Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Vergil >

Vergils Äneide

Vergil: Vergils Äneide - Kapitel 13
Quellenangabe
typeepos
titleÄneis
authorPublius Vergilius Maro
translatorJohann Heinrich Voß
year1875
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
pages1
created20020906
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1799
Schließen

Navigation:

(Sechster Gesang)

              Unglückselige Dido, so hat mir wahre Verkündung,
Daß du geschieden, erzählt, und vom eigenen Stahle gefallen?
Ach, und des Wehs Urheber war ich? Bei den Sternen beschwör ich,
Und bei den Oberen, ja, wenn Bekräftigung unter der Erd' ist:
460   Sehr ungern von deinem Gestad', o Königin, schied ich.
Aber der Götter Befehl, der jetzt durch Schatten zu wandern,
Moore hindurch und Moder mich zwingt und Tiefen des Nachtgrauns,
Hat mit strenger Gewalt mich gescheucht. Nicht glauben ja konnt' ich,
Daß so heftigen Schmerz ich dir aufregte durch Trennung.
465   Hemme den Schritt und entferne dich nicht aus unserem Anblick!
Fliehst du? o wen? Heut gönnt mir zuletzt Anrede das Schicksal.

Also versucht Äneas, da wild und düster sie schaute,
Ihr durch freundliche Worte das Herz, und weinte mit Inbrunst.
Jene hält auf den Grund abwärts die gehefteten Augen;

470   Nicht wird mehr ihr Gesicht vom begonnenen Worte beweget,
Als wenn harter Granit dastand' und marpesischer Marmor.
Endlich rafft sie sich auf und entflieht erbittert von dannen
Tief in den schattigen Hain, wo der vorige Gatte Sychäus
Ihr vollherzige Lieb' und zärtliche Sorgen erwidert.
475   Doch nicht minder Äneas, gerührt von dem traurigen Unfall,
Blickt mit Thränen ihr nach und beklagt die Scheidende innig.

Fort nun strebt er die Bahn des Geschicks; und die äußerste Flur schon
Traten sie, wo sich gesondert der glänzenden Krieger Versammlung.
Hier Begegnet ihm jetzt Tydeus, hier, waffenberühmt einst,

480   Parthenopäus der Held, und das Bild des bleichen Adrastus,
Hier auch, viel dort oben beweint, die im Streite gesunkne
Dardanerschar; die all' in die Läng' hin jener betrachtend
Seufzete: Glaucus zugleich, und Thersilochus, auch Polyphötes,
Ceres geweiht, auch Medon, zusamt drei Söhnen Antenors,
485   Auch Idäus, der noch das Gespann, noch Waffen behauptet.
All' umstehn ihn die Seelen, sich rechtsher drängend und linksher.
Nicht einmal ihn zu sehen genügt, froh weilt man beständig,
Froh auch gesellt man den Schritt und forscht, weswegen er ankam.
Aber der Danaerhäupter, und alles Gewühl Agamemnons,
490   So wie sie schauten den Mann und die blinkenden Waffen im Dunkel,
Bebten sie bang' und erschrocken umher: teils wandten den Rücken,
Wie sie vordem zu den Schiffen entflohn; teils huben der Stimme
Zarten Laut: es versagt das Geschrei den geöffneten Kehlen.

Jetzt auch des Priamus Sohn, dem zerfleischt die ganze Gestalt war,

495   Schaut er, Deïphobus dort, wie zerfetzt unmenschlich das Antlitz,
Antlitz und Hand' er erhub, wie beide verwundete Schläfen
Ohrenlos, und die Nase von schändender Wunde gestümmelt.
Kaum erkennt er sogar den Verschüchterten, welcher die grause
Marter bedeckt, und redet mit traulicher Stimme zuerst an:

500  

Teucrus erhabener Sproß, Deïphobus, Edler des Kampfes!
Wessen Herz doch ersann, so grausame Strafe zu üben?
Wem war erlaubt so Großes an dir? In der äußersten Nacht doch
Hört' ich den Ruf, müd' endlich vom Mord zahlloser Pelasger
Seist du gesunken zu ruhn auf verworrenen Haufen von Leichen.

505   Selbst dann häuft' ich empor am rhöteischen Ufer ein leeres
Rasengrab und den Geist dreimal anrufend begrüßt' ich.
Nam' und Waffen behaupten den Ort. Dich, Trauter, vermocht' ich
Nicht zu erspähn, noch scheidend in heimische Erde zu betten.

