Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Vergil >

Vergils Äneide

Vergil: Vergils Äneide - Kapitel 23
Quellenangabe
typeepos
titleÄneis
authorPublius Vergilius Maro
translatorJohann Heinrich Voß
year1875
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
pages1
created20020906
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1799
Schließen

Navigation:

(Elfter Gesang)

            Alles vorbei! man rennt aus der Stadt ringsher auf die Mauern.
Selbst entläßt er den Rat, und verschiebt, der Vater Latinus,
470   Durch so traurige Zeiten verwirrt, den erhabenen Vorsatz;
Viel auch klagt er sich an, daß nicht freiwillig er aufnahm
Dardanus Enkel Äneas, der Stadt ihn schenkend zum Eidam.
Graben höhlt vor den Thoren ein Teil; dort Pfähl' und Gesteine
Fahren sie. Rauhen Getöns, ein blutiges Zeichen zum Kriege,
475   Hallet das Horn. Auch die Mauern umringt vielfaches Gewimmel,
Mütter und Knaben gemischt. Not rufet sie alle zur Arbeit.
Dann zu dem Tempel empor und den oberen Höhen der Pallas
Fährt die Königin selbst, im drängenden Schwarme der Mütter,
Bringend Geschenk; und die Tochter Lavinia sitzt ihr gesellet,
480   Solcherlei Wehs Ursache, gesenkt die lieblichen Augen.
Schon durchduften den Tempel die nahenden Mütter mit Weihrauch;
Und von erhabener Schwell' ergießen sie traurige Worte:

Waffenbeherrschende, Göttin des Kriegs, tritonische Jungfrau,
Brich mit der Hand das Geschoß dem phrygischen Räuber, ihn selber

485   Streck' in den Staub vorwärts und töt' ihn am ragenden Thore!

Eiferig gürtet sich selbst der wütende Turnus zur Feldschlacht.
Schon in den Harnisch gehüllt, den rutulischen, starrt er von ehrnen
Schuppen umher, und die Waden umschloß er mit funkelndem Golde,
Wehrlos noch um die Schläfen, das Schwert an die Seite gegürtet;

490   Also strahlt' er im Lauf goldhell von der Höhe der Burg hin.
Froh sich erhebend an Mut und dem Feind' obsiegend in Hoffnung:
So wie den Krippen entflieht nach abgerissener Halfter
Frei nun endlich, das Roß, und, der offenen Ebene mächtig,
Strebt entweder zur Weid' und der grasenden Herde der Stuten,
495   Oder, zu baden gewöhnt in der traulichen Welle des Stromes,
Ausrennt; feuriger braust es und ragt mit erhobenem Nacken,
Üppigen Muts, und es spielet die Mähn' um den Hals, um den Bug ihm.

Gegen ihn kam, im Geleit der volskischen Krieger, Camilla
Eilig daher, und am Thore der Stadt von dem Rosse, die Heldin,

500   Sprang sie herab; und, folgend zugleich, die sämtliche Heerschar
Glitt von verlassenen Rossen aufs Land. Dann redet sie also:

Turnus, wofern sich selber die Tapferkeit billig vertrauet,
Wag' ich und will angreifen das Äneadengeschwader,
Und Stand halten allein der tyrrhenischen Reisigen Angriff.

505   Mich laß erst mit dem Arm die Gefahr versuchen des Krieges:
Du steh hier an den Mauern zu Fuß und behaupte die Festung.

Turnus darauf, anstaunend die ehrfurchtwürdige Jungfrau:
O du Italias Schmuck, Jungfrau, wie soll ich mit Wort dir,
Wie mit der That dir danken? Doch nun, weil aller Begegnis

510   Obwärts raget dein Mut, mir Mitarbeiterin seist du.
Wie das Gerücht glaubhaft und gesendete Späher gemeldet,
Hat der Frevler Äneas der Reisigen leichte Bewaffnung
Vorgesandt, zu durchtraben das Feld; selbst klimmt er die steilen
Bergeinöden hinan, auf die Stadt zu senken den Heerzug.
515   Kriegsnachstellung bereit' ich im waldumwölbeten Hohlweg,
Beide des Schlunds Eingänge mit Mann und Waffen besetzend.
Du mit begegnenden Zeichen empfah den tyrrhenischen Reiter.
Dir sei der rasche Messapus gesellt und latinische Roßmacht,
Und die Tiburnus gesandt; du selbst auch walte der Führung.

