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Vergils Äneide

Vergil: Vergils Äneide - Kapitel 9
Quellenangabe
typeepos
titleÄneis
authorPublius Vergilius Maro
translatorJohann Heinrich Voß
year1875
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
pages1
created20020906
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1799
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(Vierter Gesang)

              Längst den Redenden schon betrachtete sie von der Seite,
Rollte die Augen umher und umirrte mit schweigenden Blicken
Ihn vom Haupt bis zu Fuß, dann brach sie erzürnt in das Wort aus:

365  

Dir nicht Mutter die Göttin, noch Dardanus Ahn des Geschlechtes,
Frevler! Nein dich zeugte aus hartem Granit der umstarrte
Caucasus, und dir reichten hyrcanische Tiger die Brüste.
Was noch gehehlt? zu welchem noch größeren spar' ich mich länger?
Hat er geseufzt, da ich weint'? hat nur mit dem Aug' er anblinket?

370   Brach ihm in Thränen das Herz, und zeigt' er der Liebenden Mitleid?
Was ist minder, was mehr? Nie schaut die erhabene Juno,
Nie der saturnische Vater auf dies mit ruhigem Antlitz.
Nirgendwo Treue noch Dank! Den gestrandeten, darbenden Fremdling
Nahm ich auf und gab ihm ein Teil des Reiches, ich Thörin!
375   Seine verlorene Flott' und die Freund' entzog ich dem Tode!
Ha, von den Furien tob' ich entbrannt! Jetzt deutet Apollo,
Jetzt ein lycisches Los, jetzt bringt ihm von Juppiter selber
Gar der Ewigen Bote den grausen Befehl durch die Lüfte!
Traun, des sind ja die Götter besorgt, solch Trachten bekümmert
380   Jenen die Ruh! Doch ich halte dich nicht und bekämpfe dein Wort nicht!
Geh nach Italia, geh, und suche dir Reiche durch Meerflut.
Ha, ich hoffe, du sollst, wenn fühlende Mächte noch walten,
Unter Geklipp abbüßen die Schuld, und gepeiniget Dido,
Dido umsonst ausrufen! Ich folg' abwesend mit schwarzer
385   Furienglut; und entseelte der kalte Tod mir die Glieder,
Allwärts schwebt mein Schatten um dich. Dann büße mir, Unmensch!
Dann, dann hör' ich – wie froh! – das Gerücht bei den Manen des Abgrunds!

Sprach's, und mitten im Worte die Red' abbrechend, entfloh sie
Krank der Luft und eilte hinweg, aus den Augen sich hebend

390   Jenem, der vieles in Angst noch säumt' und vieles zu reden
Trachtete. Mägd' jetzt reichen den Arm und die sinkenden Glieder
Tragen sie heim in das Marmorgemach, auf Polster sie legend.

Aber der Held Äneas, wie sehr er die Leidende wünschet
Aufzurichten durch Trost und den Schmerz durch Worte zu lindern,

395   Viel aufseufzend, und ganz von erschütternder Liebe bewältigt,
Doch vollführt er der Götter Gebot und die Flotte besucht er.

Jetzt arbeiten die Teucrer mit Macht und ziehn von dem Meerstrand
Rings hochbordige Schiff' in die Flut; der gefettete Kiel schwimmt.
Noch grünlaubige Ruder und rohes Gebälk aus den Wäldern

400   Tragen sie her, in Eile der Flucht.
Wandernde dort, und rings aus der Stadt Vorstürzende sah man:
Wie wenn ein Schwarm Ameisen den mächtigen Haufen des Speltes
Gierig zerrafft, für den Winter besorgt und verwahret im Obdach;
Dunkel geht im Felde der Zug, und den Raub durch die Kräuter
405   Führen auf schmalem Steig sie daher, teils drängt man des Kornes
Große Last mit der Schulter gestemmt, teils treibt man den Heerzug,
Züchtigend Säumnis und Rast; rings glüht von der Arbeit der Fußpfad.

