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Verhängnisse

Friedrich Gerstäcker: Verhängnisse - Kapitel 13
Quellenangabe
typenarrative
authorFriedrich Gerstäcker
titleVerhängnisse
booktitleErzählungen und Humoresken
publisherHesse & Becker Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20151228
modified20190902
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12. In Frieden.

George stieg die Treppe hinab, und das Herz war ihm so froh und leicht, daß er hätte aufjubeln mögen, in aller Seligkeit – und trotzdem befand er sich einigermaßen in Verlegenheit, denn wo war denn die »wackere Familie«, von der er Jenny gesagt, daß er seine Braut bei ihr unterbringen wolle? – Er kannte außer Burton keine Seele in der Stadt, aber Burton mußte da eben aushelfen; und wenn es bei einem amerikanischen oder deutschen Handwerker war, es blieb sich vollkommen gleich. Nur aus dem Bereich dieser jungen Megäre mußte er sie bringen, denn der traute er jetzt alles zu – und doch tat er diesmal Jenny unrecht.

Als er die untere Treppe erreichte, sah er, daß sich die Tür der Office halb öffnete und Burton vorsichtig hervorsah. Aber nur erst, als er den Freund erkannte, trat er heraus.

»Alle Wetter, George!« rief er – »ich hatte Sorge um dich – die Sennora kam rascher zurück, als sich vermuten ließ – ihr Pferd muß sich im Stall den Fuß vertreten haben, denn es lahmte schon beim Ausreiten – du bist ihr doch nicht begegnet?«

»Allerdings, Dick,« lachte George – »und gerade in einer ganz eigentümlichen Situation – doch davon nachher. Komm, du sollst mir eine Auskunft geben.«

Damit trat er mit in die Office hinein und fuhr, die Tür noch immer in der Hand, fort: »Kannst du mir eine anständige, womöglich amerikanische Familie nennen, wo ich eine junge Dame auf einige Tage unterbringen kann?«

»Eine junge Dame? – Miß Morhouse?«

»Allerdings – nur bis der Dampfer abgeht.«

»Sie will nach Neuyork zurück?« sagte Burton erstaunt – »das begreife ich nicht.«

»Das begreifst du nicht?« erwiderte ganz ernsthaft George – »du verlangst doch nicht etwa, daß ich meine Frau hier in Valparaiso lasse und allein nach Hause fahre?«

Burton antwortete ihm gar nicht. Er stand vor ihm mit offenem Mund und offenen Augen und starrte ihn an, als ob er eben etwas ganz Unerhörtes vernommen. –

»Deine Frau?« sagte er endlich, während George ihn lachend betrachtete – »deine Frau? – Mensch, du hast doch nicht –«

»Um Alicens Hand angehalten und ihr Jawort erhalten? Allerdings.«

Burton ging zur Tür, öffnete sie und sah vorsichtig hinaus und nach der Treppe zu; als er aber da die Luft rein fand, schloß er sie wieder, griff das Lineal vom Pult auf und begann jetzt mit dem gewöhnlichen »Hau! Hau! Hau hau hau!« einen jener wilden Sioux-Kriegstänze in der ganzen Office herum, wobei er mit eingeknickten Knien das Lineal als Tomahawk in der Hand schwang. Plötzlich aber, mitten in der Vorstellung, brach er ab, schoß wie der Blitz an sein Schreibpult, warf das Lineal hin und griff eine Feder auf. – Er hatte unmittelbar vor der Tür einen Schritt gehört und mochte sich doch wohl nicht vom Gesandten bei einer so exzentrischen Leistung überraschen lassen. Aber die Schritte passierten vorüber, es war vielleicht nur einer der Diener gewesen, und Burton, nachdem er seinem Übermaß von Vergnügen durch den vorherigen ganz außerordentlichen Tanz wie durch ein Ventil Luft gemacht, sprang jetzt wieder auf George zu, und seine Hand ergreifend und sie mit beiden Händen aus Leibeskräften schüttelnd, rief er:

»George, alter Junge, das war brav gemacht, das war ein grundguter, aber auch ein grundgescheiter Zug von dir. Du kriegst eine Prachtfrau, der du dich nirgends zu schämen brauchst, und der armen Alice ist geholfen – aber – alle Wetter – kam sie dazu? Ja? – Und was sagte sie?«

»Ich weiß es selber nicht, Dick,« lächelte George – »ich war so selig in dem Augenblick. Ich glaube, sie sprach etwas von ›meinem Glück nicht im Wege stehen‹ und verließ sofort das Zimmer wieder. Aber – was ich vorher erwähnte – ich erklärte ihr, daß ich Alice heute noch zu einer Familie bringen würde, und – ich weiß keine – ich bin ja vollkommen fremd hier in der Stadt.«

