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Vergils Äneide

Vergil: Vergils Äneide - Kapitel 22
Quellenangabe
typeepos
titleÄneis
authorPublius Vergilius Maro
translatorJohann Heinrich Voß
year1875
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
pages1
created20020906
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1799
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Elfter Gesang

Denkmal des erschlagnen Mezentius. Der Leichnam des Pallas wird dem Vater gesandt. Waffenstillstand und Bestattung der Toten. Venulus meldet der Ratsversammlung die Weigerung des Diomedes, und Latinus ist zu Friedensvorschlägen geneigt. Turnus, von Drances gereizt, erbietet sich zum Zweikampf mit Äneas. Auf die Nachricht, daß Äneas anrücke, eilt alles zur Verteidigung. Als Turnus hört, daß die feindliche Reiterei durch die Ebene, und das Fußvolk mit Äneas über die Bergseite vordringe, schickt er jenen die Camilla und den Messapus entgegen, und erwartet selbst den Äneas im Hinterhalt. Diana, welche den Tod ihrer Camilla vorhersieht, sendet als Rächerin die Nymphe Opis. Reiterschlacht. Arruns, der Camilla Mörder, wird von Opis erlegt. Die durch den Verlust der Camilla erschrockenen Rutuler fliehn zur Stadt. Turnus, um zu retten, verläßt den Hinterhalt; Äneas folgt. Weil die Nacht einbricht, verschanzen sich beide vor der Stadt.

              Doch des Oceanus Fluten verließ aufstrahlend Aurora.
Jetzo, wie sehr den Äneas die Unruh drängt, zur Bestattung
Zeit den Genossen zu leihn, und verwirrt von Trauer das Herz ist,
Löst er, da Lucifer blinkt, siegreich die Gelübde der Götter.

5  

Eine gewaltige Eiche, nach rings enthauenen Ästen,
Stellt er dem Hügel empor und umhüllt sie mit strahlender Rüstung,
Die Mezentius trug, Heerfürst: dir, Großer, ein Siegsmal,
Herrscher des Streits! Dort fügt er des Helms bluttauige Büsche,
Dort die zerbrochenen Speere des Mannes und den Harnisch, den zwölfmal

10   Traf und durchbohrte der Stahl; an die Link' ihm hängt er den Erzschild
Und an den Hals sein Schwert in elfenbeinerner Scheide.
Dann die Genossen umher, denn gedrängt umschloß ihn der Führer
Sämtliche Schar, ermahnt er, die freudigen, also beginnend:

Herrliche That ist, Männer, vollbracht; fern sei für die Zukunft

15   Alle Furcht; hier sind die Geschmeid', und des stolzesten Königs
Erstlinge; was mein Arm aus Mezentius macht', das erscheint hier.
Nun zu dem Könige geht's und der Königsstadt der Latiner.
Rüstet die Waffen im Geist und voraus führt Krieg in der Hoffnung:
Daß Unkundige nicht, wann zuerst die Paniere zu heben
20   Winkt der Götter Befehl, und ins Feld zu führen die Jugend,
Säumnis hemm', und träger Entschluß aufhalte mit Zagheit.
Unsre Genossen indes und die unbestatteten Leiber
Laßt uns der Erde vertraun, was allein im Acheron Ehr' ist.
Auf, und den biederen Seelen, die uns mit eigenem Blute
25   Hier heimatlichen Boden erkämpft, weiht ihnen das letzte
Ehrengeschenk! Vor allem zur traurigen Stadt des Euander
Werd' jetzt Pallas gebracht, den, nimmer der Tugend entbehrend,
Raubte der dunkele Tag und unreif senkt' in die Grube.

Also sagt er mit Thränen und kehrt zu der Schwelle den Fußtritt:

30   Wo dem gelagerten Leib des entseeleten Pallas die Obhut
Hielt Acötes der Greis, der dem Arkaderheld Euander
Waffengefährt' einst war; doch nicht mit so glücklicher Vorschau
Wandelt' er nun, zum Begleiter verliehn dem teueren Zögling.
Rings war dienender Freunde Gewühl, und im Schwarme der Troer
35   Ilische Fraun, die das Haar gramvoll nach der Sitte gelöset.
Aber sobald Äneas zur ragenden Pforte hereintrat,
Unermeßliche Klag' erhoben sie zu den Gestirnen,
Schlagend die Brust, daß ganz der Palast vom Trauergetön scholl.
Als er des Pallas Haupt und schneeiges Antlitz gelagert
40   Schauete, und weitoffen im Jünglingsbusen die Wunde
Von dem Ausonierstahl, mit quellender Thräne begann er:

Dich, gramwürdiger Knab', hat dich, da sie fröhlich herankam,
Mir mißgönnt Fortuna, damit nicht unser Gebiet du
Schauetest, noch siegprangend zum Sitz heimführest des Vaters?

