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Vergils Äneide

Vergil: Vergils Äneide - Kapitel 15
Quellenangabe
typeepos
titleÄneis
authorPublius Vergilius Maro
translatorJohann Heinrich Voß
year1875
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
pages1
created20020906
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1799
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(Siebenter Gesang)

        So durch grünes Gehölz, durch Bergeinöden des Wildes,
405   Stachelt Alecto die Fürstin umher in dem bacchischen Taumel.
Aber nachdem sie genug dem Beginn ihr geschärfet des Wahnsinns,
Und sie zerrüttet den Rat und das sämtliche Haus des Latinus,
Stracks mit bräunlichen Schwingen enthebt sich die finstere Göttin
Zur hochzinnigen Stadt des weidlichen Rutulerkönigs,
410   Die mit acrisischem Volk einst Danae, sagt man, gegründet,
Hergestürmt von des Südes Orkan. Einst Ardea nannten
Ahnen den Ort, und noch bleibt Ardea herrlicher Name;
Aber der Glanz ist dahin. Allhier, im erhabenen Obdach,
Pflegete Turnus der Ruh, umringt vom nächtlichen Dunkel.
415   Siehe, der grimmen Gestalt und der Furienglieder entäußert,
Nimmt Alecto nunmehr der edelen Greisin Geberd' an,
Furchet die Stirn' unlieblich mit Runzelung, hüllet den Schleier
Um weißschimmerndes Haar, und durchflichts mit dem Sprosse des Ölbaums;
Calybe wird sie, die Greisin und Tempelhüterin Junos;
420   Und sie erscheint vor den Augen mit solcher Rede dem Jüngling:

Turnus, umsonst denn wären so viele Mühen vergeudet,
Und dein eigenes Scepter gewandt zu dardanischen Pflanzern?
Dir will Ehe der König und bluterrungenen Brautschatz
Weigern; und auswärts her wird gesucht ein Erbe des Reiches!

425   Geh, du Verspotteter, nun, dankloser Gefahr dich zu bieten!
Wirf die tyrrhenische Macht, und decke mit Ruh die Latiner!
Dies dir frei zu verkünden, wann sanft im Schlummer du lägest,
Hat die allmächtige Göttin Saturnia selbst mir geboten.
Auf denn und wappne die Jugend sofort, aus den Thoren hervor zeuch
430   Fröhlich zum Kampf; und, die sich am herrlichen Strome gelagert,
Flugs die Phrygierfürsten verbrenn' und die farbigen Schiffe!
So will's Göttergewalt. Er selbst, der König Latinus,
Wenn nicht Wort er zu halten erklärt und zu geben die Gattin,
Fühl' es, und lerne zuletzt den Turnus erkennen in Kriegswehr!

435  

Aber der Jüngling verhöhnt die Seherin, und ihr erwidernd
Redet er so: Daß Schiffe an Thybris Woge gelandet,
Nicht, wie du wähnest, entfloh vor unserem Ohre die Kunde.
Nicht mit ersonnener Furcht mich geschreckt! Die Königin Juno
Ist auch unser gedenk.

440   Doch dein Alter, verjährt und unergiebig an Wahrheit,
Quält dich, Mutter, umsonst mit Ängstlichkeit; und in Erscheinung
Kämpfender Könige täuscht dich, Seherin, eitele Schrecknis.
Deine Sorg' ist, Göttergebild' und Tempel zu hüten:
Kriege betreibe und Frieden der Mann [dem Kriege vertraut sind].

445  

Kaum gesagt, und Alecto entbrannt' in Flammen des Zornes.
Doch dem redenden Jüngling erschauerten plötzlich die Glieder,
Und wild starrte der Blick: so zischt die Erinys mit Hydern,
So groß breitet sich aus die Gestalt. Jetzt flammende Augen
Rollte sie, jetzt ihn, der säumt', und mehr noch versuchte zu reden,

450   Stieß sie hinweg, und erhob zwei gräßliche Schlangen im Haupthaar,
Schwang den ertönenden Schlag, und wütenden Mundes begann sie:

Schau mich verjährt vom Alter, das, unergiebig an Wahrheit,
Mich mit eiteler Angst vor kämpfenden Königen täuschet!
Blicke dich um! Ich komm' aus der schrecklichen Diren Behausung!