Was doch jetzt, o Dido, empfandest du, dieses betrachtend?
Ach wie seufzte dein Herz, als weit im Gewimmel den Meerstrand

410   Schwärmen du sahst vom Gipfel der Burg, und ganz die Gewässer
Wühleten dir vor den Augen vom Ruf und Jauchzen der Männer?
Liebe, du Graun, was nicht von der Sterblichen Herzen erzwingst du?
Thränen noch eins zu versuchen, noch eins sich zur Bitte zu wenden,
Wird sie gedrängt, und zu beugen den Trotz in liebendes Anflehn;
415   Daß sie nichts unversucht, die umsonst Hinsterbende, lasse.

Anna, du siehst, wie hastig es dort an dem Ufer umherwühlt.
Rings drängt alles heran; schon ruft auch den Lüften das Segel;
Und ihr Steuerverdeck umkränzeten fröhliche Schiffer.
Wenn ich voraussehn konnte den Tag so großer Betrübnis,

420   Schwester, ich werd' ihn können bestehn. Dies eine nur, Anna,
Richte mir Elenden aus. Dich ja hielt der Verräter
Wert und vertrauete dir die Geheimnisse selber des Herzens;
Du nur kanntest die Stunden des Manns und den passenden Zugang.
Geh, o Schwester, und rede zum trotzigen Feinde mit Demut.
425   Nie mit dem Danaervolke der Troer Geschlecht zu vernichten
Schwur ich im aulischen Port, noch sandt' ich gen Pergamos Seemacht;
Nie auch dem Vater Anchises zerrüttet' ich Manen und Asche.
Warum wehret er denn mein Wort von dem grausamen Ohre?
Welcherlei Hast! O das letzte Geschenk der Verschmachtenden gönn' er:
430   Daß er bequemere Flucht abwart' und günstigen Fahrwind!
Nicht um die alte Vermählung annoch, die er schändete, fleh' ich,
Nicht daß er Latium lass' und des herrlichen Reiches entbehre,
Leere Frist nur verlang' ich, nur Ruh und Weile dem Wahnsinn,
Bis mein Geschick mich Gebeugte den Gram zu dulden gelehret.
435   Dieses zuletzt erfleh' ich als Gunst! O erbarm' dich der Schwester!
Schaffst du mir dies, ich werd' es gehäuft mit Tod' dir erwidern!

So wehklagete sie, so trug die bekümmerte Schwester
Wieder und wieder das Flehn. Doch kein Wehklagen und Anflehn
Rührt ihn; nimmer bewegt ein einziges Wort ihm den Starrsinn.

440   Schicksal hemmt, und ein Gott verschleußt die Ohren des Freundes.
Wie wenn der stämmigen Eich' uralt aufragenden Kernwuchs
Alpenstürme des Nords, hierhin arbeitend und dorthin,
Auszudrehn anringen mit Macht; laut saust es, und hochauf
Streun des erschütterten Stamms abfallende Zweige den Boden;
445   Doch sie haftet im Fels; und, wie weit ihr Haupt zu des Äthers
Lüften sie hebt, gleich weit in den Tartarus streckt sie die Wurzel:
So wird immer der Held dorther mit Worten und daher
Angedrängt, und fühlet in großem Herzen den Kummer;
Doch fest bleibet der Sinn; nur nichtige Thränen entrollen.

450  

Aber die unglückssatte, vom Schicksal geängstete Dido
Wünscht den Tod; es verdreußt den gewölbeten Himmel zu schauen.
Daß noch mehr sie betreib' ihr Werk und verlasse das Tagslicht,
Sah sie, Geschenk' auflegend dem weihrauchflammenden Altar,
(Graunvoll klingendes Wort!) wie die heiligen Fluten erdunkeln,

