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Verhängnisse

Friedrich Gerstäcker: Verhängnisse - Kapitel 11
Quellenangabe
typenarrative
authorFriedrich Gerstäcker
titleVerhängnisse
booktitleErzählungen und Humoresken
publisherHesse & Becker Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20151228
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10. Der amerikanische Gesandte.

Die jungen Leute plauderten noch miteinander, als draußen vor dem Hause Pferdegestampfe laut und gleich darauf die Klingel gezogen wurde. Es war Mr. Hewes, der von seiner Tour nach Santiago zurückkehrte, und Burton, während George in der Office zurückblieb, ging hinaus, um ihn zu begrüßen. Neues war nichts Besonderes vorgefallen, und nur eine Anzahl geschäftlicher Briefe, nebst einem Regierungsschreiben, lagen in der Office und Mr. Hewes trat mit hinein, um sie in Empfang zu nehmen.

Nun waren Halay und Hewes früher wohl gut genug bekannt, aber nie besonders befreundet miteinander gewesen – wenigstens nicht seit der Zeit, da sie das eine Ziel verfolgten. George wußte auch in der Tat nicht recht, wie er mit ihm stand, und als der Gesandte seine eigene Office betrat, erhob er sich nur und machte ihm eine förmliche Verbeugung. Hewes erwiderte sie aber gar nicht – er sah ihn starr und forschend an, bis Burton nicht umhin konnte ihn vorzustellen.

»George Halay aus Neuyork.«

»Halay! bei Gott!« rief der Gesandte jetzt, ihm die Hand entgegenstreckend. »Wo um des Himmels willen kommen Sie her, oder wo haben Sie vielmehr die ganze Zeit gesteckt?«

»Das ist eine lange Geschichte, lieber Herr Hewes,« erwiderte George fast verlegen, – »aber ich bin gerade deshalb nach Valparaiso gekommen, um sie Ihnen zu erzählen.«

»Mir?«

»Der Gesandtschaft wenigstens. Ich wußte ja nicht, wer den Posten bekleidete.«

»Ihre Eltern sind in furchtbarer Sorge um Sie gewesen. Wie konnten Sie sich so plötzlich und heimlich entfernen?«

»Es geschah nicht freiwillig, Sir!«

»Nicht freiwillig?« – rief Hewes – »aber kommen Sie mit hinauf auf mein Zimmer – oder wissen Sie schon, was hier im Hause vorgegangen ist?«

»Hier im Hause?« fragte George überrascht – »nein.«

»Nicht? Wie lange sind Sie hier?«

»Seit gestern.«

»Haben Sie meine Frau schon begrüßt?«

»Da ich nicht die Ehre habe, sie zu kennen, wagte ich es nicht.«

»Gut – kommen Sie mit zu mir hinauf – wir müssen eine halbe Stunde ungestört sein, denn ich habe Ihnen verschiedenes mitzuteilen, wie ich auch ebenso begierig bin, die Ursache Ihrer damaligen Entfernung von Neuyork zu erfahren. Kannten Sie Burton von früher?«

»Wir sind alte Reisegefährten und Freunde.«

»In der Tat – also kommen Sie, lieber Halay,« und seine Briefe aufgreifend, schritt er ihm voran, die Treppe hinauf und dort in sein Zimmer hinein, wo er dem jungen Herrn bedeutete, Platz zu nehmen. Die Briefe legte er auf sein Pult, nahm eine Karaffe mit Sherry und ein paar Gläser, schob ihm ein Kästchen Zigarren hin und sagte, während George etwas erstaunt über dies freundschaftliche Entgegenkommen war – es wenigstens nicht erwartet hatte:

»So, mein lieber Halay, zuerst also ein Glas auf Ihr glückliches Wiederfinden – und nun erzählen Sie mir, was Sie nach Valparaiso führt und wie Sie damals Neuyork verlassen haben. Ich bin mehr bei der Sache interessiert, als Sie vielleicht glauben.«

George erzählte ihm jetzt – ausführlicher sogar noch als Burton – die Erlebnisse des letzten halben Jahres, ja verschwieg ihm sogar nicht die Ursache, weshalb er an jenem Abend etwas gekränkt seine Braut verlassen und dann versucht hatte, seinen vielleicht ungerechtfertigten Ärger für ein paar Stunden zu betäuben. Daß es so furchtbare Folgen haben würde, konnte er sich ja doch nicht denken.

