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Vergils Äneide

Vergil: Vergils Äneide - Kapitel 10
Quellenangabe
typeepos
titleÄneis
authorPublius Vergilius Maro
translatorJohann Heinrich Voß
year1875
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
pages1
created20020906
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1799
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Fünfter Gesang

Äneas, durch Sturm nach Sicilien zum trojanischen Gastfreund Acestes verschlagen, feiert den Todestag des bei Drepanum bestatteten Anchises durch Spiele: Wettrennen zu Schiffe, Wettlauf, Faustkampf, Bogenkampf, Schlachtspiel der Knaben zu Roß. Die Weiber, der Seefahrten müde, und von Juno aufgereizt, werfen Feuer in die Schiffe, die, außer vier verbrannten, Juppiters Regen löscht. Äneas, die Weiber und Schwachen des Volks dort zu lassen geneigt, wird im Traum von Anchises bestärkt, und in Italien mit Hilfe der Sibylla zur Unterwelt zu steigen ermahnt. Nach Erbauung der Stadt Acesta schifft Äneas, von Neptunus begünstigt, nach Italien; auf dieser Fahrt verunglückt der Steuerer Palinurus im Schlaf.

        Aber Äneas indes durchsteuerte mitten die Bahn schon,
Fest im Entschluß, und schnitt die gedunkelte Flut in der Kühlung,
Oft zu den Mauern gewandt, die der unglückssatten Elissa
Flamme bereits anstrahlt. Was solcherlei Brand doch entzündet,
5   Lieget verdeckt; doch der Schmerz, der aus Kränkungen heftiger Liebe
Aufstürmt und der Gedanke, wes fähig ein rasendes Weib sei,
Führen der Teucrer Gemüt durch graunhaft drohende Ahnung.

Als in die offene See bereits sie aufsteurten, und nirgends
Einiges Land noch erschien, rings Himmel und rings nur Gewässer;

10   Jetzt hing über das Haupt ihm ein bläuliches Regengewölk her,
Nacht mitbringend und Sturm, und es schauerte düster der Abgrund.
Selbst der Steuerer hoch von dem Hinterverdeck Palinurus:
Wehe, woher so dick um den Äther gelagerte Wölbung?
Was doch, Vater Neptunus bezweckest du? rief er, gebot dann,
15   Einzuziehn das Gerät und mächtige Ruder zu schwingen:
Quer nun dreht' er die Segel dem Wind' und redete also:

Nein, du erhabner Äneas, verbürgt' es auch Juppiters Wort mir,
Nie nach Italia denk' ich bei solchem Himmel zu kommen.
Seitwärts braust umlaufend der Wind, und vom dunkelen Abend

20   Steigt er empor machtvoll, und Gewölk rings hüllet die Luft ein.
Auch nicht mehr anringen dem Sturm, noch streben genugsam
Können wir. Doch weil Rettung das Glück noch bietet, gefolgt ihm!
Hin, wo es ruft, sei gewendet der Lauf. Nicht ferne vermut' ich
Eryx sichere Brudergestad' und Sicanias Hafen,
25   Täuscht das Gedächtnis mich nicht bei erneuter Betrachtung der Sterne.

Drauf Äneas der fromme: Fürwahr, daß solches die Winde
Forderten, sah ich schon längst, und umsonst du gegen sie strebtest.
Segle die Bahn seitwärts. Ist mir willkommner ein Land wohl,
Oder wo mehr ich verlangte die lechzenden Schiffe zu bergen,

30   Als das mir den Acestes, den Dardanerhelden, bewahret,
Und in den Schoß einschließt den bestatteten Vater Anchises?

Jener sprach's; und sie lenken zum Port: mitwehender Westwind
Ründet die Segel mit Hauch; rasch fliegt durch den Strudel die Flotte;
Und nun landen sie freudig am Kies des bekannten Gestades.

35  

Fernher sieht von des Berges erhabenem Scheitel verwundert
Nahn die verbündeten Segel, und kommt entgegen Acestes,
Rauh von Spießen umstarrt und dem Fell der libyschen Bärin:
Welchen der Strom Crimisos vordem mit der troischen Mutter
Zeugete. Dieser, der gern des alten Geschlechts sich erinnert,

40   Heißt sie vergnügt willkommen und teilt des ländlichen Reichtums
Brüderlich mit und stärkt durch Freundschaftshabe die Müden.