Hierauf Priamus Sohn: Nichts hast du, o Trauter, verabsäumt;

510   Alles geschah für des kalten Deïphobus Geist, was dir oblag.
Doch mich hat mein Geschick und der frevlen Laconerin Unthat
In dies Leiden versenkt; das ließ mir jene zum Denkmal.
Denn wie die äußerste Nacht wir unter trüg'rischen Freuden
Hingeschwärmt, das weißt du, zu laut nur ruft die Erinnrung.
515   Als das Verhängnisroß sich hereinschwang über die hohe
Pergamos und schwer trug die gewappneten Streiter im Bauche;
Heuchelte jene den Chor und führt' im bacchantischen Taumel
Phrygische Weiber umher; selbst hielt sie die Flamm' in der Mitte,
Lichter Loh', und rief von der obersten Burg die Achäer.
520   Mich indes, den Sorge des Tags und Ermüdung belastet,
Hielt das unheilvolle Gemach, und den Ruhenden drückte
Sanft unerwecklicher Schlaf, dem friedsamen Tode vergleichbar.
Aber die treffliche Gattin entfernt aus dem Hause die Waffen
Alle, nachdem mir zum Haupte das biedere Schwert sie entwendet,
525   Ruft in das Haus Menelaus herein und öffnet die Schwellen:
Hoffend fürwahr, das werde dem Liebenden großes Geschenk sein,
Und so könne sie tilgen den Ruf der vorigen Frevel.
Was noch gesäumt? Man stürmt ins Gemach; auch fügt als Genoß sich
Äolus Sohn, Anrater des Gräuls. Gebt, Götter den Griechen
530   Solches zurück, wenn fromm mein Mund die Vergeltungen fordert!
Doch was hat für ein Los dich Lebenden (melde mir wieder!)
Hergebracht? Wie, kommst du, vom stürmischen Meere verschlagen?
Oder auf Göttergeheiß? O welch Unheil doch verfolgt dich,
Daß du zum Graun sonnloser, so starrender Wohnungen eingingst?

535  

Bei dem Wechselgespräch hatt' Aurora mit rosigem Vierspann
Schon die Mitte des Pols im ätherischen Laufe durchwandert;
Und leicht hätten sie alle verliehene Zeit sich verschwendet.
Aber die Führerin warnt' und redete kurz, die Sibylla:

Drängt doch die Nacht, Äneas, und wir verweinen die Stunden!

540   Hier ist der Ort, wo der Weg in zwei Abwege sich scheidet.
Rechtshin, welcher zu Dis, des gewaltigen, Mauern hinanführt,
Hierauf gehen wir fort in Elysium: jener zur Linken
Quält die Verbrecher mit Straf', in den frevelen Tartarus führend.

Drauf Deïphobus so: Nicht eifre, große Prophetin.

545   Scheid' ich denn, und ergänze die Zahl, und kehre zum Dunkel.
Geh, geh, unsere Zier, und erfreue dich besseres Schicksals!

Also redete jener und dreht' in dem Worte den Fußtritt.
Plötzlich schaut Äneas zurück, und links an dem Felsen
Sieht er ein weites Verschloß mit dreifach umzingelnder Mauer:

550   Wo sich der Phlegethon rings mit dem Sturz aufstrudelnder Flammen
Windet, des Tartarus Strom, und tosende Steine daherrollt.
Vorn die gewaltige Pfort', und Gesäul aus gediegenem Demant:
Daß nicht Männergewalt, nicht selbst der Unsterblichen Angriff
Durchzubrechen vermag. Hoch ragt ein eiserner Turm auf.
555   Aber Tisiphone sitzt, den blutigen Mantel geschürzet,
Nacht und Tag schlaflos, und bewahrt die Schwelle des Eingangs.
Dorther scholl Wehklag' und Geseufz, und wütende Geißeln
Schwirrten empor, auch Eisengeklirr und gezogene Ketten.
Stehen bleibt Äneas und horcht mit Entsetzen dem Aufruhr:

560  

Welche Gestalt der Verbrechen? o Jungfrau, rede, mit welcher
Peinigung drängt sie die Strafe? was hallt für Jammer zur Luft auf?

