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Vergils Äneide

Vergil: Vergils Äneide - Kapitel 7
Quellenangabe
typeepos
titleÄneis
authorPublius Vergilius Maro
translatorJohann Heinrich Voß
year1875
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
pages1
created20020906
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1799
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(Dritter Gesang)

              310   Kommst du in wahrer Gestalt, mir ein wahrer Verkündiger nahend?
Sohn der Göttin, du lebst? Floh aber das heilige Licht dir;
Hector, wo der? – So rief sie und strömt' in Thränen, und ringsum
Füllte den Ort ihr Jammergeschrei. Kaum weniges stammelnd,
Geb' ich der Armen verwirrt mit stockendem Laute die Antwort:

315  

Ja, ich leb', und führe von Not mein Leben in Not hin!
Zweifele nicht, dir erscheint Wahrheit!
Wehe, wie tief von der hohen Beseligung solchen Gemahles
Sankest du? oder wie weit ist ersetzt dir würdiges Schicksal?
Hectors Andromache du bist immer noch Pyrrhus Genossin?

320  

Sie dort senkte den Blick und sprach mit leiserer Stimme:
O glückselig allein vor anderen Priamus Tochter,
Die am feindlichen Hügel vor Trojas türmenden Mauern
Blutete, ohne zuvor das fallende Los zu erdulden,
Die kein siegender Herr als Gefangene führte zum Lager!

325   Ich, nach Ilions Brand', entlegene Meere durchwandernd,
Trug des Achillischen Stamms Hochmut und den trotzigen Jüngling,
Abgequält im Joche des Zwangs: der Hermionen nachmals,
Ledas Enkelin, folgt' und der lacedämonischen Hochzeit,
Und mich Dienende nun dem dienenden Helenus hingab.
330   Jenem, von heftiger Glut der entrissenen Gattin entzündet,
Und von der Sünde verfolgt und den Furien, lauert' Orestes
Tückisch auf und erschlug ihn an väterlichen Altären.
Nach Neoptolemus Tode bekam ein Teil des Gebietes
Helenus, welcher nunmehr chaonische Felder mit Namen,
335   Und Chaonia nannte vom troischen Chaon die Herrschaft,
Und hier Pergamos baut' und Ilions Burg auf den Höhen.
Aber o welcherlei Wind doch brachte dich, welcherlei Schicksal?
Oder was trieb für ein Gott dich ganz Unkundigen hierher?
Was denn macht dein kleiner Ascanius? lebt er und atmet?
340   [Den dir, wie Troja bereits].
Ob der Knabe auch wohl den Verlust der Mutter empfindet?
Ob zu männlichem Mut und altertümlicher Tugend
Ihn sein Vater Äneas und Hector treibet der Oheim?

Also redete jene bethränt und weinete lange

345   Fort mit vergeblichem Gram: als sich von den Mauern des Heros
Helenus, Priamus Sohn, darbeut in großer Begleitung,
Ach und die Seinen erkennt, und froh zum Palaste daherführt,
Und viel Thränen vergießt bei jedem gebrochenen Worte.
Wandelnd erkenn' ich Troja die kleinere und der erhabnen
350   Pergamos winziges Bild, und ein schwach hinrieselndes Bächlein,
Xanthus benamt, und die Schwellen des scäischen Thores umarm' ich.
Auch die Dardaner gehn der verbündeten Stadt zu genießen.
Dort in geräumigen Hallen bewirtete jene der König.
Feierlich sprengten sie drinnen im Hof des Palastes den Festwein,
355   Vor sich Speisen auf Gold, und die Opferschal' in den Händen.

