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Franz Werfel: Verdi - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorFranz Werfel
titleVerdi
publisherFischer Taschenbuch Verlag
printrun9. Auflage
year2011
isbn9783596294565
firstpub1924
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20151119
projectid9eb3877f
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Zweites Kapitel

Der Hundertjährige und seine Sammlung

I

Der Mann, der das Tor geöffnet hatte, leuchtete dem Maestro mit einer Laterne ins Gesicht. Es war der Senator selbst.

Er erkannte den Freund, Innigkeit bemächtigte sich seiner Gestalt. Stumm stellte er zuerst die Laterne fort, dann umarmte er den Gast:

»Die Götter lügen nicht, mein Verdi! Heute Nacht hat mir geträumt, ich würde dich sehen!«

Diese Worte, die trotz ihrem klassischen Anklang nicht geschraubt waren, die Welle von Liebe, mit der sie zu ihm kamen, versetzten den Maestro in Verlegenheit.

 

Der Panzer von Scham und Einsamkeit, der all seine Bewegungen hemmte, machte ihn hilflos vor jeder Offenheit der Empfindung. Selbstoffenbarung und Qual war ein und dasselbe.

Mit zusammengebissenen Zähnen, im Sturmschritt, den Atem schmerzhaft verhaltend, stürzte er (wie oft!) nach dem letzten Akt der Premiere vor die Rampe, wenn das Publikum sich nicht mehr zügeln ließ, wenn der Opernunternehmer, augenrollend, schon die Haare raufte, um des Erfolges willen ihn jammervoll beschwor, und die Sänger wütend auf ihn eindrangen. Und ebenso schnell wieder im Sturmschritt verließ er die Rampe.

Die gleiche Pein war jede seelische Schaustellung. Eine Sängerin konnte sich rühmen, nach dem letzten Akkord der großen ›Macbeth‹-Szene seine Tränen gesehen zu haben. Aber er verzieh es ihr niemals.

War ihm die Überwindung, sich selbst zu zeigen, fast unmöglich, so erschrak er zart davor, wenn ein anderer ihm sein Gemüt aufschloß. Widrige Gefühle freilich, Feindschaft, Angriff, Haß waren leicht zu ertragen. Liebe und Wohlwollen beschämten tief. Im Wort lag Tod.

Und so war er mißverstanden worden, kalt, hart, hochfahrend gescholten jahrzehntelang!

 

Verdi hielt die Hand des Senators sehr lang in der seinen, dann die Verlegenheit hinter dem ihm eigenen leichtspöttischen Humor verlarvend, sagte er mit etwas gezwungener Wohlgesetztheit:

»Nun! Da du alle Einladungen mit Absicht ignorierst und man einmal nur im Jahrzehnt deine böse Miene sieht, komme ich hier selbst, Freund!«

II

Der Senator – wir nennen ihn so, obgleich er schon vor vielen Jahren diesen vom Königreich verliehenen Rang abgelegt hatte – war ein sehr würdiger Name des Risorgimento. Sohn eines Mannes, der nur durch eine gnädige Laune Franz des Ersten und Antonio Salvottis, des Inquisitors, dem Tod auf dem Spielberg entgangen war, hatte er an allen Phasen der Revolution vom Jahre fünfunddreißig an, dem dreiundzwanzigsten seines Lebens, tätig teilgenommen.

In seiner Schwäche für idealistische Schwärmereien, die ihn sein ganzes Leben nicht verließ, war er aus einem Anhänger des Priester-Träumers Gioberti zum Schüler des nur um acht Jahre älteren Mazzini geworden, in dem er den geliebten und endgültigen Meister fand. – An der Seite Mazzinis und Garibaldis schlug er sich vor den Toren des befreiten Rom gegen den französischen Pfaffengeneral Oudinot, der die Aufgabe hatte, den nach Gaeta geflüchteten Pius wieder auf den Lateran zu führen.