Wieder begann die Prophetin: Erhabener Dardanusenkel,
Nicht ist Reinen erlaubt, der Freveler Ort zu betreten;
Doch als Hekate mir die Haine befahl des Avernus,

565   That sie der Ewigen Strafe mir kund und führte mich ringsum.
Hier übt harte Befehle der Gnosierheld Rhadamanthus,
Züchtiget streng' und verhört den Betrug und zwingt zum Bekenntnis,
Wenn in der oberen Welt, der leeren Verheimlichung fröhlich,
Einer zum Tode die Buß' aufschob des, was er gesündigt.
570   Stracks die Schuldigen dann, mit rächender Geißel gerüstet,
Schlägt Tisiphone höhnend, und streckt in der Linken gewundne
Schlangen daher und ruft den grausamen Zug der Geschwister.
Jetzt auf rasselnder Angel erklirrt und breitet die hehre
Doppelpforte sich auf. Du siehst, wie drohend am Eingang
575   Sitzet die Hut, und welche Gestalt die Schwelle bewahret.
O die entsetzliche Hyder mit fünfzig dunkelen Schlünden
Hat noch drohender innen den Sitz. Und der Tartarus selber
Streckt zweimal so tief sich hinab in die Schatten des Abgrunds,
Als durch den Himmel der Blick zu ätherischen Höhn des Olympus.
580   Dort ist der Erd' uraltes Geschlecht, die titanische Jugend,
Welche, vom Donner versenkt, am untersten Grunde sich wälzet.
Auch des Aloeus Söhne, die Zwillinge, gräßlichen Wuchses,
Schauet' ich, die mit den Armen den Bau des erhabenen Himmels
Aufzureißen gewagt und Juppiter selber zu stürzen.
585   Auch den Salmoneus sah ich, der schwer dem Juppiter büßte,
Als er den Blitz nachahmt' und den Donnerhall des Olympus.
Jener, von vier Zugrossen geführt und die Fackel erschütternd,
Flog durch Grajer einher und die Stadt der bevölkerten Elis,
Stolz im Triumph und für sich der Unsterblichen Ehre verlangt' er,
590   Rasender, welcher den Strahl und die unnachahmbaren Donner
Hatte mit Erz und Gestampf hornfüßiger Rosse geähnlicht!
Doch der allmächtige Vater hervor aus dichtem Gewölk nun
Schwang er Geschoß, nicht Brände daher, noch dampfenden Kienes
Leuchtungen, häuptlings hinab in unendlichem Wirbel ihn schmetternd.
595   Tityos auch, den Zögling der allgebärenden Erde,
Schaute mein Blick, der ganz durch neun Feldhufen den Leib hin
Ausdehnt, weil krummschnablig ein überschwänglicher Geier
Ihm die unsterbliche Leber zerhackt, und erneueten Strafen
Sprossendes Fleisch einwühlet nach Schmaus und unter der Brust tief
600   Wohnet und niemals Ruhe vergönnt nachwachsendem Fleische.
Meld' ich annoch den Lapithen Pirithous und den Ixion?
Denen ein dunkeler Fels, stets drohend den Fall, und dem nieder
Schmetternden gleich, obschwebet: den festlich erhabenen Polstern
Strahlt ein goldnes Gestühl, und bereiteter Schmaus vor dem Antlitz
605   Prangt in Königespomp; der Furien älteste lieget
Beiden gesellt und verwehrt zu strecken die Hand nach den Tafeln,
Hebt sich empor mit der Fackel und droht aus donnerndem Munde.
Hier, wer Haß dem Bruder gehegt, solange er lebte,
Oder den Vater verstieß, wer mit Trug umstrickte den Schutzfreund,
610   Auch wer brütend allein oblag dem erkargeten Reichtum
Und kein Teil den Seinen verlieh – zahlreiches Gewimmel; –
Wer in des Ehbruchs Schlichen erlag, wer frevelnden Waffen
Folgete, wer ungescheut Treulosigkeit übte für Wohlthat:
All' erwarten sie Straf' im Verschloß. Nicht heische Belehrung,
615   Welche Straf' und in welcher Gestalt sie belaste das Unheil.
Großes Gestein wälzt dieser, und der an den Speichen der Räder
Schwebt auseinander gespannt, hier sitzt und ewig hinfort sitzt
Theseus unglücksvoll, und Phlegyas warnet im Elend
All' umher und bezeugt sie mit lautem Ruf durch die Schatten:
620   Lernet gewarnt recht thun und nicht mißachten die Götter!
Dieser verkaufte für Gold sein Volk, willkürliche Herrschaft
Gründete der, und Gesetz', ein Gedungener, schuf er und tilgt' er.
Dieser drang in der Tochter Gemach und in Ehen des Gräuels.
All' erfrechten sich schnöden Vergehns und genossen der Frechheit.
625   Nein, wenn auch hundert Zungen ich hätt' und hundert der Kehlen,
Eiserne Stimm', nie könnt' ich sie all' umfassen die Frevel,
Nie sie alle durchgehn, die Benennungen rächender Strafen.

