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Verhängnisse

Friedrich Gerstäcker: Verhängnisse - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
authorFriedrich Gerstäcker
titleVerhängnisse
booktitleErzählungen und Humoresken
publisherHesse & Becker Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20151228
modified20190902
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5. Auf dem Walfischfang.

Der nächste Tag brach an und ein Tag folgte dem andern, ohne daß sich auch nur das geringste in seiner Lage geändert hätte. George war kein Seemann, aber nach dem Kurs, den sie steuerten, sah er doch recht gut, daß sie, während sie nach Süden hinunter hielten, immer im weiten offenen Meer blieben und nach dieser Richtung hin kein Land erreichen konnten. Einzelne Segel sahen sie allerdings dann und wann, aber nur in weiter Ferne, also jede Möglichkeit des Entrinnens ausgeschlossen, und wie sollte er, im offenen Boot allein, die ferne Küste erreichen, selbst den Fall angenommen, daß er ein Boot hätte auf das Wasser niederlassen und mit Segel versehen können. Er war ein Gefangener und Wochen vergingen nach Wochen, während ihn das Fahrzeug weiter und weiter der Heimat entführte.

Und immer heißer brannte die Sonne auf ihre Köpfe nieder – sie näherten sich der Linie und lange Tage schaukelte das Fahrzeug unter völliger Windstille in der drückend schwülen Luft. Mit den neuen Matrosen an Bord wurde die Tropentaufe vorgenommen – rohe Scherze, denen sich keiner der Neulinge entziehen durfte; dann setzte wieder eine frische Brise ein und wieder vergingen lange Wochen, wie jetzt Monate vergangen waren, und gegen eine kühlere Südbrise kreuzten sie an.

»Land!« Der Mann im Ausguck oder Top, der dort jetzt regelmäßig gehalten wurde, um nach Fischen auszuschauen, rief es von oben an. Einer der Leute – es war der Koch an Bord – meinte, es müßte die Insel Santa Catharina sein, und er hatte sich darin auch wohl nicht geirrt.

Weit ab aber blieb die hohe bewaldete Küste, denn es wehte ein heftiger Wind und das Fahrzeug getraute sich nicht in die Nähe des Landes, zu der es auch kein weiteres Bedürfnis drängte. Nur zum Fischfang waren sie ausgezogen, und in der jetzt zu rauhen See hätten sie doch nicht wagen dürfen, selbst nur die Boote auszusetzen.

George hatte indessen noch verschiedene Versuche gemacht, mit dem Kapitän, und als das nicht anging, mit dem ersten Harpunier, als dem Zweiten an Bord, zu sprechen – aber es half ihm nichts. Wer er auch sein mochte – sagte ihm dieser – er war von einem Schlafbaas, der den Schiffen die Mannschaft lieferte, an Bord geschafft und »gedungen« worden. Der Baas hatte das Geld für ihn, und er selber später eine Anzahl von Kleidern und Wäsche bekommen – das mußte er erst vor allen Dingen abverdienen und von einer Rückzahlung in Neuyork konnte gar keine Rede sein. Wenn das anging, so hätte sich am Ende jeder an Bord für eines reichen Mannes einzigen Sohn ausgegeben, und auf einem Fahrzeug, wo der ganze Gewinn nur gemeinschaftlich – wenn auch nach verschiedenen Raten – verteilt würde, dürfte sich schon der einzelne nicht ausschließen, oder er gefährdete dadurch den Gewinn aller.

George gab sich dabei ernstliche Mühe, mit seinen Kameraden an Bord in Frieden zu leben, und leicht wurde ihm das wahrlich nicht gemacht, denn es war rohes und aus allen Schichten der Gesellschaft zusammengewürfeltes Volk. Konnten sie doch auch an Bord eines Walfischfängers eben alles brauchen, was vorkam, und mußten es sogar nehmen, wo sie es bekamen, denn wirkliche und anständige Matrosen hüten sich wohl, in einem solchen Geschäft zu fahren. Abenteuerliches Volk war deshalb da zusammengewürfelt, eine bunte Gesellschaft von allen nur erdenklichen Charakteren, wie sie kaum irgendwo in der weiten Welt ein so enger Raum wieder vereinigen möchte.