Die kurzen Rauschtage der Römerrepublik galten ihm als die große Zeit seines Lebens. Später war er einer von den wenigen, der des großen Sozialphilosophen und Patrioten englisches Asyl eine Zeitlang freiwillig teilte.

Wenn der Senator auch nicht in der allerersten, berühmtesten Führer- und Heldenreihe der Giovane Italia stand – zum Politiker großen Stils war seine Natur zu weich, zu musisch –, so war er doch der nächste Freund der Großen, und mehr als das, Anreger, Mann des Einfalls, den man im Rat der Verschwörung nur ungern mißte.

Der Glanz der großen Epopöe hatte sich schließlich auch um seinen Namen gesammelt. Dieser Name stand dicht unter dem von Manin und Enrico Cosenz auf dem Revolutionsdekret Venedigs. Zwanzig Jahre später bemühten sich schon die Ministerpräsidenten, vor allem Lanza, vergebens, ihn in ihr Kabinett einzureihen.

Nach erfolgter Einigung der Nation wurde er in den Senat des Dritten Rom berufen. Ein Jahr – er hielt es für seine patriotische Pflicht – blieb er Senator. Dann kam auch über ihn die große Enttäuschung aller revolutionären Demokraten am Königreich, die Enttäuschung der feurig-hoffenden Geister, die den jugendlichen Sturm des Jahrhunderts mitgestürmt hatten, um seinen schlaffen, genüßlerischen Ausgang miterleben zu müssen. Nach einem kurzen Siegestaumel, dessen Rausch nur einen Augenblick lang die quälende Wahrheitsstimme übertäubte, legte der Republikaner und Mazzinist die Senatswürde in die Hände des Königs zurück.

Der unmittelbare Anstoß zu dieser Tat war der Tod seines Helden und Meisters, der im gleichen Jahr, unversöhnt mit der Fügung der Dinge, zu Pisa starb.

 

Keiner historischen Generation geschieht in unseren Tagen so viel Unrecht wie der unserer Großväter, deren Geburtsstunde in das erste und zweite Jahrzehnt des abgelaufenen Säkulums fällt. Ihr reiner Begriff der Freiheit, ihre seelische Einfachheit, ihre gesunde Kampflust und Kühnheit, ihr Streben nach Autonomie des Einzelnen und Ganzen, all das wird mit dem politischen Schimpfwort »Liberalismus« niedergeschlagen. – Der Geist der Romantik hat über den Geist von Achtundvierzig gesiegt. Der Geist der Romantik, Verbündeter aller heiligen Allianzen, Knecht jeder zweifelhaften Autorität, dieser Geist des Wahnsinns, sofern Wahnsinn die Flucht vor der Wirklichkeit bedeutet, dieser Dämon unaufgeräumter und deshalb schwulstiger Gemüter, dieser Narzissus der Tiefe, dem der Abgrund ein lüsterner Kitzel ist, dieser Gott der Verwicklung und Widerklarheit, dieser Abgott erstorbener Sinnlichkeit, verbotener Reize, scheinheiliger Gebärden, krankhafter Vergewaltigungen, der böse Geist der Romantik, terroristisch von rechts und links, diese Pest Europas hat die lebenswilligste Jugend besiegt, um heute noch zu herrschen.

 

Der Senator, Verdis Freund, war die inkarnierte Erscheinung der Generation von 1848. Hochgewachsen, beleibt, mit vorgewälzt wasserblauen Augen, deutlicher Neigung zum Kropf, das große, beängstigend rote Gesicht von grauer Löwenmähne und kurzem Bart umrahmt, füllte diese laute Figur jeden Raum aus, den sie betrat, zog mit ihrer lebensvollen Schwerkraft die Gesellschaft sogleich an sich. Dazu kam noch eine dunkelschwingende Stimme, die jeden Satz, den sie sprach, mit Melodie erfüllte, und ein Lachen aus der Tiefe, an dem jeder Widerspruch zunichte ward.