455   Und in gräßliches Blut der gegossene Wein sich verwandelt.
Solches Gesicht ward keinem erzählt, auch der Schwester sogar nicht.
Überdies war dort im Palast ein Tempel von Marmor,
Heilig dem Jugendgemahl, mit eifriger Liebe gefeiert,
In schneefarbiger Flausch' und festliches Laubes Umwindung.
460   Hieraus schien es zu tönen, wie Stimm' und Worte des Mannes,
Der ihr rief, wann Nacht die Gefild' umhüllte mit Dunkel.
Oft auch klagt' auf dem Giebel der todweissagende Uhu
Einsam her, sein langes Geheul ausziehend in Jammer.
Außerdem noch viele Verkündungen heiliger Seher
465   Drohn mit endlicher Warnung zuvor. Die Zerrüttete treibet
Selbst ihr wilder Äneas im Traum; und immer verlassen
Ach sich allein, und immer den langen Weg unbegleitet
Scheint sie zu gehn, und die Tyrer im öden Lande zu suchen.
So wie der Furien Schwarm einst sah der rasende Pentheus,
470   Und die gedoppelte Sonn' und die zwiefach scheinende Thebe;
Wie Agamemnons Sohn, verfolgt auf den Bühnen, Orestes
Flieht, wann mit Bränden bewehrt und dunkelen Schlangen die Mutter
Folgt, und gesetzt auf der Schwelle die rächenden Diren ihn schrecken.

Als sie nunmehr ganz faßte, die Abgehärmte, den Wahnsinn,

475   Und zu sterben beschloß, nun Zeit mit sich selber und Weise
Ordnet sie; dann zur Schwester, der trauernden spricht sie in Liebe,
Deckt den Entschluß mit der Mien' und klärt auf der Stirne die Hoffnung:

Schwester, ich fand es, ich fand, o freue dich, Traute, das Mittel,
Das ihn wieder mir schafft, der Liebenden, oder mich löset.

480   An des Oceanus Rande, der sinkenden Sonne benachbart,
Ist das äußerste Land der Äthiopen, wo Atlas
Dreht auf der Schulter den Pol, mit funkelnden Sternen besäet.
Dort vom Massyliervolk bot mir sich die Priesterin neulich,
Die für Hesperus Töchter des Tempels pflegte, dem Drachen
485   Nahrung reicht', und bewahrte die heiligen Äste des Baumes,
Wann sie mit tauigem Honig betäubenden Mohn ihm gereichet.
Diese verheißt durch Zauber das Herz machtvoll zu entfesseln
Welchem sie will, und zu senden dem anderen quälende Schwermut,
Ströme zu hemmen im Lauf und zurück die Gestirne zu drehen.
490   Nächtliche Manen entruft sie der Erd'; aufbrüllen auch sieht man
Unter dem Fuße das Land, und vom Berge absteigen die Eschen.
Traun, bei den Ewigen, Teuere, bei dir, o Schwester, und deinem
Lieblichen Haupt, ungern zu magischen Künsten mich wend' ich!
Richte geheim Brandscheite im inneren Hofe gen Himmel,
495   Dann die Wehr, die geheftet der Frevler ließ in der Kammer,
Und was sonst er getragen am Leib', und das Bett der Vermählung,
Ach mein Unglück, lege darauf. Zu vertilgen die Denkmal'
Alle des schandbaren Mannes, behagt; und die Priesterin will es.

Also sprach sie und schweigt, und Bläss' umhüllet das Antlitz.

500   Doch nicht Anna vermeint, daß unter den seltsamen Opfern
Tod die Schwester verhehl', und denkt nicht solcherlei Wahnsinn,
Auch nichts Ernsteres sorgt sie, wie einst bei dem Tode Sychäus.
Drum vollführt sie den Wunsch.