Schon entschwand ein Tag und ein anderer Tag; und den Segeln
Rufet der Wind; auf wölbt sich im schwellenden Süde das Segel.
Jetzo wend' ich zum Seher das Wort und erkundige solches:

Same des Tros, o Götterprophet, der die Winke des Phöbus,

360   Der Dreifuß und Lorbeer des Clariers, der die Gestirn' auch
Merkt, und Stimmen der Vögel und Deutungen raschen Gefieders!
Rede doch, (denn es erklärt' heilmeldende Religion mir
Ganz den Lauf, und mich hießen die sämtlichen Winke der Götter
Nach Italia gehn und entlegene Lande versuchen;
365   Nur sie allein weissaget ein Graun, die Harpyie Celäno,
Neues unnennbares Graun und kündiget traurigen Zorn an,
Und scheuseligen Hunger) was meid' ich zuerst für Gefahren?
Welch ein Rat, ob ich etwa so schrecklichem Leiden entfliehn kann?

Helenus jetzt, da er Farren zuvor nach der Sitte geschlachtet,

370   Fleht um Gnade der Götter und löst die schleiernden Binden
Seines geheiligten Haupts, und dir zu den Schwellen, o Phöbus,
Führt er mich selbst an der Hand, wie ich beb' im Schauer der Gottheit;
Dieses sodann weissaget aus göttlichem Munde der Priester:

