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Verhängnisse

Friedrich Gerstäcker: Verhängnisse - Kapitel 10
Quellenangabe
typenarrative
authorFriedrich Gerstäcker
titleVerhängnisse
booktitleErzählungen und Humoresken
publisherHesse & Becker Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20151228
modified20190902
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9. Ein gefundener Freund.

Im Hotel angelangt, wo man den wie ein gewöhnlicher Matrose gekleideten Fremden ein wenig misstrauisch betrachtete, war seine erste Frage nach dem für Panama bestimmten Dampfer. Die Antwort lautete befriedigend: daß er in etwa fünf Tagen erwartet würde, dann drei Tage hier liegen bleibe und also in etwa acht Tagen nach Lima zurückkehren würde, um über Peru die Fahrt nach dem Isthmus fortzusetzen. Dadurch blieb ihm eine volle Woche Zeit in Valparaiso, und die Hauptsache war jetzt, einen Geschäftsfreund aufzusuchen, mit dem sein Haus früher in lebhafter Verbindung gestanden, um von diesem Geld für die Heimreise zu bekommen. Er kannte auch genau die Firma und erkundigte sich nur bei dem Wirt nach der Straße, in welcher das Haus läge, als ihn dieser mit einer sehr unangenehmen Nachricht überraschte.

Der alte Herr war vor etwa sieben Monaten gestorben und seine Familie zurück nach den Staaten gegangen. Das Geschäft hatte indessen liquidiert und der Kompagnon desselben sich nach St. Thomas gewandt. Erst im vorigen Monat waren noch die letzten übrig gebliebenen Waren öffentlich versteigert worden und das Lokal sollte seitdem ein französisches Geschäft bezogen haben.

George stand einen Moment höchst unangenehm von der Nachricht überrascht, denn weiter kannte er niemanden in der ganzen großen Stadt – aber es war auch wirklich nur ein Moment, denn im allerschlimmsten Fall fühlte er sich seiner Lage auch vollkommen gewachsen und die Kraft in sich, selber Hilfe zu schaffen. Noch blieb ihm als Beistand der amerikanische Gesandte oder Konsul, und weigerte der sich, nun dann konnte er vor allen Dingen Jenny und den Seinen doch von hier aus schnelle und direkte Nachricht zukommen lassen, und wenn er indessen nicht im ersten Hotel wohnen blieb, dann zog er so lange hinaus aufs Land, ja arbeitete selbst die paar Monate um Tagelohn.

Jenny beruhigte sich dann auch gewiß, wenn sie nur erst sichere Kunde von ihm erhielt; sie waren ja beide noch so jung und die kurze Prüfungszeit hatte vielleicht für beide segensreiche Folgen.

In dem Gefühl, auch dem Schlimmsten jetzt begegnen zu können, erwachte dazu ein besserer und kräftigerer Geist in ihm. So niedergeschlagen, ja fast gebrochen er nach Valparaiso gekommen, jetzt blickte er wieder frecher umher, und wenn auch noch die alte Schwermut auf seinem Herzen lastete, so war er doch zu neuem, selbständigem Handeln gezwungen, und das lenkte seine Gedanken von allem Grübeln ab.

Eins beunruhigte ihn noch – sein Brillantring, ein teures Andenken an seine verstorbene Schwester, den er dem Boot hatte als Versatz lassen müssen. – Aber auch dafür ließ sich Rat schaffen, denn so viel konnte er sich doch sicher im nächsten Monat, bis der Dampfer wieder von seiner gewöhnlichen Fahrt nach dem Süden zurückkehrte, verdienen, um ihn einzulösen, und alles weitere fand sich dann von selbst.

Die Hauptsache blieb jetzt also, den amerikanischen Gesandten aufzusuchen, und kannte der Herr seine Familie, so durfte er auch auf Hilfe rechnen; kannte er sie aber nicht, dann sollte wahrlich keine Bitte über seine Lippen kommen. So viel Geld besaß er noch, um die geringen, bisher aufgelaufenen Kosten im Hotel zu zahlen, und dann, sobald er seinen Brief abgeschickt, suchte er sich eben Arbeit in Stadt oder Umgegend – und wenn er sich als Knecht verdingen sollte.