45   Nein, nicht solches Versprechen von dir dem Erzeuger Euander
Gab ich Scheidender jüngst, da er mich vor dem Gehen umarmend
Sandte, den Oberbefehl zu empfahn, und warnete sorghaft,
Dort sei'n hitzige Männer, ein hartes Geschlecht zu bekämpfen.
Jener vielleicht auch jetzo getäuscht von nichtiger Hoffnung
50   Fleht mit Gelübden sogar und häuft Altäre mit Gaben.
Wir, du verblichener Jüngling, der nichts mehr himmlischen Göttern
Schuldig ist, wir folgen mit eiteler Ehre dir traurig!
Armer Mann, bald schaust du des Sohns schmerzvolles Begräbnis!
Also kehren wir heim! dies ist der gehoffte Triumphzug!
55   Dies mein heiliges Wort. Doch nicht, Euander, erblickst du
Ihn mit schmählichen Wunden gescheucht; um das Leben des Sohns nicht
Wünschest du gräßlichen Tod, o Vater, dir. Wehe, wie großer
Schutz dem Ausonierland' und dir hinschwindet, Iulus!

Als dies laut er geweint, aufheben den kläglichen Leichnam

60   Heißt er sofort und tausend im Heer erlesene Männer
Sendet er, ihm das Geleit der letzten Ehre zu geben,
Und um die Vaterthränen zu sein: des unendlichen Grames
Schwacher Trost, doch gebührend dem unglückseligen Vater.
Ohne Verzug wird jetzo die weichgeflochtene Bahre
65   Ihm aus eichenem Sprosse gewebt und Arbutusreisig,
Dann das erhöhete Lager umpflanzt mit laubiger Schattung.
Hier auf ländlicher Streu wird hoch er gebettet, der Jüngling
Gleich der lieblichen Blume, gepflückt vom Finger der Jungfrau,
Gleich der sanften Viol' und der schmachtenden Blum' Hyacinthus,
70   Der noch nicht ihr Glanz und die eigene Bildung entflohn ist;
Nicht mehr mütterlich nährt sie die Erd' und bietet ihr Labsal.
Dann zwei Feiergewande, von Gold umstarret und Purpur,
Trug Äneas hervor, die jenem, fröhlich der Arbeit,
Selbst mit eigenen Händen vordem die Sidonerin Dido
75   Hatte gewebt, und köstlich mit goldenem Drahte durchwirket.
Traurig hüllt er das eine zur letzten Ehr' um den Jüngling,
Und umschleiert mit jenem die bald auflodernden Locken.
Viel der Preise sodann aus der laurentinischen Feldschlacht
Häuft er und läßt aufführen in langem Zuge den Siegsraub,
80   Ross' auch fügt er und Waffen hinzu, die vom Feind' er erbeutet.
Rückwärts band er die Hände den Jünglingen, die er den Schatten
Weihte zur Sühn', um die Flamme mit Opferblut zu besprengen.
Auch umzogene Stangen mit feindlichen Rüstungen heißt er
Selbst vortragen die Führer und heften besiegete Namen.
85   Ihn auch führt man, den armen, den abgelebten Acötes;
Jetzt mit Fäusten entstellt er die Brust, und die Wange mit Nägeln,
Wirft sich sodann vorwärts mit ganzem Leib' auf die Erde.
Wagen auch führt man daher, mit Rutulerblute besprenget.
Hinten das streitbare Roß, des Geschmucks entlediget, Aethon,
90   Thränend folgt's und netzet mit großen Tropfen das Antlitz.
Andere tragen die Lanz' und den Helm, denn das übrige raubt' ihm
Turnus im Kampf. Dann folgen in traurigem Zuge die Teucrer
Und die Tyrrhener gesamt, und Arkader, wendend die Waffen.
Als schon ferne gezogen die sämtliche Schar der Begleiter,
95   Still nun stand Äneas und tief aufseufzend begann er:

Weg zu anderen Thränen entruft uns jetzo des Krieges
Jammergeschick. Sei ewig gegrüßt mir, herrlicher Pallas,
Lebe mir wohl auf ewig! – Nicht weiteres sprach er und heimwärts
Kehrt er zum ragenden Wall und wandte den Schritt in das Lager.