Mr. Hewes unterbrach ihn mit keinem Wort, bis er geendet halte, und blies nur dabei den Rauch seiner Zigarre schweigend und nachdenkend vor sich hin.

»Sie haben seit der Zeit also gar keine Nachricht von Neuyork erhalten?«

»Wie sollte ich?« sagte George; »erst vor wenigen Tagen gelang es mir ja, dem Walfischfänger zu entkommen, und der einzige Amerikaner, den ich seit der Zeit gesprochen, Mr. Burton, ist erstlich in Neuyork gar nicht bekannt und hat außerdem den Platz seit Jahren nicht betreten. Seit jenem unseligen Abend habe ich nichts von Neuyork gehört und nur erst kürzlich an Bord des Schiffes noch Gelegenheit bekommen, ein paar Zeilen nach Hause zu senden, die aber ebenfalls von Talcahuana aus nicht früher als mit dem nächsten Dampfer befördert werden können.«

»Und wollen Sie den nicht zur Heimreise benutzen?«

»Es war aus dem Grund, daß ich die Gesandtschaft aufsuchte, um die Mittel zur Reise zu bekommen, denn um das wenige Geld, das ich damals bei mir führte, bin ich natürlich geplündert worden.«

»Es versteht sich von selbst,« sagte Mr. Hewes, »daß Ihnen bei mir jede Summe zur Verfügung steht, die Sie gebrauchen.«

»Ich danke Ihnen aufrichtig.«

»Aber es wird Sie doch auch interessieren, zu hören, was in Neuyork nach Ihrem plötzlichen Verschwinden –«

Mr. Hewes schwieg plötzlich, denn unmittelbar vor seiner Tür wurde eine etwas heftige Damenstimme laut.

»Meine Frau –« sagte der Gesandte, wie es schien, ein wenig verlegen – »ich muß Ihnen mitteilen, lieber Halay, daß ich –«

In dem Moment wurde die Tür rasch geöffnet und auf der Schwelle erschien die junge Lady, die mit scharfer Stimme und ohne den im Zimmer befindlichen Fremden zu beachten oder nur anzusehen, ausrief:

»So, Sennor – Sie halten es nicht einmal der Mühe wert, trotzdem Sie vier Tage abwesend waren, Ihrer Frau auch nur guten Tag zu sagen!«

George war von seinem Stuhl aufgesprungen und starrte die Frau wie eine Erscheinung an.

»Jenny!« weiter rang sich ihm kein Wort von den Lippen, und als ob er an die Stelle durch einen Zauber gebannt märe, so vermochte er auch nicht ein Glied zu rühren, ja nur mit einer Wimper zu zucken.

Die erzürnte junge Dame drehte sich rasch nach ihm um, aber jeder Blutstropfen verließ nun ihre Wangen. Ihr erstes Gefühl war auch jedenfalls Schreck und Überraschung, denn zu plötzlich hatte sie dies Begegnen getroffen; trotzdem gewann sie viel eher als George ihre Besinnung wieder. Noch war ihr schönes Antlitz bleich wie Marmor, aber schon zuckte ein kalter, fast verächtlicher Zug um die feingeschnittenen Lippen.

»Mister Halay,« sagte sie in kurz abgestoßenen Silben – »das ist in der Tat ein unverhofftes Begegnen. Ich bedaure, Ihnen ungeahnt in den Weg gekommen zu sein –« und den Kopf hoch und stolz zurückgeworfen, indem sie nur noch einen vernichtenden Blick auf den früheren »Geliebten« schleuderte, verließ sie das Zimmer wieder und warf die Tür hinter sich ins Schloß.