Als sie die Worte gesagt, die prophetische Greisin Apollos:
Aber wohlan, nun flügle den Gang und vollende den Auftrag;

630   Hurtiger, sprach sie, geeilt! in cyclopischer Esse geschmiedet,
Ragt mir entgegen die Burg, und vorn der gewölbete Eingang,
Wo uns Götterbefehl das Geschenk zu entrichten gebietet.

Jene sprach's; und zugleich die dumpfigen Pfade durchwandelnd,
Eilen sie beide dahin und nahn der gedoppelten Pforte.

635   Schleunig gewinnt Äneas den Schritt und mit frischem Gewässer
Sprengt er den Leib und heftet den Zweig an die Stirne des Thores.

Als nun solches vollbracht und der Herrscherin Gabe geweiht war,
Kamen sie hin zu den Fluren der Wonn', und den grünenden Lustaun
Ewig seliger Hain' und den Wohnungen friedsamen Heiles.

640   Dort mit reinerer Hell' umschwebt die Gefilde der Äther
Klar, und eigene Sonne kennen sie, eigene Sterne.
Teils nun übt man die Glieder im grasigen Plane des Lustkampfs,
Mit wetteiferndem Spiel und ringt in gelblichem Sande.
Teils stampft man mit den Füßen den Tanz und singet das Chorlied.
645   Auch der Thracierbard' in lang hinwallender Kleidung
Tönt zum gemessenen Liede die siebenhallige Leier,
Bald mit dem Finger und bald mit dem Elfenbeine sie rührend.
Hier ist altes Geschlecht, des Teucrus herrlicher Abstamm,
Hochgesinnte Heroen, erzeugt der besseren Vorzeit,
650   Ilus, Assaracus auch, und Dardanus, Gründer von Troja.
Waffen bewundert er fern und ledige Wagen der Männer.
Lanzen stehn in die Erde gebohrt, und es irren gelöset
Weidende Ross' im Gefilde. Wie groß die Liebe der Wagen
Lebenden war und der Waffen, wie aufmerksam die Ernährung
655   Glänzender Ross', so folgt sie den Ruhenden unter die Erd' auch.
Andere siehet er dort, rechtshin durch den Rasen und linkshin,
Liegen am Schmaus', auch singen im Chor den freudigen Päan,
Unter des Lorbeerhains Umduftungen, wo von der Höhe
Vollgedrängt durch den Wald des Eridanus Strom sich herabwälzt.
660   Hier, wer Wunden im Kampf für das Vaterland sich erstrebet;
Wer sich rein als Priester bewahrt, solange er lebte,
Auch wer fromm als Dichter, und Würdiges sang des Apollo;
Wer, ein Erfinder, das Volk durch Kunst ausbildet' und Weisheit;
Und wer sonst durch Verdienst Erinnerung seiner zurückließ:
665   Allen umgürtet die Schläf' ein schneeweiß glänzendes Stirnband.
Sie, die umher sich ergossen, befragt also die Sibylla;
Doch den Musäus vor allen, dieweil zahlreiches Gedräng' ihn
Einschließt, und, wie er hoch aufragt mit der Schulter, emporschaut:

Nennt, glückselige Geister, und du, hochherrlicher Seher,

670   Gegend und Ort, wo Anchises verweilt; denn nur um Anchises
Kamen wir her, durchschiffend des Erebus mächtige Ströme.

Ihr mit wenigen Worten erwiderte also der Heros:
Keinem ist eigenes Haus, ringsum in schattigen Hainen
Wohnen wir; schwellende Bord' und Auen um frischende Bächlein

675   Betten uns sanft. Doch ihr, wenn so im Herzen der Wunsch ist,
Steigt dort über die Höh, ich führ' euch auf sicherem Pfade.

