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Vergils Äneide

Vergil: Vergils Äneide - Kapitel 18
Quellenangabe
typeepos
titleÄneis
authorPublius Vergilius Maro
translatorJohann Heinrich Voß
year1875
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
pages1
created20020906
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1799
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Neunter Gesang

Turnus zieht in Äneas Abwesenheit gegen das trojanische Lager; als er die Schiffe verbrennen will, werden sie in Meernymphen verwandelt. In der Nacht übernehmen es Nisus und Euryalus, dem Äneas die Gefahr zu melden, und kommen um. Am Morgen stürmt Turnus das Lager. Erste Kriegsthat des Ascanius. Pandarus und Bitias öffnen das Thor und morden die eindringenden Rutuler. Der heraneilende Turnus erlegt den Bitias, und, von Pandarus im Lager eingeschlossen, auch ihn; doch endlich, da die Menge ihn überwältigt, weicht er nach der Seite des Stroms und schwimmt zu den Seinigen.

              Aber indem dies fern in entlegener Gegend vollführt wird,
Sandte dich, Iris, vom Himmel herab die saturnische Juno,
Zum kühnherzigen Turnus. Den Hain Pilumnus des Ahnen
Hatt' jetzt Turnus besucht und weilt im geheiligten Thale.
5   So mit rosigem Munde begann die thaumantische Jungfrau:

Was kein Gott, o Turnus, dem wünschenden je zu verheißen
Wagete, schau, das brachte von selbst der rollende Tag dir.
Denn Äneas, die Stadt und die Freund' und die Flotte verlassend,
Ging zu dem Haus Euanders, des pallantinischen Königs.

10   Und nicht genug; er drang zu Corythus äußersten Burgen,
Lydiermacht zu bewaffnen, und aufgesammeltes Landvolk.
Was denn gesäumt? Nun Rosse zum Kampf, nun Wagen gefordert!
Brich den Verzug und sogleich das verwirrete Lager gestürmet!

Sprach's und zum Himmel empor gleichschwebende Flügel erhebend,

15   Rasch auf gewaltigem Bogen enteilte sie unter den Wolken.
Jener erkennt, und beide die Händ' in die Lüfte der Jüngling
Hebt er empor und verfolget die scheidende also mit Ausruf:

Iris, wer hat im Gewölk dich schwebende, Zierde des Äthers,
Nieder zur Erde geführt? Woher die so plötzlich geklärte

20   Heitre der Luft? Ganz seh' ich getrennt auseinander den Himmel,
Und die Gestirn' umschweifen den Pol! ich folg' der Verheißung,
Wer du zu Waffen auch rufst! – So redet' er; dann zum Gewässer
Trat er vor und schöpfte vom oberen Wirbel die Welle,
Viel zu den Ewigen flehend, und häufte Gelübd' in den Äther.

25  

Schon das sämtliche Heer durchwandelte offenes Blachfeld,
Stolz an Rossen und stolz an Gewand voll Bildung und Goldes.
Vorne bezähmt Messapus die Ordnungen, hinten des Tyrrhus
Weidliche Söhn'; und Turnus, dem mittleren Treffen gebietend,
Dreht sich, von Waffen umblinkt und ragt mit dem Scheitel empor ganz.

30   Wie mit des Ursprungs sieben geruhigen Bächen der tiefe
Ganges die Stille durchfleußt, und mit fruchtbarem Strome der Nilus,
Wann er die Ebnen verläßt und schon in das Bette sich einzwängt.
Plötzlich nunmehr das Gewölk, von dunkelem Staube gewirbelt,
Schaun die Teucrer von fern und die steigende Schwärze des Feldes.
35   Und von der vorderen Zinne zuerst ruft also Caicus.