Die Offiziere, Harpuniere und Bootsteurer blieben davon allerdings ausgenommen, denn diese folgten ihrem Beruf; Schmied, Böttcher und Zimmermann gehörten ebenfalls ihrem Handwerk an, und sechs oder acht der übrigen Mannschaft konnten als wirkliche Matrosen gelten. Außerdem aber hatte man mit George an dem nämlichen Abend noch etwa ein Dutzend Burschen eingeliefert bekommen, die wohl nie in ihrem Leben vorher ein Segelschiff von innen gesehen, außer möglicherweise als Passagiere auf der Überfahrt. Ein halb Dutzend Irländer, die man trunken auf der Straße aufgelesen, ein paar Deutsche, die, der englischen Sprache noch nicht mächtig, in die ihnen von einem gefälligen Landsmann gelegte Schlinge reichen Verdienstes gegangen waren, ein Dutzend Neger von jeder Schattierung, junge Kaufleute und Handwerker und was alles sonst. Klang es doch in den Ohren vieler außerordentlich verlockend, daß das Fahrzeug nur etwa ein Jahr oder so zwischen den herrlichen Inseln der Südsee herumfahren und dabei Fische fangen solle, und daß sie ihren Teil des Gewinstes davon abbekämen. Wie wenig dabei für den gewöhnlichen Matrosen übrig bleibt, davon hatten sie natürlich keine Ahnung – und ebensowenig, welch schwerer Arbeit und Zeit sie dabei entgegengingen und wie sie bald von Hitze, bald von Kälte zu leiden haben würden. Mit keiner besonders lohnenden Beschäftigung gerade lockte sie das abenteuerliche Leben an – sie wollten, wie sie meinten, einmal »die Welt sehen«, und daß ein Walfischfänger dafür der unglücklichste Platz ist, konnten sie sich ja nicht denken.

George hielt sich von allen diesen so fern als irgend möglich und sprach, in der ersten Zeit besonders – fast mit niemandem. Er tat seine Arbeit, um sich keinen Rohheiten auszusetzen, konnte aber sonst, wenn er die »Wacht zur Koje« oder Ruhezeit hatte, stundenlang vorn am Bug des Fahrzeugs sitzen und in die weite öde See hinausstarren. O, wie schwer war ihm dabei das Herz – wie furchtbar schwer – und während er im Geist bei der Geliebten weilte, die daheim um ihn trauerte, erfaßte ihn selber ein unsagbares Weh und er hätte vergehen mögen in Gram und Kummer.

Ein paar der Leute, die den Gefühlen eines Kameraden an Bord eines Walfischfängers wahrlich keine Rechnung trugen, wollten ihn seines ewigen Brütens wegen necken, und solange sie das nur mit Worten taten, ließ er sie ruhig gewähren und achtete ihrer nicht; als sich einer von ihnen aber – ein rauflustiger Ire, der sich über den schweigsamen und stillen Menschen ärgerte – einmal an ihm vergriff, indem er ihn aus dem Wege stieß, zerschlug ihn George, der die Kunst der Selbstverteidigung aus dem Grunde verstand, dermaßen, daß er ihm von da an nie wieder zu nahe kam, und dadurch hatte er sich zugleich auch bei der übrigen Mannschaft in Respekt gesetzt. Der Ire war bis dahin der sogenannte bully des Schiffs gewesen, der im Vorcastle dominierte und keinen Widerspruch duldete. Dadurch aber, daß ihn der wohl nicht so starke, aber dafür so viel gelenkere junge Mann vollständig warf und besiegte, verlor jener das nur durch seine Fäuste behauptete Übergewicht, und an George selber wagte sich keiner wieder – wie er selber auch keinem Ursache gab, sich über ihn zu beklagen.