Sprach's und wandelte selber voran und die lachenden Felder
Zeigt er von oben herab; dann steigen sie nieder vom Gipfel.

Aber Anchises der Vater, im Schoß des grünenden Thales

680   Eingeschlossene Seelen, die bald zum Lichte hinaufgehn,
Forscht' er mit eifrigem Herzen umher und musterte jetzo
Ganz die Zahl der Seinen entlang und die teueren Enkel,
Und die Geschick' und Leben und That und Sitte der Männer.
Als er nunmehr anstreben durch grasige Au'n den Äneas
685   Sah, voll herzlicher Freud' entgegen ihm streckt' er die Hände,
Reichlich entfloß den Wangen die Thrän' und er brach in den Ruf aus:

Kommst du endlich daher, und besiegt die dem Vater erprobte
Frömmigkeit, was dir erschwerte die Bahn? Schaun darf ich das Antlitz,
Deines, o Sohn, und hören das trauliche Wort und erwidern?

690   Zwar so ahnet' ich immer im Geist und vertraute der Zukunft,
Wann ich die Zeiten erwog, und nicht war täuschend die Sehnsucht.
Was für Lande hindurch und gewaltige Meere geführet,
Grüßest du mich! wie getrieben, o Sohn, von so großen Gefahren!
O wie sorgte mein Herz, daß Libya Schaden dir brächte.

695  

Jener darauf: Dein Bild, dein trauriges Bild, o Erzeuger,
Zwang mich, öfter erscheinend, herab in diese Behausung.
Dort am Tyrrhenergestad' ist die Flott'. O füge mir, Vater,
Füge die Hand und entferne dich nicht aus meiner Umarmung!

Also sprach er und netzte mit strömender Thräne das Antlitz.

700   Dreimal strebt er hinan, um den Hals ihm die Arme zu schlingen,
Dreimal vergeblich erfaßt entfloh aus den Händen das Bildnis,
Wie leichtwehende Wind' und geflügeltem Schlafe vergleichbar.

Jetzo schaut Äneas im tief entzogenen Thale
Abgeschlossenen Hain, und rauschende Büsche der Waldhöhn,

705   Auch den lethäischen Strom, der die ruhigen Sitze vorbeischwimmt.
Diesen umschwärmeten rings unzählbare Völker und Stämme;
Gleich wie auf grünender Au', wenn Bienen im heiteren Sommer
Weit sich auf farbige Blumen gesenkt, und um silbergekelchte
Lilien kreiset der Schwarm; rings tönt vom Gesumse der Anger.
710   Schaudernd der plötzlichen Schau steht dort, und den Grund der Erscheinung
Forscht unkundig Äneas, was fern die schlängelnde Flut sei,
Und welch Männergewühl so dicht umschwärme die Ufer.

Drauf Anchises der Greis: Die Seelen da, welchen das Schicksal
Andere Leiber bestimmt, umziehn die lethäischen Fluten,

715   Unmuttilgenden Trank und lange Vergessenheit schlürfend.
Diese fürwahr einst kund dir zu thun und zu stellen dem Anblick,
Wünsch' ich längst, und den Stamm dir aufzuzählen der Meinen;
Daß du mit mir der gefundnen Italia höher dich freuest.

Vater, wie ist doch glaublich, daß je freischwebende Seelen

720   Kehren zur Höhe von hier und zurück in langsame Leiber
Gehn? O woher den Armen des Lichts so grause Begierde?

Sei es gesagt, nicht will ich, o Sohn, dich im Zweifel erhalten,
Nimmt Anchises das Wort und erklärt nach der Ordnung ein jedes.