Welch ein Gedräng', o Bürger, das schwarz in Finsternis anrollt!
Eisen herbei! rasch bietet Geschoß! und ersteiget die Mauern!
Nah ist der Feind! Heda! – Mit unendlichem Lärme durch alle
Thore gedrängt, ziehn Teucrer herein und erfüllen die Festung,

40   Denn so hatt' im Scheiden, des Kampfs wohlkundig, Äneas
Angemahnt: wenn irgend indes einträfe der Zufall,
Nicht in die Schlacht zu ordnen das Heer, noch dem Felde zu trauen,
Nein, nur das Lager zu schützen, und sicherer Wälle Verschanzung.
Drum, obgleich mit dem Arme zu nahn Unwill' und Verdruß lehrt,
45   Werfen sie Thor' entgegen jedoch und gehorchen dem Ausspruch,
Und sie erwarten gewappnet den Feind in gehöhlten Basteien:
Als schnell Turnus voran dem langsamen Zuge geeilt war,
Zwanzig erlesene Reiter in seinem Gefolg' und der Festung
Unvermutet sich naht; ihn trägt ein weißlich geschecktes
50   Thracierroß, rot wehet von goldener Kuppel der Helmbusch.

Jünglinge, wagt sich einer mit mir, der zuerst in den Feind dort –
Ha! – so ruft er und schnellt den gewirbelten Speer in die Lüfte,
Ihn den Beginner des Kampfs, und stolz in die Ebene sprengt er.
Lautes Geschrei erheben die Freund' und mit schrecklichem Ausruf

55   Folgen sie. Alles erstaunt ob den zagenden Herzen der Teucrer,
Daß nicht gleichem Gefilde sie traun, nicht männliche Waffen
Tragen zum Streit, nein lauern verschanzt. Hier stürmend und dorthin
Späht er die Mauern zu Roß und forscht abwegigen Zugang.
So wie der Wolf, nachstellend der wimmelnden Hürde des Schäfers,
60   Tückisch die Latten umtobt, da er Wind' und Regen geduldet,
Über die Mitte der Nacht; dort harmlos unter den Müttern
Heben die Lämmer Geblök; er, schnaubend vor Zorn und verwildert,
Ras't die gesonderten an; hart peiniget ihn des Verschlingens
Lange gesammelte Wut und sein blutlechzender Rachen:
65   So dem Rutuler jetzt, da er Wäll' und Lager umschauet,
Steigt in Flamme der Zorn; und Mark und Gebeine durchglüht Schmerz:
Welcher Versuch ihm öffne den Gang, welch Mittel die Teucrer
Aus dem Verschloß aufstör' und hervor in die Ebene treibe.
Jetzt, wo die Flotte geheim an den Rand sich drängte des Lagers,
70   Fest mit Dämmen verwahrt ringsum und fließenden Wässern,
Sprengt er hinan und ermahnt die jauchzende Schar zur Entflammung,
Selber die Hand eilfertig mit brennender Fichte bewaffnend.
Nun strebt alles, getrennt von dem mitarbeitenden Turnus:
Schon ist die sämtliche Jugend mit qnalmenden Bränden gewaffnet;
75   Schon sind die Herde beraubt; pechschwarz aufdampfende Leuchtung
Hebet der Kien, da mit Glut Flockasch' in den Äther emporstrahlt.

Welcher Gott hat, o Musen, so grausame Flammen den Teucrern
Abgewandt? wer solch ein Verderb den lodernden Barken?
Meldet es. Alt ist der Glaube der That, doch dauernd der Nachruhm.

80  

Während der Zeit, da Äneas zuerst auf dem phrygischen Ida
Baute die Flott', anordnend die Fahrt in die Höhen des Meeres,
Trat Berecyntia selbst, die Erzeugerin ewiger Götter,
Sagt man, zu Juppiter hin und redete: Leiste mir, Sohn, doch,
Was die liebende Mutter dir fleht, nach bezwungnem Olympus.

85   Sieh ein Fichtengehölz, mir wert seit Jahren der Vorzeit,
War mein Hain auf der Höhe des Bergs, wo man Opfer emportrug,
Von schwarznadliger Kiefer und Ahornbalken gedunkelt.
Die, da der Flott' er bedurft', hab' ich dem dardanischen Jüngling
Gerne geschenkt. Doch jetzo beklemmt mich bange Besorgnis.
90   Löse die Furcht und laß durch Flehn dies können die Mutter,
Daß kein schütternder Lauf in der Flut, kein wirbelnder Sturm sie
Trümmere. Fromm' es ihnen, daß Heimat unser Gebirg' ist!