520  

Sprach's und auch den Messapus mit ähnlichen Worten ermahnt er
Samt den verbundenen Fürsten zum Kampf, und geht auf den Feind los.

Krumm durch Windungen ziehet ein Thal, wie geschaffen für Kriegslist,
Und für Waffenbetrug, dem dicht mit dunkler Belaubung
Jegliche Seit' andringt; und wohin schmal leitet ein Fußsteig,

525   Öffnend den engenden Schlund des unwillfährigen Eingangs.
Drüber auf ragenden Warten und hoch auf dem Schemel des Berges
Liegt ein ebener Plan unerkannt und sicherer Rückzug:
Wolle man rechts und links sich entgegenwerfen dem Angriff
Oder behaupten die Höhn und mächtige Felsen entrollen.
530   Hierher eilt der Jüngling, bekannt mit der Richtung der Wege;
Schleunig ergreift er den Ort und besetzt die tückische Waldung.

Doch zu der hurtigen Nymph' im erhabenen Äther, zur Opis,
Einer der heiligen Schar und der zugeselleten Jungfraun,
Wandte Latonia sich, und so mit traurigem Antlitz

535   Redete sie: Dort eilet zum grausamen Kriege Camilla,
Und in unsere Waffen, o Jungfrau, hüllt sie umsonst sich,
Wert vor anderen mir. Nicht jetzt erst kam der Diana
Solche Lieb' und rührte mit plötzlicher Wonne das Herz ihr.
Denn da, vertrieben um Haß und Gewaltmißbrauch der Beherrscher
540   Metabus wich aus der Stadt des allbekannten Privernum,
Nahm er das Töchterchen, fliehend aus ringsum drohendem Aufstand,
Sich zur Genossin zur Flucht, und benannte das Kind nach der Mutter,
Die sich Casmilla genannt, mit verändertem Teile Camilla.
Selbst an der Brust sie tragend, durchwandert' er einsamer Wälder
545   Langaufsteigende Höhn; rings drängeten grimme Geschosse,
Und rings flogen umher in bewaffneten Scharen die Volsker.
Schau, in der Mitte der Flucht, da wogte gedrängt Amasenus,
Schäumend zum obersten Rand: so voll aus geborstenen Wolken
Stürzte der Guß. Er schwämme so gern, doch Liebe zum Kindlein
550   Hemmt und Furcht für die Bürde, die trauteste. Alles erwog er
Schleunig im Herzen mit sich und kaum stand dieser Entschluß fest.
Sein unmäßig Geschoß, das in nerviger Rechte der Krieger
Trug, von knotigem Wuchs lastvoll und geglühetem Kernholz:
Hieran fügt er die Tochter, in wölbende Rinde des Korkbaums
555   Eingehegt, und bequem um des Wurfspeers Mitte befestigt;
Und wie in mächtiger Hand er sie aufschwang, rief er zum Äther:
Dir, obwaltende Macht der Gehölz', o latonische Jungfrau,
Weih' ich Vater das Kind zur Dienerin! Deine Geschosse
Haltend zuerst demütig entflieht sie dem Feind! O empfang' sie,
560   Göttin, die Deine, die jetzt unsicheren Lüften vertraut wird!
Sprach's und den Schaft umdrehend mit angestrengetem Arme
Schnellt er, da rauscht das Gewog', und über den reißenden Strom hin
Fliehet erbarmungswürdig am sausenden Speere Camilla.
Metabus, als schon näher die Schar der Verfolger herandrängt,
565   Giebt sich dem Strom, und, Sieger nunmehr, das Geschoß mit der Jungfrau
Reißt er, der Trivia Weihegeschenk, aus dem grünenden Rasen.
Ihn nahm kein Mensch auf in sein Haus, auch keine der Städte,
Nie auch hätt' er dazu aus Starrsinn die Hände geboten,
Nur, wo der Berghirt weidet, in einsamen Öden verkehrt' er.
570   Dort dem Kind' in Gesträuchen, umschreckt von gelagertem Raubwild,
Gab er die Stut' aus der Herde zur Amm', und die stärkende Nahrung
Wildernder Milch, einmelkend die Brust in die zärtlichen Lippen.
Als die lallende Tochter zuerst nun wankender Füße
Spuren geprägt, beschwert' er mit scharfem Spieße die Händ' ihr;
575   Pfeil' auch hängt' er und Bogen zur Wehr an die Schulter dem Mägdlein.
Statt des Goldes im Haar und statt des langen Gewandes
Wallte der Tigerin Hülle vom Haupt um den Rücken hinunter.
Schon aus kleinlicher Hand entsandte sie Kindergeschosse,
Und an gerundetem Band um das Haupt her schwingend die Schleuder,
580   Schoß sie den silbernen Schwan und strymonische Kraniche nieder.
Viel der Mütter umsonst ringsum in tyrrhenischen Burgen
Wünscheten jene zur Schnur. Sie, einzig Diana ergeben,
Übt jungfräuliche Zucht und ewige Lust an Geschossen
Mit niewankender Treu. O hätte doch nie sie entflammet
585   Jener befehdende Zug, da sie kühn auf Dardaner eindringt;
Lieb mir wäre sie jetzt und meiner Gespielinnen eine.
Aber wohlan, da einmal unzeitiges Schicksal sie dränget,
Gleite mir, Nymphe, vom Pol und besuche das Land der Latiner,
Wo nun trauriger Kampf mit Unglücksahnungen anhebt.
590   Dieses empfah und lange den rächenden Pfeil aus dem Köcher:
Hierdurch, wer auch mit Wunde den heiligen Leib ihr verletze,
Troer und Italer, büße zugleich mir mit Blute den Frevel.
Dann der Dulderin Leib und ungeraubete Rüstung
Trag' ich in hohlem Gewölke zur Gruft und bring ihn zur Heimat.