Trotzdem konnten ihn viele an Bord nicht leiden, weil er ihnen zu vornehm und »stolz« erschien und nie auf ihre meist rohen Späße einging. Der Zimmermann besonders, der als eine Art von Offizier des Vorkastells auf allen Schiffen gilt, haßte ihn, und deshalb gerade nahm wohl manchmal der Böttcher, der den Zimmermann wieder nicht leiden konnte, seine Partei, ohne sich aber auch weiter mit ihm einzulassen, denn als »Böttcher« durfte er natürlich seiner Würde, einem gemeinen Matrosen gegenüber, nichts vergeben.

Der einzige nur an Bord, der wirklich eine Zuneigung zu ihm gefaßt zu haben schien, – wenn auch allein aus eigennützigen Gründen – war der Koch, ein wunderlicher und eigentlich für einen Koch recht schmieriger Patron. An Bord natürlich wurde er immer Doktor genannt, mußte aber früher jedenfalls bessere Zeiten gesehen haben und war, wie sich später herausstellte, auch nur durch den Trunk so heruntergekommen. George aber hatte seit jenem Abend, der ihn unglücklich gemacht und in diese furchtbare Lage gebracht, das Trinken, ja selbst den mäßigen Genuß des Branntweins vollständig abgeschworen, und da er seine ihm zukommende Ration an Grog, d. h. Rum und Wasser, regelmäßig dem Koch überließ, so gewann er dadurch – ohne anfangs freilich das geringste Gewicht darauf zu legen – dessen Freundschaft.

Wenn er manchmal nachts seine Wacht als Ausguck vorn auf der Back hatte, oder auch in seiner Ruhezeit dort saß und vor sich hinbrütend in die See hinausstarrte, dann kam der Koch auch dorthin, setzte sich neben ihn und suchte – anfangs freilich lange vergebens – ein Gespräch mit ihm anzuknüpfen, denn George liebte es nicht, in seinen Träumen gestört zu werden. War es doch auch die einzige Zeit, in der er sich der Erinnerung an das Verlorene voll und ganz hingeben konnte. Er ließ deshalb den Koch auch ruhig die Unterhaltung allein führen, bis er einmal zufällig ausfand, daß der Mann mehr von der Seemannskunst verstand, als man hinter einem Koch hätte suchen sollen.

Was hatte er sich selber früher um die Sterne bekümmert, die vom Himmel niederleuchteten! – Sein einziger Stern auf Erden war allein seine Jenny gewesen, und überhaupt etwas schwärmerischer, träumerischer Natur liebte er wohl den Mondenschein und die blitzenden Gestirne, aber fragte nie nach ihrem Lauf und Stand.

Der alte Koch wußte desto besseren Bescheid darin. Er zeigte ihm zuerst das südliche Kreuz, das über ihnen jetzt schon hoch am Himmel stand, und George fand bald heraus, daß er nach der Stellung und Höhe desselben ziemlich genau wenigstens den Breitengrad anzugeben wußte, auf dem sie sich befanden. Der Kapitän nämlich teilte der Mannschaft nie seine täglich genommene Observation mit, und die Sache wurde sonderbarerweise immer als Geheimnis behandelt.

Die Längengrade konnte der Koch ohne Chronometer und Instrumente natürlich nicht angeben, und es war deshalb unmöglich, zu bestimmen, wie weit sie sich von der amerikanischen Küste befanden, aber selbst die Breite blieb doch gewissermaßen ein Anhaltspunkt, und dieser nach mußten sie sich jetzt etwa, wie der Koch meinte, auf der Höhe der Falklands-Inseln befinden. Es war auch möglich, daß der Kapitän dort anlandete und sich überhaupt eine Zeitlang in deren Nähe aufhielt, denn es gab dort herum zu manchen Jahreszeiten ziemlich viel Walfische, und einzelne Fahrzeuge hatten schon guten Fang gemacht.