Dido, sobald das Gerüst in dem Schoß des Palastes gen Himmel

505   Aufgetürmt sich erhob von Kien und gespaltener Steineich',
Überspannt mit Gewinde den Raum und kränzt ihn mit düsterem
Todeslaub; dann legt sie das Schwert, und was sonst er getragen,
Auch sein Bild auf das Lager und starrt im Gedanken der Zukunft.
Ringsum stehen Altär'; und die Priesterin, fliegenden Haars, ruft
510   Dreimal hundert der Götter, den Erebus donnernd, und Chaos,
Hekate, dreifachgeformt, dich, dreifach an Haupt, o Diana.
Flut auch sprengte sie rings aus erdichtetem Quell des Avernus.
Kräuter auch werden gesucht, die die eherne Sichel im Mondschein
Abgemäht, vollstrotzend von Saft des dunkelen Giftes.
515   Auch wird gesucht, was der Stirn des geborenen Füllens man abriß,
Jenes der Mutter entraffte Gelust.
Aber sie selbst, mit Schrot und geläuterten Händen am Altar,
Einen Fuß von Umwindung gelöst, in entgürtetem Kleide,
Ruft, dem Tode geweiht, die Unsterblichen, ruft des Geschickes
520   Kundige Stern', und wo irgend für ungleich liebende Herzen
Höhere Macht noch sorget mit Recht und Vergeltung, der fleht sie.

Nacht war's, und es genoß holdseligen Schlummer ermüdet
Alles, was lebt auf Erden; auch Wald und tobende Meerflut
Ruhete: jetzt da zur Mitte die Stern' hinrollen den Umlauf,

525   Da rings schweiget das Feld, und Vieh, und buntes Gevögel,
Das teils lautere Seen weitum, teils Dickichte rauher
Fluren bewohnt, zum Schlafe gesetzt in nächtlicher Stille:
[Sorglos labeten alle das Herz, ausruhend von Arbeit.]
Nur die Phönicerin nicht, die unglückselige; niemals
530   Naht ihr der lösende Schlaf, nicht Aug' empfänget noch Busen,
Stille der Nacht: es erneut sich der Gram, und wieder erwachend
Tobet die Lieb', und sie wogt in des Zorns unbändigem Strudel.
Also beharrt sie gefaßt und wälzt in der Seele den Vorsatz:

Ha, was thun? Soll wieder die vorigen Freier verhöhnt ich

535   Angehn und den Nomaden in Demut flehn um Vermählung,
Die ich so oft abwies, als mein unwürdige Männer?
Also der Ilierflotte gefolgt, und herrischer Teucrer
Niedrem Befehl? weil etwa die vorige Hilfe sie freuet,
Und unvergessen besteht ihr Dank für empfangene Wohlthat?
540   Aber wer, wenn ich wollte, vergönnt's? wer nimmt die Verhaßte
Auf an den trotzigen Bord? Nicht kennest du, Thörin, du kennst nicht
Ihr meineidiges Herz, des laomedontischen Volkes!
Was dann? Soll ich allein nachfliehn den jauchzenden Seglern?
Soll ich mit tyrischer Macht, umschart von den Meinigen allen,
545   Stürmen daher? Sie, welche nur kaum von Sidon ich abriß,
Treib' ich zurück in die Flut und befehl' in die Winde zu segeln?
Nein stirb, wie du verdienst; und der Stahl sei Tilger des Schmerzes!
Du, durch Thränen der Schwester besiegt, ach Teure, zuerst du
Häufst auf die Schwärmende solch ein Leid und verrätst mich dem Feinde!
550   Nicht war vergönnt, schuldlos unehliche Tage zu leben,
Gleich dem Gewild', und zu bleiben verschont von solcherlei Kummer.
Nicht ist die Treue bewahrt, die ich schwur dir, armer Sychäus!

Also ergoß nun jene der Seel' ausbrechendem Jammer.
Ruhig lag Äneas im Schlaf, nach beschlossener Abfahrt,

555   Hoch auf dem Steuerverdeck, und alles Geschäft war geordnet.
Siehe, des Gottes Gestalt, der in ähnlicher Miene zurückkehrt,
Schwebt dem Träumenden vor, und ermahnt ihn also von neuem,
Ganz dem Mercurius gleich, an Stimm' und blühendem Antlitz
Und goldlockigem Haar, und lieblichem Reize der Jugend.

