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Verirrt in den Zeiten

Oswald Levett: Verirrt in den Zeiten - Kapitel 15
Quellenangabe
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typefiction
authorOswald Levett
titleVerirrt in den Zeiten
publisherVerlag Das Neue Berlin
year1984
firstpub1933
correctorreuters@abc.de
senderJens Sadowski
created20130612
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Vierzehntes Kapitel

Ich weiß nicht, bin ich von Sinnen, oder bin ich das Opfer eines grauenhaften Wunders. Ich will versuchen zu erzählen, was mit mir geschah, und ich schwöre bei allem, was mir heilig, bei meiner Hoffnung auf Erlösung, daß es Wahrheit ist.

Ich bin geboren im Jahre 78, 1878. In welcher Zeit lebst Du, dem diese Aufzeichnungen in die Hände fallen? Wenn Du ein »Zeitgenosse« oder ein Kind noch späterer Zeiten bist, so sage ich: Wilhelm I. war damals Kaiser des Deutschen Reiches, das aus dem siegreichen Kriege gegen Frankreich neugeeint hervorging. Bismarck sein erster Kanzler. Könnte ich das wissen, wenn ich ein Narr wäre oder ein Betrüger?

Von meiner Kindheit habe ich nichts Denkwürdiges zu berichten. Mit Menschen pflegte ich wenig Umgang; allzu früh erkannte ich ihre Niedrigkeit und Tücke. Meine Eltern liebte ich und Gott.

Gott sprach zu mir aus der Natur, und seine Schöpfung sprach zu mir in Zahlen. So ahnte ich, fast noch ein Kind, den tiefen Sinn des dunkeln Spruchs: Ό δεός άριδμητί ςει Die Gottheit wirkt in Zahlen.

Die Gottheit wirkt in Zahlen. Die ewigen Naturgesetze zu ergründen, dies fühlte ich von Anbeginn als meine Sendung – den Menschen abgekehrt, doch nicht ihr Feind.

Aber die Menschen, die ich fürchtete und floh, sie ließen nicht ab von mir. Nicht die lebendigen – die längst verstorbenen. Buntes Leben füllte meine Träume.

Die alten Bilder, welche unsere Zimmer schmückten, erwachten in der Nacht zu kurzem, heißem Leben. Aus ihren Rahmen stiegen, schritten, schwebten Ratsherren, Ritter, Mönche, Frauen, klirrend und kosend, scherzend und scheltend, und wandelten umher, gespreizt und gravitätisch und redeten in längst verschollenen Zungen und liebten und trogen und haßten und litten – bis sie der graue Morgen wiederum in ihre Rahmen bannte.

Mir wurde dieses nächtliche Getriebe zum vertrauten Umgang, und gar oft erwartete ich ungeduldig das Hereinbrechen der Nacht, um zu erfahren, welche neue Kunde mir meine Traumgefährten brächten.

Gott liebte ich und meine Eltern. Frauenliebe war mir fremd. Bis ich Agathe kennenlernte. Was sie mir war, läßt sich in Worten nicht erschöpfen. Alles war sie mir. Sie war mir Mutter, Freundin, Schwester und Geliebte. All meine Zärtlichkeit galt ihr, ihr galten meine kühnsten, edelsten Gedanken. Ich liebte sie bis zur Verblendung, zum Verbrechen. Und sie war dieser Liebe würdig. So klug war sie, so fromm, so schön.

Sie mußte sterben, früh und grausam sterben. Als sie mich nach monatelanger Trennung auf dem Bahnhofe erwartete, als sie meinem einfahrenden Zuge in sehnsüchtiger Ungeduld entgegenlief, die Warnungsrufe überhörend, wurde sie von einer plötzlich daherkommenden Lokomotive erfaßt. Vor meinen Augen.

Mit dem Aufschrei eines Tieres, mit riesenhafter Kraft stürzte ich mich aus dem Fenster des fahrenden Zuges. Zu ihr, um noch den letzten Schimmer fliehenden Lebens zu erhaschen. Ich küßte die gelähmten, blutbesprengten Hände, ich hing an ihren Lippen, als vermöchte ich ihr meinen Lebensatem einzuhauchen.

Und sie ließ keinen Blick von mir. Ihr Leben war geflohen in ihre Augen, aus denen alle Liebe mir zum letztenmal entgegenstrahlte. Doch mir erglänzte nicht der Widerschein der Seligkeit, ewige Vernichtung las ich aus dem verklärten Glanze dieser Augen.

Ich rang die Hände, faltete sie flehend, reckte sie zum Himmel drohend: »Wenn Du bist, allgütig bist, so laß sie mir nicht sterben!«

Und sie sagte mit gebrochner Stimme: »Erasmus, nicht verzweifeln. Dort gibt es ein Wiedersehen.«

Doch als das Engelsantlitz Todesblässe überschattete, als das süße Leuchten ihres Blicks erlosch, da beugte ich mich über sie und rief ihr zu: »Nicht dort, Agathe, drüben gibt es nichts. Hier auf Erden. Nicht in der Zukunft, nein, in der Vergangenheit. Ich will dich suchen, wo noch nie ein Mensch den andern suchte.«

In ihre brechenden Augen rief ich’s, in den verwehten Odem ihrer Lippen. »Hörst du mich, Agathe? Ich will dich suchen und ich finde dich. Hier gibt es ein Wiedersehen.«

Ich rief’s ihr zu, rief es ihr nach.

 

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