455   Krieg in der Hand, Krieg trag' ich und Mord!

Hiermit warf sie die Fackel dem Jünglinge, und an der Brust ihm
Haftet mit dunkelem Licht die dampfende Flamme des Kienes.
Plötzlich entfährt er dem Schlaf, der erschrockene, Mark und Gebeine
Schauderten, rings umströmte den Leib vorbrechender Angstschweiß.

460   Waffen mir! tobet er; Waffen im Bett, in den Wohnungen sucht er.
Auf ras't Liebe zum Stahl und frevelsüchtige Kriegswut.
Grimmiger Zorn! wie wenn heftig entflammete Lohe mit Knattern
Schlägt um den wallenden Kessel aus untergelegetem Reisig;
Hochauf hüpft im Sude die Flut; und es gährt in der Höhlung
465   Dampfend die Wog' aus der Tiefe mit Schaum aufstrudelnder Wasser;
Nicht mehr faßt sich der Schwall, und zur Luft fliegt dunkeler Brodem.
Rasch nach entweihetem Bunde zur Kriegsfahrt gegen Latinus
Ruft er der Jünglinge Häupter, und fertigen heißt er die Rüstung,
Schützen Italias Heil, abstoßen den Feind von der Grenze;
470   Beiden genüg' er zum Kampfe, dem Dardaner und dem Latiner.

Als er gebot, und die Götter mit Flehn zu Gelübden daherrief,
Eiferig treibt sich einander das Rutulervolk zur Bewaffnung.
Den weckt edele Zier der Gestalt und Jugend, den andern
Grauender Könige Stamm, den rühmliche Thaten des Armes.

475  

Weil nun Turnus zum Krieg mutatmende Rutuler antreibt,
Sucht Alecto die Teucrer im Schwung der stygischen Flügel,
Spähend mit neuem Betruge den Ort, wo das Wild am Gestade
Durch Nachstellung und Lauf du umhertriebst, schöner Iulus.
Plötzlich erregt sie die Hunde zur Wut, die cocytische Jungfrau,

480   Und mit bekanntem Geruche den stöbernden rührt sie die Schnauzen,
Daß sie in Eifer den Hirsch aufjageten. Dies war des Jammers
Erster Beginn, und entflammte zu Krieg die Herzen des Landvolks.

Herrlich erhub sich der Hirsch an Gestalt und ragenden Hörnern,
Den die tyrrhidischen Knaben, geraubt von dem Euter der Hindin,

485   Nährten, und Tyrrhus der Vater, dem dort des Königes Rinder
Unterthan und umher zur Hut die Gefilde vertraut sind.
Silvia hatt' ihn, die Schwester, Befehl zu hören gewöhnet;
Sorgsam flocht sie den Schmuck weichblumiger Kränz' um die Hörner,
Kämmete sanft das Gewild, und spült' es im lauteren Borne,
490   Jener, gefällig der Hand, an den Tisch des Herren gewöhnet,
Irrt' in den Forsten umher, und heim zur traulichen Schwelle
Fand er sich selber zurück, wenn auch in der Späte des Abends.
Diesen, der fern umschweift', erregeten jetzt des Iulus
Wütende Hund' auf der Jagd, da im tragenden Laufe des Stromes
495   Nieder er schwamm, und die Glut am grünenden Ufer sich kühlte.
Auch er selbst, in Begier vorstrahlenden Ruhmes entzündet,
Schnellt' Ascanius rasch vom gekrümmeten Horne den Pfeil ab,
Und nicht irrte die Hand, ohn' himmlischen Lenker; hinein ihm
Drang in den Bauch lauttönend und tief in die Weichen der Rohrpfeil.

500  

Doch das verwundete Tier, zur traulichen Hütte geflüchtet,
Wankt' aufstöhnend zurück in den Stall, wo das jammernde blutig,
Mitleidflehenden gleich, mit Geächz' anfüllte die Wohnung.
Silvia selber zuerst, schmerzvoll sich die Arme zerschlagend,
Ruft zur Hilf', und rufet herbei das gehärtete Landvolk.