100  

Jetzo nahn Botschafter heran von der Stadt der Latiner,
Bergend die Händ' in Olivengezweig' und flehend um Gnade:
Daß er die Leichen umher, die der Stahl in die Felder gestreuet,
Wiedergeb' und vergönne gehügelter Erde Bedeckung;
Nicht sei gegen Besiegte noch Kampf und des Lichtes Beraubte;

105   Schonung verdiene, wer einst Gastfreund und Schwäher genannt ward.

Doch der erhabne Äneas gewährete Gnade der Männer
Unverächtlichem Flehn und fügte das Wort zu der Wohlthat:

Welch unwürdiges Los hat euch, o Latiner, in solchen
Krieg verstrickt, daß ihr meidet, mit uns zu leben in Freundschaft?

110   Frieden nunmehr den Entseelten, die Mars hinwarf in das Schlachtfeld,
Heischt ihr von mir? Ich möchte den Lebenden auch ihn gewähren.
Niemals kam ich, verlieh nicht Ort und Wohnung das Schicksal,
Nicht mit dem Volk' auch führ' ich den Streit: der König allein brach
Unseren Bund und vertraute sein Heil den Waffen des Turnus.
115   Billiger war's, daß Turnus sich diesem Tode gestellet.
Wenn ja den Krieg zu enden mit Macht, wenn zu schlagen die Troer
Jener gedenkt, dann ziemte, mit mir zu versuchen die Rüstung.
Lebend wäre, wem Leben ein Himmlischer oder sein Arm gab.
Geht nun, unterzulegen die Glut unglücklichen Bürgern.

120  

Also sprach Äneas; erstaunt dort schwiegen sie alle,
Und aufeinander gewandt rings hielten sie Augen und Antlitz.
Jetzo Drances der Greis, der stets mit Eifer und Vorwurf
Turnus entgegenstrebte, dem Jünglinge; dieser erhub jetzt
Also das Wort: O großer durch Ruf, weit größer durch Waffen,

125   Wie soll, troischer Mann, dich heben mein Lob zu dem Himmel?
Soll der Gerechtigkeit mehr ich erstaunt sein, oder der Kriegsthat?
Dankbar gehen wir dies in der Vaterstadt zu verkünden;
Und so das Glück uns leitet, vereinigen wir dem Latinus,
Unserem Könige, dich. Dann suche sich Bündnisse Turnus,
130   Ja auch die Schicksalsmauern emporzutürmen erfreut uns,
Und mit den Schultern zu tragen die Marmorblöcke für Troja.

Drances sprachs, und von allen erfolgt' einhelliges Murmeln.
Zwölf sind der Tage bestimmt; in dem Schutz des vermittelnden Friedens
Schweifen die Troer zugleich und ungestraft die Latiner

135   Durch des Gebirgs Waldhöhn. Es erschallt von der Äxte Verwundung
Dort die Esch', hier wühlt man erhabene Fichten vom Grund aus,
Eichengehölz mit dem Keil und die duftige Ceder zu spalten,
Rastet man nicht: laut knarret von stämmigen Ornen die Lastfuhr.

Fama im Fluge nunmehr, Vorbotin des schrecklichen Jammers,

140   Füllt dem Euander das Herz, füllt Wohnung und Stadt dem Euander,
Welche noch jüngst als Sieger durch Latium nannte den Pallas.
Arkader eilen zum Thor und raffen sich Totenfackeln
Nach uraltem Gebrauch. Schon leuchtet der Weg von dem langen
Flammenzug' und streifet mit fernem Glanze die Äcker.
145   Und der begegnende Schwarm der Phrygier mischt das empörte
Trauergefolg'. Als dieses den Wohnungen nahe die Mütter
Schaueten, jetzt in Klag' und Geschrei entbrannte die Stadt rings.
Doch den Euander vermag nun keine Gewalt zu bezähmen,
Sondern er dringt in die Meng' und wirft, da die Bahre gesetzt ward,
150   Sich auf Pallas und haftet an ihm mit Thränen und Seufzern;
Und kaum endlich gewährt Ausgang dem Worte die Wehmut:

Hattest du nicht, mein Pallas, so fest verheißen dem Vater,
Daß du behutsamer wolltest dem grausamen Mars dich vertrauen?
Ach, ich wußte zu wohl, was neuer Ruhm in den Waffen,

