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Verhängnisse

Friedrich Gerstäcker: Verhängnisse - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
authorFriedrich Gerstäcker
titleVerhängnisse
booktitleErzählungen und Humoresken
publisherHesse & Becker Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20151228
modified20190902
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6. Der Koch.

An der Aufregung der Jagd hatte George mit voller Seele teilgenommen und sein eigenes Schicksal sogar in der kurzen Zeit vergessen. Jetzt aber kehrte das Gefühl seines Elends in verstärktem Maße zurück, denn tagelang lag das Fahrzeug auf dem Wasser, nur allein mit seiner Arbeit beschäftigt, und Stunde nach Stunde, Tag nach Tag verfloß, ohne daß die geringste Änderung eingetreten wäre.

Er selber wurde dabei zu der widerlichen Arbeit verdammt, den Speck, wie ihn die Blubberhaken in Streifen heraufholten, in Stücke zu hacken und in den Blubberraum zu werfen, dann aber mit den übrigen die Kessel zu heizen und so rasch als möglich das Gewonnene auszukochen. In dieser Breite war man guten Wetters nie sicher und keine Minute ihrer Zeit durfte nutzlos vergeudet werden.

Daß er eigentlich durch sein rasches Handeln das ganze Boot gerettet hatte, als der Fisch so dicht hinter ihnen zum Vorschein kam, davon wurde an Bord gar nicht weiter gesprochen. Es war eine Sache, die sich von selber verstand, und nur als ihn der zweite Harpunier, dem ein Mann krank geworden, in sein Boot haben wollte, weigerte sich Mr. Holk, ihn herzugeben. Er brauchte ihn selber und sein Kamerad konnte sich einen anderen suchen.

Die Betsy Crow hatte indessen kaum ihren Fang geborgen, aber noch nicht zur Hälfte ausgekocht und in Fässer gefüllt, als der Wind wieder mit vollen Backen zu wehen anfing. Vom Nordosten herunter blies es mit aller Macht, und da der Kapitän eine so günstige Gelegenheit nicht versäumen wollte, das Kap zu dublieren, wurden die Segel wieder gesetzt, die Feuer unter den Kesseln ausgelöscht, und von einem halben Sturm getragen verfolgte das wackere Fahrzeug seinen Weg. – Und was für ein Aufenthalt jetzt an Bord! – Allerdings war die Luft kalt, und der im unteren Raum liegende und noch nicht beseitigte Speck ging nicht so rasch in Verwesung über, wie unter der Linie, als aber etwa neun Tage vergangen waren, ohne daß sie hätten daran denken können, in solcher See die Feuer wieder zu entzünden, verbreitete sich in dem ganzen Raum ein wahrhaft pestilenzialischer Geruch, und selbst im Vorcastle konnten es die Leute kaum aushalten.

George hatte dabei noch immer gehofft, daß sie die Falklands-Inseln anlaufen würden, um dort, wie er meinte – ruhiger arbeiten zu können, aber er kannte noch nicht den Widerwillen, den nicht etwa Seeleute, sondern vorzugsweise Schiffskapitäne vor dem festen Land haben, weil sie dort sowohl beim Ein- als Auslaufen einer Menge von Gefahren und außerdem zahllosen Scherereien von den dortigen Behörden ausgesetzt sind. Wo ein Kapitän nicht notgedrungen landen muß, tut er es gewiß nicht freiwillig, sondern hält die offene See; und Walfischfänger insbesondere, mit ihrer zusammengelesenen Mannschaft, wissen recht gut, daß ein großer Teil ihrer Leute nur auf eine Gelegenheit wartet, um sich dem Leben an Bord wieder durch die Flucht zu entziehen, und sie mögen ihnen die eben nicht mutwillig bieten.

In einem fliegenden Sturm kreuzten sie das Kap Horn, und eine See stand dort, daß an irgendwelche Arbeit an Bord gar nicht zu denken war. Der viele, noch nicht geborgene Walfischspeck gefährdete sogar die Sicherheit des Fahrzeugs, indem er von einer Seite zur andern schoß, und nur mit großer Mühe gelang es endlich den Leuten, schon dazu gefertigte Seitenwände einzuschieben, um ihn wenigstens in etwas zu wahren und auf seiner Stelle zu halten.

George selber hätte dabei noch immer keine Ahnung gehabt, wo sie sich eigentlich befanden, ja nach dem Kurs, den das Fahrzeug nahm, hoffte er schon, daß es die Küste anlaufen und vielleicht suchen würde, Montevideo zu erreichen; der Koch aber belehrte ihn bald eines Besseren. Sie hatten das südliche Kreuz jetzt, wenn es im Zenith stand, gerade über Kopf und alles Land des amerikanischen Kontinents voll im Norden, standen also im Begriff, das eigentliche Kap zu dublieren, und wenige Tage später würde ihr Kurs wieder nach Norden hinauf liegen.