Ihr antwortet der Sohn, der die Stern' umdrehet des Weltalls:
Mutter, wohin rufst du das Geschick? was heischest du jenen?

95   Sollen von sterblicher Hand erbauete Barken unsterblich
Haben das Los? Soll sicher die Bahn unsichrer Gefahren
Gehen der Held? Wann freuet ein Gott so großer Gewalt sich?
Nein, wann jen' ausduldend ihr Ziel, die ausonischen Hafen,
Künftig erreicht; wie manche sodann sich gerettet aus Brandung,
100   Und den dardanischen Held hinfuhr zum Laurentergefilde,
Sterblichen Baues enthüll' ich sie all' und heiße sie großer
Meerflut Göttinnen sein: gleichwie die nereische Doto
Und Galatea die Brust durch schäumende Wogen einherstürmt.

Sprach's, und Bekräftigung des bei der Flut des stygischen Bruders,

105   Beim schwarzwogigen Schlunde von Pech aufsiedender Ufer,
Winket er; ganz von dem Wink erschaudert umher der Olympus.

Jetzt war der Tag der Verheißung genaht, und den schuldigen Zeitlauf
Hatten die Parzen erfüllt; da empört von dem Frevel des Turnus,
Cybele kam, zu vertreiben von heiligen Barken die Feuer.

110   Erst nun strahlt' in die Augen befremdender Schimmer, und machtvoll
Schien auch Aurora daher ein Gewölk zu durchlaufen den Himmel,
Und der idäische Chor; dann sank graunhaft aus den Lüften
Solch ein Laut, der die Heere der Troer und Rutuler einnahm:

Nicht mir so ängstlich, o Troer, die Schiffe verteidiget; niemand

115   Waffne die Hand! Zu verbrennen das Meer wird eher dem Turnus
Als die heiligen Fichten, vergönnt! Ihr, geht mir gelöset,
Geht, Göttinnen des Meers; die Erzeugerin will's! – Und auf einmal
Reißen die Barken gesamt vom Steuerende das Strandseil,
Und nach Art der Delphine mit niedertauchenden Schnäbeln
120   Fahren sie unter die Flut. Dann, seltsames Wunder! wie Jungfraun
[So viel eherne Schiffe zuvor am Gestade gelandet,]
Heben sie, gleich an Zahl, sich empor und durchfliegen die Meerflut.

Tief erstaunen im Geist die Rutuler; selber geschreckt auch
Stutzt Messapus mit scheuem Gespann; ja der säumende Strom hält,

125   Rauheren Tons, und es wendet vom Meere den Lauf Tiberinus.
Doch nicht weicht das Vertraun dem unaufhaltsamen Turnus;
Trotzig ermahnet er alle zu Mut und strafet sie trotzig:

Trojas Volk gilt, Männer, die Schau! Selbst Juppiter hat ihm
Jetzt die gewöhnliche Rettung entrückt! Nicht Waffen, noch Feuer