Der Senator, gleichen Alters wie der Maestro, hatte dessen Aufstieg mit einer Art unersättlichen Musikheißhungers verfolgt. In den ersten Jahren der verdischen Entwicklung, seit ›Nabucco‹, dieser Oper, die durch ihren sakralen Herzensklang das italienische Publikum aus seinem süßen Schlendrian riß – seit ›Nabucco‹ hatte der Senator keine Premiere eines Verdi-Werkes versäumt. Ja, zumeist war er, mochten die Geschäfte noch so sehr drängen, über die dritte und vierte Wiederholung hinaus in der Stadt der Aufführung geblieben. Oft waren diese noch mit der Diligence getanen Reisen, bei den elenden Postverhältnissen, den ausgesuchten Schikanen der österreichischen, römischen, neapolitanischen Polizei, wahre Opfer an diese Musik, die mehr als jede andere seinen Lebenssinn berauschte.

Im Hause der Comtesse Maffei wurde oft eine Geschichte zum besten gegeben, laut welcher zur Uraufführung des ›Corsaro ‹ in Triest der vertraglich verpflichtete Komponist nicht, dafür aber der Senator rechtzeitig eingetroffen sei.

Man hat der Musik des Maestro nachgerühmt, sie habe die Kraft, selbst gänzlich unmusikalische Menschen hinzureißen. Als Beispiel wird Cavour angeführt, der zerebrale Mensch, der Mann der konstruktiven Intrige, ohne eine Spur von Musik in sich selbst, der dennoch im Augenblick, da er die Nachricht des gelungenen Anschlags von 1859 empfing, das Fenster zum übervölkerten Platz aufriß und, ohnmächtig ein Wort vor Erregung zu sprechen, die Stretta aus dem ›Trovatore‹ falsch, bebend und heiser hinaussang.

Der Senator selbst war alles andere eher als unmusikalisch. Für einen Laien und Italiener seiner Zeit durfte er sogar für erheblich musikalisch gebildet gelten. Er hatte, wenn auch nur knapp ein Jahr, bei Angelesi, einem kontrapunktischen Zopf, Theorie studiert, in dem schönen Drange, eine Herzenssache auch verstehen zu wollen. So hat er auch an einem großangelegten Werke Mazzinis über Musik fleißig mitgearbeitet. Bei einem monatelangen Aufenthalt in Deutschland lernte er durch die guten Orchester der Hauptstädte die nordische Symphonik kennen. Überdies spielte er selbst Klavier, Flöte und Flügelhorn.

Viel Musik kannte er und gab sich Rechenschaft über ihre vielfachen Wirkungen:

Die französische erfüllte ihn mit Widerwillen, mochte sie sich in der Opera comique oder in den Werken der Thomas, Gounod, Massenet darbieten. Er fühlte den Widerwillen des geradlinigen leidenschaftlichen Menschen gegen alles nur Anmutige, Süße, Schmeichlerische.

Die deutsche Musik des Jahrhunderts machte ihm die Seele schwer. Er empfand unaufgelöste Pein, manchmal überkam ihn eine kurze melancholische Wonne, gleich aber war er wieder in finsteres Schicksal verstrickt, das keine Träne, kein Trotz überwand.

Der Senator sagte einmal zu Verdi:

»Deutschland ist gar nicht kalt und rauh. Aber es regnet dort immer.«

Und er mußte daran denken, wie er einst als junger Mensch verzweifelt auf der Weidendammer Brücke gestanden war, mitten im Grau, in einem Meer grauer Kontrastlosigkeiten, rettungslos in einer Polyphonie grauer Halbtöne, grauen Lärms, grauverdrossener Menschen. Fast wäre er damals dieser grauen Schwermut erlegen.

