Und er lächelte. Es war nicht Spott – obwohl er mich um Haupteslänge überragte –, wehmütig war das Lächeln. »Ihr könnet mich nicht töten. Niemand kann mich töten. Und wenn Ihr’s könntet, wäre ich Euch dankbar . . . Doch erzählet mir, was Euch so sehr bedrückt.«

Ich erzählte ihm alles. Ich nahm ihn mit nach Hause, zeigte ihm meine Pläne und Notizen, ließ ihn alles sehen, was ich in langen, mühevollen Jahren geleistet hatte. Was ich noch keinem Menschen je verraten, was ich vor meiner eignen Mutter streng geheimhielt, diesem Fremden, den ich nie zuvor gesehen, vertraute ich es an. Er ist und bleibt der einzige auf Erden, der um mein Geheimnis weiß.

Als er alles recht besehen hatte, sprach er mit tiefem Ernste: »Und Ihr fürchtet nicht, daß Gott Euch strafe?«

»Gott?« Ich unterdrückte Schlimmeres, um meinen Gast nicht zu beleidigen, und sagte bloß: »Soviel ich weiß, tat ich nie Böses – bis heute.«

»Diese Erfindung ist das Böse. Ihr fordert damit Gott heraus.«

»Dann ist jegliche Erfindung böse und jeder Fortschritt schlecht. Die Eisenbahn ist böse und das Luftschiff erst recht; denn offenbar will Gott, daß wir zu Fuße gehen, wie er uns erschaffen hat. Die Pockenimpfung ist des Teufels, denn Gott hat die Bazillen über uns gebracht, wir müssen sie hinnehmen, dankbar und ergeben . . . Die Pfaffen haben’s so gelehrt, und darum mußten Savanarola und Giordano Bruno auf dem Scheiterhaufen sterben.«

»Was soll der Unsinn? Ihr wißt sehr wohl, daß ich dies nicht meine. Nein. Was bisher ersonnen wurde, dient dem Raume. Ihn mag der Mensch beherrschen. Aber die Zeit ist Gottes. Wer die Zeit besiegen will, der greift in Gottes Allmacht ein, den wird er strafen.«

Dann brach er ab und sah mit trübem Blicke auf die abendlichen Straßen, auf die fernen Linien der Berge, und mir erschien die altvertraute Stube, rings alles, wie verzaubert.

Als er sich meiner wiederum besann, reichte er mir einen Beutel schweren Goldes. Damit möge ich das unterbrochene Werk vollenden. Nur bedang er sich aus, daß ich ihm jederzeit auf sein Verlangen den Fortschritt vorweise und die Arbeit, wenn sie vollendet sei, mit allen Einzelheiten vorführe.

Mit ungestümen Worten dankend, konnte ich mich nicht enthalten zu fragen: »Wenn Sie so gottesfürchtig sind und wenn nach Ihrer Ansicht meine Erfindung Sünde ist, wie kommt es, daß Sie ein solch gotteslästerliches Unterfangen fördern?«

»Ich weiß nicht, wo die größte Schuld liegt: einen Sünder wissentlich umkommen lassen oder ihn retten, daß er weiter sündige. Daß Ihr Euch umbringt, konnte ich verhindern: daß Ihr Euer Werk vollendet, dies kann Gott verhüten. Mag Gott entscheiden . . . Aber wie’s auch sei . . . mag mich Schuld und Strafe treffen. Ich bin gestraft genug; ich habe nichts zu hoffen, nichts zu fürchten . . . Und dann . . . mir ist’s, als hätten wir uns schon gesehen. Darum bin ich Euch ja gefolgt.«

Er schloß die Augen, strich sich über die Stirne wie in fernem, dämmerhaftem Rückbesinnen und murmelte: »Ja, lang zuvor . . . Die Fügung Gottes . . . Daß wir uns einstmals sahen, dazu muß ich Euch jetzt verhelfen.«

Ich weiß nicht, wie es kam, ein süßes und doch schmerzliches Erwarten, ein tief geheimnisvoller Schrecken erfaßte mich bei diesen dunklen Worten. Erbleichend schloß ich meine Augen, und ich sah, schattenhaft und ferne, die alte Linde unterm Fenster, sah mich selbst, wie ich den Stamm umschlang, in alter, längst verschollener Tracht, in unaussprechlich tiefer Schwermut, jählings verschwand es wie ein Spukbild, und ich schaute den Flammenreigen meiner altgewohnten Träume.

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