505   Plötzlich (so schaltet geheim die erbitterte Pest in der Waldung!)
Nahen sie: dieser gewaffnet mit halbverkohletem Scheitholz,
Der mit der knotigen Keule Gewicht; was jeder nur vorfand,
Macht ihm zur Waffe der Zorn. Laut ruft auch Tyrrhus den Heerzug,
Grad' wie die stämmige Eich' er mit eingezwängeten Keilen
510   Spaltete, schwingend die Axt, und wild anschnaubend vor Unmut.
Doch wie die grausame Göttin die Zeit erspähte des Schadens;
Fliegt sie zur Wohnung empor des Gehegs, und vom oberen Giebel
Tönet sie Hirtengetön; langhin aus gebogenem Horne
Brüllt des tartarischen Halls Ausruf, daß erbebte vom Nachhall
515   Alles Gehölz, und die Tiefen der dumpf aufdonnernden Waldung.
Fern auch hörte der Trivia See, fern hörten die weißen
Schwefelfluten des Nar, und der Sumpf velinischer Sprudel:
Angstvoll drücken die Mütter ans Herz die erschrockenen Kindlein.
Schleunig daher auf den Ruf, so weit des entsetzlichen Hornes
520   Zeichen erscholl, stürzt rings mit beschleunigten Waffen zum Angriff
Kräftiges Volk des Gefilds. Auch dort die troische Jugend
Strömt dem Ascanius Hilfe hervor aus geöffnetem Lager.
Langgedehnt ist die Schlacht. Nicht mehr in ländlicher Fehde
Wird mit knorriger Kolb' und geglühetem Pfahle geschaltet,
525   Mit zweischneidigem Stahl entscheiden sie; finster empor weit
Wallt von gezogenen Klingen die Saat, und es leuchtet des Erzes
Glut durch Sonne gereizt, und schnellt zu den Wolken den Schimmer:
So wie die Flut im Beginne des Sturms weißschäumend erzittert,
Dann allmählich das Meer sich erhebt und höhere Wogen
530   Aufwälzt, nun aus der Tiefe bis hoch zum Äther emporrauscht.

Jetzt wird ein Jüngling im Vordergewühl vom schwirrenden Pfeile,
Er aus Tyrrhus Geschlecht vordem der älteste, Almo,
Hingestreckt, denn es traf an der Kehl' ihn die Wunde, der feuchten
Stimme den Gang verschließend mit Blut und dem Hauche des Lebens.

535   Viel noch sanken der Männer dahin, auch der graue Galäsus,
Als er zum Mittler des Streits sich erbot: an Gerechtigkeit einzig
War er, und reich ehmals an ausonischen Fluren gesegnet;
Fünf der blökenden Herden und fünf von brüllenden Rindern
Kehrten ihm heim, und er pflügte mit hundert Pflügen den Acker.

540  

Während so im Gefilde mit wankendem Glücke gekämpft wird;
Jetzt, da geleistet die Göttin ihr Wort, und mit Blute das Schlachtfeld
Schon gesprengt, und dem Kampfe die Erstlingsleichen gestreckt hat,
Läßt sie Hesperias Flur und zum luftigen Himmel geschwungen,
Redet die Siegerin stolz mit solcherlei Worte zur Juno:

545  

Siehe, vollbracht ist dir durch traurigen Krieg die Entzweiung.
Schaffe durch Freundschaft nun sie vereint, und geschlossenes Bündnis,
Nun mit ausonischem Blut ich einmal sprengte die Teucrer!
Dies noch füg' ich hinzu, wenn fest dein Wille mir stehet.
Auch an den Grenzen erreg' ich zum Streit durch Gerüchte die Völker,

550   Allen Mut anflammend in Gier des rasenden Mavors!
Ringsher dränge sich Hilf', und besät sei mit Waffen die Gegend.

Juno darauf: Des Betrugs und der Schrecknisse mehr denn genug schon!
Gründe zum Kriege sind da, man kämpft in der Nähe mit Waffen;
Frisch ist mit Blute befleckt, was zuerst als Waffe sich darbot.