Es war in der Tat so, und George, der bis dahin doch noch trotz allem gehofft hatte, schon im Atlantischen Ozean seine Rettung zu ermöglichen, verbrütete die nächsten Tage in dumpfer Verzweiflung.

Und wenn er nun wenigstens einen Brief nach Hause schrieb? – wo aber fand er die Möglichkeit, ihn zu befördern? Allerdings sahen sie dann und wann einmal ein Segel am Horizont, und zweimal passierten sie sogar gegen den Wind aufkreuzende Fahrzeuge – aber beide hielten dann nur eher etwas von ihrem Kurs ab, um nicht in zu große und gefährliche Nähe zu geraten; an eine Annäherung bei der stürmischen See war natürlich kein Gedanke.

Nichtsdestoweniger beschloß er, den Brief zu schreiben – der Zufall konnte ja einmal sein Spiel haben, und er wollte sich dann nicht bitteren Selbstvorwürfen aussetzen, die günstige Gelegenheit leichtsinnig versäumt zu haben. Der dritte Harpunier, der ihn seit der letzten Bootfahrt viel freundlicher behandelt hatte als früher, gestattete ihm auch dazu seine Kajüte und versprach ihm, die Zeilen bei der ersten Gelegenheit – die ihm natürlich eher geboten wurde als einem Matrosen – in einen Brief, den er selber nach Hause schrieb, einzulegen. – Weiter ließ sich vorderhand nichts tun, und die Betsy Crow verfolgte indessen ihren Weg nach Norden, jetzt von dem an dieser Küste stets wehenden Südwind begünstigt.

Der letzte Speck war unter der Zeit ausgekocht und geborgen und schon wieder ein neuer Fisch gefangen worden, und monoton genug verging das Leben an Bord. George tat dabei seine Arbeit, wie sie von ihm verlangt wurde, aber sein sonst so freies, offenes Wesen hatte einer düsteren Schwermut Raum gegeben, die sich seiner mehr und mehr bemächtigte. Tag und Nacht stand das Bild der Geliebten vor seiner Seele, und Tag und Nacht wuchs die Sehnsucht nach ihr und drohte ihn zu verderben. Wilde Selbstmordgedanken, wenn er manchmal vorn am Bug saß und die See zu seinen Füßen aufschäumen sah, erfüllten dabei sein Herz, und nur die Erinnerung an seine Mutter – an die Eltern, hielt ihn noch davon zurück.

Der Koch, der sich noch oft zu ihm gesellte, schlug ihm allerdings das nämliche Mittel vor, dessen er sich selber bediente, um alles Vergangene auch zu vergessen: die Flasche, aber George wollte davon nichts hören, denn noch hatte er zu viel Selbstbewußtsein, um zu einer so verzweifelten, wie auch widerlichen Hilfe zu greifen. Der Koch selber konnte ihm dabei auch recht gut als abschreckendes Beispiel gelten.

Auf den ersten Blick sah man ihm an, daß er einst bessere Zeiten gekannt und in anderen Verhältnissen gelebt haben mußte, aber der Trunk hatte ihn verwahrlost und heruntergebracht, bis er zuletzt das geworden, was er jetzt wirklich war, ein ekelhafter, schmutziger Säufer, der manchmal von den Harpunieren wirklich gezwungen werden mußte, sich nur zu waschen, während er jede Nacht halbtrunken in seine Koje taumelte. Rätselhaft blieb es der Mannschaft dabei, wo er den Branntwein herbekam, denn anfangs standen ihm nur durch Georges Entsagen auf das Getränk zwei Rationen zu Gebot, die ihn aber trotzdem nicht werfen konnten. Jetzt dagegen mußte er andere Mittel und Wege gefunden haben, um zu verbotenem Branntwein zu gelangen, und trotzdem, daß man ihm aufpaßte, wie er es anfing, wußte er es doch so schlau einzurichten, daß er nie dabei erwischt wurde.

George machte ihm Vorstellungen. Wie konnte er hoffen, sich je wieder aus dem Schlamm, in dem er stak, emporzuarbeiten, wenn er jetzt vollkommen darin unterging. Wer würde ihm wieder ein Schiff anvertrauen, wenn er in dieser Gestalt an Land erschien? Der Koch schüttelte mit dem Kopf.