130   Braucht es von Rutulerhand! Pfadlos sind die Meere den Teucrern:
Nirgend ist Hoffnung der Flucht, und die Welt zur Hälfte verloren.
Aber das Land in unsrer Gewalt! Zu Tausenden stürmen
Italervölker mit Wehr! Nichts schrecken mich wahrlich, worauf wohl
Stolz die Phrygier pochen, die Schicksalsworte der Götter!
135   Schon hat Schicksal und Venus genug, daß Troer die Fruchtaun
Rührten der segensvollen Ausonia! Eigenes Schicksal
Hab' ich für mich: mit dem Stahle das frevele Volk zu vertilgen,
Das mir die Gattin entriß! Nicht rühret allein die Atriden
Solch ein Schmerz! nicht darf auch allein sich bewaffnen Mycene!
140   »Doch einmal zu vergehen genügt.« Ja genügte zu freveln
Einmal auch, und erschienen sie nicht Allhasser des ganzen
Weibergeschlechts! Ha, denen des trotzenden Walles Umpfählung
Dort, und der Graben Verzug, die winzige Scheide des Todes,
Höhet den Mut! Doch sahen sie nicht, wie die Mauern um Troja,
145   Die Neptunus getürmt mit der Hand, hinsanken in Feuer?
Wer, o Erkorene nun, wer wagt, mit dem Eisen die Pfählung
Einzuhaun und stürmet mir nach in das zitternde Lager?
Nicht vulkanische Wehr ist mir, nicht tausend der Segel
Gegen die Teucrer Bedarf! Laß immer gesamt ihm vereinigt
150   Sein die Etrusker im Bund! Nicht Dunkel und schleichenden Diebstahl
Dürfen sie scheun; nie bergen wir uns in dem Bauche des Rosses:
Offen bei Tag', ist beschlossen, mit Glut zu umringen die Mauer!
Nicht mit dem Danaer sollen sie sich und pelasgischer Jugend,
Dünken im Streit, die Hektor vordem zehn Jahre zurückschlug.
155   Jetzo wohlan, da entflohn mit dem besseren Teile der Tag ist,
fröhlichen Muts für den Rest, nach wohl vollendeten Thaten,
Pflegt, o Männer, den Leib, und harrt des bereiteten Kampfes.

Aber die Thor' indessen mit wachsamer Hut zu belagern,
Wird dem Messapus vertraut, und die Stadt zu umgeben mit Feuern.

160   Vierzehn werden, die Wälle mit Rutulervolk zu bewachen,
Auserwählt; und es folgen der Jünglinge jeglichem hundert,
Wallend mit purpurnem Busch und hell im Schimmer des Goldes.
Rundum geht's, man wechselt den Stand; und im Grase gelagert,
Spendet man milder den Wein und kehrt Mischkrüge von Erz um.
165   Ringsher strahlen die Feuer; der Nacht Schlaflosigkeit kürzet
Froh die Wache mit Spiel.

Hierauf schaun von dem Walle herab die Troer, mit Waffen
Haltend die Höhn; auch nicht ohn' ängstliche Sorgen umforscht man
Rings die Thor' und vereint Bollwerke mit Brücken; Geschoß auch

170   Tragen sie. Mnestheus drängt das Geschäft und der rasche Serestus:
Welche der Held Äneas, wenn ja Unfälle bedrohten,
Ordner der Thaten zu sein und der Jünglinge Lenker bestellet.
Mann für Mann auf den Mauern, Gefahr und Beschwerlichkeit teilend,
Wacht und betreibt um einander sein Amt, wie jedem es oblag.

175  

Nisus stand dem Thore zur Hut, der beherzteste Kämpfer,
Hyrtacus Sohn, in Äneas Geleit von der Jägerin Ida
Mitgesandt, ein Beflügler des Speers und der hurtigen Pfeile.
Ihm zur Seite sein Freund Euryalus, welchem an Schönheit
Keiner der Äneaden in troischer Rüstung voranging:

180   Knab' annoch, um die Wangen mit sprossender Jugend gezeichnet.
Gleiches Streben beseelte das Paar und dieselbige Kampflust.
Jetzt auch warteten beide des Thors in gemeinsamer Obhut.

Nisus zuerst: Ob Götter die Glut in die Seele mir hauchen?
Ob, Euryalus, jedem zum Gott sein stürmisches Herz wird?

185   Kampf nun, oder was irgend für Herrliches, gleich zu beginnen,
Treibt mich der Geist, und kann die behagliche Ruhe nicht ausstehn.
Schau doch, welches Vertrauen der Macht die Rutuler einnimmt.
Sparsam leuchtet die Glut; in Schlaf und Weine bestattet
Liegen sie; ringsum schweigen die Gegenden. Weiter vernimm jetzt,
190   Was ich erwäg', und welcher Gedank' in der Seele mir aufsteigt.
Daß man Äneas beruf', ist allen, dem Volk und den Vätern,
Eifriger Wunsch; und daß Männer man send', um Sichres zu melden.
Wenn man dir, was ich fordre, verheißt, denn mir ist die Handlung
Ehre genug, so hoff' ich, an jenem Hügel entdecken
195   Läßt sich der Weg zu den Mauern und Festungen Pallanteums.