155   Was so schmeichelnde Zier im ersten Kampfe vermöchte!
Klägliche Erstlingsfrucht des Jünglinges! traurige Waffen-
Schule des Nachbarnkriegs! und, was kein Himmlischer hörte,
All' mein Flehn und Geloben! O du, ehrwürdige Gattin,
Selige, weil du entschliefst und nicht dies Leiden erlebtest!
160   Überlebt hab' ich mein eigenes Ziel, ein verlassner,
Ausgestorbener Vater! O folgt' ich dem troischen Bundskrieg;
Rutuler deckten mich selbst mit Geschoß! selbst haucht' ich die Seel' aus,
Und mich führete heim, nicht Pallas, dieses Gepräng' hier!
Nicht euch geb' ich, o Teucrer, die Schuld, nicht euerem Bündnis,
165   Nicht den gewechselten Händen des Gastrechts! Jenes Geschick war
Unserem Alter bestimmt! Wofern frühzeitiger Tod denn
Harrte des Sohns, Trost war's, wenn, über erschlagener Volsker
Tausende führend die Teucrer in Latium, jener dahinsank!
Ja nicht anderer Ehre kann ich dich würdigen, Pallas,
170   Als der fromme Äneas und als die erhabenen Phryger,
Und die tyrrhenischen Fürsten und ganz die tuskische Kriegsmacht!
Siegsdenkmal sind alle, so viel du strecktest dem Tode.
Du auch ständest anjetzt ein gewaltiger Stumpf in der Rüstung,
Wenn gleich wären die Jahr' und die selbige Kraft von dem Alter,
175   Turnus! Doch ach! was entzieh' ich die Dardaner länger den Waffen?
Geht und bedenkt dies Wort zu verkündigen euerem König:
Daß ich, da Pallas hinsank, das gehässige Leben noch friste,
Macht dein rächender Arm, der dem Sohn und dem Vater den Turnus
Schuldig ist, wie du schaust. Frei bleibt nur zu solcherlei Wohlthat
180   Dir und dem Glücke der Raum. Nicht Freude ja such' ich des Lebens;
Nicht doch, sondern dem Sohn sie hinabzubringen zum Orkus!

Aber Aurora erhob den elenden Sterblichen östlich
Ihr allsegnendes Licht, um Geschäft zu erneuen und Arbeit.
Vater Äneas nunmehr und Tarcho häuften am Meerstrand

185   Scheiter empor, worauf sie die Leichname, jeder der Seinen,
Trugen nach heimischem Brauch; und sobald schwarzdampfendes Feuer
Aufstieg, hüllt sich in Dunkel der dicht umnachtete Himmel.
Dreimal rings um den Brand, mit leuchtenden Waffen gegürtet,
Liefen die Männer zu Fuß, dreimal um die traurigen Scheiter
190   Kreiseten jene zu Roß, und jammerndes Klagegeheul stieg.
Feucht ward unter den Thränen das Land, feucht wurden die Waffen.
Himmelempor dringt Männergeschrei und Klang der Trompeten.
Andere werfen sodann in die Glut der erschlagnen Latiner
Abgerissenen Raub, Erzhelm' und prangende Schwerter,
195   Zäum' und rasselnde Räder zugleich, teils trauliche Schenkung,
Selbstgetragene Schild' und nicht glückselige Waffen.
Viel auch werden der Stier' umher geopfert dem Tode;
Borstige Eber zugleich und geraubete Schaf' aus den Äckern
Ringsum werden gewürgt in die Glut. Am ganzen Gestade
200   Schaun sie die brennenden Freund' und die halbverloderte Asche
Hüten sie, und nichts treibt sie davon, bis die tauige Nacht nun
Umgedreht den mit hellem Gestirn besäeten Himmel.

Auch auf der anderen Seite die wehmutsvollen Latiner
Baun unzählbare Totengerüst', und der Leichname viele

205   Gräbt man teils, wo sie sanken, ins Land, teils fährt man hinweg sie
Auf angrenzende Äcker und sendet sie teils in die Heimat.
Dann den übrigen Schwarm des verwirreten Mordes gestapelt
Sonder Zahl und Ehre verbrennen sie. Weit in der Gegend
Leuchten empor um die Wette von häufigen Flammen die Äcker.

210  

Dreimal fernte das Licht den kühlenden Schatten vom Himmel.
Traurig nunmehr die Aschen des Brands und verwirrte Gebeine
Wühlen sie auf und erheben von laulicher Erde den Hügel.

Jetzt durch die Wohnungen herrscht in der Stadt des reichen Latinus
Überlaut das Getös', und zumeist des dauernden Jammers.

215   Mütter umher und Schnüre voll Gram und zärtlicher Schwestern
Trauriges Herz, und Kinder beraubt der liebenden Eltern,
Fluchen dem gräßlichen Krieg und der Brautbewerbung des Turnus;
Selbst ja müss' er mit Waffen, er selbst mit dem Stahl es entscheiden,
Der die erhabenste Ehre verlang' und Italias Herrschaft.
220   Lastender wird durch Drances der Haß: er allein sei gefordert,
Zeuget er, Turnus allein sei gerufen zum Kampf der Entscheidung.
Vielfach strebt dagegen mit mancherlei Rede für Turnus
Anderer Sinn und ihn schützet der Königin mächtiger Name;
Vielfach stützt ihn der Ruhm mit der Siegsdenkmale Verdiensten.