Sohn der Göttin, (denn traun von größeren Zeichen geleitet

375   Fährst du die Wogen hindurch) so lost der Unsterblichen König
Schicksalslos', und die Wandel des Glücks; so rollet die Ordnung!
Weniges dir aus vielem, daß sicherer gastliche Meere
Weit durchziehn und im Port der Ausonier ruhen du könnest,
Soll erschließen mein Mund. Denn weiteres hüllet die Parce
380   Helenus Geist, und zu reden verbeut die saturnische Juno.
Gleich das Italerland, das schon dir nahe du glaubest,
Und zum grenzenden Port, Unkundiger, rüstest die Einfahrt,
Weit, weit trennt es durch Räum' unwegsamer Weg in die Ferne.
Erst in trinacrischer Flut muß schwank sich biegen das Ruder,
385   Und umschweifen der Kiel das Gewog' ausonischen Meeres,
Unterirdische Teich', und die Flur der Aeäerin Circe,
Eh' in sicherem Lande die Stadt du zu ordnen vermögest.
Zeichen sag' ich dir an; du halte sie fest im Gedächtnis.
Wann dir Bekümmerten einst an der Flut des gesonderten Stromes
390   Unter des Bords Steineichen die ungeheuere Bache
Nach der Geburt, umwühlt von dreißig Frischlingen, daliegt,
Weiß, am Boden gestreckt, und weiß um die Euter die Ferklein,
Dort sei die Lage der Stadt, dort stetige Ruhe der Mühsal.
Auch nicht schaudere so vor der Tische gedrohetem Anbiß;
395   Ausgang bahnt das Geschick, und es naht der gerufne Apollo.
Jene Gefilde jedoch und den Rand des italischen Ufers,
Welcher zunächst von der Woge des unsrigen Sundes durchströmt wird,
Fliehe du! Alle die Mauern bewohnt der listige Grajer.
Dort errichtete Mauern das Volk narycischer Locrer;
400   Auch der Lyctierfürst Idomeneus füllte mit Streitern
Sallentinisches Feld; und die kleine Petelia trotzt dort,
Von Philoctetes umschanzt, dem tapferen Held Meliböas.
Ja, wenn jenseit des Meers die gelandete Flotte dir stehet,
Und du gestellten Altären Gelübd' am Strande bezahlest,
405   Hülle das Haar dir bedeckend mit purpurfarbenem Schleier,
Daß nicht während der heiligen Glut in der Götter Verehrung
Feindliche Schau dir begegne, die Vorbedeutung verwirrend.
Dies sei Opfergebrauch den Deinigen, so wie dir selber;
Dies stets Religion dem Geschlecht frommwandelnder Enkel.
410   Aber nachdem dich Geschiednen der Wind dem siculischen Ufer
Näherte, und sich erweitert das enge Verschloß des Pelorum;
Links dann werde das Land, und links in langer Umgehung
Dir das Gewässer gewählt; rechts meide die Wog' und das Ufer.
Dort durch Gewalt vormals und machtvoll rüttelnden Erdsturz,
415   (So viel mag umwandeln die Zeit in alternder Dauer!)
Barst, wie man saget, der Grund, da vereiniget beiderlei Erdreich
Veste noch war; einströmte die Flut und mit stürmender Brandung
Riß sie das Siculerland von Hesperia; Felder und Städte,
Durch Meerufer getrennt, durchspült' ein geengeter Strudel.
420   Rechts hält Scylla den Strand und die unfriedsame Charybdis
Links; und zum untersten Wirbel des Abgrunds schlürfet sie dreimal
Jäh die unendlichen Fluten hinab, dann wieder zur Luft auf
Schnellt sie die wechselnden hoch und schlägt die Gestirne mit Meerschaum.
Aber Scylla verweilt im dunkelen Winkel der Felskluft,
425   Wo sie das Haupt ausstreckt und die Schiff' an die Zacken heranzieht.
Vorn ist Menschengestalt, und schön von Busen die Jungfrau,
Bis an den Schoß; doch hinten ein graunvoll ringelnder Wallfisch,
Welcher Delphinenschwänz' an den Bauch der Wölfe gefüget.
Besser dem Ziele genaht des trinacrischen Berges Pachynos,
430   Auch mit Verzug, und umher auf längerer Bahn dich gewendet,
Als in der graulichen Höhl' einmal nur gesehen das Scheusal
Scylla, und das Geklipp, durchbellt von schwärzlichen Hunden!
Jetzo annoch, wenn Verstand bei Helenus waltet, dem Seher,
Oder wenn Treu, wenn die Seele mit Wahrheit füllet Apollo,
435   Eines, o Sohn der Göttin, das Einzige laß mich vor allem
Kund dir thun und wieder mit Ernst dich warnen und wieder.
Junos herrliche Macht sei zuerst im Gebete verehret,
Juno mit frohem Gelübde gegrüßt, und der Königin Hoheit
Durch demütige Gaben gebeugt! So endlich ein Sieger
440   Gehst aus Trinacria du zu den Italergrenzen gesendet.
Wann hierher du gelangt der cumäischen Stadt dich genähert,
Und dem begeisterten See und dem waldumrauschten Avernus,
Wirst du die Seherin schaun, die rasende, die in der Felskluft
Schicksal singt und dem Laube die redenden Zeichen vertrauet.
445   Welche Verkündungen nun in das Laub einritzte die Jungfrau,
Ordnet sie alle nach Zahl und läßt sie verschlossen im Felsen.
Jene ruhn unbewegt an dem Ort und behaupten die Ordnung.
Doch wenn heran nur leise bei umgedreheter Angel
Hauchte der Wind, und die Pforte die luftigen Blätter verwirrte;
450   Nimmer die flatternden dann im gehöhleten Felsen zu haschen,
Noch zu erneuen die Lag', und die Sprüche zu einigen sorgt sie.
Ratlos ziehen sie fort und hassen das Haus der Sibylle.
Hier laß weder Verzug so sehr dich reuen noch Säumnis;
Ob auch laut antreiben die Freund', und dringend die Meerfahrt
455   Segel verlangt, und schwellen du kannst die gewogene Wölbung;
Nein, der Prophetin genaht und mit Flehn das Orakel erbeten!
Rede sie selbst, und öffne die willige Lippe zum Ausspruch.
Sie wird Italias Völker gesamt und die kommenden Kriege,
Auch wie meiden du kannst und endigen jegliche Mühe,
460   Kund dir thun; und verehrt wird günstigen Lauf sie gewähren.
So weit gönnt das Geschick dir unseres Mundes Ermahnung.
Gehe denn, hebe durch That die gewaltige Troja zum Äther.

