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Verhängnisse

Friedrich Gerstäcker: Verhängnisse - Kapitel 12
Quellenangabe
typenarrative
authorFriedrich Gerstäcker
titleVerhängnisse
booktitleErzählungen und Humoresken
publisherHesse & Becker Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20151228
modified20190902
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11. Alice.

Den jungen Burton fand George in heftiger Aufregung, wie er mit fest untergeschlagenen Armen, den Kopf dabei gesenkt, in seinem Zimmer auf und ab lief. Als sich die Tür öffnete und er George erkannte, blieb er stehen und sagte finster und bestimmt:

»Das geht nicht länger, George; das geht bei Gott nicht länger und eine Änderung muß getroffen werden.«

»In was, Dick?«

»In der Stellung der armen Alice,« rief Burton. »Sie war eben hier unten bei mir. Bis jetzt behandelte unsere junge Dame sie schon auf das empörendste, heute aber scheint der Teufel ganz in sie gefahren zu sein und sie hat das arme Kind vor etwa einer halben Stunde, als die Sennora eben ihren Gatten begrüßt hatte, sogar mißhandelt.«

»In der Tat?« sagte George und ein helles Lächeln lag zum erstenmal wieder nach langer Zeit auf seinen Zügen.

»Und du lachst darüber?« ries Burton erstaunt, »während es mir selber, dem sie doch vollkommen fremd ist, die Tränen in die Augen jagt!«

»Und was wollte sie bei dir?«

»Ich hatte ihr schon vor einiger Zeit Hoffnung gemacht, sie in einer chilenischen Familie unterzubringen. Sie kam jetzt, mir zu sagen, daß ich mich nicht weiter deshalb bemühen solle, da sie die Zeit dazu unmöglich abwarten könne.«

»Und was will sie tun?« rief George rasch.

»In einen gewöhnlichen Dienst gehen. Sie erklärte mir, daß sie diese Behandlung nicht länger ertragen könne, heute aber habe sie in der Zeitung gelesen, daß eine deutsche Familie hier ein Stubenmädchen suche, das auch mit Kindern umzugehen wisse, und sie sei jetzt fest entschlossen, die Stelle anzunehmen. – Aber, George, um Gottes willen, was hast du nur? Die Sache ist doch wahrhaftig nicht zum Lachen! Hast du denn kein Herz?«

»Weißt du, Dick,« sagte George, ohne die Frage vorderhand zu beantworten, »wer daran schuld ist, daß Alice heute so schlecht behandelt wurde?«

»Wer? – nur die Laune dieses kleinen Teufels.«

George schüttelte mit dem Kopf. »Fehlgeschossen – ich war es –«

»Du?«

»Du erinnerst dich doch, daß ich dir erzählte, wie ich zwei Tage vor meiner Trauung von Neuyork entführt wurde und die Geliebte keine Ahnung haben konnte, was aus mir geworden?«

»Allerdings – und nun?«

»Weißt du, wer diese Geliebte war?«

»Amigo, ich kenne fast niemand in Neuyork.«

»Mrs. Hewes.«

»Alle Teufel!« rief Burton emporfahrend – »und sie hat dich gesehen?«

»Allerdings; in Mr. Hewes' Zimmer.«

»Und das war deine Braut, George? Mr. Hewes' jetzige Gattin?«

»Mr. Hewes' jetzige Gattin.«

»Heiliger Gott, Mensch,« rief aber jetzt der junge Mann aus, »hast du ein Glück! Wird von einem Preßgang aufgegriffen und in See – vollkommen aus Bereich gebracht, und kommt nachher hierher, läuft wie ein vor den Kopf Geschlagener und Verzweifelter umher, bleich und hohlwangig, und ist nicht mit der Frau verheiratet! Wenn du noch einen Funken gesunden Menschenverstands in deinem Hirn hast, so fall jetzt auf die Kniee nieder und danke dem lieben Gott fußfällig, daß er dir seine Schutzengel in Matrosenjacken geschickt hat, – und wenn du hättest zwanzig Walfische mit auskochen helfen, das wäre nicht zu teuer damit bezahlt gewesen. Aber wie ist mir denn? wie lange bist du von Neuyork fort?«