Als am folgenden Morgen die Stern' hinscheuchend im Aufgang
Strahlte der Tag, da berief der sämtlichen Freunde Versammlung
Rings am Gestad' Äneas und sprach vom gehügelten Werder:

45  

Dardanus edles Geschlecht, aus erhabenem Blute der Götter,
Ganz ist jetzo erfüllt von rollenden Monden der Jahrkreis,
Seit wir den heiligen Rest und den Staub des göttlichen Vaters
Hier in Erde gesenkt bei geweiheten Traueraltären.
Heut ist, trügt nicht alles, der Tag, der stets mir ein herber,

50   Stets ein gefeierter Tag (so wolltet ihr Götter!) mir sein wird.
Wenn ich diesen verbannt in gätulischen Syrten erlebte,
Wenn im argolischen Meere verschlagen und selbst in Mycene;
Dennoch ein jähriges Fest mit Gelübd und feierndem Auszug
Würd' ich begehn und häufen die Brandaltäre mit Gaben.
55   Jetzo von selbst an das Grab und die teuere Asche des Vaters,
Traun nicht ohne den Rat, wie ich mein', und den Willen der Götter,
Sind wir gelangt, da verweht in der Freundschaft Hafen wir eingehn.
Auf denn, mit Lust uns alle zur festlichen Ehre versammelt!
Laßt uns um Fahrwind flehn und dies mein jähriges Opfer
60   Wolle, wenn blühet die Stadt, er empfahn in geweiheten Tempel.
Gerne gewährt euch Stiere der troische Sprößling Acestes
Je zwei Haupt für die Schiffe. Gesellt die Penaten zum Festmahl,
Eure sowohl, als jene, die ehrt Acestes der Gastfreund.
Überdies, wenn den neunten der menschenerfreuenden Tage
65   Jetzt Aurora erhob und mit Glanz umstrahlte den Erdkreis,
Ordn' ich zuerst Kampfpreise der hurtigen Flotte den Teucrern,
Auch wer im Laufe der Füße vermag, und wer mutiger Stärke,
Meister im Schwunge des Speers und geflügelter Pfeile hinweggeht,
Oder sich traut, Faustkampf mit rohem Geflecht zu bestehen.
70   Jeder erschein', abwartend der würdigen Palme Belohnung.
Naht mit günstiger Zung', und kränzt mit Laube die Schläfen.

Sprach's und wand um die Schläfen sich selbst der Zeugerin Myrte.
Dies thut Helymos; dies, schon reif an Alter, Acestes;
Dies Ascanius auch; und es folgt die übrige Jugend.

75   Jetzo ging Äneas mit Tausenden aus der Versammlung
Hin zu der Gruft, er mitten im Schwarm umdrängenden Volkes,
Dort zwei Becher zur Weihe mit lauterem Tranke des Bacchus
Sprenget er, zwei voll Milch und zwei voll heiligen Blutes;
Streut dann purpurne Blumen darauf und erhebet die Worte:

80  

Heil dir, hehrer Erzeuger, auch jetzt, Heil euch, die umsonst ich
Rettete, Staub und Gebein, und Geist und Schatten des Vaters!
Nicht war vergönnt, mit dir italische Fluren des Schicksals
Auszuspähn, noch, wo er auch sei, den ausonischen Thybris!

Jener sprach's; da empor aus dem Heiligtum schlüpfend ein Drache

85   Sieben Kreis' unmäßig und sieben Umwindungen herzog,
Sanft einschließend das Grab und längs den Altären geschlängelt:
Dem in Bläue der Rücken gestreift und mit Flecken des Goldes
Hell die Schuppe gesprengt rings funkelte: wie im Gewölk bunt
Gegen die Sonn' anstrahlet der tausendfarbige Bogen.
90   Staunen ergreift den Äneas; doch er in schlängelndem Zuge
Schlüpft an den Schalen herum und zwischen den funkelnden Bechern,
Kostet vom heiligen Mahl: rückwärts unschädlich gewandt dann
Schlüpft' er zum Hügel hinein und verließ die umnaschten Altäre.
Eifriger ordnet er noch die begonnene Ehre dem Vater,
95   Zweifelnd, ob Genius jener des Orts, ob Diener des Vaters
Scheinen mög'; und er schlachtet ein Paar zweijährige Lämmer,
Auch der Säue so viel, und so viel schwarzleibige Farren;
Und wie er Wein aus Schalen herabgoß, rief er Anchises
Großen Geist, und die Manen, gekehrt aus Acherons Abgrund.
100   Auch die Genossen zugleich, willfährig vom Seinigen jeder,
Bringen Geschenk; sie belasten Altär' und weihen sich Farren.
Eherne Kessel stellt mancher umher; und im Grase gelagert,
Häufen sie unter den Spießen die Glut und rösten des Fleisches.