Und George blieb immer noch regungslos und starrte ihr nach. War das Jenny – seine Jenny gewesen? – aber das konnte ja nicht möglich sein – des Gesandten Frau – der kleine Teufel im Haus – und dann? – hatte ihm Burton nicht gesagt, daß Mr. Hewes schon seit über fünf Monaten verheiratet sei, während er vor wenig längerer Zeit erst Neuyork verlassen? – Und doch hatte sie seinen Namen gekannt – und der verächtliche Blick, den sie ihm zuwarf – Jenny – deren Bild in heißer, quälender Sehnsucht sein ganzes Herz erfüllt – seine Braut – sein alles auf dieser Welt – und jetzt vor wenigen Sekunden hatte sie vor ihm gestanden, dort unmittelbar vor ihm an der Tür, und sie war nicht an sein Herz gesunken – er hatte sie nicht gefaßt und gehalten, um sie nie wieder zu lassen, sein ganzes Leben lang! Der Kopf wirbelte ihm – die Gedanken jagten einander und fast unwillkürlich griff er nach der Lehne des nächsten Stuhles, um sich daran zu halten.

Mr. Hewes hatte indessen den jungen Mann schweigend beobachtet, und daß dieser auch keine Ahnung davon gehabt, die frühere Geliebte hier als verheiratete Frau anzutreffen, war unverkennbar. Die Lady war ihm aber doch ein wenig zu früh erschienen – er selber hatte Halay darauf vorbereiten wollen, weil er ein anderes Resultat einer solchen unerwarteten Begegnung fürchtete. Jetzt aber, da alles so glücklich abgelaufen, schien er auch damit zufrieden und ein leises Lächeln spielte sogar um seine Lippen, dem sich aber doch ein bitteres Gefühl beimischte. Wirre, wunderliche Gedanken waren es, die auch ihm durch den Sinn zuckten. Endlich sagte er:

»Nehmen Sie Ihren Stuhl wieder, Halay – meine Frau hat uns gestört und erschien eigentlich ein wenig zu früh, mehr als Titelbild wie als Illustration zu meiner Erzählung. – Bitte, setzen Sie sich und lassen Sie uns noch ein Glas Wein nehmen, wir werden auch jetzt nicht weiter gestört werden – Ihre Zigarre ist ausgegangen, wie? –«

George sah ihn noch immer wie im Traum an; Hewes aber, ihm ruhig Zeit lassend, sich zu sammeln, füllte sein Glas wieder, schob es ihm hin und sagte dann:

»Sie hatten keine Ahnung, daß Miß Jenny Wood meine Frau geworden?«

»Nein,« erwiderte der junge Mann, indem er das ihm gebotene Glas fast mechanisch annahm und leerte – »und ich fasse das Ganze nicht.«

»Die Sache kam etwas rasch.«

»Ich begreife jetzt noch nicht, wie es möglich ist. – Sie müßte sich ja unmittelbar nach meinem Verschwinden verheiratet haben – und ich glaubte –«

»Daß sie Ihnen treu bleiben würde,« fügte Hewes fast mehr mit sich selber redend hinzu – »doch – Sie dürfen sie deshalb nicht zu hart tadeln, sie glaubte sich von Ihnen böslich verlassen.«

»Und wie konnte sie das? sie mußte mich doch kennen, da sie mir ihr ganzes Leben anvertrauen wollte.«

Hewes schwieg eine Weile, endlich fuhr er langsam fort:

»Es sprach manches gegen Sie. – Ich kam am nächsten Tag in Geschäften nach Neuyork zurück und hörte den Vorfall besprechen. Sie hatten einen kleinen Zank mit ihr gehabt – ein nicht unmögliches Ding, denn Jenny ist ein wenig reizbar, und Sie hatten unmittelbar danach das Haus verlassen. Am nächsten Tag kehrten Sie nicht zurück. Die Trauung war angesetzt, die Gäste hatte man schon geladen, und als der Hochzeitstag erschien, fehlte der Bräutigam. Von Ihren Eltern wie von Woods aus wurden jetzt Nachforschungen angestellt, aber es ergab sich nichts daraus, als daß Sie – niemand konnte ahnen, weshalb – ein Bündel mit Ihren gewöhnlichen Kleidern in Ihre Wohnung geschickt hätten. Natürlich mußten Sie sich irgendwo einen anderen Anzug gekauft haben, aber zu welchem Zweck wollten Sie ungekannt sein?