»Etwas über sechs Monate.«

»Und die Hochzeit sollte in den nächsten Tagen sein.«

»Allerdings.«

»Dann ist es ja gar nicht möglich, denn fast so lange ist ja Mr. Hewes schon ihr Gatte, und sie müßte ihn dann unmittelbar nach deinem Verschwinden geheiratet haben!«

»Das hat sie auch – aus gekränktem Stolz und beleidigter Weiblichkeit – der verfehlten Hochzeit wegen –«

Burton pfiff zwischen den Zähnen durch. – »Merkwürdig! Wunderbar! Man sollte es wirklich nicht für denkbar halten! – Und ihr beide müßt euch jetzt hier, am Stillen Ozean, wiederfinden! – Aber sie scheint ihrer Laune nach von deinem Wiedersehen nicht besonders erbaut zu sein. Wurde Hewes nicht eifersüchtig?«

George zögerte mit der Antwort. »Nein,« sagte er endlich, »unsere Zusammenkunft war auch nachher nur eine kurze und es wurden nur wenige Worte gewechselt. Die Dame glaubt noch, daß ich sie wirklich böslich und im Zorn verlassen habe.«

»Und wenn sie das Gegenteil erfährt?«

»An der Sache ist nichts mehr zu ändern und ich bin jetzt zu einem Entschluß gekommen.«

»Darf ich ihn wissen?«

»Heute noch nicht, Dick, aber vielleicht schon morgen sollst du alles erfahren. Und was wird jetzt mit Alice?«

»Ich weiß es bei Gott nicht,« rief Burton – »ich mag und kann die Chilenen nicht drängen, darf aber auch das arme Kind nicht tadeln, daß sie dieser Hölle zu entgehen sucht.«

»Aber leidet Mr. Hewes solche Behandlung einer Amerikanerin?«

»Leidet er sie? Was will er gegen die Frau machen! Er ist froh, wenn er mit ihr in Frieden lebt. Aber sage mir nur um Gottes willen, was du hast, George? Die ganze Zeit über war es vollkommen unmöglich, dir auch nur ein Lächeln abzulocken, und heute strahlt dein ganzes Gesicht von Vergnügen, so daß nicht einmal das Schicksal der armen Waise dich ein klein wenig ernster stimmen kann. Ich begreife dich nicht.«

»Bester Freund,« lachte George, »ich habe, wie du dir denken kannst, den Kopf voll eigener Gedanken und Pläne – und zwar so voll, daß gar nichts anderes mehr dazu hineingeht; du darfst dich also nicht darüber wundern, doch betrübt mich das Schicksal des armen Mädchens selber, und sobald ich mit meiner Sache in Ordnung bin, wollen wir überlegen, was sich für sie tun läßt. Vielleicht wäre es am besten, sie wieder nach Neuyork zu schicken.«

»Ich glaube nicht, daß sie geht,« sagte Burton, »denn gerade dem dortigen Aufenthalt wollte sie ja entfliehen.«

»Das kommt auf einen Versuch an,« sagte George; »sie kann sich doch nicht hier ihre ganze Lebenszeit unter fremden Menschen herumtreiben. Doch jetzt, Burton, laß uns erst einmal abrechnen. Ich habe von Mr. Hewes einen Vorschuß erhalten und möchte vor allen Dingen, und um nur nach einer Seite hin Verpflichtungen zu behalten, mit dir ins gleiche kommen. Du bist heute wohl beschäftigt?«

»Heute sehr – durch Mr. Hewes' Abwesenheit sind eine Menge von Restanten geblieben, die erledigt sein wollen, und für den nächsten Dampfer haben wir auch noch viel zu tun; aber um fünf Uhr stehe ich dir vollkommen zu Diensten, denn von da ab wird nicht mehr gearbeitet. Wir essen dann wieder zusammen, wie?«