555   Also feire die Eh', also hymenäische Jubel
Venus trefflicher Sohn und selbst der König Latinus!
Daß du ganz unbeschränkt ätherische Lüfte durchschweifest,
Nicht wohl möcht' es der Vater, der herrscht im hohen Olympus.
Mach dich nun fort! Ich will, was an Arbeit noch das Geschick bringt,
560   Selber versehn. – So hatte Saturnus Tochter gesprochen.

Aber Alecto erhebt die von Nattern zischenden Flügel
Und zum Cocytus enteilt sie, die oberen Höhen verlassend.
Mitten im Italerland, am Fuß aufsteigender Berge,
Ruhmvoll und vom Gerücht in entlegenen Ländern verkündigt,

565   Senkt sich das Thal Amsanctus: wo schwarz mit verwachsenem Laube
Andrängt beiderlei Lehne des Hains, und zur Mitte vom Absturz
Dumpf Steinschroffen durchtost in gedrehetem Strudel ein Gießbach.
Dort ein Geklüft, des entsetzlichen Dis graunatmende Lüftung,
Zeigen sie; und weit dehnt des geborstenen Acheron Abgrund
570   Pestaushauchende Schlünd'; in welche gesenkt, der Erinys
Unwillkommene Macht Erdreich und Himmel erleichtert.

Doch nicht weniger legt an den Krieg die saturnische Juno
Jetzt die vollendende Hand. Her drängt in die Stadt aus der Feldschlacht
Sämtlich der Hirten Gewühl; und zurück die Erschlagenen trägt man,

575   Almo den Jüngling zugleich und den hauptentstellten Galäsus,
Laut anflehend die Götter und laut den Latinus bezeugend.
Turnus erscheint, und in voller Beschuldigung, häufend die Schrecknis,
Droht er mit Feuer und Mord: zur Herrschaft rufe man Teucrer,
Mische sich schon mit phrygischem Blut, ihm zeige die Thür man.
580   Dann auch, denen, von Bacchus empört, durch Forste die Mütter
Schwärmen in jubelndem Tanz, vom Namen gerührt der Amata,
Alle sie kommen versammelt daher und ertrotzen den Kampf sich.
Ha, unseligen Krieg heischt jeglicher gegen die Vorschau,
Gegen der Götter Geschick, mit zerrüttetem Winke der Zukunft;
585   Eiferig all' umstehn sie die Königsburg des Latinus.
Er, wie ein Felsen des Meers unbewegt, so steht er entgegen,
Fest wie ein Felsen des Meers, wann groß anflutet die Brandung,
Welcher sich selbst, wie häufig ihn rings umbellen die Wogen,
Hält durch Last; die Gestein' umher und die schäumenden Zacken
590   Brausen umsonst, und geschnellt an die Seiten ihm hüpfet das Seegras.
Aber da keine Gewalt den blinden Entschluß zu besiegen
Ihm sich erbeut, und der Wink der grausamen Juno die That lenkt;
Viel bezeugt er die Götter und himmlische Lüfte, der Vater:

Ach! uns bewältiget, ruft er, Geschick; uns rafft ein Orkan hin!

595   Buße bezahlt ihr hinfort mit bundentweihendem Blute,
Elende! Dein harrt, Turnus, das Unheil, dein des Verbrechens
Marternde Pein! Spät wirst du die Ewigen flehn mit Gelübden!
Mir ist Ruhe bereit, ich bin an der Schwelle des Hafens!
Mir wird glückliches Ende geraubt! – Nicht mehreres redend,
600   Schleußt er im Hause sich ein und verläßt die Zügel der Herrschaft.