Das »Hotel« des amerikanischen Gesandten, ein freundliches, zweistöckiges Haus dicht am Strande oder doch wenigstens mit der vollen Aussicht nach dem Hafen, fand er bald, sollte aber auch hier eine Enttäuschung erleiden; nämlich rasche Gewißheit über seine nächste Zukunft zu erhalten, war unmöglich, denn wie ihm der chilenische Diener, der nur etwas gebrochen Englisch sprach, sagte, so war der Sennor nach Santiago verreist und wurde nicht vor den nächsten zwei oder drei Tagen zurückerwartet.

»Und wie hieß der Gesandte?«

Der Mann nannte ihm einen Namen, aber durch seinen spanischen Dialekt so verstümmelt, daß er nicht herausbekommen konnte, was er möglicherweise damit meine.

»Und war niemand im Kontor, an den er sich wenden mochte? Kein einziger Amerikaner?«

Como no,‹ sagte der Mann,›hay – hay – americano,‹ und damit zeigte er nach einer im Parterre liegenden Tür, auf der George jetzt ein kleines Schild mit der Aufschrift ›office‹ bemerkte. Jedenfalls befand sich dort ein amerikanischer Sekretär, und wenn er von diesem selber auch keine Hilfe erwarten durfte, so war er doch jedenfalls imstande, Auskunft über den Gesandten zu erhalten. Ohne sich deshalb lange zu besinnen, denn mit dem Chilenen war doch kein wirkliches Gespräch zu führen, schritt er zur Tür, klopfte an und betrat auf ein lautgerufenes ›walk in‹ den inneren Raum.

An dem einen Pult saß ein junger Mann, eifrig mit einer vor ihm liegenden Korrespondenz beschäftigt, sah auch nicht gleich auf, als George das Zimmer betrat, sondern arbeitete weiter, bis er den Brief beendet hatte. Jetzt schaute er empor und sagte, einen Matrosen vor sich sehend:

»Was wünschen Sie, mein Freund?«

»Ich komme nur mit einer Anfrage,« erwiderte George, »da ich mein eigentliches Anliegen dem Gesandten selber vortragen muß. Dürfte ich Sie bitten, mir dessen Namen zu nennen und aus welchem Teile der Staaten er kommt? Ich kann den chilenischen Diener draußen nicht verstehen.«

Der junge Sekretär, der zuerst nur einen flüchtigen Blick auf ihn geworfen, hatte sich ihm jetzt halb zugedreht und betrachtete erst forschend sein Gesicht und dann seine Kleidung. Er schien auch die Frage ganz überhört zu haben, denn er beantwortete sie gar nicht – endlich stand er von seinem Stuhl auf und George gegenübertretend, sagte er, viel artiger, als die erste Anrede gewesen:

»Dürfte ich um Ihren Namen bitten?«

George war auf die Frage nicht gleich vorbereitet und zögerte einen Moment mit der Antwort; aber er durfte sich hier, wo er von dem Gesandten Hilfe erwartete, auch keinen falschen Namen geben und sagte endlich:

»Halay.«

»Doch nicht George Halay von Neuyork?« rief der Sekretär, ihn jetzt erstaunt anstarrend.

»George Halay allerdings – aber Sie?«

»Und kennst du mich nicht mehr, George? Richard Burton von Charleston? Hast du denn Neuorleans vergessen?«

»DickDick – die Abkürzung von Richard., beim Himmel!« rief George, ihm die Hand entgegenstreckend und die gebotene herzlich schüttelnd. »Ich habe dich wahrhaftig nicht wiedererkannt.«

»Und ich dich gleich, wie ich dir nur ins Auge sah. Aber Mensch, wie siehst du aus? Wo kommst du her? Bist du krank gewesen? Du hast ja keinen Blutstropfen im Gesicht.«

»Krank? Nein,« sagte George, indem ein wehmütiges Lächeln um seine Lippen zuckte – »und wo ich herkomme? – Doch das ist eine lange Geschichte, die ich dir ein andermal erzähle. Jetzt beantworte mir nur die eine Frage: Warst du kürzlich in Neuyork?«

»Neuyork? Nein,« sagte der junge Mann – »ich habe Neuyork nicht betreten, seit wir uns das letzte Mal trafen und von da zusammen nach Neuorleans fuhren.«