»Gewiß; und die Zeit bis dahin werde ich benützen, um einen Spaziergang zu machen und dabei meinen Gedanken ein wenig Audienz zu geben. Es ist notwendig, daß ich über viele Dinge mit mir ins klare komme. Also auf Wiedersehen! Um fünf Uhr hol' ich dich hier ab.«

George wanderte hinaus, durch die Stadt und an der See hin immer nach Süden zu, und stieg dann den steilen Hang hinauf, der zum Leuchtturm führte. Viel des Neuen begegnete ihm hier; das fremdartige Volk mit seiner wunderlichen Landestracht, mit dem kurzen Poncho und der kokett geworfenen Mantilla, das sonderbare Reitzeug der Pferde mit den riesigen Steigbügeln und Sporen, die ganze fremde Welt – aber er hatte kaum einen Blick dafür, denn zu viel des Neuen erfüllte ihm den eigenen Kopf, das eigene Herz, und das alles mußte er erst sichten, um sich selber klar zu werden. Aber die trüben Falten waren von seiner Stirn gewichen, und als er die Höhe des Leuchtturms endlich erreicht hatte, sich dort vorn auf die Kuppe und auf den mit kurzem Rasen bedeckten Boden warf und sein Blick hinausflog über das weite blaue Meer, aus dem nur hier und da einzelne weiße, lichte Segel funkelten, da lag eine stille Heiterkeit auf seinen Zügen und sein Auge bohrte sich nicht mehr grübelnd in den Boden, sondern haftete frei und voll an dem blauen Meer und dem sonnigen Himmel.

So lag er stundenlang dort oben, und als er dann endlich in die Stadt zurückkehrte, geschah das mit leichtem, elastischem Schritt; und jetzt auch gab er sich ganz dem Genuß all der neuen und frischen Eindrücke hin, die sich ihm hier, wohin er auch schaute, boten.

In der Stadt wieder angekommen, durch welche er nur langsam seine Bahn fortsetzte, überholte ihn eine junge Dame, die rascher an ihm vorüberschritt, als er selber ging; wie er ihr aber die Augen zuwandte, erkannte er Alice Morhouse, die, ein ziemlich schweres Paket im Arm, an ihm vorbei wollte.

»Miß Morhouse,« sagte er erstaunt – »wohin wollen Sie mit der Last?«

Alice wurde blutrot bei der Anrede, aber ihr Schritt zögerte trotzdem und sie erwiderte: »Nach Hause, Sir – es sind Kleider für die Lady.«

»In der Tat? und haben Sie keinen Diener im Hause, der das tragen konnte? Bitte, erlauben Sie mir,« und er griff nach dem Paket, um es ihr abzunehmen. Alice weigerte sich, es ihm zu überlassen.

»Erinnern Sie sich noch, Alice,« sagte er da, ohne das Paket los zu lassen, »daß ich früher, wenn Sie meine Schwestern besuchten, immer Ihr Kavalier war und Sie oft nach Hause begleitet und Ihnen Ihre Arbeit getragen habe?«

»Wir waren damals Kinder, Mr. Halay,« sagte das junge Mädchen scheu.

»Und wie wir uns damals immer unsere Träume erzählten? – Wissen Sie, daß es mir jetzt fast so zu Mute ist, als ob wir noch Kinder wären, aber beide recht schwer geträumt hätten und nun auch einander erzählen müßten, was uns in der ganzen langen Zeit geschehen? Bitte, überlassen Sie mir nur das Paket; ich gebe es doch nicht wieder frei.«

Alice mußte ihm, wenn auch ungern, seinen Willen lassen und George setzte nach einer kleinen Pause, in der sie wieder langsam nebeneinander hinschritten, hinzu: »Merkwürdig doch, daß wir uns jetzt hier wiederfinden müssen und beide – etwas mehr oder weniger unfreiwillig. Glauben Sie an Schicksalsfügungen, Alice?«

»Ich glaube an ein schweres Schicksal, das uns beide betroffen,« antwortete das junge Mädchen leise; »beide – wenn auch in verschiedener Weise – aber wir müssen uns ihm beugen.«