560  

Sohn der Göttin, du kannst jetzt noch ausruhen im Schlummer?
Schauest du nicht, was doch ringsher für Gefahr dich umdrohet?
Thor, und hörest du nicht mitwehende Zephyre säuseln?
Jene wälzt in der Seele Betrug und entsetzlichen Gräuel,
Schon zum Tode gefaßt, und wogt im Getümmel des Zornes.

565   Fliehst du nicht schleunig hinweg, da Beschleunigung noch dir vergönnt ist?
Bald wird wühlen das Meer von Gebälk, bald schaust du, wie grimmig
Leuchten die Brände daher, bald brauset der Strand in Entflammung,
Wenn noch hier am Lande dich Weilenden findet Aurora!
Eile denn ohne Verzug! Unstät und veränderlich immer
570   Wanket ein Weib! – So sprach er und schwand in nächtliches Dunkel.

Aber der Held Äneas erschreckt von dem plötzlichen Schatten,
Rafft aus dem Schlafe den Leib und drängt die Genossen mit Eifer:

Schleunig erwacht, ihr Männer, und setzet euch all' auf die Bänke!
Spannt doch die Segel empor! Ein Gott vom erhabenen Äther,

575   Seht, ungesäumt zu entfliehn, und die Seile zu haun vom Gestade,
Spornt er von neuem uns an! Wir folgen dir, heilige Gottheit,
Wer du auch seist, und deinem Befehl willfahren wir freudig!
Huldreich komm, Beistand zu verleihn, und am Himmel erheb' uns
Sterne des Heils! – Er sprach's, und der Scheid' entrafft' er des Schwertes
580   Flammenden Blitz und zerhieb mit zuckendem Stahle das Strandseil.
Gleich brennt allen sofort die Begier; da entrafft man, da stürzt man.
Schnell sind die Ufer geräumt; es bedeckt Seemacht die Gewässer;
Angestrengt drehn alle den Schaum und durchfegen die Bläue.

Schon bestreute die Lande zuerst Aurora mit jungem

585   Morgenlicht, aufsteigend vom Safranlager Tithonus.
Dido, sobald von der Warte sie hell nun werden den Schimmer
Sah, und die Flott' abziehen mit gleich hinschwebenden Segeln,
Leer die Gestad', und leer vom Ruderer schauend den Hafen,
Wild um den reizenden Busen zerschlägt sie sich dreimal und viermal,
590   Und wie die goldenen Locken sie rauft: O Juppiter, gehn soll
Er? und, ruft sie, gehöhnt hat unseres Reiches der Fremdling?
Faßt nicht Waffen das Volk, und rennt aus der Stadt ihm gesamt nach?
Stürmt nicht andres die Schiffe vom Strand, die gelagerten? Geht doch!
Flammen herbei! rasch Segel gespannt! Geschwungen die Ruder!
595   Ha, was red' ich? wo bin ich? wie tobt mir der Geist in Zerrüttung?
Jetzt, unglückliche Dido, bewegt sein frevelndes Thun dich!
Da war's Zeit, da das Scepter du gabst! Schau Bündnis und Handschlag!
Er, der fromm, wie man sagt, mitnahm die Penaten der Heimat!
Der auf der Schulter getragen den hochbetageten Vater?
600   Konnt' ich nicht den gerafften zerhaun und über die Meerflut
Ausstreun? nicht die Genossen, und nicht den Ascanius selber
Morden mit Stahl, und dem Vater zum Schmaus auftischen das Söhnlein?
Doch leicht hätte getäuscht der Versuch des Kampfes. O hätt' er's!
Wen wohl scheute, die Tod sich erkor? Glut trüg' ich ins Lager,
605   Füllete Bord' und Verdecke mit Glut, und den Sohn und den Vater
Tilgt' ich mit allem Geschlecht und stürzte mich selbst in die Flammen!
Sol, der du jegliches Thun wahrnimmst im strahlenden Umlauf,
Du auch, Mittlerin dieses Vereins, mitkundige Juno,
Hekate du, der heulen die Städt' auf nächtlichem Dreiweg,
610   Und ihr, rächende Diren, und Götter der sterbenden Dido:
Dieses vernehmt und übet Gewalt, wie verdienet die Bosheit,
Und, o hört dies unser Gebet! Wenn kommen zum Hafen
Muß das verworfene Haupt, und ans Land zu schwimmen sein Los ist,
Und so Juppiters Rat es verlangt, dies Ziel unverrückt steht:
615   Doch mit Streit und Waffen vom mutigen Volke geängstigt,
Über die Grenz' auswandernd, getrennt vom teuren Iulus,
Müss' er um Hilf' anflehen, und schaun unwürdige Tode
Seiner Freund'; auch wann er Bedingungen lästigen Friedens
Eingeht, weder des Reichs, noch erfreulichen Lichtes genieß' er,
620   Sondern er fall' unzeitig, und lieg' unbestattet im Sande!
So mein Gebet; dies seufz' ich, wann Stimm' und Blut mir entschwindet!
Dann, o Tyrier, hegt dem Geschlecht und dem spätesten Abstamm,
Hegt ihm ewigen Haß, und bringt dies Opfer der Sühnung
Unserer Gruft! Nicht Liebe sei je, noch Bündnis den Völkern!
625   Mög aus meinem Gebein sich einst ein Rächer erheben,
Welcher mit Brand sie verfolget und Stahl, die dardanischen Pflanzer,
Jetzt und dereinst und zu jeglicher Zeit, wenn die Macht es gestattet!
Möge sich Strand mit Strand, so fleh' ich, und Woge mit Woge,
Heer sich befehden mit Heer: sie selbst und die spätesten Enkel!