George hatte denn auch schon von dem Koch, wie er sich nur erst einmal in ein Gespräch mit ihm einließ, bald erfahren, daß er selber früher wirklicher Seemann und sogar Kapitän gewesen sei. Durch Unglück aber war er heruntergekommen – sein Schiff scheiterte in einem Sturm an einer der Molukken, der Steuermann, der selber gern Kapitän werden wollte, verleumdete ihn später bei dem Reeder, einem Neuyorker Handlungshaus, Baring Simms und Ko. – er bekam, nach Hause zurückgekehrt, kein Schiff wieder und mußte aufs neue als Steuermann fahren. Dadurch aber erbittert, ergab er sich – wie er ganz offen eingestand – derart dem Trunk, daß er mehr und mehr herunterkam, bis er es jetzt endlich zum Koch auf einem Walfischfänger gebracht hatte – »ein so elendes Brot«, wie er hinzufügte, »wie es sich ein Mensch wohl auf des lieben Herrgotts Wasser nur wünschen könne«.

Baring Simms und Ko. – wunderlicher Zufall, wie er manchmal die Menschen auf der Welt zusammenwürfelt: das war die alte Firma von seines Vaters jetzigem Geschäft, und George gab es einen ordentlichen Stich durchs Herz, als er die bekannten Namen nennen hörte.

Baring Simms und Ko., und er, der Teilhaber der Firma, eines der geachtetsten Geschäfte Neuyorks, befand sich als gemeiner Matrose an Bord eines Walfischfängers und schwamm – allem entführt, was ein Mensch nur auf dieser Welt erstreben kann – der Südsee entgegen. – Im ersten Augenblicke drängte es ihn auch, den Koch zu seinem Vertrauten zu machen – aber war nicht der gerade von der Firma vielleicht ungerecht behandelt und dadurch das geworden, was er jetzt war: ein Diener, wo er früher als Herr befehlen durfte? und mußte er nicht fürchten, auch dessen Haß dadurch auf sich zu ziehen? Es war besser, er schwieg, – was hätte ihm der Koch auch nützen – höchstens ihm das traurige Leben an Bord noch mehr verbittern können.

Dort in der Nachbarschaft der Inseln, die sie aber gar nicht in Sicht bekamen, fing die Betsy Crow ihren ersten Wal und ein ganz neues reges Leben kam dadurch an Bord.

Schon als die Fische zuerst gesichtet wurden, war es, als ob die sonst so schläfrige Mannschaft, die im gewohnten Schlendrian nur ihre Arbeit tat, elektrisiert worden wäre. Der Kapitän, der den ganzen Tag unten in seiner Kajüte auf dem Sofa lag und las, warf das Buch rücksichtslos in die Ecke und sprang an Deck, die Bootssteurer mit ihrer Mannschaft flogen dabei nach den Booten, die kleinen, für diese bestimmten Wasserfässer wurden gefüllt, der Kübel mit dem Lauftau vorn hineingehoben. Harpunen und Lanzen mit dem kleinen Kappbeil und Messer vorn lagen ebenfalls schon bereit, und die Mannschaft der verschiedenen Boote stand, des Befehls zum Niederlassen gewärtig, auf ihren Posten.

George war dem Boot des dritten Harpuniers, Mr. Holk, in dem sich Bill als Bootssteurer befand, zugeteilt worden, und mit dem Ruder, von seinen Regattafahrten in der Bai her, vollkommen vertraut, fühlte er sich dabei sicher genug. Nicht so freilich die ganze übrige Mannschaft. Viele gab es allerdings dabei, die mit ihrem Riemen (Ruder) vortrefflich umzugehen wußten; eine Menge frisches Volk war aber auch in Neuyork aufgelesen, die kaum einen Begriff davon hatten, was sie mit einem Riemen sollten, und die Nachlässigkeit, daß man in der letzten Windstille keine Übungsfahrten mit ihnen angestellt, strafte sich jetzt schwer.