»Ganz meine Meinung,« nickte George lächelnd – »es wird uns eben nichts anderes übrig bleiben.«

Alice sah erstaunt zu ihm auf. Sie hatte ihre Antwort wahrlich nicht im Scherz gemeint – und konnte er darüber scherzen? George aber fuhr nach einer kleinen Weile fort:

»Und gedenken Sie noch gern jener Zeit, Alice, wo wir als Kinder zusammen spielten? Ich war damals, glaube ich, ein recht wilder Junge.«

»Du lieber Gott,« sagte das junge Mädchen, »die Erinnerung ist ja alles, was mir noch geblieben, und davon muß ich zehren.«

»Und von der Hoffnung –«

Die Jungfrau schüttelte leise mit dem Kopf.

»Nicht von der Hoffnung, Alice?« rief aber George lebhaft. »Ist die nicht die einzige, die uns den Mut gibt, den Kopf oben zu behalten, und glauben Sie, daß ich mich, als ich mich an Bord in so furchtbarer Lage befand, nicht augenblicklich in das Meer gestürzt hätte, um einem solchen Leben ein Ende zu machen, wenn mich die Hoffnung nicht zurückgehalten?«

»Sie sind ein Mann und wußten, daß Ihre Leiden einmal wieder ein Ende nehmen mußten,« sagte das arme Kind – »Sie konnten auch handeln; wir armen Frauen sind nur zum Dulden bestimmt.«

»Alle?« sagte George, und wieder zogen sich seine Lippen zu einem Lächeln zusammen – »auch Mrs. Hewes?«

Alice schwieg – ein wehes Gefühl zuckte ihr durchs Herz – es war die Erwähnung des Namens und gerade von Georges Lippen, aber sie erwiderte nichts, bis sie sich ihrer Wohnung näherten. Jetzt bat sie mit einem leise gestammelten Dank ihren Begleiter, ihr das Paket wieder zu geben, aber er ließ es ihr noch immer nicht. – »Bis wir im Hause sind, Miß,« sagte er kopfschüttelnd – »nicht eher. Dann werde ich es einem der Diener übergeben.«

»Aber ich habe Unannehmlichkeiten dadurch, Mr. Halay.«

»In der Tat? Ist Mrs. Hewes wirklich so rücksichtslos.«

»Ich sage das nicht.«

»Gut, Alice,« nickte George, indem er ihr das Paket reichte, »ich möchte nicht die Ursache sein, Ihnen eine trübe Minute zu bereiten. – Doch noch eins. Ich gehe in kurzer Zeit nach Neuyork zurück. Haben Sie dorthin irgend welchen Auftrag für mich?«

Alice schüttelte mit dem Kopf. »Wenn Sie Ihre Eltern – Ihre Schwestern von mir grüßen wollen. Es sind vielleicht die einzigen, die sich meiner noch erinnern.«

»Ich werde es ausrichten,« sagte George, lüftete den Hut und schritt dann wieder die Straße zurück, die er eben gekommen.

Den Abend verbrachte er mit Burton, ohne sich jedoch weiter über seine nächsten Pläne auszusprechen. Am andern Morgen hatte er eine längere Unterredung mit dem Gesandten, worin er aber ihr früheres Gespräch nicht wieder berührte. Mr. Hewes sagte ihm allerdings, daß er seiner Frau die Ursache seines Verschwindens mitgeteilt, diese aber scheine der Erzählung keinen Glauben beizumessen, denn da »Mr. Halay« seine gewöhnliche Kleidung sorgsam eingepackt nach Hause geschickt habe, so liefere das doch, wie sie meinte, den fast zu deutlichen Beweis, daß er eine Reise in einer Verkleidung voraus beabsichtigt habe. Wie dem aber auch sei – es könne ihr jetzt vollkommen gleichgültig sein und lohne sich nicht der Mühe, weiter darüber zu sprechen.