225  

Weil so schwoll die Bewegung, und hell entbrannte der Aufruhr,
Siehe betrübt nunmehr von der Königsstadt Diomedes
Bringen die Boten Bescheid: gar nichts sei gewonnen mit allem
Aufwand' eifriger Müh, nicht Gab' und goldenes Kleinod
Fruchte, noch dringendes Flehn, nach anderen Waffen umherschaun

230   Müsse man, oder den Frieden vom troischen Könige handeln.
Selbst, vom Kummer betäubt, verzagt der König Latinus.
Daß mit deutlicher Macht den Äneas leite das Schicksal,
Mahnt ihn der Ewigen Zorn und die frisch herscheinenden Gräber.
Drum die große Versammlung des Rats, und die ersten der Seinen,
235   Ruft er durch Oberbefehl zum stattlichen Saal des Palastes.
Jene gedrängt nun strömen zur Königeswohnung in vollen
Straßen daher. Schon sitzet im Kreis, vorragend an Alter,
Und an dem Scepter der Macht mit trauriger Stirne Latinus.
Jetzt die Gesandten, die heim vom ätolischen Reiche gekehret,
240   Heißt er verkündigen, was sie gebracht, und verlanget die Antwort
Ganz in der Folg' und genau. Nun ward Stillschweigen geordnet;
Venulus aber gehorchte dem Wort und redete also:

Bürger, wir sahn Diomedes, wir sahn die argivische Heerstadt,
Und durchmessend den Weg besiegten wir jeglichen Zufall,

245   Ja wir berührten die Hand, die Ilions Veste zerstörte.
Siegreich baut' er die Stadt Argyripa, seinem Geburtsland
Gleichbenamt, in der Flur des Japygerbergs Garganus.
Als wir hineingetreten und jetzt Anrede vergönnt ward,
Boten wir unsre Geschenk' und meldeten Namen und Heimat,
250   Wer mit Kriege genaht, was uns gen Arpi genötigt.
Jener vernahm und sagte darauf mit ruhigem Antlitz:
O glückselige Völker, o goldenes Reich des Saturnus,
Alter Ausonierstamm, welch Schicksal stört doch des Friedens
Segnungen euch und ermahnt unsicheren Streit zu versuchen?
255   Alle wir, welche mit Stahl einst Ilions Äcker verödet,
(Schweig' ich davon, was gekostet der Streit an den türmenden Mauern,
Was für Männer der Simois deckt!) mit unnennbarem Elend
Büßten wir alle die Schuld der Versündigung weit durch den Erdkreis,
Mitleidswürdig dem Priamus selbst! Das weiß der Minerva
260   Unstern und das Euböergeklipp und der Rächer Caphereus!
Fern aus dem Feldzug warf an entlegene Strande die Irrfahrt,
Atreus Sohn Menelaus bis ganz zu den Enden des Proteus
Und an den Ätna, zu schaun das Cyklopengeschlecht, den Ulixes.
Nicht Neoptolemus Reich, noch Idomeneus wandernde Götter,
265   Nenn' ich euch und die Locrer, am libyschen Strande gesiedelt.
Selbst der mycenische Held, Heerfürst der erhabnen Achiver,
Fand durch der Gattin Verrat, der entsetzlichen, selbst an der Schwelle
Meuchelmord; auf den Sieger von Asia lauerte der Buhler.
Daß mir die Götter mißgönnt, zur heimischen Argos gekehret,
270   Froh die Gemahlin zu schaun und Calydons lieblichen Anblick!
Jetzo sogar noch folgen Erscheinungen schrecklicher Wunder;
Und die verlorenen Freunde mit Fittigen schwebten zum Äther,
Und als Vögel umschweifen sie Ström', (ach meiner Geliebten
Gräßliche Qual!) und erfüllen mit weinender Klage die Felsen.
275   Konnt' ich ja doch dies alles von jenem Tage voraussehn,
Als ich rasender Mann mit dem Stahl auf himmlische Leiber
Eindrang und der Cythere die Hand mit der Wunde verletzte.
Nein fürwahr, nicht treibt mich hinfort zu solcherlei Kämpfen.
Weder ist irgend ein Streit, da Pergamos sank, mit den Teucrern
280   Überig mir, noch gedenk' ich mit Lust der vergangenen Leiden.
Was ihr mir zum Geschenk hertragt aus dem Lande der Väter,
Reicht dem Äneas vielmehr. Wir wechselten Schärfe mit Schärfe
Und wir gesellten die Hand. Dem Erfahrenen glaubt, wie gewaltig
Er mit dem Schild' aufsteigt, wie im Sturm er die Lanze daherschwingt!
285   Wenn zwei ähnliche Männer mit ihm das idäische Land noch
Hätte gezeugt, selbst kamen zu Inachus Städten mit Kriegsmacht
Dardaner, und, umtauschend die Schicksale, trauerten Grajer
Was auch dort vor der Veste der harten Troja gesäumt ward,
Immer an Hektors Arm und Äneas stockte des Grajers
290   Sieg, und wandte den Schritt, bis zum zehnten Jahre verspätet,
Beide durch Mut, und beide durch tapfere Waffen verherrlicht,
Dieser von frömmerem Sinn. Fügt friedliche Hände zum Bündnis,
Weil ihr es könnt; doch den Waffen begegnende Waffen vermeidet!
Dies, o trefflichster Fürst, ist des Königs Erwiderung. Selber
295   Hast du gehört, was er von dem großen Kriege geurteilt.