»Das ist das wenigste,« rief nun Burton lebhaft – »nicht sechs Häuser von hier lebt ein Amerikaner mit seiner jungen Frau, der hier in einem Geschäft Buchhalter ist. Er hat bis jetzt ebenfalls eine junge Dame als Pensionärin im Hause gehabt, die aber vor etwa acht Tagen zu Land nach Constitucion zu einer Familie ging. Die Stube ist jetzt frei. Ich gebe dir ein paar Zeilen für die Frau mit – der Mann ist noch in seinem Geschäft, und in wenigen Minuten hast du alles reguliert.«

»Tausend Dank, Dick,« rief George, während Burton schon die Zeilen auf das Papier warf – »wenn ich dir nur einmal dienen könnte.«

»Wird in ähnlicher Weise nicht gut gehen,« lachte Burton, »denn das muß ich mir hier in Spanisch selber besorgen – aber vielleicht in anderer Art. Hier ist dein Brief, und nun mach, daß du fortkommst und alles in Ordnung bringst. Hörst du – da fällt eben der Schuß des Dampfers, und jetzt muß ich selber an Bord hinüber und unsere Depeschen in Empfang nehmen.«

Das alles war in der Tat bald geordnet und nur das eine noch ein unangenehmer Gang für George, mit Mr. Hewes selber über seine beabsichtigte Verbindung zu sprechen, – was ihm dieser aber sehr erleichterte. Mr. Hewes schien allerdings anfangs etwas überrascht, aber dann auch selber erfreut, denn auch er hatte Alicens Eltern früher gekannt, und es konnte ihm nicht entgangen sein, wie die arme Waise in seinem Hause behandelt wurde, ohne daß er selber imstande gewesen wäre, Abhilfe zu schaffen. Er ergriff des jungen Mannes Hand und sagte freundlich:

»Mr. Halay – ich – ich kann Ihnen nicht sagen, wie leid es mir tut, daß Sie damals jener Unfall mit dem Schiff betroffen, aber – es scheint sich ja noch alles zum besten für Sie zu wenden. Der Trauung, wie den üblichen Formalitäten steht nichts im Wege – ich werde selber Zeuge dabei sein, und was Sie an Kasse brauchen, so bitte ich darüber zu verfügen. Ich habe gerade eine bedeutende Zahlung nach Neuyork zu machen und Ihr Wechsel reguliert dann augenblicklich unser Geschäft. Apropos – weiß meine Frau schon darum?«

»Die Lady,« sagte George und das Blut stieg ihm doch ein wenig in die Schläfe, »kam gerade in Miß Morhouses Zimmer, als ich um sie geworben hatte.«

»In der Tat?«

»Ich teilte ihr natürlich die Ursache mit, die mich dorthin geführt.«

»Hm! – sagte sie etwas? Ich – habe sie seitdem nicht wiedergesehen.«

»Einen etwas förmlichen Glückwunsch – weiter nichts.«

Mr. Hewes nickte vor sich hin mit dem Kopf. – Seine Frau wußte also davon und er brauchte es ihr nicht zu eröffnen. Das schien ihn zu beruhigen. Übrigens wäre ihm dazu auch keine Gelegenheit geboten worden, denn Mrs. Hewes befand sich unwohl auf ihrem Zimmer, ließ niemanden vor und kam nicht einmal zum Mittagessen herüber.

In der Stadt herrschte indes ein reges Leben, denn die Ankunft des Dampfers vom Norden her brachte jedem etwas: Briefe oder doch wenigstens Zeitungen und Neuigkeiten aus der Heimat. Gerade dadurch aber, daß Mr. Hewes sehr viel zu tun hatte und Madame gar nicht zu sprechen war, bekam Alice volle Ruhe, ihr geringes Eigentum mit Georges und einiger Diener Hilfe in die benachbarte Wohnung zu schaffen. Noch an demselben Tag verabredete George die Trauung mit dem englischen Geistlichen und setzte sie auf den nämlichen Tag an, an welchem der Dampfer wieder – etwa vier Uhr nachmittags – Valparaiso verließ.

Jetzt erst schrieb George ausführlich nach Hause, denn er beabsichtigte nicht, den nämlichen Dampfer auch zur Heimreise zu benützen, sondern wollte mit seiner jungen Frau zuerst einige Wochen in Peru oder vielmehr in Lima verbringen, dann Guajaquil besuchen, und seine Reise nachher, auch wieder mit einem Aufenthalt in Havana, fortsetzen.