Schau, der erwartete Tag stieg auf, und den neunten der Morgen

105   Bracht' in heiterem Lichte das Sonnengespann Hyperions.
Rings Anwohnende lockte der Ruf und des edlen Acestes
Name daher; weit füllte der fröhliche Haufen den Meerstrand,
Teils die Äneaden zu schaun, teils fertig zum Wettkampf.
Anfangs werden die Preis' im mittleren Raume dem Anblick
110   Dargestellt: Dreifüße der Weih', und grünende Kränze,
Und siegprangende Palmen, und Waffengeschmeid', und in Purpur
Schön gefärbte Gewand', und des Goldes Talent' und des Silbers.
Und zum Beginne des Spiels tönt hell die Trompete vom Werder.

Erst nun gehn in den Kampf, sich gleich an gewaltigen Rudern,

115   Vier aus dem ganzen Geschwader mit Fleiß erkorene Barken,
Mnestheus führt den im Schwunge der Ruderer stürmenden Wallfisch;
Mnestheus, Italer bald, Urahn des memmischen Stammes.
Gyas zunächst lenkt mächtig den mächtigen Bau der Chimära,
Wie ein Castell; die, von dreifach gereiheter Dardanerjugend
120   Fortgedrängt, sich dreifach geordnete Ruder emporstuft.
Auch Sergestus, wovon der Sergier Haus sich benennet,
Fährt auf der großen Centaurin einher; auf der bläulichen Scylla
Jagt Cloanthus, woher du Römer Cluentius abstammst.

Fern im offenen Meer ist ein Fels entgegen des Ufers

125   Schäumender Flut, der untergetaucht oft tost in geschwollnen
Brandungen, wann rauhwinternd die Stern' einhüllet der Caurus:
Still bei Meeresruh' schweigt er, und ragt aus geglättetem Spiegel
Als Blachfeld, wo gerne sich sonnt ein Gewimmel von Tauchern.
Dort ein grünendes Ziel von der Steineich' ästigem Sprößling
130   Pflanzt Äneas der Vater den Schiffenden; daß sie zurück dort
Kehreten, wann sie herum im langen Laufe gesteuert.

Stellung gewährte das Los. Jetzt hoch auf den Hinterverdecken
Strahlen die Führer in Gold fernher und prangendem Purpur:
Aber mit Pappellaub' umhüllt sich die übrige Jugend,

135   Rüstig, die Schulter entblößt und mit triefendem Öle gesalbet.
Alles sitzt auf die Bänk' und gespannt sind die Arm' an den Rudern;
Alles gespannt erwartet den Wink: in den klopfenden Herzen
Wühlt die pochende Angst und des Ruhms gespannte Begierde.

Jetzt, da der hellen Trompete Getön klang, all' aus den Grenzen

140   Stürmeten ohne Verzug sie hervor; laut schallt zu dem Äther
Seemannsruf, und es schäumt den geschwungenen Armen der Sund auf.
Alle zugleich ziehn Furchen; es lechzt auseinander die Meerflut,
Rings von dem Ruder zerwühlt und dem Sturz dreizahniger Schnäbel.
Nicht so geflügelten Laufs in dem Kampf zweispänniger Wagen
145   Rafften den Plan, vorstürzend aus offenen Schranken, die Räder;
So nicht trieben die Lenker und schüttelten wallende Riemen
Ihrem beschleunigten Joch, vorwärts mit der Geißel sich beugend.
Jetzt vom Geklatsch und Brausen des Volks und ermunterndem Zuruf
Tönet der Wald ringsher; es durchrollt die umhügelten Ufer
150   Wildes Getös, und es prallt von geschlagenen Höhen der Nachhall.

