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Verirrt in den Zeiten

Oswald Levett: Verirrt in den Zeiten - Kapitel 13
Quellenangabe
pfad/levett/verirrt/verirrt.xml
typefiction
authorOswald Levett
titleVerirrt in den Zeiten
publisherVerlag Das Neue Berlin
year1984
firstpub1933
correctorreuters@abc.de
senderJens Sadowski
created20130612
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Zwölftes Kapitel

Unterdessen war die Arbeit, die mir aufgetragen worden, beträchtlich vorgeschritten, ja, sie näherte sich ihrem Ende. Das städtische Archiv, die Stadtbibliothek war abgetan, auch alles, was mir die Gefälligkeit einzelner Privatpersonen zur Verfügung stellte oder was ich sonst in den Gemeinden der Umgebung aufgestöbert hatte.

Blieb hauptsächlich das Gerichtsarchiv. Schon zwei volle Monate arbeitete ich daran, all die alten Aktenstücke zu lesen, zu sichten und zu katalogisieren.

Nun aber glaubte ich am Ende angelangt zu sein. Ich hatte ein schönes Stück Arbeit geleistet und durfte es mir wohl vergönnen, die nahen Weihnachtstage in meiner Heimatstadt, im Kreise meiner Lieben zu verbringen. Die Heimkehr, die veränderte Umgebung würden meine allzu ernste, grüblerische Stimmung bald verscheuchen.

Da fiel mir durch irgendeinen Zufall ein Bauplan des Gerichtsgebäudes in die Hände. Aus dem ersah ich, daß ich einen ganzen Trakt des Hauses noch gar nie betreten hatte. Nun waren zwar die alten Faszikel – die allein interessierten mich – samt und sonders im Archiv verwahrt, und dieses stand mir offen. Doch eine müßige Neugierde, mir selbst unerklärlich, trieb mich, den unbekannten Trakt zu besichtigen.

Ich fand den Eingang nicht. Und als ich danach fragte, da hörte ich zu meinem Erstaunen, daß man von jenem Teile des Gebäudes gar nichts wußte, daß er seit Menschen Gedenken von niemandem betreten worden sei.

Ich erkundigte mich weiter und geriet schließlich an einen vormaligen Kerkermeister, einen Greis von achtzig Jahren. Auch er hatte jenen Trakt nie gesehen, aber sein Vorgänger im Amte hatte ihm erzählt, dort sei vor alters die Folterkammer und der Kerker der zum Tode verurteilten Verbrecher untergebracht gewesen. Als nun die Tortur abgeschafft wurde, als ein menschenfreundlicherer Geist die Strafrechtspflege erfüllte, da sei der Kerker verlegt, die Folterkammer aufgelassen und der ganze nun überflüssig gewordene Teil vermauert worden. Das mochte etwa um die Wende des 18. Jahrhunderts geschehen sein.

Nun wurde meine Neugierde erst recht unbezwinglich, und ich durfte sie damit entschuldigen, daß in den verlassenen Gemächern vielleicht wertvolle Urkunden zu finden wären. Ich erwirkte – nicht ohne Schwierigkeit – die Erlaubnis, den vermauerten Eingang aufbrechen zu lassen und die abgeschiedenen Gelasse zu besichtigen.

Es fügte sich, daß die Durchbruchsarbeiten erst am 24. Dezember, dem Weihnachtstage, vorgenommen werden konnten. Die Arbeitsleute waren für sieben Uhr früh bestellt. Die Durchbrechung konnte höchstens eine Stunde kosten, und weitere drei Stunden reichten sicherlich aus, um die neu erschlossenen Räume zu durchsuchen. Ich richtete mich also darauf ein, um mit dem Zuge, der um zwölf Uhr abging, heimzureisen.

Der Eingang befand sich im zweiten, dem obersten Stockwerk. Es kostete schwere Mühe, ihn zu durchbrechen. Die Steinmetze unserer Urahnen hatten ganze Arbeit gemacht; das Mauerwerk war an die zwei Meter dick und der Mörtel hart wie Eisenbeton. Es schien, als wollte man für ewige Zeiten jedem Neugierigen verwehren, die finstre Stätte fluchbeladener Grausamkeiten zu betreten.

Endlich war der Durchbruch gelungen. Kalte, modrige Luft schlug uns entgegen. Nur zögernd folgten mir die Arbeitsleute. Ich nahm sie mit, weil es drinnen vielleicht noch weitere Hindernisse zu beseitigen gab, etwa Schutt fortzuräumen, Mauern zu durchbrechen, versperrte Türen zu erschließen.