Zu jedem Boot gehörten sechs Mann: der Harpunier, der den Oberbefehl führt und das Boot an den Walfisch hinanzubringen hat, während der sogenannte Bootsteurer vorderhand nach vorn mit der Harpune steht und an den Fisch durch einen kräftigen Wurf festzukommen sucht, und außerdem vier Matrosen als Ruderer. Es hängt dabei nicht so viel davon ab, wohin der Bootsteurer den Fisch mit der Harpune gerade trifft, wenn sie ihm nur durch den Speck geht und da einhakt, damit der also gefangene, aber noch lange nicht tödlich verwundete Wal das Boot an der langen, rasch ausgeschossenen Leine nachschleppt. Dann aber kommt der Hauptmoment. Der beste Matrose im Boot, der vorn das Bugruder führt, wirft seinen Riemen ein und tritt zu dem jetzt mit Blitzesschnelle ausschießenden Tau, an dem der Fisch hängt, um dieses »klar« zu halten, denn verwickelte es sich und ginge der Fisch in die Tiefe, so bliebe nichts übrig, als es mit dem danebenstehenden haarscharfen Beil zu kappen (abzuhauen), das Ungetüm würde sonst das ganze Boot in die Tiefe reißen. Zu gleicher Zeit aber springt der Bootsteurer nach hinten, um seinen Platz jetzt am Steuerriemen einzunehmen, während sich der Harpunier über die aus den Bänken sitzenden Ruderer hinwegwirft, um als »Matador« mit seiner langen scharfen LanzeDie Lanze an Bord eines Walfischfängers unterscheidet sich von der eigentlichen Harpune nur dadurch, daß sie keine Widerhaken hat und um ein geringes länger und leichter ist. Sonst sitzt sie aber auch mit einer Hülse auf einem kurzen Stiel und wird nach dem Wurf zurückgezogen. Der Fleck, wohin man den Walfisch treffen muß, damit er sich verblute, ist etwa so groß wie ein gewöhnlicher Teller und sitzt hinter den beiden Seitenflossen. Hat der Fisch erst einmal dahin einen glücklichen Wurf bekommen, so bläst er Blut und Wasser aus und ist dann bald vollkommen machtlos. dem Fisch, sobald sie ihn wieder erreichen können, den Todesstoß zu geben.

Die Matrosen selber haben allerdings im Boot weiter nichts zu tun als zu rudern, falls sie nicht mit dem Wind an den Fisch anlaufen können. Hat der Harpunier aber dem verfolgten Tier den Todesstoß gegeben, dann liegt eigentlich die Sicherheit des ganzen Bootes in ihrer Hand, inwiefern sie nämlich den von dem Harpunier gegebenen Befehlen rasch und zu gleicher Zeit gewandt nachkommen, um ihr schwankendes Fahrzeug aus dem Bereich des jetzt wild um sich her schlagenden Wals zu treiben. Eine falsche Bewegung mit dem Riemen, ja nur ein verkehrtes Einschlagen kann alle verderben, denn trifft der Wal beim Umherschlagen nur mit der äußersten Schwanzspitze das Boot, so schlägt er es auch sicher in Trümmer, und sind dann nicht andere Boote unmittelbar zur Hand, so ertrinkt die Bootsmannschaft entweder oder fällt den sich dort zahlreich umhertreibenden Haifischen zur Beute.

Der Moment, in dem die Boote endlich von Bord abstießen und mit geblähten Segeln der Jagd folgten, war der erste in Georges Leben, seit er auf so entsetzliche Weise seiner Heimat, seinem Glück entführt worden, wo er, was er verloren, vergaß und sich ganz in die Aufregung und Lust des Augenblicks hineinarbeitete. Dort draußen in See bliesen die mächtigen Fische, keine Gefahr ahnend oder fürchtend, den sprudelnden Wasserstrahl hoch in die Luft hinein, das wackere Boot schäumte dem Kampfe rüstig entgegen, und vorn im Bug, die Harpune schon krampfhaft gefaßt, stand der Bootsteurer und hing mit den Blicken sehnsüchtig an den noch zu entfernt aufsteigenden Strahlen. War es doch Ehrensache unter den Seeleuten, welches Boot zuerst an einen Fisch festkam, und dadurch ja auch einen bedeutenden Gewinn für die ganze Mannschaft sicherte.