595  

Trivia sprach's; doch jene, die wehenden Lüfte durcheilend,
Rauschte hinab, und es hüllte den Leib schwarzwolkiger Sturmwind.

Aber die Macht indessen der Dardaner nahte den Mauern,
Tuskische Führer zugleich und der Reisigen sämtliche Heerschar,
Alle nach Zahl in Geschwader gereiht. Laut über das Blachfeld

600   Donnert das trabende Roß und bekämpft kurzhaltende Zügel,
Dort anstrebend und dort. Schon weitum starret von Lanzen
Eisern das Feld, und die Ebne, durchschwebt von Rüstungen, funkelt.
Andrerseits Messapus, und hinter ihm schnelle Latiner,
Coras dem Bruder gesellt, und die Schar der Heldin Camilla,
605   Kommen im Feld' entgegengekehrt; vor strecken sie Lanzen
In ausholender Hand weithin und schwingen den Wurfspieß
Und die Begegnung der Männer entbrennt und der Rosse Gewieher.
Schon im nahenden Lauf zu dem Wurf der Geschosse gelangt stand
Beiderlei Heer; flugs brechen sie vor mit Geschrei und ermuntern
610   Schäumende Ross' und ergießen zugleich ringsher die Geschosse,
Häufig, wie Flocken des Schnees, daß ganz sich umschattet der Himmel.

Plötzlich sprengt Tyrrhenus zugleich und der rasche Aconteus
Mit anstrebenden Lanzen hervor, und sie schaffen zuerst sich
Sturz mit lautem Getön, daß im schmetternden Prall des Galoppes

615   Brust an Brust den Rossen zerkracht. Der entschwungne Aconteus,
Strahlendem Blitz gleichbar und fliegender Last aus dem Feldstück,
Stürzt auf das Haupt fernhin und veratmet den Geist in die Lüfte.
Stracks sind die Reihen verwirrt, und die umgewandten Latiner
Werfen die Tartschen zurück und stadtwärts drehn sie die Rosse,
620   Trojas Reisige folgen, es führt die Geschwader Asilas.
Und schon nahn sie den Thoren; und wieder erhöhn die Latiner
Feldgeschrei und lenken herum die geschmeidigen Hälse:
Schnell sind jene gewandt und entfliehn mit verhängeten Zügeln:
So wie das Meer, vorlaufend in stets abwechselndem Strudel,
625   Nun zum Gestad' anstürzt und beschäumt hoch über die Felsen
Schlägt und den äußersten Sand mit gebogener Welle bespület;
Nun mit Gewalt rückwärts, um wieder durchrollete Felsen
Brandend, entflieht, und den Strand in entgleitender Watte zurückläßt.
Zweimal trieb der Etrusker den Rutuler gegen die Mauern;
630   Zweimal weicht er der Wehr und bedeckt umblickend den Rücken.
Aber nachdem zum dritten der Kämpf' ansprengend gesamt nun
Schar mit Schar aneinander sich fügt', und dem Manne der Mann stand;
Jetzo rings Wehklage der Sterbenden, jetzt in dem Blutstrom
Sind rings Waffen und Leiber, und rings mit gemordeten Männern
635   Noch halblebende Rosse gewälzt, und erbitterter Kampf steigt.

