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Verirrt in den Zeiten

Oswald Levett: Verirrt in den Zeiten - Kapitel 14
Quellenangabe
pfad/levett/verirrt/verirrt.xml
typefiction
authorOswald Levett
titleVerirrt in den Zeiten
publisherVerlag Das Neue Berlin
year1984
firstpub1933
correctorreuters@abc.de
senderJens Sadowski
created20130612
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Dreizehntes Kapitel

Nach Tisch wollte ich einen Spaziergang hinaus ins Freie unternehmen. Ich schlenderte gedankenlos dahin, und als ich aufblickte, da stand ich – vor dem Gerichtsgebäude. Das war das Ziel der Wanderung wahrhaftig nicht.

Was hatte mich hierhergeführt? Nur die Gedankenlosigkeit, also die Gewohnheit der letzten Monate, wie der Esel zur Mühle trottet? Oder ein Unbekanntes? Was wir heute gerne »Unterbewußtsein« nennen?

Was suchte es im Gerichtsgebäude, mein Unterbewußtsein? Urkunden? Die waren alle abgetan. Noch weitere Urkunden? Die gibt es nicht.

Solcherart suchte ich mein Unterbewußtsein von der Torheit seines Verlangens zu überzeugen und kehrte um. Da strauchelte ich. Das war ein ernstlicher Protest.

Also gut, der Klügere gibt nach. Vielleicht gibt es im »vertrackten Trakt« noch einen Fund zu holen? Nachsichtig lächelnd folge ich meinem unbewußten Führer.

Ich ließ mir vom Torwart öffnen – man hatte heute früher Schluß gemacht, und das Gebäude war leer – und ging geradewegs zu dem Eingange, der am Vormittage durchbrochen worden war.

Vor allem unterzog ich den Schrank in der Ratsstube nochmals einer gründlichen Prüfung, ob er nicht ein Geheimfach enthalte, das mir vorher entgangen war. Vergeblich.

Bekanntlich werden Urkunden bisweilen eingemauert, um sie der Nachwelt desto zuverlässiger zu überliefern. Ich klopfte Stein für Stein sorgfältig ab, ob nicht der eine oder andere hohl klänge. Nirgend ein hohler Ton.

Nun hatte ich hier nichts mehr zu suchen und konnte gehn. Wenn hier in den unteren Stockwerken nicht das geringste zu finden war, so oben in der Kerkerzelle erst recht nicht. Die Unglücklichen, die dort gelegen hatten, an Händen und Füßen gefesselt, des Notdürftigsten beraubt, die konnten keine Schriftwerke hinterlassen, noch weniger vermauern. Auch begann es zu dunkeln, und es gelüstete mich wenig nach einem Wiedersehen mit den Krähen und den Fledermäusen.

Aber die Gewissenhaftigkeit des Pedanten überwand die widerstrebende Phantasie. Ich tappte die Wendeltreppe hinauf, blickte durchs Fenster des Vorraums noch einmal auf die im Weihnachtsschnee träumende Stadt und trat in die Kerkerzelle.

Bisher war ich völlig gleichmütig geblieben. Vielleicht hatte mich die Emsigkeit des Suchens die Schrecknisse des Orts vergessen lassen.

Man kennt das abgegriffene Szenar alter Schauerromane, man kennt’s und lacht darüber: finstere Nacht, einsamer Wanderer, verfallenes Gemäuer, Fledermäuse, Eulenschrei. Nun, das war ja hier alles hübsch beisammen.

Ja, man lacht darüber in der hellen Stube hinterm Ofen. Aber ich möchte wohl solch einen Lacher jetzt an meiner Stelle sehen!

Ganz allein bin ich in diesem vorzeitlichen Turme, dessen Schrecknisse ich ohne Not und ohne Nutzen ihrer Verschollenheit entriß. Wenn jetzt plötzlich . . .?

Wenn plötzlich was? Nun mußte ich wirklich lachen. Fremd und schauerlich hallte es zurück.