Schleunig entflieht vor den andern und schlüpft in die vorderen Wellen
Gyas, umlärmt vom Gewühl Zujauchzender. Nächst ihm Cloanthus
Rauscht mit besserem Ruder daher; doch die Last des Gebälkes
Zögert den Lauf. Nach diesen sind gleich abstehend der Wallfisch

155   Und die Centaurin entbrannt, den vorderen Ort zu gewinnen.
Bald ist der Wallfisch vorn, bald geht die erhabne Centaurin
Trotzig vorbei, bald fliegen zugleich mit geselleten Stirnen
Beide durch salzige Furten, die lang nachfurchenden Kiele.
Und schon naheten jene dem Fels und dem Ziele der Meerbahn;
160   Als, der allen voraus durch die Flut siegprangete, Gyas
So mit der Stimm' anmahnet den Schiffspiloten Menötes:

Du, wo so weit rechtsab mir entschlüpfet? Dort lenke den Lauf hin!
Liebe den Strand; und am linken Gestein laß scharren die Ruder!
Halt' ein andrer die See. – Er sprach's; doch scheute Menötes

165   Blindes Geklipp und lenkte zum wogenden Meere das Vorschiff.
Wohin lenkst du die Fahrt? Hier lenk' an die Felsen, Menötes!
Rief noch lauter ihn Gyas zurück. Und sieh, den Cloanthus
Schauet er, welcher im Rücken verfolgt' und näher sich anhielt.
Zwischen des Gyas Barke gedrängt und die rauschenden Felsen,
170   Streift er die innere Bahn linksum, und den Vorderen plötzlich
Fliegt er vorbei und gewinnt nach verlassenem Ziele die Meerflut.
Aber dem Jüngling' entbrannt' unermeßlicher Schmerz in dem Herzen,
Selbst nicht blieb unbethränt ihm die Wang'; und den Säumer Menötes,
Eigene Würde sowohl wie das Heil der Genossen vergessend,
175   Stürmt er hinab in das Meer vom erhabenen Hinterverdecke.
Selbst dann füllt er den Raum als Steuerer, selbst als Gebieter
Treibet die Ruderer an und drehet das Heft zu dem Felsrand.
Doch wie beschwert kaum endlich dem Abgrund wieder enttauchte,
Ältlich bereits, und durchnäßt im triefenden Kleide, Menötes,
180   Klomm er den Felsen empor und saß auf trockener Zacke.
Ihn den Enttaumelnden sahn und den Schwimmenden lachend die Teucrer,
Lachend sehn sie ihn dort ausspein die verschlungene Salzflut.

Freudiger hofften nunmehr die äußersten beide der Kämpfer,
Mnestheus, du mit Sergestus, des zaudernden Gyas Besiegung.

185   Raum nun schafft sich Sergestus zuerst und nahet dem Felsen,
Doch nicht dehnt er mit ganz voreilendem Borde den Raum aus;
Teils ist er vorn, teils dränget mit eiferndem Schnabel der Wallfisch.
Aber mitten im Schiff einher durch die Seinigen wandelnd,
Treibet sie Mnestheus an: Nun, nun schwingt alle die Ruder,
190   O hektorische Freund', aus Trojas endendem Schicksal
Mir zu Genossen erwählt! Nun zeigt einwohnende Kräfte,
Zeiget den Mut, mit dem ihr gätulische Syrten bestandet,
Auch das jonische Meer und die tummelnden Wogen Maleas.
Nicht mehr streb' ich voran, nicht um Sieg wetteifer' ich Mnestheus!
195   Und doch, mag es gewinnen, wem das, Neptunus, du gönntest!
Daß wir zuletzt umkehren, sei Schmach! Das wendet, o Bürger,
Wendet den Gräuel durch Sieg! – Jen' all' in der höchsten Beeifrung
Biegen sich vor; dumpf bebet der eherne Bord von den Stößen;
Unten entzieht sich die Flut; schnellatmendes Keuchen erschüttert
200   Glieder und trockene Kehl', und Schweiß wie in Bächen umströmt sie.

Selber der Zufall bot die ersehnete Ehre den Männern.
Denn da mit rasendem Mut zu dem Fels anzwänget das Vorschiff
Drinnen im Kreis', und zur Enge des Raums eingehet Sergestus,
Haftet der Elende fest an der scharf vorspringenden Felsbank.