I'm a gone sucker!‹ sagte er – »aus mir wird nichts wieder. Wenn einmal einer erst unter den Füßen ist, trampeln die andern alle auf ihm herum, und wenn er auch wieder nach oben wollte – es geht nicht. Was hilft's, wenn ich solid leben wollte – glaubst du, George, daß sich noch ein Reeder in ganz Neuyork mit mir einließe? Nie.«

»Und könnt Ihr das Trinken überhaupt nicht mehr lassen?«

»Könnt' ich?« sagte der Koch verächtlich – »ich kann alles, was ich will, aber ich will nicht, denn ich sehe keinen Grund dafür. Das weiß ich freilich – hätt' ich wieder ein Schiff, so dürfte mir kein Tropfen Rum an Bord und die Leute bekämen nur, wie das schon auf vielen Fahrzeugen Gebrauch ist, heißen und guten Kaffee, aber da ich nur Koch bin und auch aller Wahrscheinlichkeit nach bleiben werde, bis mir einmal der Hals voll Wasser läuft, halt' ich mich an das Unmittelbare – an den Branntwein und – hol' der Teufel die Gedanken, sie machen doch nur einen Menschen verrückt.«

»Wie heißt Ihr mit Eurem wirklichen Namen – wie hieß Euer Schiff?«

»Und weshalb brauchst du das zu wissen?« lachte er endlich heiser in sich hinein – »hier an Bord heiß' ich der Doktor, und wie mein Schiff hieß? verdamm' es, und wenn's der fliegende Holländer gewesen wäre, aber der Name kommt nicht wieder über meine Lippen, denn wenn ich ihn ausspreche, bin ich jedesmal drei Tage nachher krank und elend. Nenn du mich Doktor, George, wie es das andere Lumpengesindel tut, und kümmere dich nicht um den Rest – der alte Kasten liegt am Meeresgrund, und sein früherer Kapitän – bah, der ist Koch an Bord der Betsy Crow und schwimmt hinter schmierigen Walfischen her – hol ihn der Teufel!«

Mit dem Burschen war nichts weiter anzufangen; er hatte heute schon wieder den Grund gelegt, und als er gleich darauf in seine Kombüse ging – die Küche an Bord und ein ziemlich niederer Kasten, der an Deck stand und oben ein viereckig ausgeschnittenes Loch als Luftzug hatte – sah George bald darauf, wie sich der Boden einer Flasche aus dem Loch emporhob, ein paar Sekunden in der Luft stehen blieb und dann verschwand. Es war der Koch, der in dem niederen Gestell nicht Raum hatte, wenn er im Stehen aus der Flasche trinken wollte, und deshalb die schon fast geleerte Flasche durch die Öffnung hinaus und hoch heben mußte, um den Inhalt herauszubekommen.

Noch drei Fische fingen sie in der Südsee, und Georges einzige Hoffnung war dabei Valparaiso gewesen, dessen Breite sie, nach des Kochs Aussage, fast erreicht. Da änderte eines Tages das Schiff plötzlich seinen Kurs und steuerte fast in gerader Richtung nach Osten zu. George aber, der fast jede Hoffnung aufgegeben, achtete gar nicht darauf, hatten sie nun doch schon fast sechs Monate lang bald da, bald dort hinüber gekreuzt, wenn es dem Kapitän gerade einfiel, da oder dort Fische zu vermuten, denn auf ihren Jagdgründen befanden sie sich ja überall.

Die Sonne war hinter ihnen im Meer versunken – vor ihnen lag eine graue Dunstschicht auf dem Wasser, und nur – auch noch voraus, aber hoch nach links hinauf, lag eine wunderliche, bleiche Rosafärbung wie in einem schmalen, seltsam gezackten Streifen über dem Horizont.

George hatte den Ausguck gerade vorn auf der Back bekommen, und während sein Blick dort, mechanisch fast, über den weiten Horizont schweifte, flog er doch immer wieder zu jenem rötlichen Schimmer zurück, den er sich in dieser sonderbaren und unbeweglichen Form gar nicht erklären konnte. Da trat der Koch zu ihm auf die Back, und seine breite Hand auf die Schulter des jungen Mannes legend, sagte er, indem er mit dem andern Arm nach dem Rosastreifen hinüber deutete:

»Und weißt du, was da hinten – gerade jetzt im Nordost von uns, in den Wolken ist, George?«

George schüttelte mit dem Kopf. »Ich hab' es mir wieder und wieder angesehen,« sagte er, »aber ich kann mich nicht hineinfinden. Wie Wolken sieht es aus, aber schon seit mehr als zehn Minuten zeigt es keine Veränderung, und wie noch die Sonne über dem Horizont stand, färbte es sich schon, wie es jetzt noch steht.«

»Das sind die Kordilleren,« nickte der Alte, »und zwar der Tucunjado mit seinem schroffen Gipfel.«

»Die Kordilleren?« rief George, rasch nach ihm herumfahrend.