Als nun so der Prophet mit freundlicher Stimme geredet,
Schwere Geschenke von Gold und elfenbeinernes Kunstwerk

465   Heißet er tragen zur Flott', und drängt in die fassenden Räume
Mächtiges Silbergerät und dodonäische Becken,
Auch den geringelten Panzer aus Drillichsmaschen des Goldes,
Auch den stattlichen Kegel des Helms und den wallenden Haarbusch,
Einst Neoptolemus Wehr. Nicht fehlt auch Geschenk für den Vater,
470   Rosse dazu und Führer dazu.
Ruderer werden ergänzt, und gerüstet die Schar mit Gerätschaft.

Rasch hieß jetzo die Segel der Flott' einfügen Anchises,
Daß ein Verzug nicht säumte die tragenden Hauche des Windes.
Ehre bezeugt anredend der apollinische Seher:

475  

O Anchises, von Venus erhabener Liebe gewürdigt,
Götterfreund, der zweimal aus Pergamos Sturze gerettet,
Schau das ausonische Land, da liegt's! dort segle hinüber.
Und doch jenes im Meere vorbeizugleiten ist not dir.
Weit ist Ausonias Teil noch entfernt, den Apollo dir kündet.

480   Geh, o du durch die Liebe des Sohns glückseliger Vater,
Doch was red' ich noch mehr und verzögre den wachsenden Südwind?

Auch Andromache jetzt, von Trauer erfüllt bei dem Abschied,
Bringt von Bildungen reiche Gewand' und goldenem Einschlag,
Auch ein phrygisches Kleid für Ascanius, eifernd in Ehre;

485   Ganz mit gewebeten Gaben umhäuft sie ihn, also beginnend:

Dies auch empfah, was dir von meinen Händen ein Denkmal
Sei, o Knab', und bezeuge, wie stets dich Andromache liebte,
Hectors Weib. O nimm der Deinigen letztes Geschenk hier,
Du mir übrig allein als meines Astyanax Bildnis!

490   So warf jener den Blick, so trug er die Händ' und das Antlitz!
Und nun wüchs' er mit dir zu gleichem Alter des Jünglings!

Jetzo schied ich von dannen und sprach mit quellender Thräne:
Lebet, o lebt glückselig, dir ihr schon euer Verhängnis
Endetet! Und noch ruft aus anderem andres Verhängnis.

495   Euch ist Ruhe geschafft; kein wogendes Meer zu durchpflügen,
Kein Ausonierland, das stets sich weiter zurückzieht,
Auszuspähn. Ihr sehet des Xanthus Bildnis, und Troja,
Die ihr mit eigener Hand euch gebaut: zu besserem, wünsch' ich,
Vorbestimmt, und minder der Wut zugänglich des Grajers!
500   Wenn ich zum Thybris einmal und den Nachbarfluren des Thybris
Eingeh' und die dem Volke verliehenen Mauern erblicke;
Städte, verwandt vormals, und blutsbefreundete Völker,
Hesperus Land mit Epirus, vom selbigen Dardanus stammend,
Duldend das selbige Los, die schaffen wir beide zu einer
505   Troja an Sinn. Heim falle die Einigung unseren Enkeln.

Vorwärts gehn wir ins Meer, die nahen Ceraunien streifend,
Wo nach Italia führt der kürzeste Weg in den Wogen.
Jetzo tauchte die Sonn', es dunkelten schattige Berge.
Und wir ruhn an der Wog' im Schoß des ersehneten Landes,

510   Als wir um Ruder gelost; ringsher auf trockenem Meersand
Pflegen wir müde den Leib, und Schlaf durchrieselt die Glieder.

Noch nicht führten die Nacht zu des Kreislaufs Mitte die Stunden:
Doch ungesäumt vom Lager ersteht Palinurus, und sämtlich
Forscht er die Wind' und fängt mit lauschendem Ohre die Kühlung;

515   Alle Gestirn' auch merkt er, die still hingleiten am Himmel,
Auch den Arctur und die feuchte Hyad' und die doppelte Bärin,
Auch den großen Orion in goldener Rüstung umschaut er.
Da er gesehn, wie alles sich füg' am heiteren Himmel,
Tönet er hell vom Hinterverdeck; wir eilen zum Aufbruch,
520   Wagen die Fahrt, und breiten die segelnden Flügel des Schiffes.