205   Mächtig dröhnt das Gestein, und die angestemmten Ruder
Krachen am zackigen Horn, und es hängt das prahlende Vorschiff.
Auf fährt sämtlich die Schar, und laut aufschreiend verweilt man;
Stangen mit Eisenbeschlag und vorngespitzete Schalter
Langt man hervor und sammelt zerschmetterte Ruder im Strudel.
210   Mnestheus fröhlich indes, und feuriger durch das Gelingen,
Fort von der Ruderer Menge geschnellt und gerufenem Winde,
Eilt in die Räume des Meers und läuft durch offene Wallung.
Wie aus Felsengeklüft die aufgeschüchterte Taube,
Die im gelöcherten Bims Obdach und trauliches Nest hat,
215   Schwingt in die Felder den Flug, und mit klatschendem Schlage der Flügel
Bange der Wohnung entrauscht, bald, ruhige Lüfte durchgleitend,
Lautere Bahn hinstreift und im Schwung kaum reget den Fittig:
So schießt Mnestheus, so in die äußersten Fluten der Wallfisch,
Rascheren Laufs, so trägt die entfliegende Barke der Schwung selbst.
220   Jenen verläßt er zuerst am hohen Gestein, den Sergestus,
Auf seichtragender Bank, wie, herab sich ringend, umsonst er
Hilfe ruft, und lernt mit gebrochenem Ruder zu laufen,
Bald den Gyas und selbst den mächtigen Bau der Chimära
Holet er ein; aus weicht sie, beraubt des lenkenden Meisters.

225  

Noch ist übrig allein an des Meerlaufs Ende Cloanthus,
Den er verfolgt und mit höchster Gewalt arbeitend hinanringt.
Jetzo erneut sich lautes Geschrei; den Verfolgenden mahnen
Alle mit günstigem Ruf; es ertönt von Jubel der Äther.
Die sind, eigene Zier und Verdienstglanz nicht zu behaupten,

230   Unmutsvoll, und es gilt, mit dem Leben sich Ruhm zu erwerben.
Die dort schwellt der Erfolg; man kann, weil zu können man scheinet.
Beide vielleicht erstrebten den Preis mit vereinigten Schnäbeln,
Wenn nicht jetzo, die Hände zum Meer ausstreckend, Cloanthus
Bitten ergoß und die Götter mit Flehn zu Gelübden daherrief:

235  

Waltende Götter der Flut, und, die ich durchlaufe, der Meerbahn,
Euch will hier am Gestad' ich den schimmernden Stier vor den Altar
Fröhlich weihn, der Gewährung zum Dank; und das Innre des Lebens
Opfr' ich in salzige Wogen und spend' euch lautere Weine!

Jener sprach's; und die Stimme vernahm tief unter der Meerflut

240   Nereus Chor und des Phorcus, zugleich Panopea die Jungfrau.
Selbst mit gewaltiger Hand verlieh Portunus der Vater
Schwung den Gehenden; rasch, wie der Süd und der Pfeil vor der Senne,
Flog zu dem Lande die Bark' und schlüpft in die Tiefe des Hafens.

Aber der Sohn des Anchises beruft, wie Gebrauch, die Versammlung;

245   Dann erkläret er laut mit des Herolds Ruf den Cloanthus
Als Obsieger und kränzt ihm das Haupt mit grünendem Lorbeer.
Auch zum Geschenk für die Schiffe je drei der Stiere zu wählen
Giebt er, und Weine dazu, und ein großes Talent auch an Silber.
Doch den Führenden selbst auszeichnende Ehren verleiht er.
250   Ihm, der gesiegt, ein Gewand, ein golddurchstrahltes, das ringsum
Breit meliböischer Purpur umläuft in dopplem Mäander.
Eingewirkt ist der Knabe des Königes, wie er in Idas
Waldungen flüchtige Hirsche mit Lauf abmüdet und Wurfspieß,
Feurig, dem Atmenden gleich, den rasch vom Ida zum Himmel
255   Auf mit kralligen Klaun Zeus Waffenträger geraubet;
Dort zu den Sternen erheben die Hände hochaltrige Hüter,
Ach umsonst, und es wütet der Hund' Anbellen zur Luft auf.
Dann wer zunächst durch Tugend den anderen Platz sich verdienet;
Einen geringelten Panzer, aus Drillichsmaschen des Goldes
260   Hell gefügt, den er selbst vormals dem Demoleos abzog,
Siegend vor Ilions Höhn an des reißenden Simois Ufern,
Schenkt er zu eigen dem Mann, als Zierd' und Schutz in der Feldschlacht.
Kaum nur trugen die Diener das reichgeflochtene Kunstwerk,
Phegeus, die Schulter gestemmt, und Sagaris; aber gehüllt drein
265   Trieb Demoleos oft wildtummelnde Troer im Laufe.
Drauf als drittes Geschenk zwei eherne Becken verehrt er,
Silberne Schalen dazu, kahnförmige, rauhen Gebildes.