Erst den Himmel umher und Land' und flüssige Ebnen,

725   Auch die leuchtende Kugel des Monds und die Feuer der Sonne
Nährt von innen ein Geist; und ganz durchströmet die Glieder
Seel', und reget das All, dem großen Leibe vereinigt.
Dorther Menschengeschlecht und Tier' und muntere Vöglein,
Auch so viel Meerwunder die wogende Tiefe durchtaumeln.
730   Feurige Lebenskraft ist entflammt und himmlischer Ursprung
Jeglichem Keim, sofern nicht schädliche Stoffe sie zögern,
Nicht sie des Staubes Gelenk abstumpft und verwesliche Glieder.
Deshalb Furcht und Begier, auch Schmerz und Freude; zur Luft nicht
Schaun sie hervor, umschlossen von Nacht und dunklem Gefängnis.
735   Ja wenn das Leben sogar mit erloschenem Licht sie verlassen,
Doch nicht alles Verderb, nicht weicht den Armen von Grund' aus
Alles verpestende Übel des Leibs; an dem Innersten hängt noch
Vieles, das lang' anwuchs und haftet in zäher Vereinung.
Drum wird marternde Strafe geübt, und das alte Verderbnis
740   Abgebüßet durch Pein. Denn Andere schweben gebreitet
Gegen der Wind' Anhauch, und anderen spület der Strudel
Haftende Sünden hinweg, noch anderen brennt sie die Flamm' aus,
[Alle wir dulden im Tode für uns. Durch Elysiums Räume
Schweben wir dann, und bewohnen, wir Wenige, Fluren des Heiles:]
745   Bis langwieriger Tag, nach vollendetem Ringe der Zeiten,
All' anklebende Makel getilgt und völlig gekläret
Stellt den ätherischen Sinn, und die Glut urlauterer Heitre.
Diese, nachdem sie den Kreis durch tausende Jahre gerollet,
Ruft zum lethäischen Fluß ein Gott in großem Gewimmel:
750   Daß sie erinnerungslos die obere Wölbung des Äthers
Wieder schaun und willig in andere Leiber zurückgehn.

So Anchises der Greis; und den Sohn und zugleich die Sibylla
Zieht in den Schwarm er mitten hinein und die rauschende Heerschar.
Dann besteigt er den Hügel, woher die Gereiheten sämtlich

755   Schaun sie können von vorn, und sehen der Kommenden Antlitz.

Jetzo, wohlan, was hinfort dem Dardanerstamme für Nachruhm
Folg', und welcherlei Enkel im Italervolke bevorstehn,
Leuchtende Seelen dereinst, und Erben unseres Namens,
Soll dir künden mein Wort und deine Verhängnisse kundthun.

760  

Jener, du schaust, der Jüngling, auf lauterem Schafte gestützet,
Wandelt zunächst dem Lichte durch Los, und zuerst in des Äthers
Anhauch wird er entsteigen, vermischt mit italischem Blute,
Silvius, dein Nachsprößling, ein glänzender Name von Alba:
Den dir Hochbetagten Lavinia spät, die Gemahlin,

765   Auf in Waldungen zieht, den Könige zeugenden König,
Woher unser Geschlecht obherrscht in der langen Alba.
Dort ist Procas zunächst, der Ruhm des trojanischen Stammes,
Capys und Numitor auch, und dir gleichnamig Äneas
Silvius
, gleich dir selber an Frömmigkeit und in den Waffen,
770   Glanzvoll, wenn er ja einst Herrschaft ausübet in Alba:
Jünglinge, die, o schaue, wie stolz und mächtig, einhergehn,
Und umschattet die Stirn' im geeichelten Kranze der Bürger.
Diese erbaun Nomentum und Gabii, diese Fidena,
Diese den Bergen hinfort die collatinische Festung,
775   Inuus Burg, Pometii dann, und Bola und Cora:
Dies sind Namen dereinst, jetzt namlos liegende Länder.

Auch dem Ahn zum Genossen entbeut der mavortische Held sich,
Romulus, welchen vom Blut des Assaracus bringet die Mutter
Ilia. Siehst du ihm stehn den gedoppelten Busch auf der Scheitel,

780   Und wie der Vater den Gott mit eigener Ehre verherrlicht?
Sohn, in diesem gesegnet erblüht die erhabene Roma,
Welche die Macht den Landen, den Mut einst gleicht dem Olympus,
Sieben Höhen sich selbst mit vereinender Mauer umschließend,
Selig an Männergeschlecht: sowie die cybelische Mutter
785   Turmbekränzt auf dem Wagen durch phrygische Städte daherrollt,
Froh der Göttergeburt, und hundert Enkel umarmend,
Alle sie himmlische Mächt', all' oberer Höhen Bewohner.