»Jenny war außer sich; alle Damen ihrer Bekanntschaft kamen unter dem Vorwand zu gratulieren – in Wirklichkeit aber, um das Nähere über Ihr rätselhaftes Verschwinden zu erfahren. Daß Sie verunglückt sein könnten, schien nicht glaubhaft, denn das Wechseln der Kleider deutete mehr auf eine vorberechnete Handlung hin. – Sie wissen, Mr. Halay, daß ich mich früher ebenfalls um Miß Wood beworben hatte; ich nahm noch immer das regste Interesse an ihrem Schicksal und suchte ihr väterliches Haus wieder auf, denn ich muß Ihnen gestehen, daß ich damals selber glaubte, Sie hätten sich der Verbindung – aus mir freilich unerklärlichen Gründen – entzogen. Ich fand Jenny weniger aufgelöst in Schmerz, als aufs tiefste gekränkt und in ihrem Stolz beleidigt. An ihrem angesetzten Hochzeitstag bekam sie heftige Krämpfe und mußte drei Tage das Bett hüten – aber sie erholte sich bald wieder, und schien von da an schöner und lebendiger als je –«

Hewes schwieg eine kurze Weile – es war fast, als ob er ein Kapitel berühre, über das er selber am liebsten weggegangen wäre; aber es ließ sich eben nicht umgehen und mußte besprochen werden, und er fuhr endlich fort:

»Ich muß Ihnen gestehen, Halay, daß die alte Neigung zu dem jungen wunderschönen Mädchen noch immer in meinem Herzen fortlebte. Ich war bis über die Ohren verliebt und – dadurch geblendet. Jenny erklärte mir bei einer Zusammenkunft, daß Sie unverantwortlich an ihr gehandelt hätten und sie nie im Leben die Ihre werden wolle. Ich – ließ mich hinreißen und bat sie, die Meine zu sein – sie willigte ein, und da ich in derselben Woche diese Stellung in Chile erhielt, die für mich eine neue Karriere eröffnete, wurde unsere Verbindung kaum vierzehn Tage nach Ihrem Verschwinden schon in ihres Vaters Hause gefeiert. Ich war glücklich« – setzte Hewes nach einer kleinen Pause hinzu – »und bedachte nicht, daß ihrem raschen Jawort vielleicht mehr beleidigter Stolz als wirkliche Liebe zu mir zum Grund gelegen.«

George hatte ihm, während er sprach, vollkommen ruhig und leidenschaftslos zugehört. Sein Auge haftete dabei auch nicht auf dem Redenden, sondern schweifte durch das Fenster hinaus, nach dem weiten Horizont des Meeres hinüber, und wunderliche Bilder waren es, die vor seinem inneren Blick herausstiegen. Nur als Hewes schwieg, drehte er ihm langsam sein Antlitz zu und sagte leise:

»Und sind Sie glücklich in Jennys Besitz geworden?«

Die Frage kam so plötzlich, daß Mr. Hewes mit der Antwort fast in Verlegenheit geriet, endlich sagte er:

»Ich? – allerdings – gewiß – das einzige, was mich jetzt mit Sorge und Schmerz erfüllt, lieber Halay, ist das – nur durch einen unglücklichen Zufall in Besitz eines Wesens gekommen zu sein, das einst Ihr ganzes Glück ausmachte und ebenso nur in Ihnen sein Glück zu finden schien.«

»Mr. Hewes!«

»Ich gebe Ihnen mein Wort – ich fühle mich innig dadurch betrübt und – würde kein Opfer scheuen, es zu redressieren. Prüfen Sie sich selber, – bitten Sie Jenny darum, sich zu prüfen, und – so auffallend ein solcher Schritt auch in den Augen der Welt erscheinen möchte – ich würde ihn lieber tun, als eine ganze Lebenszeit hindurch den Vorwurf mit mir herumtragen, das Glück zweier braven Menschen – wenn auch unbewußt und wissentlich unschuldig – gestört zu haben.«

»Ich verstehe Sie nicht,« sagte George erstaunt.