»Ahem,« nickte der Koch – »kenne sie gut genug und bin hier schon oft als Steuermann vorübergesegelt, wo sie ebenso erglühten.«

»So halten wir auf Valparaiso zu?« rief George, der kaum imstande war, seine Aufregung zu bemeistern.

Der Koch schüttelte wieder. »Nein, wie die Berge jetzt liegen, haben wir Valparaiso noch viel weiter im Norden. Der Kapitän wird wohl eine kleine Havarie machen wollen.«

»Eine Havarie?«

»Nun ja – gerade etwa gegenüber liegt uns der kleine niedliche Hafen Talcahuana, wo die Walfischfänger gern einlaufen und ihren Reedern nachher eine kleine Rechnung von zwei- oder dreitausend Dollars schicken, die sie wohl auch richtig im Hafen verbraucht – wenn auch nicht alles für Stengen und Spars, wie's auf dem Papiere steht. – Lumpengesindel in dem Nest, das muß wahr sein, und hat schon manchem Neuyorker Haus einen hübschen Taler Geld gekostet.«

»Und dort werden wir landen?«

»Wir – landen? Nein, mein Junge,« lachte der Koch, »damit ist's nichts, denn daß dich der Alte nicht an Land läßt, darauf kannst du dich etwa verlassen. Im Gegenteil steht dann noch immer eine besondere Wache bei den Booten, und außerdem hält die Polizei in dem Nest – wenn sie sich auch sonst um nichts bekümmert – ein haarscharfes Auge auf den Strand, um keinem Kapitän Anlaß zur Klage zu geben. Wenn sie einmal einen weggelaufenen Matrosen erwischen, so liefern sie ihn auch richtig wieder aus, oder stecken ihn wenigstens so lange bei, sobald das Schiff, zu dem er gehört, schon fort sein sollte, bis sie einmal einem andern Kapitän einen Gefallen tun können und ihm den Mann an Bord schaffen. Laß dir's vergehen, durchzubrennen, denn damit ist's nichts, und du hättest nachher nur erst recht die Hölle an Bord.«

»Und wann glaubt Ihr, daß wir in Sicht von Land kommen können?«

»Jedenfalls morgen mit Tagesanbruch – wir müßten es jetzt schon sehen, wenn nicht der Duft da drüben auf dem Wasser läge. Morgen früh sind wir aber sicher dicht davor und werden die ganze Nacht Segel kürzen müssen, um nicht vor Tag schon auf den Strand zu rennen.«

»Und der Hafen heißt Talcahuana?«

»Jedenfalls läuft unser Alter dort – wenn irgendwo an, denn eine größere Stadt, Concepcion, liegt wohl dicht dabei, wo aber für Walfischfänger nichts zu machen ist. Ich möchte meinen Hals verwetten, daß er, bei der Richtung, die er jetzt einhält, Talcahuana einen Besuch abstattet und dort auch vielleicht das gewonnene Öl ausschifft, um wieder ein freies Schiff und dadurch Aussicht für eine lohnendere Reise zu bekommen. Wir sind bis jetzt sehr glücklich gewesen, und natürlich hat der Alte nur um so viel mehr Vertrauen zu der weiteren Fahrt. Übrigens kannst du dort jedenfalls deinen Brief an Land schicken, und wenn er mit dem Dampfer von Valparaiso nachher nach Panama geht, so muß er in vier Wochen in Neuyork sein.«

In vier Wochen! – George schlug das Herz stürmisch in der Brust, wenn er sich dachte, daß er ja dann auch selber in dem kurzen Zeitraum von vier Wochen die Vaterstadt wieder betreten und in Jennys Arme eilen könne. Nur mußte er imstande sein, hier seine Freiheit zu gewinnen. – Und sollte ihm das so schwer werden? – Trotzig biß er die Zähne aufeinander: schwer oder nicht, wenn der Anker erst einmal in Bereich des Landes in die Tiefe rollte, dann war er auch fest entschlossen, seine Freiheit wieder zu gewinnen – wehe dem, der sich ihm in den Weg stellte. Aber je weniger er jetzt davon sprach, desto besser – selbst der Koch konnte in der Trunkenheit schwatzen und durfte nichts von seinem beabsichtigten Fluchtversuch erfahren.

 

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