Die Riemen waren dabei eingezogen, denn man kam ja mit den Segeln viel rascher und auch geräuschloser vorwärts, aber sie lagen trotzdem bereit, um im Augenblick gebraucht zu werden, wenn sich eine Notwendigkeit zeigen sollte: wenn z. B. die Fische plötzlich ihren Kurs änderten und gegen den Wind aufgingen, und wie häufig kommt dies gerade vor.

Zwischen dem ersten und zweiten Harpunier herrschte ein besonderer Wettstreit; beide führten gleich große Segel und hatten auch schon einen tüchtigen Vorsprung vor den Booten des dritten und vierten Harpuniers gewonnen, als die jetzt gar nicht mehr so weit entfernten Fische plötzlich verschwunden schienen, denn kein einziger Strahl ließ sich mehr erkennen.

Die Boote liefen allerdings noch eine Strecke in der einmal genommenen Richtung weiter, um wenigstens mit den Fischen aufzukommen, wenn diese, wie das oft geschieht, nur einfach untergetaucht waren, um nach kurzer Zeit an die Oberfläche zurückzukehren. Da wurde links, in geringer Entfernung voraus, wieder der erste Strahl sichtbar, dem augenblicklich auch die beiden ersten Harpuniere mit ihren Booten folgten. Ihnen schloß sich der vierte an, und nur Holk hatte mehr Vertrauen zu der ursprünglichen Richtung und beschloß, seinen Kurs, wenn auch mit verkürztem Segel, noch für einige Zeit beizubehalten. Möglich, daß er dort die übrigen Fische traf, oder die ersten kehrten auch wieder in die alte Bahn zurück und er behielt dann den Vorsprung vor den andern Booten.

So glitt das Boot nicht mehr so rasch durch die langsam schwellenden Wogen, bis endlich der Harpunier befahl, das Segel niederzulassen und das Wiederaufkommen der Fische zu erwarten, denn sie durften sich nicht zu weit von der Stelle entfernen. Der Harpunier hielt dabei das schlanke Boot noch immer in der nämlichen Richtung, und ebenso hafteten die Blicke der Mannschaft erwartungsvoll voraus, als plötzlich dicht hinter ihnen und kaum fünfzig Schritte entfernt der scharf zischende Strahl eines Wals laut wurde und sich alle erschreckt dorthin wandten. Selbst die Leute aber, die noch nie in ihrem Leben einen Wal gesehen, erkannten im Nu, daß er direkt auf sie zukam, und: »Auf mit dem Segel! zu euren Riemen, ihr Leute!« schrie der Steuernde, während er selber das Fahrzeug auf die Seite warf.

Der Bootsteurer, der noch immer vorn mit der Harpune stand, wollte in dem ersten Gefühl der Gefahr nach dem Segel springen, aber er durfte jetzt seine Waffe nicht aus der Hand legen, wo ihn ja die nächste Minute schon in Wurfsnähe bringen mußte. Einer der Leute griff nach dem Segel, aber er wußte nicht damit umzugehen, riß an der falschen Leine und brachte dadurch das ganze Takelwerk in Verwirrung, die anderen griffen nach ihren Riemen, und fingen an aus Leibeskräften zu rudern.