Alle sie jetzo beschenkt und froh der reichen Belohnung,
Gingen, die Schlaf' umwunden mit Laub' und purpurnen Bändern;

270   Als, von dem schrecklichen Fels mit Müh' abkommend und Arbeit,
Halb der Ruder beraubt, und an einem Borde gelähmet,
Seinen verspotteten Kiel ruhmlos Sergestus dahertrieb.
Wie auf gepflastertem Weg' oftmals die ereilete Schlange,
Welche das eherne Rad zermalmete, oder des Wandrers
275   Kräftiger Schlag halbtot auf dem Stein und verstümmelt zurückließ;
Wie sie umsonst langaus zu entfliehn mit dem Leibe sich windet,
Trotzigen Mauls, und Flammen im Blick, und bäumend den hochauf
Zischenden Hals; doch ein Teil, von der Wunde gelähmt, sie zurückhält,
Weil voll Knoten sie ringt, und in eigene Glieder sich einschmiegt:
280   Also zog sich das Schiff langsam mit verstümmelten Rudern;
Segel spannt's und gewinnt mit schwellendem Segel die Mündung.
Auch den Sergestus beschenkt mit verheißener Gabe Äneas,
Froh des geretteten Schiffs und der wiederkehrenden Freunde.
Ihm wird ein Mädchen verliehn, nicht roh in den Künsten Minervas,
285   Pholoe, thracischen Stamms, mit Zwillingssöhnen am Busen.

Als Äneas der Held dies Spiel vollendete, strebt er
Zum weichgrasigen Plan, den rings mit gebogenen Hügeln
Waldungen hielten umhegt; und mitten im Thal des Theaters
War ein Bezirk, wohin samt Tausenden jetzo der Heros

290   Wandelte, und in der Mitte der steigenden Bänke sich setzte.
Hier, wer etwa verlang' in stürmischem Laufe zu kämpfen,
Jeglichem lockt er durch Preise das Herz und stellet Belohnung.
Rings versammeln sich Teucrer umher, vermischt mit Sicanen;
Nisus vor allen zuerst und Euryalus.
295   Er, Euryalus ragt' an Gestalt und blühender Jugend,
Nisus an Liebe des Knaben und Zärtlichkeit. Dann auch erschienst du,
Königssohn Diores, von Priamus edlem Geschlechte.
Salius dann und Patron: ein Acarnanier dieser,
Jener aus Arcaderblute des tegeäischen Volkes.
300   Helymus dann, und Panopes dann, Trinacrier beide,
Jünglinge, kundig der Forst', im Geleit des bejahrten Acestes.
Und viele andere noch, die dunkele Sage verhüllet.
Diesen anjetzt in der Mitte begann zu reden Äneas:

Merkt euch alle mein Wort und vernehmt's mit freudiger Seele.

305   Keiner der sämtlichen Zahl soll ohne Geschenk mir hinweggehn.
Gnosischer Spieß' ein Paar, lichthell von geglättetem Stahle,
Werd' ich mit doppelter Axt aus gemeißeltem Silber verehren.
Dies sei allen gemein. Doch drei Obsieger empfahn noch
Preis' und umwinden das Haupt mit bläulichem Schmucke des Ölbaums.
310   Wer als erster gewinnt, dem lohn' ein stattliches Prachtroß.
Aber der andere nehme den amazonischen Köcher,
Voll von Thracergeschoß, den ein Gurt breitstrahlenden Goldes
Rings umflicht, und die Schnalle von länglichem Edelgestein hält.
Dieser argolische Helm sei erfreulicher Lohn für den Dritten.