Dort, o dorthin wende den Blick! Schau jenes Geschlecht dort,
Deine Romaner hinab! Dort Cäsar und des Iulus

790   Sämtlicher Stamm, der hoch zu dem Pol aufsteiget des Himmels.
Dort der Mann, dort ist er, den oft dir verheißen du hörest,
Cäsar Augustus, der Sohn des Vergötterten, welcher des Goldes
Tage verjüngt ausbreitet in Latium durch die Gefilde,
Einst von Saturnus beherrscht. Jenseits Garamanten und Indern
795   Dehnt er das Reich; fern liegt selbst außer den Sternen der Erdrand,
Außer des Jahrs und der Sonn' Umlauf, wo der ragende Atlas
Dreht auf der Schulter den Pol, mit brennenden Sternen besäet.
Seines Herannahns harrt schon jetzt auch die Caspierherrschaft,
Durch Orakel der Götter geschreckt, und das Land der Mäotis,
800   Bang' auch stürmen die Pforten des siebenströmigen Nilus.
Nicht fürwahr der Alcid' hat so viel Länder betreten,
Ob erzfüßiges Wild er durchbohrete, ob Erymanthus
Hainen er Ruhe gebracht, ob Lerna geschreckt mit dem Bogen:
Nicht, der dem Joch im Triumph weinlaubige Zügel gestrenget,
805   Liber, herab von des Nysa Gebirghöhn lenkend die Tiger.
Und wir säumen annoch durch That zu verbreiten die Tugend?
Oder es wehret die Furcht im Ausonierlande zu siedeln?

Doch wer jener, der fern, im festlichen Kranze des Ölbaums,
Opfergerät' trägt? Ich kenne das Haar des romanischen Königs

810   Und sein grauendes Kinn; der die werdende Stadt mit Gesetzen
Gründet, der winzigen Cures entsandt, und der ärmlichen Landschaft
Zu großmächtigem Oberbefehl. Ihm wandelt zunächst dann
Tullus die Ruh abbrechend dem Volk, der aus lässiger Säumnis
Männer zu Waffen erregt und schon des Triumphes entwöhnte
815   Ordnungen führt. Ihm folget an Geist ehrsüchtiger, Ancus,
Jetzo schon zu gefällig der wankenden Laune des Schwarmes.
Willst du tarquinische Herrscher auch sehn und des rächenden Brutus
Hohe Seel', und wieder gewonnene Steckengebunde?
Konsulgewalt wird jener zuerst und schrecklicher Beile
820   Macht empfahn, und wenn Krieg sie erneun, wird die Söhne der Vater
Rufen zur Strafe daher, für die heilige Sache der Freiheit.
Armer, ach, wie immer sein Thun aufnehmen die Jüngern;
Liebe der Heimat siegt und des Ruhms endlose Begierde.
Decier auch, und Druser von fern, und den strengen Torquatus
825   Schau mit dem Beil, und den Bringer verlorener Fahnen Camillus.
Jene dort, die leuchten du siehst in gleicher Bewaffnung,
Jetzt einträchtigen Sinnes annoch, weil Dunkel sie festhält,
Ha wie gewaltige Kriege dereinst, wenn zum Lichte des Lebens
Beide gelangt, wie blutig erregen sie Schlacht und Ermordung:
830   Er, von alpischen Höhn und Monöcus Spitze, der Schwäher,
Führend die Schar, und gerüstet mit östlichen Streitern der Eidam!
Nicht, o gewöhnt nicht, Knaben, das Herz an so heftige Kriege!
Nicht in der Heimat Herz so stürmische Kräfte gewendet!
Schone zuerst, du schone, der stammt vom hohen Olympus;
835   Wirf, mein teures Geblüt, das Geschoß fort!
Zum Kapitol lenkt jener hinfort, ein Besieger Corinthus,
Hoch im Triumph das Gespann, durch erschlagene Grajer verherrlicht.
Der streckt Argos in Staub, und die hohe Mycen' Agamemnons;
Selbst auch des Äacus Enkel, den Sproß des pelidischen Kämpfers,
840   Rächend den troischen Stamm und entweihete Tempel der Pallas.
Wer doch verschweigt dich, Cossus, und dich, o herrlicher Cato?
Wer des Gracchus Geschlecht, und der Feldschlacht Blitze, die beiden
Scipier, Libyas Sturz, und Fabricius, mächtig in Kleinem?
Oder dich, der die Furche besät, Heerführer Serranus?
845   Wohin reißt ihr den Müden, o Fabier? Großer, du bist es,
Der allein durch Zaudern das Heil uns wieder erneun wird!
Andere mögen das Erz viel lebensvoller beseelen,
Sei's – und lebendiger Züge Gestalt abringen dem Marmor,
Besser zu reden verstehn vor Gericht, mit dem Zirkel die Bahnen
850   Zeichnen des kreisenden Runds und das Nahn der Gestirne verkünden:
Du sollst, Römer, beherrschen des Erdreichs Völker mit Obmacht,
(Dies sei'n Künste für dich) und Zucht anordnen des Friedens,
Mild dem Ergebenen sein und niederducken den Trotzer.