»So ist der Gesandte auch nicht aus Neuyork?«

»Doch; ich selber war aber der Gesandtschaft in St. Thomas beigegeben und bekam dort die Weisung, mich der hiesigen Legation anzuschließen, so daß ich von St. Thomas gleich direkt über Aspinwall hier herüber ging. Ich habe die Staaten seit drei Jahren nicht betreten. Aber seit wann hast du sie denn verlassen?«

»Seit etwas über sechs Monat jetzt und – in ein wenig wunderlicher Weise – doch davon später. Wie heißt der hiesige Gesandte, kenn' ich ihn?«

»Jedenfalls – er stammt wenigstens aus Neuyork; Hewes ist sein Name –«

»Hewes? Ich kenne einen Advokaten Alfred Hewes in Neuyork.«

»Das ist derselbe.«

»In der Tat?« sagte George langsam und nachdenkend vor sich hin mit dem Kopf schüttelnd; »das ist beim Himmel ein wunderliches Zusammentreffen. Er kann aber noch nicht lange in Valparaiso sein.«

»In acht Tagen werden es fünf Monat, daß wir hier anlangten. Ich traf mit ihm in Panama zusammen. Er hatte sich kurz vorher in Neuyork verheiratet, und die Tour nach Chile war gewissermaßen seine Hochzeitsreise.«

»Er ist verheiratet?«

»Allerdings, und eine bildhübsche kleine Frau hat er – aber auch zugleich in ihr einen kleinen Satan. Sie ist der Schrecken des ganzen Hauses.«

»Ihr fürchtet euch vor ihr?« lächelte George.

»Und alle Ursache, bei Gott,« rief Burton, »denn sie tut, was sie will, und will alles, was verkehrt ist.«

»Ist sie noch jung?«

»Höchstens achtzehn Jahr.«

»Und hübsch?«

»Bildschön – aber da oben kannst du sie gleich hören. Sie hat wieder ihre arme Gesellschafterin vor. Das arme Kind tut mir in der Seele leid. Sie behandelt sie wie eine Sklavin und chikaniert sie in wahrhaft boshafter Weise.«

Burton hatte die Tür ein wenig geöffnet und George hörte in der oberen Etage eine keifende Damenstimme, der eine andere, aber in milder, versöhnender Weise antwortete, – aber die Dame schien noch heftiger zu werden, und gleich darauf klang es wie ein schwerer Fall auf der Treppe, dem ein leises Wimmern folgte.

Burton machte unwillkürlich eine Bewegung, als ob er vorspringen wolle, bezwang sich aber augenblicklich, schloß die Tür wieder und sagte trocken: »Man soll sich nie in Familienangelegenheiten mischen, und besonders gar nicht, wenn man Diplomat ist – und noch besonders gar nicht, wenn man Mrs. Hewes dadurch zur Gegnerin bekommen könnte. Ich werde mich hüten, denn es gefällt mir hier in Valparaiso vorzüglich, und ich könnte mich fest darauf verlassen, in drei Monaten spätestens abberufen zu werden.«

»Steht Hewes so unter dem Pantoffel?«

»Vollkommen,« lachte Burton.

»Aber wer ist das junge Mädchen, das du ihre Gesellschafterin nanntest?«

»Die Tochter eines Kaufmanns aus Neuyork, der falliert hat. Die Familie scheint in die desolatesten Umstände geraten zu sein. Der einzige Sohn, anstatt nun tapfer zu arbeiten, schoß sich eine Kugel durch den Kopf, – beide Eltern starben in einem Zeitraum von vierzehn Tagen aus Gram, und dem armen Kinde blieb nichts anderes übrig, als in Dienst zu gehen – und solch ein Dienst – aus solchen Verhältnissen heraus!«

»Wie heißen ihre Eltern?«

»Morhouse.«

»Doch nicht Morhouse und Sohn?«

»Derselbe.«

»Allmächtiger Gott, das ist ja doch nicht möglich! Ich bin kaum mehr als ein halbes Jahr von Neuyork fort, und damals gehörte das Haus zu den geachtetsten und solidesten Firmen.«

»Wir leben schnell in Amerika,« sagte Burton, »und ein Unglück kommt selten allein. Eins seiner Schiffe verbrannte auf offener See – ein anderes sank auf den Goodwin sands – beide nicht versichert. – Zu gleicher Zeit machten zwei Häuser, das eine in Neuorleans, das andere in St. Louis, bankerott, mit denen die Firma in engster Verbindung stand, und – der alte Morhouse war zu ehrlich – die Geschichte brach über den Haufen.«