»Ich erkläre Ihnen denn hiermit,« erwiderte Mr. Hewes, »daß ich mich – einem so eigentümlichen Fall gegenüber und als Ehrenmann – selbst dazu entschließen würde, zurückzutreten und in eine Scheidung zu willigen, falls Jenny, sobald sie den wahren Tatbestand erfährt, bereuen sollte, mir ihre Hand gegeben und Ihnen ihr Wort gebrochen zu haben. – Ich kann nicht mehr tun, tue das aber, weil ich es für meine Pflicht erkenne, wohl mit schwerem, doch auch freudigem Herzen. Sprechen Sie selber mit meiner Frau – ich setze volles Vertrauen in Sie, keinen unredlichen Vorteil dabei zu gebrauchen, und wie sich Jenny entscheide, ich füge mich ihrem Ausspruch.«

Es war ein merkwürdiges Gemisch von Gefühlen, das in diesem Augenblick Georges Herz bestürmte. Er sah halb staunend, halb zweifelnd den Sprechenden, der erregt vor ihm stand, an und unterbrach ihn mit keiner Silbe, mit keinem Laut. Endlich, als jener schon lange schwieg, sagte er:

»Mr. Hewes, das ist allerdings mehr, als ein Mann von einem anderen verlangen könnte. Man kann nicht gut edler und großmütiger handeln, aber die Sache ist zu delikat, um rasch darin selbst nur zu einem Überlegen, – viel weniger zu einem Entschluß zu kommen. Lassen Sie mir Zeit, – gönnen Sie sich selber Zeit, das Gesagte, das indessen zwischen Mann und Mann bleibt – noch einmal zu überdenken. Ich bitte Sie indessen, Ihrer Frau Gemahlin nur einfach mitzuteilen, auf welche Weise ich damals von ihrer Seite gerissen wurde, – sie müßte mich ja sonst für einen Schurken halten und das – wäre mir jedenfalls schmerzlich.«

»Verlassen Sie sich darauf, daß ich es tue,« sagte Hewes, – »wenn auch,« setzte er überlegend hinzu, vollendete aber den Satz nicht, – »Sie haben recht,« fuhr er dann fort, – »das muß vor allen Dingen geschehen und ich bin es Ihnen schuldig – apropos, wie steht es mit Ihrer Kasse?«

»Ich habe von Freund Burton geborgt,« lächelte Halay.

Der Gesandte ging zu seinem Pult, nahm dort eine Rolle mit fünfzig Pfund Sterling heraus und sagte, das dem jungen Mann reichend:

»So, regulieren Sie indessen damit Ihre Verbindlichkeiten – wir berechnen uns dann später, ehe Sie Chile wieder verlassen. Wann sehe ich Sie wieder?«

»Morgen früh, wenn es Ihnen recht ist.«

»Essen Sie bei uns.«

»Mr. Hewes, ich fürchte, das würde für alle peinlich sein. Ich erkenne dankend Ihre Güte an, aber bitte, – entschuldigen Sie mich –«

»Nun gut, – wie Sie wollen, – Sie sollen nicht geniert sein, also auf morgen; ich habe jetzt ein großes Paket Schriften zu erledigen und – möchte dann doch auch mit Jenny sprechen.«

George verließ ihn wie in einem Traum. Das hier waren die nämlichen Räume, in denen Jenny wandelte, – dasselbe Dach deckte sie und ihn und doch wie fern standen sich beide jetzt, während der Vorschlag des Mannes – der Kopf wirbelte ihm, wenn er das alles überdachte.

Als er die Treppe hinunter stieg, um Burtons Zimmer wieder aufzusuchen, sah er gerade, daß eine junge Dame dasselbe verließ und sich ebenfalls dem Aufgang zuwandte, – er mußte mit ihr an den unteren Stufen zusammentreffen. War das Jenny? – nein, diese hatte noch kurz vorher ein rauschendes Seidenkleid getragen, und das junge Mädchen vor ihm war auf das äußerste einfach, wenn auch sehr geschmackvoll gekleidet. Er wollte ihr an der letzten Stufe ausweichen, als er ihr bleiches, schüchtern von ihm abgedrehtes Antlitz und ihre verweinten Augen sah und auch rasch erkannte.