Aber Euryalus staunt, von begeisternder Liebe des Ruhmes
Innig durchbebt, und sofort zu dem glühenden Freunde beginnt er:

Ich denn werd', als Genoß erhabener That dir zu wandeln,
Nisus, verschmäht? Dich allein in so große Gefährlichkeit lass' ich?

200   Nicht so hat mein Vater, der kundige Kriegsheld Opheltes,
Unter argolischem Graun und Trojas harter Bedrängnis,
Mich erzeugt und gelehrt; nicht führt' ich auch solches mit dir aus,
Folgend dem Held Äneas zum äußersten Rande des Schicksals.
Hier ist, hier auch ein Herz, das den Tod verachtet, und wohlfeil
205   Glaubt mit dem Leben zu kaufen, wohin du trachtest, die Ehre!

Nisus darauf: Wohl hab' ich an dir nicht solches bezweifelt,
Nicht doch, Nein! So wahr dir zurück mich Jauchzenden bringe
Juppiter, oder wer sonst mit gewogenen Blicken uns anschaut.
Doch wenn nun (wie du häufig erkennst in so großer Entscheidung)

210   Wenn zum Widrigen etwa der Zufall, oder ein Gott, führt;
Bleib mir übrig du, dein Alter ist werter des Lebens!
Einer doch sei, ob der Schlacht ich entrafft, ob mit Golde gelöst ward,
Der mich vertraue der Gruft, wie Gebrauch, und versagt das Geschick dies,
Der dem Entferneten Sühnung besorg' und Ehrenbegräbnis.
215   Gern auch spar' ich der Mutter so trauriges Wehe, der Armen,
Die dir einzig, o Knab', aus dem Schwarm der Mütter gewagt hat,
Mitzugehn, nicht achtend die Stadt des erhabnen Acestes.

Jener darauf: Du sträubst dich umsonst mit nichtigem Vorwand;
Und unverrückt noch steht mein fester Entschluß in der Seele.

220   Hurtig geeilt! – So ruft er, und weckt Mithütende; jene
Nehmen den Ort und warten des Amts; nach verlassener Stellung
Gehet er selbst mit Nisus vereint, und sie suchen den König.

Alles umher in den Landen, was atmete, löset' im Schlummer
Still von Sorge das Herz und vergaß mühseliger Arbeit:

225   Nur die Gebieter des Heers, die erlesene Dardanerjugend,
Sannen in Ratsversammlung das Heil des gefährdeten Reiches;
Was zu thun, wer jetzt dem Äneas bringe die Botschaft.
Auf langschaftige Lanzen gelehnt und Schild' an den Armen,
Standen sie mitten im Lager des Felds. Da naheten Nisus
230   Und Euryalus schnell und sofort verlangten sie Zugang:
Groß sei und wert des Verzuges der Antrag. Erst nun Iulus
Nahm die hastigen auf und befahl zu reden dem Nisus.

Dann so Hyrtacus Sohn: O vernehmt mit günstigem Herzen,
Dardaner, und nicht schätzet nach unseren Jahren den Vorschlag.

235   Rings das Rutulervolk, in Schlaf und Weine bestattet,
Schweigt; auch sahen wir selbst den Ort zu heimlichem Ausgang
Frei, wo der Weg sich scheidet dem Thor, in der Nähe des Meeres.
Dort ist Lücke der Feuer, und düsterer Rauch zu den Sternen
Qualmet empor. Wofern des Glückes Gebrauch ihr verstattet,
240   Sollt ihr Äneas, gesucht um die Festungen Pallanteums,
Bald mit erobertem Raub, nach schrecklichen Mordes Vollendung,
Annahn sehn. Nicht wird auch der Weg uns Wandelnde täuschen.
Dort am dunkelen Thal erblickten wir vorne die Bergstadt
Auf weitstreifender Jagd und späheten völlig den Strom aus.