So Anchises der Greis, und den Staunenden fügt er hinzu noch:

855   Schau, wie Marcellus im Glanz der erbeuteten Königesrüstung
Auftritt und siegprangend emporragt unter den Männern!
Der wird Roms Wohlfahrt in dem Sturm des großen Tumultes
Halten zu Roß und den Pöner zerstreun und der Gallier Aufruhr,
Und als Dritter den Raub aufhängen dem Vater Quirinus.

860  

Aber Äneas begann; denn er schauete, daß mit einherging,
Auserwählt an Gestalt und leuchtenden Waffen, ein Jüngling:
Doch unheiter die Stirn, und erdwärts blickend das Antlitz:

Wer, o Vater, doch er, der den wandelnden Mann da begleitet?
Sohn ihm oder vielleicht vom großen Stamme der Enkel?

865   Welch ein Geräusch der Begleiter umher! wie völlig sein Abbild!
Doch Nachtdunkel umschwebt mit traurigem Schatten das Haupt ihm.

Drauf Anchises der Greis, mit des Grams vorquellender Thräne:
O nicht forsche, mein Sohn, der Deinigen große Betrübnis!
Zeigen nur wird das Geschick dem Erdkreis diesen und länger

870   Läßt es ihn nicht. Zu mächtig erschien wohl, himmlische Götter,
Euch der romanische Stamm, wenn dauernder dieses Geschenk war!
Ach wie seufzet der Kamp an der mächtigen Veste des Mavors
Einst vom Männergeseufz! wie traurigen Zug, Tiberinus,
Schauest du, wann an dem frischen Bestattungshügel du hinwallst!
875   Nie ein anderer Knab' aus ilischem Samen erhebet
So zur Hoffnung das Herz latinischen Greisen, und keines
Zöglinges freuet sich je so stolz die romulische Herrschaft.
Ach altbiedere Treu, ach Frömmigkeit und unbezwingbar
Kämpfender Arm! Nicht wär' ungestraft ihm einer begegnet,
880   Ob er, umstrahlt von Waffen, zu Fuß andräng' in die Feinde,
Ob er dem schäumenden Roß in die Bug einbohrte die Sporen.
Mitleidswürdiger Knab', o verschont dich das rauhe Verhängnis,
Du ein Marcellus hinfort! – Werft Lilien voll aus den Händen!
Ich will purpurne Blumen ihm streun und die Seele des Enkels
885   Durch dies schwache Geschenk erfreu'n und der nichtigen Gabe
Pflicht erfüllen.

                            So ziehn sie umher im Reiche der Schatten
Rings durch das weite Gefild und spähn nach jeder Erscheinung.

Als nunmehr Anchises den Sohn durch alles geführt
Und ihm entzündet das Herz in Begier des kommenden Ruhmes,

890   Jetzo erklärt er die Kriege dem Mann, die zu führen bevorstehn,
Auch der laurentischen Völker Geschlecht, und die Stadt des Latinus,
Und wie meiden er könn' und endigen jegliche Arbeit.

Zwiefach sind die Pforten des Schlafs: die hörnerne nennt man
Eine, wodurch leichtschwebend die wahren Erscheinungen ausgehn;

895   Weiß die andre und hell aus Elfenbeine geglättet,
Doch ihr entsenden zur Luft falschgaukelnde Träume die Manen.
Als hierher Anchises den Sohn und zugleich die Sibylla
Redend geführt und entsandt aus der elfenbeinernen Pforte,
Wandelte jener den Weg zu der Flott' und fand die Genossen.
900   Drauf zum Port der Cajeta enteilet' er grade den Querweg.
Vorne ruht am Anker der Kiel und hinten am Strandseil.
 << Kapitel 12  Kapitel 14 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.