315  

Also der Held; sie nehmen den Stand, und schnell, wie das Zeichen
Tönete, fliegen sie all' in die Räum' und verlassen den Ausgang,
Rasch wie die Wetter gestürzt, und zugleich schaun alle das Endziel.
Siehe da schlüpfet zuerst, weithin vor den übrigen Kämpfern,
Nisus voran, der dem Wind' und geflügelten Strahle zuvoreilt.

320   Diesem zunächst, doch näher in langausreichendem Abstand,
Schwingt sich Salius fort; und darauf abbeugend vom Umlauf,
Folgt Euryalus rasch.
Helymus stürmt dem Euryalus nach; doch hinter ihm selber
Flieget, sieh da, und reibt mit der Fers' ihm die Ferse Diores,
325   Gegen die Schulter gelehnt; und war mehr übrig des Umlaufs,
Rennt' er, wo nicht ihm voraus, bis zu streitiger Schwebe der Gleichheit.

Jetzo beinah zu dem Ende der Bahn und dem äußersten Umlauf
Kamen sie kraftlos an, wo der unglückselige Nisus
Gleitet im schlüpfrigen Blut, das dort von geschlachteten Rindern

330   Ausgeströmt das Gefild' und die grünenden Kräuter gefeuchtet.
Hier, frohlockender Sieger bereits, hielt wankend der Jüngling
Nicht den gestrauchelten Tritt auf dem Grund', er enttaumelte vorwärts
Grad' in den Unrat nieder von Dung' und heiligem Blute.
Nicht des Euryalus jetzt und nicht der Liebe vergaß er;
335   Gegen den Salius stellt' er den Leib, aus dem Wuste sich hebend,
Rückwärts rollete jener und lag in dem mulmigen Sande.
Aber Euryalus eilt, und, den Sieg dem Freunde verdankend,
Zuckt er hervor und entfliegt im Geklatsch und Jubel des Beifalls.
Bald naht Helymus, bald der Gepalmeten dritter, Diores.
340   Doch zu der mächtigen Bänke Versammlungen und zu der Väter
Vorderem Sitze gewandt, ruft Salius lautes Geschrei aus,
Und er verlangt sie zurück die mit Trug ihm entwendete Ehre.
Doch den Euryalus schützet die Gunst und die reizende Thräne,
Und anmutiger rührt bei lieblicher Schöne die Tugend.
345   Auch verteidigt und ruft mit lauter Stimme Diores,
Welcher zum Sieg' eintrat, und umsonst an die letzte Belohnung
Kam, wenn die erste der Ehren dem Salius jetzo gereicht ward.

Drauf der Vater Äneas: Euch, Jünglinge, bleiben gesichert
Eure Geschenk', und keiner verrückt aus der Ordnung die Palme.

350   Mir sei vergönnt zu gedenken des schuldlos leidenden Freundes.

Sprach's und dem Salius reicht' er die Haut des gätulischen Löwen,
Ungeheur, von Zotten beschwert und goldenen Klauen.

Nisus begann: Wenn solche Belohnungen stehn für Besiegte,
Und dich Gefallener daurt, was Würdiges reichst du dem Nisus

355   Nun zum Geschenk, der den ersten der Kränz' ich verdienete redlich,
Wenn mich, wie Salius, nicht ein feindliches Schicksal hinwegriß?

Rief's und zeigte zugleich sein Antlitz und die entstellten
Glieder in feuchtendem Dung. Drob lächelte freundlich der Vater.
Bringen heißt er den Schild, die edele Kunst Didymaons,

360   Den einst Grajer gehängt an Neptunus heiliger Pfoste.
Dieses erhabene Geschenk verehrt er dem trefflichen Jüngling.

Drauf, da geendiget ruhte der Lauf, und die Gabe verteilt war:
Jetzt, wem Kraft beiwohnt, und ein feuriger Mut in dem Herzen,
Komm' und erhebe die Arme mit starkumwundenen Fäusten!

365   Sprach's und stellte dem Kampfe gedoppelte Ehrenbelohnung:
Einen Stier dem Sieger, mit Gold und Binden umgeben,
Schwert und Helm, vorstrahlend an Pracht, zum Trost dem Besiegten.