So der Gesandten Bericht; da durchlief vielfaches Gemurmel
Schnell der Ausonier Lippen verwirrt: wie wenn Felsen den Absturz
Hemmen dem reißenden Strom, aufbraust der verschlossene Strudel,
Und die benachbarten Borde von rauschenden Wallungen murmeln.

300   Als, nach gestilletem Mut, sich die ängstlichen Lippen beruhigt,
Rief der König die Götter und sprach vom erhabenen Throne:

Daß wir zuvor abwogen des Reichs Wohlfahrt, o Latiner,
Wünscht' ich, und heilsamer war's, als solcherlei Zeit zu erwarten
Für die Versammlung des Rats, da der Feind an den Mauern sich lagert.

305   Unausgänglichen Krieg mit unbesiegbaren Männern
Führen wir, Bürger, mit Göttergeschlecht; das weder ermüdet
Wird durch Kampf, noch selber besiegt abläßt von dem Eisen.
Habt ihr Hoffnung gesetzt auf ätolische Waffen, entsagt ihr;
Hoffnung ist jeder sich selbst; allein, ihr seht sie, wie dürftig.
310   Welch ein vertilgender Sturz das übrige alles zerschmettert,
Liegt vor den Augen euch selbst und fühlbar unter den Händen.
Angeklagt sei keiner. Wie viel nur an Tapferkeit dasein
Konnte, das war: man kämpfte mit jeglicher Nerve des Reiches.
Auf nun, welch ein Gedank' in der zweifelnden Seele mir aufstieg,
315   Will ich vertraun und mit kurzem (gewährt Aufmerksamkeit) kundthun.
Mir ist ein altes Gefilde, dem tuskischen Strome benachbart,
Lang gen Abend gedehnt, bis über die Flur der Sicanen.
Rutuler sän und Auruncer das Feld und zähmen der Hügel
Harten Grund mit dem Pflug, die Gestrüppichte werden beweidet.
320   Jener ganze Bezirk und der Berghöhn fichtene Waldung
Komm' als Freundesgeschenk an die Dardaner; billig geordnet
Werde der Bundesvertrag und Teil verliehen des Reiches.
Wohnen sie hier, wenn's also beliebt, und gründen sich Mauern.
Doch wenn andere Grenzen und anderes Volk zu erwählen
325   Ihnen gefällt und zu weichen aus unserem Lande vergönnt ist;
Wollen wir zwanzig Schiff' aus italischem Holze bereiten,
Oder wo mehr man zu füllen vermag. Was nötig zum Bau ist,
Liegt an dem Strande genug; selbst laß sie bestimmen der Schiffe
Zahl und Maß; wir geben das Erz und die Händ' und den Stapel.
330   Dann zu bringen das Wort und den Bund zu befestigen rat' ich:
Hundert Frohnbotschafter vom ersten Geschlecht der Latiner
Heiße man gehn und reichen das Friedenslaub in den Händen,
Tragend Geschenk, des Goldes und Elfenbeines Talente,
Auch den Stuhl und den Mantel, die Kleinod' unseres Reiches.
335   Ratet gemeinsames Wohl und helft dem zerrütteten Lande.

Drances darauf, stets noch der erbitterte, welchen des Turnus
Ehre mit scheelem Neid' aufregt' und stachelndem Ingrimm:
Reich an Hab' und der Zunge Gewalt, doch weniger feurig
Kämpfte der Arm, in dem Rate von unverächtlichem Ansehn,

340   Durch Aufwiegelung stark, der Zeugerin edele Herkunft
Gab ihm ein stolzes Geschlecht, ein dunkeles trug er vom Vater.
Auf stand dieser und häufte belastenden Groll mit den Worten:

Nichts, das rätselhaft ist, und unserer Deutung ermangelt,
Forschest du, redlicher Fürst. Sie alle gestehn es zu wissen,