Heilig war ein Gebrauch im hesperischen Latium vormals,
Den albanische Städt' ausübeten, jetzt die erhabne
Roma übt, wann zuerst sie zum Kampf aufbrechen mit Kriegsmacht:
Ob sie die Geten bedrohn mit Verheerungen, ob die Hyrcaner

605   Oder der Araber Stämm', ob dem Indier und der Aurora
Naht ihr Zug, und die Adler zurück vom Parther zu fordern.
Zwei sind Pforten des Kriegs (so nennt man solche mit Namen),
Hehr durch Religion und Graun des schrecklichen Mavors:
Hundert eherne Hebel, und ewige Barren des Eisens
610   Schließen sie; niemals weicht von der Schwelle der hütende Janus.
Wann nun Kampf aussprach die entscheidende Stimme der Väter,
Geht er selbst im Quirinusgewand' und gabinischer Kleidung
Feierlich hin und entriegelt die knarrenden Schwellen, der Konsul;
Selber ruft er den Kampf, dann folgt die übrige Jugend,
615   Und es ertönt einschmetternd der Hall aus ehernen Hörnern.
Jetzt auch ward nach der Weise den Äneaden Latinus
Streit zu verkünden ermahnt, und die traurigen Pforten zu öffnen.
Doch nicht streckte der Vater die Hand, und gewendet entfloh er
Vor dem verhaßten Geschäft und barg sich in einsames Dunkel.
620   Aber die Königin selbst der Unsterblichen schwang sich vom Äther,
Drängte die Pforten zurück mit der Hand, und drehend die Angel
Sprengte die eisernen Pfosten des Kriegs die saturnische Göttin.

Sonst so friedlich und still, ist Ausonia jetzo in Aufruhr:
Andere gehn im Gefilde den Kriegsgang, andere tummeln

625   Hoch die erhabenen Rosse bestäubt, rings alles verlangt Wehr.
Andere glätten die Schilde sich blank, und die leuchtenden Spitzen,
Salbend mit fettigem Schmalz und schärfen sich Äxt' an dem Schleifstein,
Fahnen zu tragen erfreut, und Hall der Trompete zu hören.
Auch fünf blühende Städt' erneun auf gestelltem Ambos
630   Waffen, Atina voll Macht, samt Ardea, Tibur die stolze,
Crustumerium auch und die türmende Vest' Antemna.
Sichernde Wehr höhlt mancher dem Haupt, dort flechten sie wölbend
Weidener Schilde Verband, dort wird aus Erze der Harnisch,
Dort hellblinkende Schienen gereckt aus zähem Silber.
635   Sichel und Schar weicht jetzo entehrt, und die Liebe des Pfluges
Weicht; um schmiedet die Ess' altjährige Klingen der Väter.
Aufruf schmettert bereits, und es geht die kriegrische Losung.
Hastig entrafft man die Helm' aus den Wohnungen; jener beschleunigt
Brausende Rosse zum Joch; der deckt mit dem Schild' und des Panzers
640   Drillichsgolde den Leib und gürtet das biedere Schwert um.

Öffnet den Helicon jetzt, o Göttinnen, regt den Gesang auf:
Welche Gebieter zum Kampf sich empört, und welcherlei jedem
Folgende Schar die Fluren gefüllt; wie das Italerland schon
Damals hehr von Männern geblüht, wie geleuchtet in Waffen.

645   Ihr ja gedenkt, ihr könnt, Zeus Töchter, erneun das Gedächtnis.
Zu uns schlüpfet nur kaum ein verwehendes Lüftchen des Nachruhms.

Erstlich zog in den Kampf, trotzvoll aus tyrrhenischen Landen,
Götterverächter, Mezentius, her mit gewappneten Scharen.
Diesem gesellt geht Lausus der Sohn, dem keiner an Schönheit

650   Vorragt', außer dem Wuchs des laurentinischen Turnus.
Lausus, der reisige Held, und Bekämpfer des grausen Gewildes,
Führt aus der Stadt Agylla umsonst mithelfender Männer
Tausend zum Streit: o würdig, daß väterlichen Gebotes
Froher er wär', und Vater ihm nicht Mezentius wäre!