Schon errötete jetzt bei fliehenden Sternen Aurora,
Als wir dunkele Hügel von fern, und wie streifenden Nebel
Tief Italia sehn. O Italia! rufet Achates;
Und, o Italia! grüßen mit fröhlichem Ruf die Genossen.

525   Aber der Greis Anchises bekränzt den gewaltigen Mischkrug,
Füllt ihn mit lauterem Wein und fleht den Unsterblichen stehend
Hoch auf dem Hinterverdeck:

Götter des Meers und der Erd', die in Sturm und Wetter ihr herrschet,
Sanft laßt schweben die Fahrt und erregt mitwehende Kühlung!

530  

Frischer saust, wie er flehte, die Luft und der Hafen enthüllt sich
Näher bereits, und der Tempel erscheint auf der Höhe Minervas.
Eingerollt sind die Segel; zur Anfurt drängt man das Vorschiff.
Bogengleich ist gekrümmt von der östlichen Woge der Hafen;
Und vorstarrende Klippen umschäumt aufspritzende Meerflut,

535   Selber liegt er versteckt, der gedoppelten Mauer Umarmung
Senkt sich von türmenden Höhn; und es flieht vom Gestade der Tempel.
Dort vier Ross', als erste Verkündigung, sah ich im Grase
Weitumher das Gefild' abmähn, weißschimmerndem Schnee gleich.
Drauf Anchises der Greis: Krieg trägest du, Land der Bewirtung!
540   Krieg bewaffnet das Roß; Krieg droht das weidende Rudel!
Dennoch sind auch am Wagen hinfort zu traben gewöhnet
Jene Ross' und im Joch einmütige Zäume zu dulden:
Fried' auch erscheint! so ruft er. Wir flehn die heilige Gottheit
Pallas der Kriegerin an, die zuerst uns Jauchzende aufnahm.
545   Vor den Altären bedeckt uns phrygische Hülle die Häupter;
Und, was Helenus mehr als alles verlangt, nach der Satzung
Weihn wir gebotene Pflicht der argivischen Königin Juno.

Ohne Verzug, sobald wir Gelübd' und Flehen vollendet,
Drehen wir meereinwärts der besegelten Rahen Hörner,

550   Und von der Grajer Bezirk und verdächtigen Wohnungen fliehn wir.
Drauf wird Tarentums Bucht, des herkulischen, meldet der Ruf wahr,
In der Ferne gesehn. Es erhebt sich die hehre Lacinia jenseits,
Und die caulonische Burg, und der Kiele Verderb Scylaceum.
Dann wird fern aus der Flut der trinacrische Ätna geschauet;
555   Auch lauttosenden Meeraufruhr und geschlagene Felsen
Hören wir schon weither und gebrochene Hall' am Gestade:
Hochauf wallen die Gründ', in den Brandungen strudeln die Sand' um.

Jetzt Anchises der Greis: Hier traun ist jene Charybdis,
Hier das Gestein, das der Seher gedroht, und die Felsen des Grauens!

560   Raffet heraus, o Genossen; zugleich schwingt alle die Ruder!

Gern wird, was er befohlen, gethan; und das krachende Vorschiff
Drehet zuerst linkshin zu den Wogen des Meers Palinurus;
Linkshin drehen sie alle mit Wind und Ruder die Barken.
Jetzt in den Himmel erhebt uns gebogener Strudel, und jetzo

565   Senket uns, unten entrafft, zu des Erebus Schatten die Woge.
Dreimal scholl aus der Kluft hohlzackiger Klippen Gebrüll auf;
Dreimal sahn wir, wie spritzet der Schaum zu den träufelnden Sternen.
Uns den Ermatteten nun war Wind und Sonne geschwunden,
Als wir des Wegs unkundig zum Strand der Cyclopen hinangehn.