630  

Sprach's, und wandte den Geist hierhin unruhig und dorthin,
Suchend des Lichtes sich bald zu entledigen, das ihr verhaßt war.
Kurz nun begann sie zu Barce, der Pflegerin einst des Sychäus;
Denn die ihrige deckte der Staub in der vorigen Heimat:

Trauteste Pflegerin, geh, und rufe mir Anna, die Schwester.

635   Heiß sie, den Leib sich schleunig mit klarem Wasser besprengen,
Und herführen die Schaf' und die anbefohlene Sühnung.
Eile sie. Du umhülle mit heiliger Binde die Schläfen.
Opfer dem stygischen Gott, die ich fromm anfangend bereitet,
Denk' ich zu endigen nun und ein Ziel zu setzen dem Kummer,
640   Und zu entflammen das Scheitergerüst des dardanischen Hauptes.
Kaum gesagt, da entwankte mit emsigem Schritte die Alte.
Dido nunmehr auffahrend, und wild vom entsetzlichen Vorsatz,
Blutrot funkelnde Blicke gerollt, und mit Flecken gezeichnet
Über die zitternden Wangen und blaß vom nahenden Tode,
645   Stürmt in die inneren Hallen des Hofs und ersteiget das hohe
Scheitergerüst wutvoll, und den Stahl des Dardanerschwertes
Zuckt sie, ein nicht zu solchem Gebrauch erhaltenes Denkmal.
Hier, nachdem sie die Troergewand' und das trauliche Lager
Angeschaut, und ein wenig verweilt, nachdenkend und weinend,
650   Warf sie den Leib auf das Polster, und sprach ihr letztes im Leben:

Teuere Liebesgeschenk', als Gott und Geschick es vergönnte,
Nehmt die ermüdete Seel' und befreit mich solcher Betrübnis.
Ja ich lebt', und den Lauf, den das Los mir beschieden, vollbracht' ich;
Und nun wandelt mein Geist, ein erhabenes Bild, zu den Schatten.