Von dem Eingang führte ein dunkler Korridor in ein kreisrundes Gemach, dessen Türe übrigens unversperrt war. Es war völlig kahl bis auf einen mächtigen Schrank, der die eine Wand flankierte. Dieser Schrank, die Vertäfelung an den Wänden und ein Podium von der Mitte des Gemachs bis an die Wände deuteten darauf hin, daß wir uns in einer Art Ratsstube befanden.

Der Schrank war so groß, daß er nicht durch die Türe geschafft werden konnte. Offenbar hatte man sich nicht die Mühe genommen, ihn zerlegt fortzubringen, und darum stand er noch heute hier – übrigens ein prächtiges Museumsstück mit seinem reichen Schnitzwerk und der eingelegten Arbeit. Der Schrank war versperrt, und das mächtige Schloß bot verzweifelten Widerstand, ehe es dem Sperrhaken nachgab. Die Laden im Innern waren unversperrt, aber leer.

Hinter einer zweiten Türe, gegenüber jener, durch die wir eingetreten waren, führte eine schmale Wendeltreppe in das obere Stockwerk. Auch hier ein kreisrundes Gemach. An der Wand eine Esse, Balkenwerk mit Ringen für Seile. Das war die Folterkammer. Auch sie war völlig leer, nur in einer Wandnische ragte ein mächtiger Crucifixus, blutbeströmt, in den grob zubehauenen Zügen den Ausdruck verzweifelnder Qual.

Wie im unteren Stockwerk führte hier eine zweite Tür zu einer Wendeltreppe, die aber nach oben zu durch eine schwere Falltüre abgesperrt war. Oberhalb der Falltür war eine Art Vorraum, aus dessen vergitterten Fenstern man übrigens einen hübschen Rundblick auf die ganze Stadt hatte. Dieser Vorraum war begrenzt durch eine massive eisenbeschlagene Holzwand, in die eine Tür mit Guckfenster eingelassen war. Die Tür war wieder einmal versperrt, und es kostete harte Mühe, ehe sie mit einem widerlichen, traurig-boshaften Gekreische aufsprang.

Erschreckte Fledermäuse umflatterten uns, und aus einem Krähenneste tönte mißgelauntes Krächzen. Es war eiskalt in diesem kleinen, halbkreisförmigen Raume, und auf dem Fußboden lag eine dünne Schicht Schnee. Durch eine Lucke, hoch oben nahe der Decke, fiel das spärliche Licht des grauen Tages. Einst mochte sie verglast gewesen sein, jetzt ließen ihre leeren Fensterrahmen Schnee und Kälte ungehindert durch und gaben dem Getier hier Zutritt. Die Ringe, welche in die Wand und in den Boden eingelassen waren – um die Sträflinge anzuketten –, verrieten noch heute die Bestimmung dieses Raumes: eine Kerkerzelle.

Die Arbeit hatte viel längere Zeit in Anspruch genommen, als ich erwartet hatte. Es war nach ein Uhr. Mein Zug war um zwölf Uhr abgegangen! Und der nächste ging erst gegen Mitternacht.

Nun mußte ich meine Heimreise wohl aufgeben. Denn zum Weihnachtsfeste kam ich ohnedies nicht mehr zurecht, und die Christnacht auf der Bahn zu verbringen wäre sinnlos gewesen.

Ich konnte meinen Ärger kaum verbeißen. Jetzt war ich wieder einmal das Opfer einer meiner Schrullen. Diese »Entdeckungen«, die ich machte, verlohnten doch wahrlich der Mühe nicht. Um ein paar Fledermäuse aufzuscheuchen, hatte ich meinen Weihnachtsurlaub preisgegeben. Wenn ich doch wenigstens eine einzige Urkunde gefunden hätte! . . . »Hol der Kuckuck den vertrackten Trakt!« brummte ich ärgerlich vor mich hin, und der üble Gleichklang, den ich da zufällig fand, entlockte mir ein säuerliches Lächeln.

Niemand war froher als Frau Büttgemeister. Wie hatte ihr vor dem einsamen Weihnachtsabend gebangt – nun konnte sie es mir gestehen –, doch hätte sie es nie gewagt, mir zuzumuten, daß ich um ihretwillen auf die Heimreise verzichte. Mit stiller Freude traf sie die Zurüstungen zu dem Feste und ihre Freude ließ mich meinen Ärger bald vergessen.

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