570  

Friedsam ruht vor der Wind' Androhn der geräumige Hafen;
Aber zunächst mit grausen Verwüstungen donnert der Ätna.
Oftmals strömt er die schwarz vorbrechende Wolke zum Äther,
Welche wie Pech aufwirbelt den Dampf voll funkelnder Flocken,
Und er erhebt Glutklumpen und leckt mit der Flamme die Sterne;

575   Oftmal Graus und Gesteine, dem Schoß entrissen des Berges,
Bäumet er strudelnd empor, und geschmolzene Felsen zum Himmel
Drängt er mit dumpfem Gekrach und tobt aus dem untersten Grund' auf.
Sag' ist, Enceladus Leib, den gebrandmarkt sengende Donner,
Werde gedrückt von der Last, und der mächtige Ätna darüber
580   Hingewälzt, veratme die Flamm' aus geborstenen Essen;
Und wann er müd' umwechsle die Seit', erzittere murmelnd
Ganz das trinacrische Land, und Rauch umwalle den Himmel.

Wir nun dulden die Nacht das entsetzliche Wunder, in Waldung
Eingehüllt, nicht sehend, woher so tose der Aufruhr.

585   Denn nicht schien ein klares Gestirn, noch leuchtete funkelnd
Heitere Bläue des Pols; umwölkt war der dunkele Himmel,
Und tief deckte den Mond der mitternächtliche Schauer.

Schon der folgende Tag stieg auf mit dem Sterne des Morgens,
Und den betaueten Schatten entfernt' Aurora vom Himmel;

590   Als aus den Waldungen schnell, mit abgehagertem Antlitz,
Eine befremdende Mannesgestalt, in erbärmlichem Aufzug,
Vorwärts trat, demütig die Händ' ausstreckend zum Ufer.
Schau! ein gräßlicher Wust, und verwilderte Länge des Bartes,
Rings gestopft die Hülle mit Dorn; doch übrigens Grajer,
595   Und in heimischen Waffen vordem gen Troja gesendet.
Als er die Dardanertracht fernher und die troische Rüstung
Schauete, stutzt' er ein wenig, und abgeschreckt von dem Anblick
Hemmt' er den Schritt; bald aber in eiligem Lauf zum Gestade
Flog er mit Flehn und Jammer heran: Bei den Sternen beschwör ich,
600   Bei den Unsterblichen euch, und dem Lebenslichte des Himmels!
Nehmet mich, Teucrer, hinweg; in welcherlei Land' auch, entführt mich!
Das ist genug! Ja ich weiß, ein Genoß der Danaerflotte
Bin ich, und naht', ich bekenn' es, mit Krieg den Penaten der Troer.
Dafür, wenn so groß die Beleidigung meines Vergehns ist,
605   Streut in die Flut mich umher, in des Abgrunds Wogen versenkt mich!
Wenn ich ja sterb', o ein Trost, durch Menschenhände zu sterben!

Jener sprach's, und umarmend die Knie', und gewälzt um die Kniee
Schlang er sich fest. Wer er sei, zu gestehn, und welcherlei Abkunft,
Mahnen wir an, und wie doch umher ihn treibe das Schicksal.

610   Selber reicht dem Jüngling die Hand der Vater Anchises,
Ohne Verzug, und stärkt mit erbotenem Pfande das Herz ihm.
Als er endlich die Angst ablegete, redet er also:

Her aus Ithaka stamm' ich, Genoß des geplagten Ulixes;
Von Adamastus erzeugt, und genannt Achämenides, zog ich,