»Seine Tochter heißt Alice?«

»Ganz recht – kennst du sie?«

»Gewiß – ein liebes, gutes Mädchen; ich habe sie oft in meines Vaters Haus und bei meinen Schwestern gesehen – armes Kind!«

»Jawohl, armes Kind. Ich habe mir auch schon Mühe gegeben, ihr unter der Hand eine andere Stellung in einer chilenischen Familie zu verschaffen, in der – ich befreundet bin, – aber natürlich darf die Lady nichts davon erfahren, daß ich die Hand mit im Spiel habe, oder ich fiele Hals über Kopf in Ungnade. Es ist überdies so wie so, und sie weiß manchmal gar nicht, ob sie mich nur grüßen soll.«

»Stammt sie aus Neuyork?«

»Die Lady? Ich weiß es nicht einmal; ich glaube, ihre Eltern haben früher im Süden gewohnt. Heißes Blut hat sie jedenfalls. – Aber was ich dich fragen wollte, George – zum Henker auch, du steckst da in einer ganz ordinären und noch dazu arg mitgenommenen Matrosenjacke! Was soll das bedeuten?«

»Ich bin von einem Schiff entlaufen,« sagte George.

»Unsinn – wie wärst du auf ein Schiff gekommen! Spielst du Maskerade oder was sonst?«

»Dann habe ich wenigstens die Maskerade die letzten sechs Monate sehr ernst betrieben. – Doch Scherz beiseite – du sollst meine ganze Geschichte nachher hören. Wo ißt du zu Mittag?«

»Mit dir natürlich; wo es ist.«

»Gut – aber ich bin außer Geld und wollte den Gesandten eben aufsuchen, um von ihm auf Wechsel die Mittel zu erbitten, mit dem nächsten Dampfer nach Neuyork zurückzukehren. Jetzt aber komm' ich vom Süden her und hatte nicht einmal genug Geld, um meine Passage auf dem Dampfer zu bezahlen, so daß ich einen Ring in Versatz geben mußte, und den möchte ich gern sobald als möglich wieder einlösen. Bei Tisch erzähle ich dir dann alles.«

»Vortrefflich!« rief der junge Burton – »Hewes muß jedenfalls spätestens morgen hierher zurückkehren, bis dahin reicht aber meine Kasse vollständig aus, um zuerst einmal deinen Ring wieder zu holen und dich anständig zu kleiden, denn in dem Zustand kann man mit dir kaum Arm in Arm durch die Straßen gehen. Also vor allen Dingen,« fuhr er fort, sein Pult schließend – »wollen wir jetzt erst einmal nach dem Dampfer hinüberfahren: ich habe mein Boot unten liegen – und dann besorgen wir deine Toilette. Unterwegs aber erzählst du mir deine Erlebnisse und was dich in diesen entfernten Teil der Welt geführt. Hast du Zigarren bei dir?«

»Nicht ein Stück. Ich habe etwas knapp die letzte Zeit gelebt.«

Burton lachte, schob ihm eine Handvoll Zigarren in die breite Tasche seiner Seemannsjacke, und sehr zur Verwunderung des chilenischen Peons oder Dieners verließen die beiden jungen Leute: der Sekretär des Gesandten ein caballero und der »gemeine Matrose« Arm in Arm das Haus.

Jetzt nun erzählte George dem Freund seine wunderlichen Schicksale bis ins kleinste hinab, sein Leben an Bord, seine Flucht; und der erste Lichtblick in dem Ganzen war, ihn – den Freund – hier wiedergefunden zu haben Nun durfte er auch fest darauf rechnen, die Heimat wieder und ohne weitere Fährlichkeiten zu erreichen, und seine Leiden hatten damit wenigstens ein Ende.

Die jungen Leute, nachdem sie an Bord gefahren und den Ring eingelöst, behielten auch noch Zeit übrig vor dem Mittagessen, die notwendigste Garderobe für George einzukaufen, und dann verbrachten sie den übrigen Teil des Tages, einen Spazierritt nach dem Leuchtturm hinauf und in die Umgegend zu machen, bis sich George endlich, an Körper und Geist von dem raschen Wechsel seines Lebens ermüdet, auf sein Lager warf.