»Alice!« rief er, indem er neben ihr stehen blieb und die Hand nach ihr ausstreckte – »kennen Sie mich nicht mehr?«

Das junge Mädchen sah scheu und erschreckt zu ihm auf und der Ausdruck in ihren Zügen milderte sich nicht, als sie sah, daß George Halay vor ihr stand. Sie wagte nicht einmal, ihm die Hand zu reichen, und rief mit fast angstgepreßter Stimme aus:

»Mr. Halay! – Um Gottes willen, woher kommen Sie und wie in dieses Haus? Wissen Sie denn, daß –«

»Ich weiß alles,« sagte George herzlich, indem er ohne weiteres des Mädchens Hand nahm und streichelte – »mehr vielleicht, mein armes Kind, als Sie ahnen. Aber Ihnen bin ich vor allen Dingen Rechenschaft schuldig. So hören Sie denn: Nicht freiwillig verließ ich Neuyork. Ich wurde von einem Walfischfänger als Matrose gepreßt, und erst vor wenigen Tagen gelang es mir, dem Schiff hier in der Nähe zu entfliehen. Ich weiß außerdem, daß Miß Wood jetzt Mrs. Hewes ist und hier im Hause mit ihrem Gatten wohnt – ich habe sie sogar gesehen.«

»Ich begreife das alles nicht,« stöhnte das arme Kind.

»Sie werden es später begreifen,« sagte George freundlich, »wenn Sie die Einzelheiten erfahren; aber jetzt lassen Sie uns von Ihnen reden. – Ich weiß alles,« unterbrach er sie, als er den schmerzlichen Ausdruck in den Zügen der Jungfrau las – »Burton hat mir von dem schweren Schicksal erzählt, das erst Ihre Eltern und dann Sie betroffen. Aber sagen Sie mir, Alice, Sie wissen, wie lieb Sie meine Eltern hatten – weshalb wandten Sie sich nicht an meinen Vater, ehe Sie sich entschlossen, die Heimat in solchen Verhältnissen zu verlassen?«

»Weshalb, Mr. Halay?« sagte Alice scheu, indem sie ihm ihre Hand wieder entzog – »ich bin alt und kräftig genug, um mir selber durch das Leben zu helfen, und mochte nicht einer Familie zur Last fallen, in der ich bis dahin wie ein Kind vom Hause behandelt worden.«

»Und wußten meine Eltern, daß Sie mit Hewes nach Valparaiso gingen? Haben Sie mit ihnen darüber gesprochen?«

»Nein,« sagte Alice leise und kaum hörbar. »Ich nahm die erste Hilfe an, die sich mir bot; ich sehnte mich danach, mir mein Brot selber zu verdienen.«

»Und wenn es unter Tränen wäre?«

»Und wenn es unter Tränen wäre,« hauchte das junge Mädchen und ihr Antlitz wurde wo möglich noch bleicher als es schon war.

George schwieg und sah mitleidsvoll auf das blonde Haupt des armen Kindes nieder, das, noch so jung in die Welt hinausgestoßen, schon so Schweres zu ertragen hatte. Alice aber, der das Gespräch peinlich sein mochte, sagte leise:

»Und wissen Ihre Eltern, daß Sie leben, Mr. Halay? O, sie haben sich so um Sie gesorgt!«

»Sie wissen es noch nicht, Alice – der nächste Dampfer bringt ihnen erst die Nachricht – und dann auch wahrscheinlich gleich mich selber mit. Wir haben uns so lange auf offener See herumgetrieben, daß ich keine Möglichkeit fand, ihnen einen Brief zu senden.«

»Und die furchtbar lange Zeit, die indes vergangen ist! Sie haben Sie schon lange als tot betrauert.«

»Desto größer wird die Freude sein, wenn ich zu ihnen zurückkehre.«

»Sie gehen mit dem nächsten Dampfer?«

»Ich hoffe es – ja –«

»Alice – Alice – hörst du nicht? wo steckst du wieder?« rief Jennys Stimme von oben heftig nieder.

»Leben Sie wohl,« flüsterte das junge Mädchen und flog mehr als sie ging, ehe George sie daran verhindern konnte, die Stufen hinauf. George aber, sich abwendend, schritt vor sich hin mit dem Kopf schüttelnd in Burtons Zimmer hinüber.

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