Sieh, Orsilochus, scheun dem Remulus selber zu nahen,
Schwinget den Speer auf das Roß, und läßt ihm den Stahl an dem Ohre.
Doch das getroffene Roß bäumt wütend empor und erhebet,
Gegen die Wund' unwillig, die Brust und die schlagenden Schenkel;

640   Jener entrollt in den Staub. Catillus wirft den Jolas,
Und, der groß war an Mut, und groß an Leib' und Bewaffnung,
Wirft den Herminius ab, dem geblößt auf dem Scheitel das gelbe
Haupthaar steht, und die Schulter entblößt, nicht schrecken ihn Wunden:
So ist er offen dem Stahl. Ihm geschnellt in die mächtige Schulter,
645   Zittert der Speer und krümmet den Mann durchbohrend mit Schmerzen.
Ringsumher strömt dunkel das Blut, rings Leichname streckt man
Eifernd mit Stahl und suchet den rühmlichen Tod durch die Wunden.

Mitten die Morde hindurch ziehst du, Amazone Camilla,
Eine der Brüst' entkleidet dem Kampf, bewehrt mit dem Köcher.

650   Jetzo dicht mit der Hand die geschmeidigen Schafte verstreut sie.
Jetzo rafft unermüdet ihr Arm die gewaltige Streitaxt.
Golden ertönt an der Schulter Geschoß und Rüstung Dianas.
Jene sogar, wenn einmal rückwärts die vertriebene weichet,
Pflegt mit gewendetem Bogen die fliehenden Pfeile zu senden.
655   Aber umher das erlesne Geleit, Larina die Jungfrau,
Tulla zugleich, und, schwingend die eherne Barte, Tarpeja:
Italerfraun, die selber zum Schmuck sich die hehre Camilla
Auserkor, im Frieden und Streit gleich gute Bedienung.
So wie am Strom Thermodon die Heerschar der thracischen Weiber
660   Trabt, und zum Krieg' ausziehn in farbiger Wehr Amazonen;
Sei's um Hippolyte, sei's, wann die martische Penthesilea
Heimwärts fährt mit Gespann und umher in jubelndem Aufruhr
Weibliches Scharengewühl frohlockt mit mondlichen Tartschen.

Wen mit der Waffe zuerst und zuletzt wen, furchtbare Jungfrau,

665   Strecktest du? oder wie viele der Sterbenden warfst du zur Erde?

Erst Eunäus, den Sohn des Elytius; dem, da er annaht,
Jene die offene Brust mit langer Tanne durchschmettert;
Purpurne Ström' ausbrechend enttaumelt er, und mit den Zähnen
Käuet er blutigen Staub und wälzt auf der Wunde sich sterbend.

670   Liris dann, und Pagasus dann: der, weil vom gespornten
Roß rückwärts er gewälzet den Zaum anstrengete, jener
Weil er ihm naht', und die Hand wehrlos dem entgleitenden darbot,
Stürzen zugleich sie häuptlings in Staub. Dann streckt sie Amastrus,
Hippotas Sohn, und verfolgt mit drängender Lanze von fernher
675   Tereus, Harpalycus dann, den Demophoon dann und den Chromis.
So viel Speer' in der Hand umdreht' und schleudert' die Jungfrau,
So viel sanken der Phryger hinab. Fern reitet der Jäger
Ornytus, fremd an Rüstung, auf edlem Japygerhengste:
Dem die gediegene Schulter das Fell des mutigen Stieres
680   Überdeckt in der Schlacht und das Haupt weitgähnend umhüllet
Schlund und Backen des Wolfs mit weiß vorstarrenden Zähnen,
Und dem ländlich bewaffnet die Hand' ein knotiger Pfriemstab.
Groß in der Menge verkehrt er und ragt mit dem Haupte empor ganz.
Diesen nunmehr auffangend, (denn leicht in gewendeter Flucht war's)
685   Bohret sie durch und redet die feindlichen Worte darüber:

Hast du, Tyrrhener, im Forst Wildbret zu erjagen gewähnet?
Heut ist gekommen der Tag, der euch mit weiblichen Waffen
Worte vergalt. Doch melde den unteren Manen der Väter
Dies nicht eitele Lob: du sankst vom Geschoß der Camilla.