Am nächsten Morgen suchte er den Freund wieder auf. Wenn dieser aber gehofft hatte, ihn jetzt, wo er sich aller Sorgen enthoben wußte, heiter und froh zu finden, so sah er sich darin getäuscht. George war freundlich, aber trotzdem dabei ernst und niedergedrückt; er ging auf keinen Scherz ein und schien von einer ewigen Unruhe erfaßt, die ihn nicht rasten und nicht ruhen ließ. Es war die Sehnsucht nach der Heimat – nach der Geliebten, denn eine Kunde konnte weder zu ihr, noch zu seinen Eltern gelangen, ehe er nicht selber mit dem nämlichen Dampfer, der seine von Talcahuano mitgebrachten Zeilen trug, dem Vaterlande wieder entgegeneilte. Burton erbot sich, ihn in eine ihm befreundete Familie einzuführen, aber er weigerte sich mitzugehen; er mochte, wie er sagte, kein glückliches Familienleben sehen, da es ihm den eigenen Verlust zu scharf und schroff vor die Seele führte. Er hatte keine Ruhe, bis er den Boden Neuyorks wieder unter den Füßen fühlte.

Burton hatte indessen – wie er es nannte – neues Material für die chronique scandaleuse der Mrs. Hewes gesammelt. Gestern mittag, als sie den Lärmen aus der Treppe hörten, schien sie sich in der Tat so weit vergessen zu haben, der armen Alice ein Buch an den Kopf zu werfen. Das junge Mädchen, dadurch erschreckt und außer Fassung gebracht, tat einen Fehltritt und stürzte ein paar Stufen hinab, die in einen Gang einmündeten, wodurch sie sich, wenn auch nur leicht, an der Stirn verletzte. Burton war ganz außer sich darüber und entdeckte jetzt dem Freund auch, daß er möglicherweise der diplomatischen Karriere ganz entsagen werde – wenn ihn nämlich Mrs. Hewes dazu triebe. Er sei jetzt fest entschlossen, darauf hinzuwirken, daß Alice in eine andere Familie träte, und zwar in die nämliche Familie, zu welcher das schönste und vollkommenste Mädchen Chiles gehörte – ein wirklicher Engel – dessen Herz er erobert hatte. Er besaß selber etwas Vermögen, – Dolores' Eltern – der »Engel« hieß »Dolores« – waren außerdem sehr reich und hatten besonders bedeutende Besitzungen in Santiago, und wenn Alice dann in die Familie seiner künftigen Schwiegereltern kam und er nachher, als natürlicher Anstifter, von der Dame in Acht erklärt wurde, – nun so mochte sie ihr Schlimmstes tun. Nur vorderhand durfte er darin noch keinen entscheidenden Schritt wagen, denn Dolores' Vater hatte zu der Verbindung noch seine Einwilligung nicht gegeben, da er – ganz im Gegensatz zu seiner Tochter – die Amerikanos nicht leiden mochte. Brachte er also Alice jetzt dort unter und sich nicht, so wurde ihm hier vielleicht ebenfalls der Stuhl vor die Tür gesetzt und er hatte Stelle wie Braut verloren. Das aber mußte sich in den nächsten Tagen entscheiden; Tochter wie Mutter wußte er ja auf seiner Seite, und dann sollte seine junge Landsmännin auch nicht länger in diesem Hause bleiben.

George hörte mit freundlichem Lächeln diese Herzensergießungen an; es kam ihm aber gar so wunderlich vor, daß eine Frau, und noch dazu von so jugendlichem Alter, ein solcher kleiner Dämon sein könne, um die Geschicke eines ganzen Hauses und Menschenglück und -elend in Händen zu halten. Das aber hatte sich Mr. Hewes auch selber zuzuschreiben – weshalb heiratete er ein Mädchen mit einem solchen Charakter. Und doch dabei wie sonderbar! Gerade dieser Hewes hatte sich in früherer Zeit ebenfalls mit um Jenny beworben und Neuyork erst verlassen, als er fand, daß sein Nebenbuhler begünstigt wurde. An seinem Geschmack lag es also nicht; er schien nur kein Glück gehabt zu haben.

 

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