345   Was das Geschick verlange des Volks; nur reden sie kleinlaut.
Freiheit geb' er zu sprechen einmal und entsteige dem Hochmut,
Er, des linkem Betragen und ungesegnetem Anfang
(Sagen will ich's, und mög' er auch Tod und Waffen mir androhn!)
Manches Licht der Gebieter erlosch, und, so weit wir umherschaun,
350   Sank in Trauer die Stadt; indem er das troische Lager
Angreift, fertig zur Flucht und den Himmel erschreckt mit Befehdung.
Eins noch zu jenen Geschenken, den reichlichen, die du den Troern
Darzubringen gebeutst, noch eins, o der Könige bester,
Füge hinzu, und es hemme dein Herz kein stürmischer Trotzer,
355   Daß du die Tochter zur Braut dem wohlverdienenden Eidam,
Vater, gewährst und den Frieden durch ewiges Bündnis befestigst.
Doch wenn so mächtiger Schreck uns Sinn' und Herzen bemeistert,
Laßt uns ihn selbst anrufen und Gnad' erflehn von ihm selber:
Weich' er und räume sein Recht dem Vaterland und dem König.
360   Warum stellst du so oft unglücklichen Bürger der offnen
Todesgefahr, Urheber und Quell von Latiums Jammer?
Nicht ist Heil in dem Krieg', um Frieden nur flehn wir gesamt dir,
Turnus, zugleich um das Pfand, das allein uns Frieden versichert!
Schau, ich zuerst, den als Feind du dir vorbildest, (und wär' ich's,
365   Was denn mehr?) demütig beschwör' ich dich: Schone der deinen!
Zähme den Trotz, geschlagen zieh ab! Wir Geschlagenen sahn schon
Leichen genug und verheerten so unabsehliche Felder.
Oder, wenn Ruhm dich bewegt, wenn so viel Kraft in dem Busen
Fassen du kannst, wenn so heftig dem Brautpalaste du nachgierst;
370   Wag' es und biete dem Feinde getrost andringend die Brust dar!
Traun, damit sich Turnus die Königestochter vermähle,
Sollen wir niedrigen Seelen, ein Schwarm, unbeweint, unbeerdigt
Liegen im Felde gestreckt! Wohlauf du, wenn du noch Kraft hast,
Wenn noch Herz, wie die Väter vordem, schau jenem ins Antlitz,
375   Welcher dich ruft!

Solcherlei Reden entbrennt die gewaltsame Seele des Turnus;
Tief auf seufzt er und ringt aus dem innersten Busen die Worte:

Reich zwar fließt, o Drances, dir stets der Beredsamkeit Ader
Dann, wann Hände verlanget der Krieg, und zur Väterversammlung

380   Kommst du zuerst. Doch nicht sei gefüllt mit Worten der Ratssaal,
Welche du sicherer groß herstreust; da der Mauern Umschanzung
Noch abwehret den Feind, und in Blut nicht wogen die Graben.
Donnre mit Rede nur fort, wie du pflegst, und schuldige mich du,
Drances, der Furcht: dieweil so viel Mordhaufen erschlagner
385   Dardaner schuf dein Arm, und mit Siegsdenkmalen du ringsum
Alle Gefilde verschönst! Was stürmische Tapferkeit könne,
Gleich ist die Probe gemacht! Nicht fern sind wahrlich die Feinde
Aufzusuchen von uns, ringsher umstehn sie die Mauern!
Laß uns gerad' angehn! Was zauderst du? Soll denn der Kriegsmut
390   Nur auf der windigen Zung' und in jenen geflügelten Schenkeln
Immer dir sein?
Was, ich verjagt? Mag einer mit Fug, o du Schnöder, verjagt mich
Schelten, der sieht, wie geschwollen von ilischem Blute der Thybris
Aufwogt, und dem Euander das ganze Geschlecht mit dem Stamme
395   Niedersank, und entblößt die Arkader lagen der Rüstung?
Nicht fand Bitias mich, noch der mächtige Pandarus, also,
Und die ich Sieger des Tags zahllos in den Tartarus sandte,
Eingehegt von den Mauern, umzäunt von der feindlichen Schanze.
Nicht ist Heil in dem Krieg! Dem dardanischen Haupte verkünde
400   Solches, o Thor, und deinem Geschäft! Nur weiter und rastlos
Alles mit Grauen verwirrt! nur erhöht die Kräfte des zweimal
Unterjochten Geschlechts und erniedrigt die Macht des Latinus!
Nun schreckt Phrygierwehr auch myrmidonische Kämpfer,
Nun auch des Tydeus Sohn und den Larissäer Achilles,
405   Und von den Adriafluten zurück strömt Aufidus angstvoll!
Ja wenn er bange sogar vor meinen Verweisen sich anstellt,
Der nachkünstelnde Schalk und mit Furcht die Beschuldigung mehret.
Nie wird solcherlei Seele von diesem Arm (o erschrick nicht!)
Dir entwandt; sie wohne bei dir, und genieße des Herzens!