245  

Jetzo, von Jahren beschwert und gereifteren Sinnes, Aletes:
Heimische Mächt', ihr, deren Gewalt stets Troja behütet,
Doch nicht ganz zu vertilgen den Stamm der Teucrer gedenkt ihr,
Da ihr so feurigen Mut, so entschlossene Jünglingesherzen,
Sendetet! – Dann wie er sprach, sie beid' an Händen und Schultern

250   Hielt er gefaßt und netzte mit strömender Thräne das Antlitz. –
Was doch, Männer, o was kann Würdiges solcher Verdienste
Euch zum Lohn ausdenken mein Herz! Den herrlichsten Lohn erst
Giebt ein Gott und der Seele Gefühl; das andre vergilt dann
Euch der fromme Äneas sogleich; und, der jugendlich aufblüht,
255   Auch Ascanius wird euch nie vergessen die Wohlthat.

Traun ich, welchem das Heil ganz ruht auf dem kehrenden Vater,
Ruft Ascanius rasch, bei den großen Penaten, o Nisus,
Bei des Assaracus Lar und der greisenden Vesta Gemächern,
Fleh' ich euch! Was immer mein Glück, und was mein Vertraun ist,

260   Leg' ich in eueren Schoß! Ruft, ruft mir zurück den Erzeuger!
Laßt mich wieder ihn schaun! Nichts schreckt, wenn jener nur da ist!
Zwei aus Silber geformte, von Bildungen starrende Becher
Geb' ich, welche der Vater gewann als Sieger Arisbas;
Zwei Dreifüße dazu, zwei große Talente des Goldes,
265   Auch den altenden Krug, den geschenkt die Sidonerin Dido.
Doch wenn Italerland zu empfahn und das Scepter der Herrschaft
Einst dem Sieger gelingt, und das Los um Beute zu werfen,
Siehe du sahst, wie Turnus zu Roß, wie in goldener Rüstung
Prangete: selber das Roß, samt Schild' und rötlichem Helmbusch,
270   Nehm' ich dem Lose zuvor, schon jetzt dir, Nisus, zum Lohne.
Außerdem wird zwölf der erlesensten Frauen der Vater
Und der gefangenen Männer verleihn, und zu jedem die Rüstung;
Auch was er selbst an Gefilden besitzt, der König Latinus.
Aber o dich, dem näher an Raum mein eigenes Alter
275   Folgt, ehrwürdiger Knabe, sogleich mit innigem Herzen
Nehm' ich dich zum Genossen und Freund für jeglichen Zufall.
Ohne dich soll nimmer ein Ruhm mir in Thaten gesucht sein,
Steht nun Krieg, steht Friede bevor, dir eignet der höchsten
Thaten und Worte Vertraun. – Und der Knab' Euryalus redet
280   Solches darauf: Mich soll kein Tag so kühnem Bestreben
Ungleich zeihen hinfort; nur falle zu glücklichem Ausgang
Nicht abwendig das Los! Doch dich, vor allen Geschenken,
Bitt' ich um eins. Die Mutter aus Priamus altendem Urstamm
Ist mir gesellt, die Arme, die nicht das Ilierland hielt
285   Auszuwandern mit mir, noch die Stadt des erhabnen Acestes.
Dieser, die gar nichts ahnet, was hier vielleicht für Gefahr ist,
Scheid' ohn' Abschiedsgruß ich hinweg. O die Nacht und dein Handschlag
Zeuge mir, nicht ja vermag ich die Mutterthrän' zu ertragen.
Tröst' ihr du, ich flehe, den Gram, und hilf der Verlassnen!
290   Gieb mir mit die Hoffnung von dir! Dann kühneren Mutes
Geh' ich in alles, was fällt! – Den erschütterten Dardanionen
Stand in Thränen der Blick; und zumeist dem schönen Iulus,
Und ihm brannt' in der Seele der Vaterliebe Gedächtnis.