655  

Drauf den stolz mit der Palme die Flur durchprangende Wagen
Zeigt und die siegenden Rosse, von Herkules stammend dem schönen,
Aventinus der schön'; auf dem Schild', als Zeichen des Vaters,
Trägt er mit hundert Schlangen die rings umschlängelte Hydra;
Den die Priesterin Rhea im aventinischen Bergwald

660   Heimlich vordem durch Geburt an strahlende Lüfte hervortrug,
Fruchtbar dem Gotte das Weib; nachdem den laurentischen Feldern,
Stolz von Geryones Mord, der tirynthische Sieger genaht war,
Und im tyrrhenischen Strom' abspült' iberische Rinder.
Spieße trägt in den Streit und mordende Stachel die Jugend,
665   Auch mit länglichem Pfriem kämpft man und sabellischer Darde.
Selber zu Fuß, umschlagend die mächtige Hülle des Löwen,
Die von schrecklicher Mähn' aufstrotzt', und den zahnigen Schlund sich
Über die Scheitel gedeckt: so trat er zum Königspalast ein,
Rauher Gestalt, und die Schulter umknüpft mit herkulischem Anzug.

670  

Zwei Gebrüder darauf verlassen tiburtische Mauern,
Und das Geschlecht, dem Namen verliehn der Bruder Tiburnus,
Beide Catillus und Coras voll Mut, argivische Jugend;
Selbst Heerspitzen voran durchrennen sie dichte Geschosse:
Wie wenn zwei Centauren vom luftigen Haupt des Gebirges,

675   Söhne der Wolk', absteigen, des Homole Schnee und des Othrys
Lassend in stürmischem Lauf; es gewährt den Enttummelnden ringsum
Wege der Wald, rings krachen zerschmetterte Büsch' auseinander.

Nicht auch fehlte der Gründer der pränestinischen Bergstadt,
Den von Vulkanus erzeugt, den Waldvieh weidenden König,

680   Und auf dem Herde gefunden geglaubt hat jegliches Alter,
Cäculus. Zahlreich strömt ihm des ländlichen Volks Legion nach:
Was um Präneste die Höhn, und was der gabinischen Juno
Flur, und des Amo Kühlung, und was von Bächen genetzte
Hernicerfelsen bebaut; die du, reiche Anagnia, nährest
685   Und amasenischer Strom. Nicht kommen sie alle mit Waffen,
Noch von Schild und Wagen umtönt: nein bläuliche Kugeln
Schwingen die meisten von Blei; doch andere tragen der Spieße
Zwei in der Hand; und vom Balge des Wolfs falbzottige Kappen
Sind Schutzwehren dem Haupt: links stellen sie nackend den Fußtritt
690   Gegen den Feind, und den rechten bedeckt ungegerbete Stierhaut.

Doch Messapus der Held, und der neptunische Rossebezähmer,
Den nicht, weder mit Eisen noch Glut, zu strecken vergönnt ist,
Regt aus säumender Ruhe das Volk und des Krieges entwöhnte
Scharen führt er zum Streit und erweckt die Geschäfte des Eisens.

695   Teils Fescennias Spitzen, und teils die gerechte Faliscus,
Teils soractische Höhen bewohnt's, und flavinische Felder,
Auch des ciminischen Sees Bergwald, und die Haine Capenas,
Gleich in geordnetem Tritt gehn all', und besingen den König:
Wie oft unter dem klaren Gewölk schneefarbige Schwäne,
700   Wann, von der Weid' heimziehend, sie hell aus ragenden Hälsen
Tönen Gesang; nach hallet der Strom, und der asischen Wasser
Weites Gesümpf.
[Keiner auch hätte gewähnt, bald wirr' aus so großem Gewühl sich
Eherne Schlacht; nein schwebend daher von strudelnden Meerhöhn
705   Dränge sich wimmelnder Vögel Gewölk rauhtönend zum Ufer.]

Siehe, vom alten Blut der sabinischen Männer, ein mächtig
Heer führt Clausus zum Kampf, und geht wie ein mächtiges Heer selbst.
Jetzo breitet von ihm sich der Claudier Stamm und Geschlecht aus,
Latium durch, seit Teil an Roma empfahn die Sabiner.