690  

Stracks den Butes darauf und Orsilochus, beide der Troer
Größeste. Butes durchdrang, den gewendeten, hinten die Spitze,
Zwischen Helm und Panzer hindurch, wo des Reitenden Nacken
Schimmert, und links von der Schulter die Tartsch' am Arme herabhängt.
Doch den Orsilochus flieht sie in weit anpreisendem Umlauf,

695   Täuscht ihn dann, einengend den Kreis, und dem folgenden folgt sie;
Dann mit Gewalt durch Waffen dem Mann und Gebeine die Streitaxt
Schwingt sie, empor sich hebend, da laut er flehet und jammert,
Schlag auf Schlag; warm feuchtet die Wund' ihm mit Hirne das Antlitz.

Ihr begegnet und stutzt graunvoll vor dem plötzlichen Anblick

700   Aunus kriegrischer Sohn, des Appenninenbewohners,
Nicht der Ligurer letzter, da Täuschungen gönnte das Schicksal.
Als der sah, daß ferner durch Lauf zu entrinnen dem Kampfe,
Oder die drängende Heldin noch abzulenken umsonst war,
Jetzt in verschlagener Seele Betrug aussinnend und Arglist,
705   Rufet er: Was ist Großes gethan, wenn du Mädchen dem tapfern
Rosse vertraust? Entsage dem Flug' und näher auf ebnes
Erdreich wage dich her, mit mir zu kämpfen im Fußkampf!
Bald erkennst du fürwahr, wem windiges Prahlen Verderb bringt!

Sprach's, doch jene voll Wut und empört von der Flamme des Schmerzes,

710   Reicht der Gefährtin das Roß und stellt sich in gleicher Bewaffnung,
Zuckend die Klinge zu Fuß und getrost mit lauterer Tartsche.
Aber im Wahn, daß gelungen die List, fort eilet der Jüngling
Ohne Verzug und in Flucht mit gewendetem Zügel enteilt er,
Da die gestählete Ferse das Roß anspornt zur Ermattung.

715  

Ligurerschalk, der umsonst mit erhabenem Mute geprahlet,
Sonder Erfolg versuchst du, o schlüpfriger, Künste der Heimat,
Und nicht bringt dich die List unverletzt dem betrüglichen Aunus!

Also sprach sie und feurig mit hurtigen Füßen, die Jungfrau,
Läuft sie dem Rosse voraus und grad' in die Zügel ihm greifend,

720   Rennet sie an und bestraft mit blutiger Rache den Frevler:
Leicht, wie der heilige Vogel vom luftigen Felsen, der Habicht,
Rascheren Flugs einholet die schwebende Taub' in der Wolke,
Und die ergriffene hält und mit klauigen Krallen zerfleischet:
Blut dann sinkt aus dem Äther herab und gerupfete Federn.

725  

Dieses bemerkt hoch thronend der Götter und Sterblichen Vater,
Nicht unachtsamen Auges, vom obersten Haupt des Olympus.
Tarcho jetzt, den Tyrrhener, erweckt zu wütender Kampfgier
Juppiter, ihn mit des Zorns unmäßigem Stachel empörend.
Siehe die Morde durchrennt und die weichenden Ordnungen Tarcho

730   Schnell auf dem Roß und ermahnt mit vielfach reizendem Zuruf
Namentlich jeden der Meng' und treibt die Verjagten zum Angriff.

O, die ihr nimmer euch grämt, o stets mutlose Tyrrhener,
Welcherlei Angst? wie kam in das Herz so schlaffe Verzagtheit?
Tummelt ein Weib die Zerstreuten und schlägt so große Geschwader?

735   Was denn tragen wir Stahl, was eitle Geschoss' in den Händen?
Doch nicht faul, wann Venus euch winkt und nächtliche Freude,
Oder, wo bacchische Chör' ansagt das gebogene Schallrohr,
Abzuwarten den Schmaus und die Becher gefülleter Tafeln!
Das freut, dieses behagt! wann der heitere Priester zum Festmahl
740   Nötiget, und in die Haine das leckere Opfer hinausruft!

Tarcho rief's und hinein in den Schwarm, wie dem Tode sich weihend,
Sprengt er das Roß, und gerad' auf Venulus stürzet er wutvoll;
Schnell ihn entraffend dem Roß, umschlingt er den Feind in der Rechten,
Und vor dem eigenen Schoß mit Gewalt entführt er ihn eilig.