655   Herrliche Stadt, dich schuf ich, und sah meine eigenen Mauern,
Rächte den Mann und strafte den unbarmherzigen Bruder.
Glückliche, ach vielleicht zu Glückliche, wären doch niemals
Hier dardanische Kiel' an unserer Küste gelandet.

Dann das Gesicht in das Polster gedrückt: Ungerächet denn sterb' ich?

660   Aber ich sterb'. Auch so freut's in die Tiefe zu wandern!
Weid' an dem Feuer die Augen im hohen Meere der harte
Dardaner, und ihn begleite mein Tod als düstere Ahnung!

Als sie noch redete, schnell in der Mitte des Worts von dem Stahle
Sehn sie gesunken die Fraun des Geleits, und die Klinge mit Blut ihr

665   Rot umschäumt, und die Hände bespritzt. Hell tönt in die hohen
Säl' ihr Schrei, und es tobt das Gerücht die erschütterte Stadt durch.
Voll Wehklag' und Jammer und weiblichem Trauergeheul hallt
Jegliches Haus; es erbebt in dem Leidaufruhre der Äther.
Weniger nicht, als stürzt' einbrechenden Feinden Karthago
670   Oder die altende Tyros in Schutt, und wüteten Flammen
So durch der Sterblichen Giebel gerollt, wie unsterblicher Götter.

Sinnlos hörte den Ruf, und in ängstlichem Laufe verwildert
Rennt sie, die Brust mit Fäusten entstellt, und die Wange mit Nägeln,
Mitten hindurch, die Schwester, und ruft der Sterbenden Namen:

675  

So, du Teuere, war es gemeint? Mich täuschtest du, Schwester?
Das hat jenes Gerüst, das Glut und Altar mir bereitet?
Was doch klag' ich Verlassne zuerst! Die Begleitung der Schwester
Hast du im Tode verschmäht? O riefst du zu gleichem Geschick mich!
Gleicher Schmerz hätt' uns beid', und gleiche Stund' uns getötet.

680   Selbst mit der Hand ach! baut' ich daran, und den heimischen Göttern
Flehet' ich, daß, wann also du lägst, ich Grausame fehlte!
O mich, Schwester, und dich, und das Volk und die Väter von Sidon,
Hast du vertilgt, und die Stadt, dein Werk. Gebt, daß ich die Wund' ihr
Spüle mit Flut; und irrt noch veratmende Seele darüber,
685   Hauch' ich sie ein! – So redend, erstieg sie die oberen Stufen;
Ach sie schlingt an den Busen die scheidende Schwester und wärmt sie,
Bang' aufseufzend, und trocknet das dunkele Blut mit dem Kleide.

Jene versucht zu heben das starrende Auge, doch kraftlos
Sinket es; tiefgebohrt gischt unter der Brust ihr die Wunde.

690   Dreimal hebt sie empor auf stützendem Arme sich, dreimal
Rollt sie aufs Lager zurück, und hoch mit irrenden Augen
Sucht sie das Licht am Himmel und seufzt des gefundenen Lichtes.

Doch die allmächtige Juno, der langen Qual sich erbarmend,
Und wie schwer sie verschied, sandt' Iris herab vom Olympus,

695   Daß sie die ringende Seel' auflöst' und die Bande der Glieder.
Denn weil nicht durch Geschick, noch durch Verschuldung sie hinstarb,
Nein vor der Zeit, die Arme, da rasch sie entflammte der Wahnsinn,
Hatte Proserpina noch das goldene Haar von der Scheitel
Nicht ihr entwandt, und das Haupt dem stygischen Orcus verurteilt.
700   Iris mit Safranschwingen im tauigen Lauf durch den Himmel
Gegen die Sonn' hinziehend den tausendfarbigen Bogen,
Flieget hinab und das Haupt ihr umschwebet sie: Dieses geweihte
Trag' ich zum Dis auf Befehl und dich entbind' ich des Leibes.
Sprach's, und schnitt mit der Rechten das Haar ab. Alle zugleich nun
705   War verflogen die Wärm' und es schwand in die Winde das Leben.
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