Wann wurde hier zum letztenmal gelacht? Hatte man jemals hier gelacht, wenn nicht das Lachen des Wahnsinns, der Verzweiflung?

Und nun sprang es mich an, stieß mir die Fäuste in den Nacken und umkrallte meine Kehle – das Grauen. Wie ein Kind, das seine Angst durch Lärmen zu betäuben sucht, so schrie ich sinnloses Zeug und fuchtelte mit meinem Stocke um mich her.

Als ich nun mit der eisenbeschlagenen Spitze des Stockes über die Furche zwischen zwei Platten des Fußbodens fuhr, da merkte ich, daß der Mörtel unter dem Drucke des Stockes nachgab.

Ich strich ein Zündholz an und sah, daß es gar nicht Mörtel war, sondern altes, steinhartes Brot, das durch den Schnee wieder aufgeweicht worden war.

Ich stemmte den Stock in die Fuge, und die Platte lockerte sich.

Atemlos arbeitete ich daran, den schweren Stein zu heben, in gierigem Taumel, in rasender Angst. Denn die Nacht atmete das fluchbeladene Leben wieder, das diese Wände einst gesehen hatten.

Die Platte hob sich, neigte sich hinüber. Und drunter, auf dem Grunde, halb vermodert, von ekligem Gewürm umringelt, da lag ein Säckchen. Darinnen raschelte es wie Papier. Ich griff danach, als wäre es ein Talisman.

Nun aber war’s mit meiner Kraft zu Ende. Ich stürzte fort, von allen Furien gehetzt. Und hinter mir, so schien es meinen aufgewühlten Sinnen, der ganze Chor der Nachtgesichte. Die da gerichtet worden, die Gehenkten, die Geräderten, Geköpften, stöhnend und heulend, als heischten sie den Fund zurück, den ich der Finsternis entriß.

Ich lief, ich strauchelte, ich stürzte, riß mir die Hände wund, schlug mir die Stirne blutig, bis ich, an allen Gliedern zitternd, schweißbedeckt beim Hauswart anpochte, damit er mich beim Tor hinausließe.

Der starrte mich an wie entgeistert, dann nickte er vielsagend mit dem Kopfe und meinte: »Ja, ja, Herr Doktor, das kommt davon, wenn man allein an solche Orte geht. Am Weihnachtsabend, da bleibt man hübsch unter Menschen!«

Ja, die Mächte der Finsternis fordert man nicht ungestraft heraus.

Frau Büttgemeister wartete schon an der Treppe, voll Unruhe. Als sie meine noch immer ersichtliche Erregung wahrnahm, als ich ihr von meinem Fund erzählte, da schien es bald, als hätten wir die Rollen getauscht. Während ich mich immer mehr beruhigte und das Erlebnis fast skeptisch spöttelnd wiedergab, wuchs Frau Büttgemeisters Unruhe zusehends, und sie drang darauf, den Inhalt des Säckchens sogleich zu sehen – trotz Weihnachtsbaum und trotz des Abendessens, das längst fertig auf dem Tische stand.

Es war dies ein Beutel aus sehr fester Leinwand, oben zugeschnürt. Darinnen lagen, in der Mitte gefaltet, einige Dutzend Bogen Papier. Das Heftchen trug auf der einen Außenseite in großen gotischen Lettern die Aufschrift: »UM GOTTES WILLEN LESEN!« Es war umwunden mit einer goldenen Kette, die ein Medaillon trug.

Mit zitternder Hand entriß mir Frau Büttgemeister das Manuskript, sah erbleichend auf die Kette und streifte sie ab, so daß die eng beschriebenen Blätter offen lagen.

Mit einem Aufschrei schlug sie die Hände vors Gesicht. »Das ist die Schrift meines Erasmus. Und das ist seine Kette. Hier im Medaillon muß noch mein Bild sein . . . Oh, meine Ahnung . . . Das ist mein Weihnachtsgeschenk.«

Dann sank sie ohnmächtig hin.

Selbst tief erregt, erweckte ich sie mühsam zum Bewußtsein und las.

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