615   Arm von Geburt, (o wäre mein Los mir geblieben!) gen Troja.
Hier, da in zitternder Hast sie entflohn aus der grausamen Wohnung,
Ließen die Freund' achtlos mich Einsamen in des Cyclopen
Räumiger Kluft. Ein Haus voll blutiger Kost und Verwesung,
Düster und groß inwendig. Er selbst hochragend berühret
620   Hohes Gestirn; (o enthebt solch Unheil, Götter, dem Erdkreis!)
Weder den Schauenden hold, noch je Anredenden freundlich,
Zehrt er der Elenden Fleisch und schlürft des schwärzlichen Blutes.
Sah ich doch selbst, wie er zwei aus unserer Freunde Versammlung
Faßt' in gewaltiger Hand, und zurück in die Höhle gelehnet,
625   Schmetterte gegen den Fels und die Schwell' in umspritzendem Moder
Schwamm; ja ich sah, wie er Glieder, beströmt von schwarzer Verwesung,
Fraß, und die warmen Gelenk' ihm zitterten unter den Zähnen,
Zwar nicht blieb's ungestraft; nicht duldete solches Ulixes,
Noch vergaß sein selbst der Ithaker, als die Gefahr rief.
630   Denn sobald, vom Schmause gefüllt, und mit Weine beschweret,
Er den gebogenen Hals hinsenkt', und die Höhle hindurch weit
Dalag, klumpige Jauch' ausbrechend im Schlaf und zerstücktes
Fleisch mit blutigem Weine gemischt; jetzt flehn wir den Göttern,
Und, nach geworfenem Lose, zugleich rings all' um den einen
635   Stürzen wir her, und bohren mit spitzigem Schafte das Aug' ihm,
Welches groß und allein von der struppigen Stirne bedeckt lag,
Gleich dem argolischen Schild' und der leuchtenden Scheibe des Phöbus;
Und sind endlich vergnügt die ermordeten Freunde zu rächen.
Aber entflieht, o ihr Armen, entflieht, und das Seil vom Gestade
640   Hurtig gesprengt!
Denn so mächtig und groß im gehöhleten Fels Polyphemus
Sein schwerwolliges Vieh einsperrt, und die Euter sich ausmelkt,
Wohnt bei Hunderten noch ringsum an dem krummen Gestade
Gräßliches Volk der Cyclopen und irrt auf steilen Gebirghöhn.
645   Dreimal ergänzte mit Licht die gehörnete Luna den Vollmond,
Seit ich in Waldeinöden, umdroht von zerreißenden Wildes
Höhlungen, bang' ausharr' und die ungeheuren Cyclopen
Schaue vom Fels, vor dem Donner des Gangs und der Stimmen erschreckend.
Elende Kost, Waldbeeren und steinige Frucht der Kornelle,
650   Reichen die Äst', auch nähren mich ausgewurzelte Kräuter.
Alles umher durchspähend, erblickt' ich zuerst am Gestade
Hier die kommende Flott', und beschloß ihr, wer sie auch wäre,
Mich zu vertraun. Nur entfliehn dem verruchten Geschlecht ist genug mir.
Mögt ihr lieber den Geist durch jeglichen Tod mir vertilgen!

655  

Kaum dies hatt' er gesagt, da schauen wir hoch auf dem Berge,
Wie er unter den Herden mit plumper Last sich einherregt,
Jener Hirt Polyphemus, und strebt zum traulichen Meerstrand,
Gräßlich von Schau, mißförmig und groß und geblendeten Auges.
Eine gestümmelte Ficht' in der Hand lenkt stützend den Fußtritt.