710   Voll sind hier Amiterner geschart, hier alte Quiriten,
Ganz des Eretus Macht und der ölfruchtbaren Mutusca;
Welche Nomentums Burg, und das Rosengefild des Velinus,
Welche der Tetrica schroffes Gestein, und den Berg des Severus,
Foruli auch und Casperia baun und die Strömung Himellas;
715   Was den Thybris und Fabaris trinkt, was sandte die kalte
Nursia, was die Hortinergemein' und latinische Völker;
Auch was Allia scheidet, der Strom unglücklichen Namens.
Wie viel Wogen sich wälzen in Libyas weitem Gewässer,
Wann voll Grimms Orion sich taucht in winternde Brandung;
720   Wie in verjüngeter Sonne gedrängt anreifen die Ähren,
Über des Hermus Gefild' und in Lycias gelblichen Äckern:
Rasseln die Schild', und vom Gang Fußwandelnder bebet die Erd' auf.

Dort, Agamemnons Genoß, abhold dem troischen Namen,
Schirrt an den Wagen Halesus die Ross' und führet dem Turnus

725   Tausende trotzigen Volks: die in Segnungen bauen des Bacchus
Massicerflur mit dem Karst, und die von erhabenen Hügeln
Her auruncische Väter gesandt, und zunächst Sidicinums
Ebenen; auch wer Cales verließ, und wer des Volturnus
Furtigem Strom anwohnt, und der rauhe Saticuler nächst ihm,
730   Samt der oscischen Macht. Mit länglich gedreheten Pfeilen,
Schießen sie, die nach der Weis' an schwankende Gerten gefügt sind;
Lederne Tartschen am Arm und gesichelte Schwerter zum Einhaun.

Du auch entwandele nicht unverherrlichet unseren Liedern,
Öbalus, den einst Telon gezeugt mit der Nymphe Sebethis,

735   Als der Teleboer Reich er behauptete, Capreäs Eiland,
Ältlich bereits. Nicht aber vergnügt mit den Vatergefilden
War auch der Sohn; weitum schon damals herrschend mit Obmacht,
Lenkt' er sarrastische Stämm' und gefeuchtete Plane des Sarnus,
Auch die in Rufrä und Batulus baun und den Fluren Celennas,
740   Und die von oben umschaut die apfelreiche Abella.
Nach teutonischer Weis' entschwingen sie schmetternde Speerlast;
Schutz dem Haupte verleiht die geschälete Rinde des Korkbaums;
Ehern zucken die Schwerter, es zuckt der eherne Mondschild.

Dich auch sandt' in das Treffen das bergansässige Nersä,

745   Ufens, o glanzreicher an Ruhm und glücklichen Waffen.
Ihm ist rauh vor allen das Volk und zu Jagden des Forstes
Immer gewöhnt, Äquiculervolk, hartscholligen Bodens.
All' in Wehr arbeiten das Feld, und auf Beute beständig
Beute daherzuführen behagt und zu leben von Raubgut.

750  

Ja, aus dem Volke sogar der Marruvier kam auch ein Priester,
Über dem Helm mit dem Laube geschmückt des glücklichen Ölbaums,
Er, von Archippus dem König gesandt, der tapfere Umbro:
Der dem Nattergezücht und den streng anhauchenden Hydern
Pflegete Schlummer zu streun durch Gesang und der Hände Berührung,

755   Auch einwiegte den Zorn und dem Biß auch Linderung ausfand.
Doch nicht war er, zu heilen den Stich der dardanischen Spitze,
Mächtig genug; nicht halfen ihm dort für rinnende Wunden
Schlummergesäng' und Kräuter, in marsischen Bergen gesammelt.
Dich hat Anguitias Wald, dich Fucinus mit der Krystallflut,
760   Dich hellfließende Seen beweint!

Kühn auch folgt' in den Streit des Hippolytus herrlicher Sprößling
Virbius: den hochprangend die Mutter Aricia sandte,
Aufgenährt in dem Hain der Egeria, um die betauten
Ufer, wo reich und versöhnlich anjetzt der Diana Altar ist.