Noch während er sich bei Mr. Hewes befand, brachte Burton die Nachricht, daß der Dampfer, vom Norden kommend, in Sicht sei und etwa in einer Stunde einlaufen würde. Drei Tage, manchmal auch vier, hielt er sich gewöhnlich in Valparaiso auf und nahm dann die europäische und amerikanische Post wieder nach dem Norden.

Unten vor dem Hause hielten ein paar Peons die für Mr. und Mrs. Hewes zum Ausreiten gesattelten kurzen Pferde bereit. Als es der Diener meldete, empfahl sich George, um Jenny nicht noch einmal zu begegnen, und trat indessen unten zu Burton in die Office. Er war aber heute viel schweigsamer und ernster als gestern, und als Burton ihn deshalb fragte, sagte er ausweichend:

»Mir liegt noch etwas ob zu tun, Dick, was mich auf dem Herzen drückt. Die arme Alice hier im Hause tut mir leid – sie war den Meinen so befreundet –«

»Versuche nur um Gottes willen nicht, ihr Geld zu bieten,« sagte Burton rasch – »ich machte einmal eine nur ganz entfernte Andeutung dahin und hätte es beinah auf immer mit ihr verdorben. In der Hinsicht hat sie noch immer den alten Stolz – aber auch nur in der« – setzte er wehmütig hinzu, »denn sie ist heute morgen ganz früh, als die Lady noch schlief, richtig bei den Deutschen gewesen, um dort in Dienst zu treten. Ich traf sie zufällig, als sie nach Hause kam; sie hat die Stelle angenommen und wird in wenigen Tagen das Haus verlassen.«

»Armes Mädchen!« sagte George, »aber ich habe ihr trotzdem einen Vorschlag zu machen, der ihre Lage – wenn sie ihn annimmt – mildern muß – und sie kann ihn annehmen, ohne ihrem Stolz dabei etwas zu vergeben.«

»Und der wäre?«

»Laß mich die Sache erst mit Alice besprechen, nachher sollst du uns deinen Rat geben. Ich glaube, der passende Moment würde gerade jetzt sein, sie aufzusuchen, – was meinst du?«

»Ihr seid wenigstens jetzt ungestört. Du wirst sie auf ihrem Zimmer finden.«

»Und wo ist das?«

»Gleich wenn du die zweite Treppe hinaufkommst, die Tür, auf welche du zugehst.«

»Die zweite Treppe? Das ist ja unter dem Dach!«

»Die übrigen Räume im Hause werden zu Gesellschaftszimmern gebraucht,« sagte Burton achselzuckend. »Ich glaube auch wirklich selber, daß sie sich als Stubenmädchen einer braven deutschen Frau wohler befinden wird als hier als Gesellschafterin der Mrs. Hewes. – George, wenn das deine Frau geworden wäre, du hättest dein Leben lang keinen frohen Tag mehr gesehen!«

»Und war es nicht vielleicht auch mit Hewes' Schuld, daß sie so geworden?«

»Zum Teil vielleicht, aber sie ist ein Drache im ganzen, und der kann wohl ein wenig untengehalten, aber nie vollkommen gezähmt werden. Aber was ist dir, George? – fühlst du dich unwohl? – du bist plötzlich so blaß geworden.«

»Mir? – nichts,« lachte der junge Mann, »ein wenig vielleicht; aber du kannst dir denken, daß es mir doch nicht so ganz gleichgültig sein kann, mit Mrs. Hewes jetzt so unter einem Dach zu sein. Ich habe sie so heiß geliebt – doch das ist jetzt vorbei und die Vernunft trägt schließlich den Sieg über das Herz davon. Also auf Wiedersehen. Wenn ich herunter komme, spreche ich wieder bei dir vor.«

Er stieg langsam die Treppe hinauf. Oben in der ersten Etage sah ihn einer der weiblichen Dienstboten und wollte ihn abweisen, die Herrschaft sei nicht zu Hause. Er suchte ihr begreiflich zu machen, daß er die junge Lady zu sprechen wünsche, die Chilenin verstand ihn aber nicht, und ohne sich länger mit ihr aufzuhalten, verfolgte er seinen Weg, wobei ihm das Mädchen verwundert nachsah.