745   Himmelempor hallt lautes Geschrei, und alle Latiner
Wandten die Augen daher. Rasch flammt durch die Ebene Tarcho,
Waffen entführend und Mann; jetzt oben den Speer ihm ergreifend,
Bricht er das Eisen herab und spürt nach jeglicher Öffnung,
Wo er die tödliche Wund' einbohr': er aber sich sträubend,
750   Hemmt von der Kehle die Hand, und weicht durch Kräfte der Kraft aus.
So wie der gelbliche Adler im Flug' aufzuckend den Drachen
Trägt durch die Luft und fest mit verschlungenen Klauen umklammert;
Doch die verwundete Schlang', ausweisende Windungen drehend,
Starrt mit gerichteten Schuppen empor und zischendem Munde,
755   Aufwärts bäumend den Hals; nicht weniger drängt er mit krummem
Schnabel die ringende stets und schlägt mit den Schwingen den Äther:
Also trägt siegprangend den Raub aus den Reisigen Tiburs
Tarcho daher. Nachfolgend des Feldherrn glücklichem Vorgang
Stürmt die Mäonierschar. – Jetzt Arruns, fällig dem Schicksal,
760   Siehe, der schnellen Camilla mit Speer voreilend und Arglist,
Schleicht er herum und versucht die gefälligsten Wege des Glückes.
Wo auch immer in Wut das Gewühl durchsprenget die Heldin,
Arruns naht ihr behend' und den Gang in der Stille belauscht er;
Wo die Siegerin kehrt und den Fuß vom Feinde zurückhebt,
765   Weicht der Jüngling geheim, ablenkend die hurtigen Zügel.
Dort nun späht er und dort Zugang, durchwandert den Umkreis
Ringsumher und schwenket die zielende Lanz' unermüdet.

Chlorens, Cybeles Sproß, und weiland Priester der Göttin,
Leuchtete fern einher, von phrygischen Waffen umschimmert,

770   Lenkend das schäumende Roß, den ein starrendes Fell, mit des Erzes
Schuppengeflecht aufbauschend und maschigem Golde bedeckte.
Aber er selbst, vorscheinend im dunkelen Purpur des Auslands,
Pflegt' vom Lycierhorn gortynische Pfeile zu schnellen.
Golden ertönt an der Schulter der Bogen ihm, golden dem Seher
775   Blinket der Helm; auch das Safrangewand und die rauschenden Schöße
Zarten Leins sind in Knoten von rötlichem Golde gebunden;
Bunt ist gestickt ihm der Rock, und die Barbarhülle der Schenkel.
Dem, daß entweder an Tempel die Jungfrau troische Rüstung
Heftete, oder auch selbst mit erobertem Golde gezieret
780   Ginge zur Jagd, dem jetzo allein aus allem Getümmel
Kämpfender folgte sie blind, und unvorsichtig das Heer durch
Stürmte sie, weiblich entbrannt nach Schmuck und prangender Beute,
Bis, da endlich die Zeit erschien, aus der heimlichen Lauer
Warf das Geschoß und laut zu den Oberen betete Arruns:

785  

Schutz des geweihten Soracte, der Ewigen höchster, Apollo,
Den wir zuerst anflehn, dem fichtener Brand in dem Stapel
Flammt und dem im Vertrauen der Frömmigkeit mitten durch Feuer
Auf viel glühende Kohlen wir Dienenden setzen den Fußtritt!
Laß, allmächtiger Vater, durch unsere Waffen getilgt sein

790   Dies Scheusal! Nicht Hüllen, noch Siegsdenkmal der verdrängten
Jungfrau fordr' ich, noch einigen Raub. Mir schaffe nur künftig
Ehre mein Arm. Fällt dies unselige Scheusal von meiner
Wunde gezähmt, gern kehr' ich zu heimischen Städten auch ruhmlos.

Phöbus vernahm das Gebet, und ein Teil des Erfleheten gab er,

795   Willigen Sinns, ein Teil verstreut' er in atmende Lüfte:
Daß unversehns er streckte zum Tod die verwirrte Camilla,
Giebt er dem flehenden zu, Rückkehr in die herrliche Heimat
Gönnt' er ihm nicht, und den Wunsch verwehete stürmender Südwind.