Während desselben Gesprächs, es war zu Beginn des deutsch-französischen Krieges, hatte er auch den Maestro nach seiner Ansicht über Beethovens Neunte Symphonie gefragt.

Verdis Auge blitzte bei der Antwort:

»Siehst du, das sind die Götter, denen auch die Unwilligen opfern müssen. Da hilft nichts. Aber ich habe meinen klaren Kopf behalten. Die drei ersten Sätze sind gut. Der letzte Teil ein ödes empfindungsloses Durcheinanderschreien. Wenn sie singen wollen, zeigen diese Überzivilisierten, daß sie Barbaren sind.«

Doch eine halbe Stunde später, als das Gespräch längst schon um andre Dinge ging, unterbrach sich der Maestro plötzlich:

»Mir scheint, da vorhin habe ich einen ausgewachsenen Unsinn über Beethoven von mir gegeben. Wenn man sich nur das Urteilen abgewöhnen könnte, dieses dilettantische Verfälschen der Dinge! Wir wollen immer verstanden werden und sind selber unerbittlich verständnislos.«

 

Die Musik, die des Senators Lebensnerv, den nackten Ort der Empfindung, sein Cor cordium (wie er es in seiner Vorliebe für den Humanismus nannte) am gewaltigsten traf, war die seines Freundes und Jugendgefährten.

Es muß eines der vielen unerforschten Geheimnisse der Generation sein, daß unsere Sprache, das heißt, die ganze sinnliche, nervöse, gedankliche, übersinnliche Welt, die in unserer Sprache zum Licht will, am unmittelbarsten und reinsten nur von denjenigen verstanden wird, die unter demselben Sterngesetz geboren worden sind wie wir. Die ganze Sterblichkeit der Kunst, des menschlichen Ausdruckslebens, liegt in diesem Generations-Geheimnis beschlossen, doch ebenso ihre Unsterblichkeit, denn immer wieder werden Generationen unter ähnlicher Stern-Konstellation geboren.

Die Gesänge Verdis wirkten auf den Senator wie Bergwasser auf einen Durstigen. Wenn sie ertönten, rötete sich der ohnehin schon sanguinische Kopf noch mehr, die Augen wuchsen, wurden wildlustig, der Mund tat sich auf, der Atem folgte den kurzen Schritten der Baßbegleitung in kleinen erregten Stößen, das ganze Muskelwerk des Körpers straffte sich, stapelte Energie auf, immer mehr bereit, sich elektrisch zu entladen. – Natürlich hatte diese Spannung je nach dem Charakter der betreffenden Nummer ihre Arten und Grade. Bei den Adagien, Andanti, Larghi, dem lyrisch geschwungenen Einleitungs-Cantabile der Arien oder konzertanten Ensembles war die Wirkung ein Ruhen im Glück. Aber wenn die Nummer sich steigerte und übers Geröll kurzer tragischer Ausrufe oder über eine plötzliche breite Akkordtreppe in die Formen ihrer Beschleunigung vom Allegro agitato bis zum Prestissimo stürmte, dann füllte sich die Brust des Senators mit Atem zum Bersten, wie ein Kessel sich mit Dampf füllt, und eine begeisterte Kraft erschütterte seine Natur, die sich Luft machen mußte, in einem Aufschrei, in Gesang, oder sinnlos rhythmischen Bewegungen des Körpers.

Doch über die augenblickliche hinreißende Wirkung hinaus lebte jede neuerfaßte Melodie in seinem Innern weiter wie ein Erlebnis, das im bewußten Dasein nicht stattgefunden hat, und das die Seele seit Äonen her auf ihrer Weltreise mit sich führt. Und dann. Diese Gesänge belebten und begeisterten ihn auch moralisch. Wo auch immer sie dem Senator einfielen, bei der Arbeit in seinem Zimmer, unter Leuten, in jenen Zeiten, wo er noch verhandeln, Reden halten mußte, augenblicks fühlte er sich besser werden, den Menschen zugewandter.