Oben an der Tür angelangt, blieb er einen Moment stehen; er war sehr langsam gegangen, aber doch etwas außer Atem – endlich klopfte er an, ein leises ›Entra‹ antwortete, und als er die Tür öffnete, sah er Alice, den Kopf in die Hand gestützt, an dem niederen, kaum zwei Fuß hohen Erkerfenster sitzen, während das Tuch in der Hand und die geröteten Augen zu deutlich verrieten, in welcher Stimmung sie sich befand. Jedenfalls hatte sie auch geglaubt, daß nur einer der Dienstleute bei ihr eintreten wolle, denn wer anderes suchte sie auf! Sie drehte langsam ihr Antlitz der Tür zu, fuhr aber erschreckt von ihrem Stuhl empor, als sie George erkannte.

»Mr. Halay – um Gottes willen,« rief sie aus, »was führt Sie zu mir und in dieses Zimmer?«

»Entschuldigen Sie mich, Miß Morhouse,« sagte George freundlich, die vertrauliche Anrede Alice aber nicht mehr gebrauchend – »der Dampfer ist in Sicht – nur kurze Zeit noch bin ich in Valparaiso, und ehe ich die Stadt wieder verlasse, möchte ich noch etwas mit Ihnen besprechen. Das nur zwang mich zu diesem ungewöhnlichen Schritt. Gestatten Sie mir wenige Minuten Gehör.«

Alice, kaum imstande, auch nur ein Wort zu äußern, deutete schweigend auf den Stuhl, der vor ihrem Bette stand – das Zimmer war so eng, daß sich zwei Personen kaum darin bewegen und er selber nicht mehr als aufrecht darin stehen konnte. Er nahm den Stuhl, stellte seinen Hut auf das Bett und sagte dann herzlich:

»Miß Morhouse, zürnen Sie mir nicht, daß ich mich über alle Verhältnisse, hier in Valparaiso sowohl als in Neuyork, genau unterrichtet habe. Ich darf auch nicht fürchten, daß Sie es nur einfacher Neugier zuschreiben – wir sind dafür zu alte Freunde und unsere Eltern waren es von je. Ich kehre jetzt nach Neuyork zurück, aber ich weiß im voraus, daß meine Mutter wie Geschwister außer sich sein würden, wenn sie erführen, in welcher Lage ich Sie hier verlassen hätte –«

»Mr. Halay!« rief das junge Mädchen bestürzt.

»Bitte, lassen Sie mich vollenden,« bat George. »Was mich selber betrifft, so brauche ich Ihnen kein Wort über mich zu sagen. Wir waren Jugendgespielen und Sie kennen mich. Durch jenen wunderlichen Zufall wurde ich dabei auf kurze Zeit aus meiner Karriere gerissen und hielt mich damals für den unglücklichsten Menschen der Welt. Unerforschlich sind aber Gottes Wege, und während wir manchmal glauben, daß uns das Unglück nur zu einem Spielball ausersehen, hält das Glück schon lächelnd seine Pforte offen. Ich hatte Jenny damals eigentlich gar nicht gekannt und sie nur im Salon, in Gesellschaften und im höchsten Glanz, mit jedem kaum gedachten Wunsch befriedigt, gesehen; nie war mir ein tieferer Einblick in ihr Herz gestattet gewesen, und von ihren Reizen bezaubert, ahnte ich – den kleinen Teufel nicht, der in ihr schlummerte. Was Mr. Hewes verbrochen hat,« fuhr er lächelnd fort, »daß er an meiner Statt den Kelch leeren mußte, weiß ich nicht – ich habe nämlich den festen Glauben, Miß, daß jede schlechte Handlung sowohl wie jede edle schon hier auf Erden ihre Strafe oder Belohnung mit sich trägt. Ich selber wurde davor bewahrt, und wo ich hier in ein fremdes Land zu kommen glaubte, fand ich alte Freunde wieder und segne jetzt die Stunde, in der mich damals schlechtes Gesindel um wenige Dollar auf ein Schiff verkaufte.«