410  

Jetzt, o Vater, zu dir und deinem erhabenen Vortrag.
Wenn nicht Hoffnung hinfort in unsere Waffen du setzest,
Wenn so verlassen wir sind, und des Heers einmaliger Rückzug
Völlig zu Boden uns warf, und das Glück nie wieder sich wendet:
Laßt uns Frieden erflehn und wehrlos strecken die Hände.

415   Zwar o wenn nur etwas der vorigen Tapferkeit wäre!
Der ist mir vor allen ein hochbeglückter in Arbeit
Und vorragend an Mut, der, um nicht solches zu schauen,
Lieber dem Tod hinsank und den Staub mit den Zähnen zerknirschte!
Doch wenn Macht auch uns, und bisher ungetroffene Jugend,
420   Wenn uns helfende Völker und Italerstädte zurück sind,
Doch wenn auch dem Trojaner mit vielem Blute der Siegsruhm
Kam, wenn Leichen auch ihm aufloderten, und uns gemeinsam
Warf der Orkan: warum denn entsinkt unrühmlich im Anfang
Plötzlich der Mut? was erbebt, eh' hallt die Trompete, das Herz uns?
425   Oftmals lenkte der Tag und die wechselnde Mühe des Lebens
Manches zum Besseren um, oft hat, um einander besuchend,
Diesen Fortuna getäuscht, den fest von neuem gegründet.
Nicht wird uns Mithelfer des Streits der Ätoler und Arpi,
Aber Messapus wird's, der beglückte Tolumnius wird es,
430   Und der Völkergebieter so viel, nicht säumig auch folget
Latiums Edlen der Ruhm und der laurentinischen Jugend.
Auch ist uns von der Volsker erhabenem Stamme Camilla,
Führend der Reisigen Zug und mit Erz umblühete Haufen.
Nun wofern mich allein in den Kampf verlangen die Teucrer,
435   Und es gefällt, und so sehr ich ein Anstoß bin dem Gemeinwohl,
Nicht hat die Händ' hier also Viktoria hassend gemieden,
Daß für solcherlei Hoffnung ich einem Versuch mich entziehn darf.
Mutvoll tret' ich hinan, und stell' er den großen Achilles,
Trag' auch selbst vom Vulkanus geschmiedete ähnliche Waffen
440   Jener am Leib'! Euch hab' ich die Seel' und dem Schwäher Latinus,
Ich nicht einem der Alten an Tapferkeit weichender Turnus,
Angelobt. Mich allein ruft jetzt Äneas. Nun ruf' er!
Nicht soll Drances vielmehr, ob Zorn hier waltet der Götter,
Büßen mit Tod, ob Ruhm der Tapferkeit waltet, ihn nehmen!

445  

So ratschlageten jen' um das wankende Wohl miteinander,
Ungestüm. Äneas bewegete Lager und Kriegsmacht.
Botschaft, siehe! durchstürmt mit Lärm und Getümmel des Königs
Weiten Palast und erfüllt mit unendlichem Schrecken die Stadt rings.
Daß in geordnetem Heer von des Tiberis Strome die Teucrer

450   Samt der tyrrhenischen Macht anziehn im ganzen Gefilde.
Plötzlich verwirrt ist allen der Mut, und dem Volk in den Busen
Zittert es; heftig empört sie des Zorns unmäßiger Stachel.
Waffen verlangt man in Hast, laut ruft zu den Waffen die Jugend,
Stillbethränt wehklagen die Greis', und ein wildes Geschrei dort,
455   Aus mißhelligen Rufen gemischt, tönt hallend zum Himmel:
Anders nicht, als wenn sich im inneren Hain miteinander
Schwärmende Vögel gesetzt und im fischbaren Strom der Padus
Heisres Getön auftönen durch lärmende Sümpfe die Schwäne.

Lieber anjetzt, rief Turnus, die Zeit benutzen, o Bürger,

460   Fordert zu Rat die geehrten und lobt stillsitzend den Frieden!
Dorther stürzt man mit Waffen ins Reich! – Nicht weiteres redend,
Rafft' er sich auf und stürmisch den ragenden Sälen enteilt' er.

Volusus, ruft er, gebeut den volskischen Haufen Bewaffnung,
Führ' auch die Rutulerschar! die gewappneten Reiter, Messapus,

465   Coras, auch du mit dem Bruder, ihr breitet euch aus auf dem Blachfeld!
Teils verwahrt mir der Stadt Zugäng' und ersteiget die Zinnen!
Doch ihr anderen folgt, wo ich fordere, mir zu dem Angriff!
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