»Back your oars starbord!« schrie der Harpunier.– Du lieber Gott, die grünen Burschen wußten weder, was back your oars, noch was starbord bedeutete, und legten sich nur so viel schärfer in die Riemen, als George, der die Gefahr sah, zusprang, sie zurückriß und dann mit seinem eigenen Ruder mit voller Gewalt arbeitete. In demselben Moment kam der riesige Fisch, der die kurze Strecke unter Wasser dahingeschossen war, wieder nach oben – dicht am Boot, und dieses war durch Georges Bemühungen eben nur so weit herumgeworfen worden, daß er gerade dicht daran hin passieren konnte, ja es fast noch streifte.

»Hab acht, Bill!« schrie der Harpunier dem Bootsteurer zu, denn der tollkühne junge Bursche stand, die Gefahr auch nicht mit einem Gedanken achtend und die zum Wurf erhobene Harpune in der Hand, vorn bereit, »wir sind zu nah und verloren, wenn er uns trifft.«

Bill antwortete gar nicht – er ließ den Fisch etwa um seine halbe Länge unmittelbar am Boot vorübergleiten und stieß ihm dann, weit mehr als er sie warf, die Harpune dermaßen und zwar gerade an der tödlichen Stelle hinter die Finne hinein, daß der getroffene Wal schon im nächsten Moment in dem aufgeworfenen Wasserstrahl Blut zeigte und dabei wütend mit dem Schwanze um sich schlug.

Glücklicherweise war aber das Boot zu nah zu ihm, als daß er ihm hätte Schaden tun können, und da George jetzt auch, indes die andern beiden wieder rudern mußten, nach dem Segel sprang, das Tau entwirrte und rasch setzte, so faßte im Nu der Wind hinein, und der Bootsteurer, der jetzt auf seinen Platz zurückglitt, griff den Steuerriemen auf und brachte es bald außer Gefahrs-Bereich.

Der Harpunier stand schon lange wieder vorn neben seiner Lanze und sein Arm zeigte die Richtung, die der Bug zu nehmen hatte, aber es blieb ihm kaum noch etwas zu tun übrig, als eben nur das Auslaufen des Taues zu regulieren und dadurch eine andere Gefahr abzuwenden. Der Bootsteurer hatte den mächtigen Fisch mit seiner Harpune schon so vorzüglich getroffen, daß er den dicken Blutstrom ausblies und nicht einmal lange seinen Lauf fortsetzen konnte; die Leine schlaffte und mußte angeholt werden – näher und näher kamen sie hinan, und etwa eine Viertelstunde später lag der Koloß regungslos auf dem Wasser – eine Beute der Sieger.

Jetzt erst blieb der Bootsmannschaft Zeit, sich nach dem Schiff und den übrigen Booten umzusehen, denn bis dahin hatte keiner von allen auch nur einen andern Gedanken gehabt, als den Fisch zu sichern. Das Fahrzeug selber war ihnen aber, von der Brise begünstigt, ziemlich dicht gefolgt und deutlich konnten sie zugleich erkennen, daß noch eines der anderen, jetzt allerdings weit entfernten Boote an einen Fisch festgekommen war und von diesem in rasender Schnelle fortgezogen wurde. Später zeigte es sich, daß es das des ersten Harpuniers gewesen, zu dem sich das des vierten gesellte, um ihn zu unterstützen. Der zweite hatte eine Jagd auf eigene Hand – aber ohne Erfolg – unternommen und schloß sich jetzt dem ersteren wieder an, um den noch ziemlich lebhaften Fisch zu sichern und eine zweite Harpune anzubringen, was ihm dann auch, etwa eine halbe Stunde später, glücklich gelang und es so dem ersten Harpunier möglich machte, mit seinem Boot anzusegeln und der Beute den Todesstoß zu geben.

An den vom dritten Harpunier gewonnenen Fisch legte sich das Fahrzeug langseit, machte ihn fest und suchte dann mit der Last an der Seite auch den anderen anzulaufen, den indessen die übrigen drei Boote heranbugsierten, und jetzt begann, von ausnahmsweise ruhigem Wetter begünstigt, das Ausschneiden des Blubbers (Specks) und Aufwinden desselben – und dann das Einkochen.

 

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