Hierauf redet er so:

295  

Alles verheiße dir selbst, was edeler Mut dir verdienet!
Denn mir Mutter ist jene hinfort, und der Name Creusa
Fehlt allein; nicht stehet für solche Geburt ein geringer
Dank ihr bevor. Was immer der That auch folge für Ausgang;
Hier bei dem Haupte beschwör' ich, wobei sonst pflegte der Vater:

300   Was ich dir selber gelobt, wenn du kehrst und glücklich hinausführst,
Ebendasselb' ist der Mutter bestimmt und deinem Geschlechte.

Also spricht er bethränt und hebt von der Schulter das Schwert sich,
Goldumstrahlt, das künstlich der gnosische Meister Lycaon
Schuf, und bequem einfügt' in die elfenbeinerne Scheide.

305   Mnestheus reicht dem Nisus ein zottiges Vließ, des erlegten
Bergleun Raub; und den Helm vertauscht der biedre Aletes.
Stracks nun gehn sie gewaffnet einher; da die Wandelnden aller
Fürsten Gedräng' an das Thor, der Jünglinge wie der Greise,
Weit mit Wünschen verfolgt. Auch du, o schöner Iulus,
310   Hoch an Mut vor den Jahren erhöht und an Sorge des Mannes,
Gabst dem Vater zu bringen noch viel Aufträge. Doch Lüfte
Raffen sie all' auseinander und streun in Gewölk sie vereitelt.
Vor nun gehn sie die Graben hindurch und im nächtlichen Dunkel
Nahn sie dem Lager des Feinds; erst sollten sie wenigstens manchem
315   Bringen Verderb. Ringsum voll Schlafs und Weins in die Grasau
Sehn sie die Leiber gestreckt, und am Strand die gerichteten Wagen,
Räder umher und Geriem, und Männer und Rüstungen liegend,
Weine zugleich. Da beginnt der Sohn des Hyrtacus also:

Frisch, Euryalus, wage der Arm! Nun rufet die That selbst!

320   Hier ist der Weg! Du sorge, daß uns nicht etwa vom Rücken
Eine Hand sich erheb', und schau in die Ferne mit Vorsicht.
Hier will ich aufräumen und weit dir öffnen den Durchgang.

Sprach's und dämpfte den Laut; zugleich mit dem Schwerte den stolzen
Rhamnes greifet er an, der hoch auf der Teppiche Polster

325   Hingestreckt aus den Tiefen der Brust aufhauchte den Schlummer:
König zugleich, und als Seher geliebt vom Könige Turnus.
Doch nicht konnt' abwenden der sehende Geist das Verderben.
Drei ihm zunächst durch Waffen gelagerte Diener entrafft er,
Remus den Waffenträger darauf, und den Lenker des Wagens
330   Unterm Gespann, mit dem Stahl ihm den hangenden Nacken enthauend.
Dann dem Könige nimmt er das Haupt; der verlassene Rumpf dort
Schluchzet mit strahlendem Blut, daß feucht von dunkelm Morde
Teppiche triefen und Land. Auch Lamyrus schlägt er und Lamus,
Auch den Jüngling Sarranus, der viel in dem nächtlichen Taumel
335   Hatte gehüpft, preishaft an Gestalt, und vom Safte des Gottes
Lag, die Glieder gelähmt: der Glückliche, hätt' er die Nacht durch
Jenen hüpfenden Tanz in die Morgenhelle gedehnet!
So wie der hungrige Leu die gehürdeten Schafe durchtummelt,
Denn ihn erregt wutvolle Begier; nun schlingt er und schleppt er
340   Schwaches vermummendes Vieh und knirscht mit blutigem Rachen.

Auch nicht weniger mordet Euryalus. Selber entbrannt auch
Wütet er; viele derweil aus namenloserem Volke,
Abaris streckt er, und Rhötus dahin, Herbesus und Fadus,
Alle betäubt; nur Rhötus war wach und schauete alles;

345   Aber schützte vor Angst sich hinter dem mächtigen Mischkrug.
Grad' in die Brust ihm barg der Nahende, als er sich aufhub,
Ganz bis zum Hefte das Schwert, und voll des Mordes entzog er's
Purpurrot: der speiet die Seel', und mit Blute vermischten
Wein verströmt er im Tod. Fort tobet der nächtliche Würger.