Alice hatte ihm mit der größten Spannung zugehört, aber sie begriff nicht, was das alles mit ihr zu tun habe, oder wie es sie betreffen könne. War George zu ihr gekommen, um ihr eine Unterstützung anzubieten? Alles deutete darauf hin, denn er scheute sich selber, den Gegenstand zu berühren, aber sie wäre eher gestorben, ehe sie es angenommen hätte. George schien auch wirklich nicht recht zu wissen, wie er fortfahren solle; er zupfte an seinem Handschuh und sah verlegen vor sich nieder. Endlich fuhr er, aber mit leiser Stimme, fort:

»Liebes Fräulein, ich bin jetzt eben im Begriff, heimzukehren; ich habe meinen Eltern – wenn auch selber unschuldig daran – doch viel Sorge gemacht – ich – möchte ihnen jetzt gern dafür eine recht große Freude bereiten. – Helfen Sie mir dabei.«

»Ich? – aber wie?« sagte Alice, staunend zu ihm aufsehend.

»Wissen Sie,« fuhr George verlegen lächelnd fort – »als wir noch junges Volk waren, und einmal eins vom andern etwas haben wollten, dann ließen wir uns immer vorher versprechen, daß der andere nicht nein sagen, sondern es tun würde.«

»Wir sind aber keine Kinder mehr, Mr. Halay,« sagte Alice, wohl freundlich, aber doch beengt, »ein voreiliges Versprechen würde ich deshalb nie geben.«

»Sie haben recht!« rief da George, plötzlich von seinem Stuhl aufspringend – »ich selber bin nur noch wie ein Kind, und noch dazu wie ein recht großes – Miß Morhouse, Alice! wir sind miteinander, ich kann wohl sagen, aufgezogen und haben uns immer lieb gehabt; erst als wir größer wurden, sahen wir uns seltener und wurden fremder gegen einander – aber wir haben uns nie entfremdet. Ich selber geriet in andere Kreise und vergaß die Spielgefährtin. – Rechnen Sie mir die überstandene schwere Zeit als Strafe an, Alice – vergessen Sie das Geschehene und – werden Sie mein Weib.«

»Mr. Halay!« rief Alice, bleich von ihrem Stuhl emporspringend – »ich glaubte nicht, daß Sie Scherz mit mir treiben könnten.«

»Bei Gott nicht, Mädchen!« rief aber der junge Mann in höchster Leidenschaft, indem er ihre Hand ergriff und festhielt. »Hier lasse ich Sie nicht in diesem Jammer zurück, und ob Sie mich auch abweisen, ich darf es nicht, schon der Meinigen wegen, wenn nicht mein ganzes Herz an Ihnen hinge. Aber weisen Sie mich nicht ab, Alice,« setzte er leise bittend hinzu – »ich habe die Hoffnung und den festen Willen, Sie glücklich zu machen und Ihnen die verlorenen Eltern zu ersetzen. Sind Sie mir nicht ein klein wenig gut? Glauben Sie mir und vertrauen Sie, daß ich halte, was ich verspreche?«

Alice wollte reden, aber sie vermochte es nicht. Der Übergang vom höchsten Elend zum höchsten Glück war ihr zu rasch und bewältigend gekommen, um ihre Fassung zu bewahren. Ihr Antlitz wieder in den Händen bergend, sank sie auf ihren Stuhl zurück und Tränen, heiße, lindernde Tränen machten dem gepreßten Herzen Luft. George aber war zu ihr getreten, und mit schmeichelnder Stimme fuhr er fort:

»Sagen Sie mir nur ein Wort, Alice – ich habe Sie ja nicht kränken wollen. Einfach wie meine Worte waren, ist deren Meinung. Ich will Ihnen mein ganzes Leben ein treuer und wackerer Gatte sein, daß Sie den Schritt, den Sie getan, nie bereuen sollen. Wollen Sie die Meine sein? Der Dampfer, der jetzt in die Bai einläuft, führt uns dann wieder der Heimat entgegen, wo Sie im Kreise der Meinen all Ihr Leid vergessen sollen, und mit wie offenen Armen werden Sie empfangen werden. O, bitte, nur ein Wort, Alice – haben Sie mich gar nicht lieb?«