Jetzt, da geschnellt aus der Hand durch die Luft hersauste der Wurfspieß,

800   Richteten aufmerksam sie den Geist und wandten die Augen
Alle zur Fürstin, die Volsker. Sie selbst war weder des Luftzugs
Eingedenk noch des Schalls und des hochher kommenden Speeres;
Bis das Geschoß anlangend hinein in die offene Brust ihr
Drang, und tief sich berauscht' im Erguß jungfräulichen Blutes.
805   Bange Gefährtinnen beben heran, und die sinkende Herrin
Fangen sie auf. Es entflieht der vor allen erschrockene Arruns,
Ganz von Fröhlichkeit wallend und Furcht; nicht fürder dem Wurfspieß
Wagt er zu traun, noch entgegen zu gehn den Geschossen der Jungfrau.
Und so wie jener, bevor ihn feindliche Speere verfolgen,
810   Ohne Verzug abwegs in die Höhn der Gebirge sich rettet,
Gleich nach des Hirten Ermordung, der Wolf, und des weidlichen Stieres,
Seiner verwegenen That sich bewußt, und unter den Bauch hin
Schmieget von Angst den Schweif und bergende Waldungen aufsucht:
Weniger nicht aus den Augen verwirrt enteilete Arruns
815   Und in gestrengeter Flucht vermischt' er sich unter die Waffen.

Sie mit der Hand zieht sterbend den Wurfspieß; doch im Gebeine
Steckt die eiserne Spitz' an den Rippen ihr, tief in der Wunde.
Blutlos gleitet sie hin; und im Tod' hingleitend erstarret
Ihr das Aug', es verblüht die purpurne Röte im Antlitz.

820   Schwach aufatmend zur Acca nunmehr, der Gespielinnen einer,
Redet sie, welche getreu vor anderen war der Camilla,
Der sie beständig ihr Herz mitteilete; also beginnt sie:

So weit, trauteste Acca, mein Thun! Jetzt raubt mir die bittre
Wunde die Kraft, und geschwärzt wird ringsum alles von Dunkel.

825   Eile hinweg und verkünde die Abschiedsworte dem Turnus:
Er nun trage den Kampf und schütze die Stadt vor den Troern.
Lebe denn wohl! – Mit den Worten zugleich loslassend die Zügeln
Sank sie unfreiwillig zur Erd' ab. Jetzo erkaltend
Ward jedweden Gelenkes gemach sie entbunden und neigte
830   Nacken und Haupt ohnmächtig zum Tod', hinsenkend die Waffen,
Und mit Seufzen entflieht ihr zürnender Geist zu den Schatten.
Doch nun steigt unermeßlich der Kriegsausruf zu den goldnen
Sternen empor; roh stürmt nach dem Fall der Camilla die Feldschlacht.
Ringsher rennen gedrängt die sämtlichen Dardanervölker,
835   Und die tyrrhenischen Mächt', und Euanders Arkaderscharen.

Aber es sitzt vorlängst der Trivia Wächterin, Opis,
Hoch auf dem Gipfel des Berges und späht unerschrocken die Kämpfe.
Als nun fern in der laut umtobenden Jünglinge Aufruhr
Sie dem bitteren Tode verfallen sah die Camilla,

840   Seufzte sie auf und erhob aus innerstem Busen die Worte:

Wehe, zu sehr, Jungfrau, ja zu sehr grausame Bestrafung
Duldest du drob, weil Troer mit Krieg zu bekämpfen du wagtest!
Nicht, daß in wildem Gehölz einsam du gedient der Diana,
Frommte dir, noch daß die Schulter mit unserem Köcher geschmückt war.

845   Doch nicht ganz ungeehrt ließ deine Gebieterin jetzo
Dich in der äußersten Stund', und nicht ungenannt bei den Völkern
Bleibt dein Tod, nicht trägst du den Ruf ungerochenen Falles!
Denn wer dir auch immer den Leib mit der Wunde verletzt hat,
Büßt durch schuldigen Tod! – Dort ragt am luftigen Berge
850   Hoch des Dercennus Grab aus geschütteter Erde, des Königs
Altlaurentischer Zeit, von Stacheleichen umdunkelt.
Dorthin schwingt sich zuerst die an Reiz holdselige Göttin
Ungestüm und beachtet vom ragenden Hügel den Arruns.
Als ihn glänzend in Waffen sie sah und geschwollen von Dünkel:

855  

Warum gehst du mir, sprach sie, beiseit? Hier wende den Schritt her!
Komm, du Geweihter dem Tod' und würdigen Lohn der Camilla
Hole dir! Du auch sollst vom Geschoß der Diana vertilgt sein!