660   Wollige Schaf' umwimmeln den Gang, sie einzige Lust ihm,
Einzige Tröstung des Grams.
Als er das tiefe Gewässer berührt' und zum Meere herabkam;
Jetzt das flüssige Blut des geblendeten Auges sich spülend,
Knirscht er laut mit den Zähnen und stöhnt; dann mitten das Meer durch
665   Wandelt er, doch ungenetzt ragt über der Flut ihm die Seite.
Fern in beschleunigter Flucht enteilen wir, nehmend den armen
Flehenden, der es verdient, und haun in der Stille das Seil ab;
Alle wir drehn vorsinkend mit eifrigem Ruder die Meerflut.
Jener vernahm's und lenkte zum Schall der Stimme den Fußtritt.
670   Aber da keine Gewalt, mit der Hand uns zu fassen, verliehn wird
Und der ionischen Woge sich ungleich fühlt der Verfolger;
Hebt er ein ungeheures Gebrüll, daß die Tiefe mit allen
Fluten umher aufbebt, und weit von Schrecken betäubtes
Italerland, und aus krummem Geklüft nachbrüllet der Ätna.
675   Aber das Volk der Cyclopen aus Waldungen rings und Gebirghöhn
Stürzet erregt zu dem Hafen herab und füllt die Gestade.
Dastehn sehen wir sie mit umsonst anfunkelndem Auge,
Die ätnäischen Brüder, das Haupt hoch tragend zum Himmel:
– Schauder erregender Schwarm! – wie wenn mit erhabenem Wipfel
680   Luftige Eichen gedrängt, wie wenn fruchtreiche Cypressen
Stehn, dort Juppiters hohes Gehölz, dort Hain der Diana.
Hastig in Angst hat alles, wohin es auch gehe, das Tauwerk
Aufgerollt und die Segel dem helfenden Winde gespannet.
[Doch warnt Helenus Wort, daß Scylla hindurch und Charybdis
685   Beiderlei Weg hinführ' auf des Tod's angrenzendem Rande,
Wenn man nicht halte den Lauf; und zurück wird beschlossen zu segeln.]
Schau nun, Boreas weht von dem engenden Sitz des Pelorus
Frisch. Den lebenden Fels um die Mündung Pantagias fahr' ich,
Auch die megarischen Busen vorbei und die niedrige Thapsus.
690   Solche Gestade des Meers, da zurück die umirrten er streifte,
Zeigt' Achämenides mir, der Genoß des geplagten Ulixes.

Gegen die brennende Spitze Plemmyrion streckt sich ein Eiland
Vor die sicanische Bucht; mit dem Namen Ortygia nannt' es
Vorige Zeit. Sag' ist, wie der elische Flußgott Alpheos

695   Unter dem Meere den Lauf insgeheim herlenkte, der jetzo
Dir, Arethusa, im Born den siculischen Wellen sich einmischt.
Nach dem Gebot verehr' ich des Orts obwaltende Mächte,
Steuere dann um Helorus, des sumpfigen, fette Gefild' hin.
Drauf die zackigen Klippen des Vorgebirges Pachynum
700   Streifen wir; dann wo nie Umwandlung duldet das Schicksal,
Scheint uns fern Camarina daher und geloische Felder,
Gela zugleich, von dem Namen des rasenden Stromes genennet.
Hochher zeiget darauf der Acragas ferne die weiten
Festungen, er ein Erzeuger hinfort großherziger Rosse.
705   Dich auch lass' ich, durch Winde erfreut, palmreiche Selinus;
Auch hartfelsigen Grund lilybeïscher Watten umsteur' ich.
Jetzo empfängt dein Port und das freudenlose Gestad' uns,
Drepanon. Hier, da im Meere so manch Unwetter vorbeizog,
Wird mir ach, mein Vater, der Leid und Sorge gelindert,
710   Wird mir Anchises geraubt! Hier, teuerster Vater, vermiss' ich
Trostlos dich, der umsonst so drohenden Schrecken entflohn war!
Helenus nicht der Prophet, wie viel Graunhaftes er kundthat,
Sagete dies Herzleid mir voraus, noch die grause Celäno.
Dies war das Ende der Müh'n, dies langer Verirrungen Ziel mir.
715   Dorther trug mich Geschiednen ein Gott an euere Küste.

So der Vater Äneas, da all' aufmerkten dem einen,
Göttergeschick' erzählt' er, und seine durchwanderte Laufbahn.
Jetzo verstummte der Held, und endigend ging er zur Ruhe.

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