Ohne Verzug nun trägt mit gewaltiger Stärke sein Antlitz
Dares hervor und hebt sich, umtönt von der Männer Gemurmel:

370   Er, der allein mit Paris die Kraft anstrengte zum Wettkampf;
Er, der auch einst am Hügel, wo ruht der erhabene Hektor,
Den siegprangenden Butes mit ungeheueren Gliedern,
Der vom Bebrykerstamme des Amycos kommend einhertrat,
Niederschlug, und für tot ausstreckt' im gelblichen Sande.
375   So von Gestalt hebt Dares den Kampf zu beginnen das Haupt auf,
Zeigt breitschultrige Fülle des Rumpfs, und in Wechselbewegung
Schwingt er die Arm' ausstreckend und schlägt mit Streichen die Lüfte.
Ihm wird ein andrer gesucht; doch auch nicht einer der Heerschar
Wagt zu stehen dem Mann und die Faust mit Geflecht zu umwinden.
380   Mutig demnach und wähnend, daß all' ihm räumten die Palme,
Trat vor Äneas Füß' er einher; dann ohne Verweilung
Hält mit der Linken den Stier er am Horne gefaßt und beginnt so:

Sohn der Göttin, wenn keiner beherzt in die Fehde sich waget;
Wann soll enden mein Stehn? bis wohin mich zu halten geziemt es?

385   Heiß' mich nehmen den Lohn! – und es murmelte dumpf die gesamte
Dardanerschar und ermahnte, dem Mann zu gewähren den Siegspreis.

Ernsthaft jetzt den Entellus bestraft mit Worten Acestes,
Welcher zunächst ihm saß auf grünendem Polster des Rasens.

O Entellus, umsonst der Tapferste einst der Heroen,

390   Daß ohn' jeglichen Kampf so herrliche Gabe geraubt sei,
Duldest du mild? Wo bleibet uns nun, den du eitel als Lehrer
Angabst, Eryx der Gott? wo der Ruf, der Trinacria ringsum
Füllt und so viel Siegsbeute, die dir in den Wohnungen hänget?

Jener sofort: Nicht Liebe des Ruhms, noch der Ehre Gefühl wich

395   Zagender Furcht; doch siehe, vom lähmenden Alter gekältet,
Starret das Blut, steif sind dem ermatteten Leibe die Nerven.
Wenn, wie sie vormals war, wenn so, wie der Freveler dort sich
Brüstet in trotzigem Mut, noch jetzt mir blühte die Jugend,
Traun, nicht erst von dem Lohne bewegt und dem stattlichen Farren
400   Käm' ich daher, nicht acht' ich Geschenk! – Da er also geredet,
Flugs der gedoppelten Gurt' unmäßige Last in die Mitte
Warf er, mit welchem zum Kampf oftmals der weidliche Eryx
Hub die Fäust', einhüllend den Arm in gehärtete Stierhaut.

Allen erstaunte das Herz: so starreten mächtige Rücken

405   Sieben gewaltiger Stiere, mit Blei und Eisen durchknotet,
Mehr noch staunt selbst Dares sie an, der ferne zurückstutzt.
Aber es wäget die Last der anchisiadische Heros,
Hin und her des Geflechts unermeßliche Windungen drehend.
Jetzo hub aus der Brust der Betagte folgenden Ausruf:

410  

Was, wenn einer die Gurte des Herkules selbst und die Rüstung
Hätte gesehn, und wie ernst grad' hier am Gestade der Kampf war.
Dies Rüstzeug pflegt' Eryx vordem, dein Bruder, zu tragen.
Noch sind Spuren des Blutes zu schaun mit verspritztem Gehirne.
Dies schwang jener mit Macht auf Herkules; selber auch führt' ich's,

415   Als noch frischeres Blut mich kräftigte, und um die Schläfen
Noch nicht grauendes Haar mir gestreut mißgünstiges Alter.
Doch wenn solchen Gewehrs der troische Dares sich weigert,
Und es Äneas sich wünscht, und Acestes verlangt, der mich antrieb:
Wohl, gleich werde der Kampf! Dir entlaß' ich die Häute des Eryx;
420   Hemme die Furcht! du lege das troische Riemengeflecht ab.

Also sprach er und warf das Doppelgewand von den Schultern,
Mächtiger Glieder Gelenk', und mächtige Knochen und Muskeln
Hüllt' er hervor, und stand wie ein Ries' in der Mitte des Sandes.
Aber der Held, von Anchises gezeugt, trug gleiches Geriem her,

425   Und mit ähnlichen Waffen umwickelt' er beiden die Hände.
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