Am Tag der Trauung endlich war das Gesandtschaftshotel geschlossen, denn Mr. Hewes sowohl als Burton nahmen daran teil und die junge Amerikanerin, bei welcher Alice die letzten Tage gewohnt, führte die Braut. Eine Anfrage aber bei Mrs. Hewes, ob sie sich von ihr verabschieden dürften, wurde verneinend beantwortet. Die Lady ließ sich entschuldigen, sie fühle sich nicht wohl und müsse das Bett hüten – und das war das beste, denn ein Begegnen wäre für alle Teile nur peinlich gewesen.

Um vier Uhr pünktlich löste der Steamer sein Verbindungstau. Der Kanonenschuß, der alle Passagiere an Bord rief, war schon lange gefallen, Hewes und Burton waren noch an Bord und nahmen herzlichen Abschied von dem jungen Paar, als sich einer der Hausdiener aus dem Gesandtschaftshotel durch die Leute drängte und Mr. Burton erblickend auf diesen zueilte: –

»Mr. Burton – Sennora Hewes hat mir aufgetragen, dies an Sennorita Alice abzugeben, – ich weiß aber nicht, wo die Dame ist.«

Burton nahm ihm das kleine Paket ab. Es enthielt die Aufschrift:

»Mrs. Alice Halay – erst nach Abgang des Dampfers zu öffnen.«

»Und von wem kommt das?« fragte der junge Mann erstaunt.

»Von der Sennora.«

Burton schüttelte mit dem Kopf; der Auftrag war jedoch zu bestimmt, um ihn zu mißdeuten. Er reichte das Päckchen der jungen Frau, die es ebenfalls überrascht betrachtete – aber es blieb ihnen keine Zeit mehr – das letzte Signal ward eben mit der Glocke gegeben, daß sich alle Fremden an Bord in ihre Boote zurückziehen und dem Dampfer Raum geben sollten. Schon fingen die mächtigen Räder an zu arbeiten. Noch ein Händedruck und ein herzlicher Wunsch und das Deck war geräumt – die Boote stießen ab – Tücher wurden geschwenkt, und wenige Minuten später glitt das stattliche Fahrzeug mit der lustig auswehenden englischen Flagge am Heck über die Bai hin in das offene Meer hinaus, und oben an Deck, sein junges liebliches Weib am Arm, stand George und schaute – o mit welchen Gefühlen! wieder auf das Meer nieder, das er vor wenigen Wochen – ja Tagen fast erst – in Verzweiflung geflohen.

»Und darf ich jetzt das Paket öffnen, George?« sagte Alice, die es bis jetzt noch immer in der Hand gehalten – »fast fürchte ich mich davor.«

»Und weshalb, Herz?« lächelte ihr Gatte – »öffne es ruhig – es ist ein letzter Gruß von da drüben.«

Alice brach das Siegel auf und nahm das doppelte Papier ab. Es enthielt ein kleines, reizend gearbeitetes Maroquinkästchen und – »o George!« ries Alice erschreckt, als sie es öffnete, denn ein prachtvoller Diamantschmuck funkelte ihr daraus entgegen – »und das von Mrs. Hewes?«

Neben dem Collier lag noch ein kleines flaches Papier, das George herausnahm und auf dem er zu seinem Erstaunen den eigenen Namen las – er öffnete es langsam und ein kleiner, ganz unscheinbarer, fast wertloser Ring lag darin.

»Wie sonderbar!« sagte Alice, zu dem Gatten aufsehend – »hast du ihr früher einmal den Ring geschenkt? Das ist doch kaum möglich!«

George hielt den Ring in der Hand und betrachtete ihn schweigend – er hatte die Frage seiner jungen Gattin kaum gehört oder verstanden. Endlich sagte er leise:

»Den Ring hat mir Jenny einst gezeigt – es war das letzte Geschenk ihrer seligen Mutter und ein Andenken aus deren Jugendzeit. Damals versicherte sie mich, der Ring, obgleich nur wenige Real an Wert, sei der teuerste Schmuck, den sie besitze, und alles andere würde sie lieber hergeben, nur nicht den kleinen unscheinbaren Reif.«

»So liebt sie dich noch,« sagte ängstlich zu ihm ausschauend Alice.

George schüttelte langsam mit dem Kopf. »Das ist vorbei,« flüsterte er, indem er der Geliebten Hand erfaßte, »aber als ein Zeichen hat sie es uns geschickt, daß wir keinen Groll mehr gegen sie hegen sollen, Alice – als ein Zeichen der Versöhnung und Liebe, und so wollen wir auch zurück an sie denken für immer.«

 

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