765   Denn Hippolytus, sagt man, nachdem Stiefmutterbetrug ihn
Ausgetilgt und mit Blut er dem fluchenden Vater gebüßet,
Von den verwilderten Rossen zerstückt, sei unter des Äthers
Sternheer wiedergekehrt zu den oberen Lüften des Himmels,
Durch päonische Kräuter geweckt und die Liebe Dianas.
770   Doch der allmächtige Vater war zornig, daß von dem dunkeln
Orcus ein Sterblicher wieder zum Licht aufstiege des Lebens,
Und des Apollo Geschlecht, den Erfinder so mächtiger Heilkunst,
Donnert' er selbst mit dem Strahle hinab zu den stygischen Wassern.
Ihn, den Hippolytus, barg die erhabene Trivia heimlich,
775   Fern zu dem eigenen Hain und der Nymph' Egeria sendend:
Daß der Einsame dort in italischen Waldungen ruhmlos
Lebt', und, des vorigen Namens entlediget, Virbius hieße.
Darum hemmt man vom Tempel und heiligen Hain der Diana
Noch hornfüßige Rosse zurück, weil Wagen und Jüngling
780   Sie am Gestad' hinstürzten, von Meerscheusalen erschrecket.
Aber der Sohn auch verstand nicht säumiger ebenes Feld durch
Feurige Rosse zu lenken, und flog in dem Wagen zum Kriegskampf.

Unter den ersten er selbst, der an Wuchs vorscheinende Turnus,
Dreht sich, von Waffen umblinkt, und ragt mit dem Scheitel empor ganz.

785   Dreifach wallt ihm der Busch vom erhabenen Helm, wo Chimära
Graunvoll droht, aus dem Schlund ätnäische Flammen veratmend:
Um so brausender jen', und in schrecklicher Lohe verwildert,
Um so roher die Schlacht mit vergossenem Blute dahertobt.
Doch den geglätteten Schild verherrlichte, strahlend in Golde,
790   Io mit hohem Gehörn, schon rauh von Zotten, und Kuh schon,
Bilder glänzenden Ruhms! auch hütete Argus der Jungfrau;
Inachus stürzte, der Vater, den Strom aus gemeißelter Urne.
Hinter ihm rollt Fußgängergewölk und geschildete Heerschar,
Dichtgedrängt durch ganze Gefilde und argivische Jugend,
795   Rutuler, und Auruncer geschart, und alte Sicanen,
Auch sacranische Reihn, und buntgetartschte Labicer:
Welche die Höhn, Tiberinus, dir baun, und welche Numicus
Heiligen Bord mit dem Pflug' und die Rutulerhügel bestellen,
Und das circäische Kap; und die Flur, wo Juppiter Anxur
800   Waltet, und gern in der Grüne des Hains Feronia hauset;
Auch wo Satura schwarz rings sumpft, und kalt in des Thales
gedrungen Bahn sich erforscht, und zum Meer abgleitet der Ufens.

Diesen gesellte sich noch aus volskischem Stamme Camilla,
Führend der Reisigen Zug, und mit Erz umfunkelte Haufen,

805   Streiterin sie! Nicht waren an Spindel und Korb der Minerva
Ihr die weiblichen Hände gewöhnt; hart wußte die Jungfrau
Kampf zu bestehn und im Laufe voranzurennen den Winden.
Selbst auf dem oberen Grüne der kaum nur berühreten Saatflur
Flöge sie, ohne im Laufe die kindliche Ähre zu kränken;
810   Selbst durch offenes Meer leichthin auf schwellender Woge
Schwebte sie, und ungenetzt durcheilt' ihr die Sohle die Meerbahn.
Ihr nun strömet daher aus Gefild' und Wohnung die Jugend,
Ihr der bewundernden Mütter Gewühl, und die wandelnde schaut man
Mit hingaffendem Antlitz erstaunt: wie königlich Purpur
815   Ihr die Glätte der Schulter umstrahlt; wie die Schnalle das Haupthaar
Hell durchwindet mit Gold; wie sie selbst den lycischen Köcher
Trägt und die ländliche Myrte mit scharf vorblinkendem Stachel.
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