Da hielt sich aber auch das junge Mädchen nicht länger mehr. An die Brust des sich zu ihr Neigenden lehnte sie ihr Haupt, und unter Tränen lächelnd hauchte sie leise und kaum hörbar, während George sie umschlang und einen heißen Kuß auf ihre Stirn preßte:

»O recht von Herzen – recht von Herzen und – immer lieb gehabt.«

Die beiden jungen Leute waren so miteinander beschäftigt gewesen, daß sie gar nicht gehört hatten, wie sich leise und vorsichtig hinter ihnen die Tür öffnete. Jetzt stand eine Dame im Reitkleid auf der Schwelle, und mit kalter, schneidender Stimme sagte sie:

»Eine würdige Beschäftigung, Mr. Halay, mit einer Kammerjungfer zu scharmieren, Sie verleugnen doch Ihren Charakter nicht. Aber Miß, ich muß Sie bitten –«

»Gehen Sie nicht weiter, Madame!« rief George, der sich rasch der Stimme zuwandte, indem er sich hoch und stolz emporrichtete: »Miß Morhouse ist meine Braut und wird Ihr Haus noch heute verlassen.«

»Ihre Braut?« rief Jenny, wirklich erschreckt emporfahrend – »seit den wenigen Stunden?«

»Sie war wie ein Kind in unserem Hause,« erwiderte George kalt, indem er das junge Mädchen, das sich rasch erhoben, fest und schützend an sich drückte, »und Gott selber hat mich ihr zugeführt, um sie aus dieser Lage zu befreien. Alice, packe deine Sachen zusammen, mein Herz. Du sollst in dieser Dachkammer keine Stunde länger bleiben, und ich werde dich einer wackeren Familie zuführen, bei der du weilen kannst, bis wir verbunden sind.«

Jenny war leichenblaß geworden, und wie ein Marmorbild stand sie, keiner Bewegung fähig, in der Tür; aber das dauerte nur kurze Zeit. Jener böse häßliche Zug legte sich um ihre Lippen, den George schon neulich, bei ihrem ersten Begegnen, auch zum erstenmal an ihr entdeckt, und sie sagte mit eisiger Kälte:

»Ich werde die Miß nicht aufhalten, noch ihrem – Glück im Wege sein. Es wird« – sie wollte noch mehr sagen, aber sie vermochte es nicht, denn sie hatte sich für stärker gehalten, als sie wirklich war. Zorn, Haß, Scham und Schmerz wühlten in ihrer Brust; die Worte verquollen in ihrer Kehle, und sich rasch abwendend, verließ sie die Tür, stieg hinab in ihr eigenes Zimmer und schloß sich dort ein.

Aber George selber mochte Alice durch sein längeres Verweilen keiner weiteren Unannehmlichkeit aussetzen.

»Jetzt bist du mein Weib, Alice,« sagte er mit herzlicher Stimme, indem er sie in seine Arme schloß und den ersten Kuß auf ihre Lippen drückte, »und fest vereint wollen wir stehen, unser ganzes Leben lang. Hier im Hause darfst du aber auch nicht länger bleiben, so nimm deine Sachen zusammen, mein süßes Lieb, und erwarte mich in etwa einer Stunde, die ich nur brauche, um für dich eine Stätte zu besorgen.«

»George!« rief da Alice und umschlang ihn mit ihren Armen – »mein George – träum' ich denn, oder ist das Wahrheit? Wirklichkeit?«

»Es ist Wahrheit und Wirklichkeit, mein halbes Leben,« rief George, »und was wir beide für unser größtes Leid hielten, führt uns zur höchsten Seligkeit. Und nun ade, Schatz – wir haben beide jetzt entsetzlich viel zu tun, dann aber auch ein ganzes Leben vor uns, um einander anzugehören. Gott sei mit dir – in einer Stunde bin ich wieder bei dir.«

 

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