Sprach's und dem goldenen Köcher enthob die thracische Jungfrau
Einen geflügelten Pfeil und spannte das Horn in Erbittrung;

860   Lang dann zog sie den Bogen, bis ungekrümmt aneinander
Gingen die Knäuf', und sie jetzt die gerichteten Hände genähert
Links der Schärfe des Stahls und rechts mit der Senne dem Busen.
Stracks, wie des Pfeiles Geschwirr, so den hell ansausenden Luftzug
Hörte zugleich Arruns, und es haftet der Stahl in dem Leibe.
865   Ihn, der die Seele verhaucht' und zuletzt aufröchelte, ließen
Dort die vergessenden Freund' in dem Fremdlingsstaub des Gefildes.
Opis mit Fittigen eilt zu dem ätherhellen Olympus.

Eilig entflieht, nach der Fürstin Verlust, das Geschwader Camillas;
Rutuler fliehn durcheinander, es flieht der beherzte Atinas,

870   Rings zerstreuete Führer und rings vereinsamte Fähnlein
Suchen ihr Heil und sprengen, die Rosse gewandt, zu den Mauern.
Niemand, der die Verfolgung der Tod hertragenden Teucrer
Aufzuhalten vermag mit Gewehr, noch zu stehen dawider,
Sondern entspannt trägt alles an lässiger Schulter den Bogen;
875   Malmend zerstampfet das Feld mit gevierteltem Laufe der Hufschlag.
Finster wallt zu der Stadt in schwarz aufstürmenden Wirbeln
Staub, und umher auf den Warten zerschlagen die Brust sich die Mütter,
Weibliches Angstgeschrei zu den himmlischen Sternen erhebend.
Welche zuerst aus der Flucht in die offenen Thore sich stürzten,
880   Die noch drängt in vermischtem Gewühl der feindliche Heerzug;
Nicht dem kläglichen Tod' entrinnen sie; selbst an der Schwelle,
Selbst in der Vaterstadt und im sicheren Schutze der Häuser
Niedergebohrt, verhaucht man den Geist. Teils schließt man die Thore;
Nicht den Genossen zu öffnen den Weg, noch ins Innere wagt man
885   Sie zu empfahn, die da flehn: ein erbärmliches Morden erhebt sich,
Dort abwehrender, hier anstürzender Freund', um den Zugang.
Ausgesperrt von dem Blick und dem thränenden Antlitz der Eltern,
Rollt ein Teil in die Gräben, da fürchterlich drängt die Vertilgung,
Häuptlings hinab; teils blind mit verhängtem Zügel sich stürzend
890   Donnert man gegen die Thor' und die stark verriegelten Pfosten.
Selber die Fraun, da vom Wall sie im heißesten Kampfe Camilla
Sahen (es leitete sie wahrhaftige Liebe zur Heimat),
Warfen Geschoss' angstvoll aus der Hand; mit gediegenen Holzes
Keulen den Stahl nachahmend und vorgebrenneten Pfählen,
895   Stürzen sie her und zuerst für die Stadt zu sterben erglühn sie.

Aber den Turnus indes in den Waldungen füllt des Entsetzens
Kund', es empört ihn Acca mit unermeßlichem Aufruhr:
Weg sei das Heer der Volsker getilgt und gefallen Camilla;
Voll an tob' in Erbittrung der Feind, und mit siegender Obmacht

900   Hab' er sich alles gerafft; schon dringe die Furcht zu den Mauern.
Jener in Wut (auch fordert es so Zeus grausamer Ratschluß)
Eilt von den Höhn, wo er stand, und ließ den wildernden Bergforst,
Kaum aus dem Anblick war er entfernt und deckte das Blachfeld,
Als Äneas der Held in die Schlucht eintrat ungehindert,
905   Über den Berg sich erhob und aus dunkeler Waldung hervorging.
Also streben sie beide zur Stadt mit dem sämtlichen Heerzug,
Stürmischer Eil', und sie trennt nur mäßiger Raum von einander.
Aber sobald Äneas von Staub' aufdampfen die Felder
Ferne gesehn, und den Zug der Laurentiner erblicket,
910   Und auch Turnus in Waffen erkannt den grimmen Äneas,
Und annahende Tritt' und schnaubende Rosse gehöret:
Gleich in den Kampf wohl gingen sie ein und versuchten die Feldschlacht;
Wenn nicht der rosige Phöbus die Ross' im iberischen Strudel
Kühlte vom Lauf, und die Nacht bei sinkendem Tage heraufstieg.
915   Beide verschanzen sich nahe der Stadt und umpfählen das Lager.
 << Kapitel 22  Kapitel 24 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.