350  

Schon Messapus Genossen erreicht' er jetzo, wo kaum noch
Glomm die erloschene Glut, und wohl nach der Weise gefesselt
Rupften die Rosse das Gras; als so eilfertiger Nisus
(Denn er bemerkt' ihn zu weit durch Mord und Begierde geführet):
Abstehn laß uns! begann, denn es naht unfreundliche Helle!

355   Völlig der Strafen genug! ein Weg ist gebahnt durch die Feinde!

Vieles Gerät der Männer, aus lauterem Silber gebildet,
Lassen sie, Waffen und Krüge des Weins, und der Teppiche Kunstwerk.
Rhamnes Wehr nur wählet Euryalus, jenen von Buckeln
Goldenen Gurt, den einst dem Tiburtier Remulus sandte,

360   Reich an köstlicher Hab', um entfernt zu verbinden das Gastrecht,
Cädicus; der dann sterbend vermacht' ihn zu eigen dem Enkel;
Doch nach dem Tode gewannen die Rutuler ihn in der Feldschlacht.
Diesen raubt er, und fügt ihn umsonst um die tapferen Schultern.
Auch den messapischen Helm, ihm gerecht und von Büschen umwallet,
365   Setzet er auf. Und dem Lager enteilt in das Sichere gehn sie.

Doch aus der Stadt der Latiner vorangesendete Reiter,
Während die übrige Macht noch weilt in der Ebne geordnet,
Zogen daher, dem Turnus vom Könige bringend die Antwort:
Volscens führete sie, drei Hunderte, alle geschildet.

370   Und sie nahten dem Lager bereits und den troischen Mauern,
Als sie jene von fern, die links Abbiegenden, sahen,
Und Euryalus gleich mit dem Helm in dämmerndem Mondlicht
Unachtsam sich verriet durch hell anstrahlende Schimmer.
Nicht unbedeutend erschien's. Laut ruft aus den Wandelnden Volscens:
375   Halt, was suchet ihr dort? wer seid ihr, bewaffnete Männer?
Wohin trachtet der Gang? – Nichts strebeten jene dagegen,
Sondern beschleunigten Flucht in den Wald und vertrauten dem Dunkel.
Sprengende Reiter umziehn als Kundige, jeglichen Ausgang,
Hier und dort, und besetzen die Ausgäng' alle mit Wache.

380  

Rauh war der Wald, dichtstarrend von Strauch und dunkler Steineich'
Überall, und mit Dorn und stachligen Ranken verwildert,
Sparsam schimmerte Pfad durch überwachsene Steige.
Jetzt den Euryalus hemmt das düstre Gezweig' und des Raubes
Hindernde Last, auch täuschet die Furcht aus der Richtung der Wege.

385   Nisus enteilt. Schon war, wie betäubt, er den Feinden entronnen,
An dem Gefild, das später von Albas Namen Albaner-
Ebene hieß, jetzt hohes Gehöft des Königs Latinus.
So wie er stand, und umsonst nach dem fehlenden Freunde sich umsah:
Wo, Euryalus, wo mir Unglückseligen bliebst du?
390   Wo doch folg' ich, zurück in verworrenem Gange mich wendend,
Ganz durch täuschenden Wald? – Zugleich nun sammelt er rückwärts
Jede beachtete Spur und durchirrt die schweigenden Büsche.
Trabende Ross' und Geräusch und Zeichen Verfolgender hört er.
Und nicht lange noch daurt's, da Geschrei zu den Ohren herantönt,
395   Und er Euryalus schaut: den die sämtliche Menge durch Täuschung
Trügrischer Gegend und Nacht, und plötzlichen Schreck des Tumultes,
Einschließt, und, wie er vieles umsonst noch trachtete, wegreißt.
Was zu thun? Mit Gewalt und verwegenen Waffen den Jüngling
Jenen entziehn? wie, oder zum Sterben gefaßt in die Schwerter
400   Stürzen und rühmlichen Tod sich beschleunigen mitten in Wunden?
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