Gesundungsmacht ging von ihnen aus. Einmal hatte er sich selbst während eines beginnenden Fiebers dadurch geheilt, daß er innerlich stundenlang diese stürmischen Melodien sang. Er schlief selig ein, und während dieses Schlafes wich die drohende Krankheit.

In dieser Stunde hatte er vor allem die Kabaletten und Stretten Verdis in sich hervorgerufen, jene verpönten quadratischen Perioden, die dem Musiker auf dem Notenblatt lächerlich erscheinen, in Wirklichkeit aber wie ein Orkan in die Menge fahren durch ihr verborgenes oder offenes Unisono.

In einem Gespräch diese Kabaletten und die ganze musikalische Jugend Verdis verteidigend, prägte einmal der Senator die Sentenz:

»Es kommt mehr auf Exspiration (Ausatmung) als auf Inspiration (Einatmung) an.«

Ein Satz jener weltzugewandten edlen Jugend, die, wäre sie nicht zuschanden geworden, Europas Schicksal anders gestaltet hätte als die siegreiche Romantik.

III

Die zwei Männer standen noch immer im schmalen Flur dieses venezianischen Hauses. Jetzt hatte sie beide die Beklemmung erfaßt, die gute Freunde wohl kennen, die sich lange Zeit nicht gesehen und in dieser Zeit viel miteinander beschäftigt haben. Der offenere von ihnen, der Senator, schüttelte als erster den Zwang ab:

»Es ist wirklich sehr merkwürdig, Verdi! Ich sitze oben mit meinen Söhnen am Tisch. Wir diskutieren und streiten wie immer. Denn was soll ein Vater anderes mit seinen Söhnen tun, wenn sie ihm großmütig einen ihrer Abende schenken!? (O, du Glücklicher!) Kulturfragen, Kunstfragen! Man ist ein Schwätzer und Ofenhocker geworden. Plötzlich will ich bei irgendeinem Anlaß deinen Namen in die Diskussion werfen. Aber ich tue es nicht. Warum? Weil mir gerade einfällt, daß ich von dir geträumt habe. Und da läutet es, weißt du, geradezu dramatisch läutet es. Italo will öffnen gehn. Ich halte ihn zurück. Und während ich die Schlüssel suche, das Licht nehme, die Treppen hinuntersteige, weiß ich die ganze Zeit, daß du vor dem Tor stehst.«

»Du hast mir das Rechte zugetraut. Es geht auf elf. Du wirst aber um deinen Schlaf nicht kommen. Ich fahre mit dem Nachtzug noch nach Mailand zurück.«

Auf dem Gesicht des Senators zeigte sich ein schwerer Vorwurf. Der Maestro fühlte die Pflicht, sich zu entschuldigen:

»Ich bin nur einige Stunden hier in Venedig gewesen, Freund, einen Tag lang. Habe den armen Vigna besucht. Es war eine von diesen unkontrollierten Ideen und Handlungen, die mich in letzter Zeit leider heimsuchen.«

Der Senator zog Verdi mit sich:

»Komm! Benutzen wir die Stunde, die du hast. Wie seltsam!«

Über die Treppe traten sie in einen dunkeln Vorraum, der bewies, daß die Gedrängtheit, Enge und Baufälligkeit so vieler Gebäude Venedigs nur scheinbar ist. Hinter diesen wunden und räudigen Fassaden verbergen sich oft prunkende Riesenräume, und es dünkt uns dann, wenn wir sie betreten, daß in dieser Stadt unser Sinn für Maß nicht genüge. So auch war das Wohnzimmer weit und hoch, dessen vier mächtige Fenster auf einen guten und stillen Rio hinausblickten.

Der Einrichtung dieses Zimmers fehlte vollkommen jener unangenehme Geschmack, der den Wohnräumen venezianischer Patrizier fast immer anhaftet, der museale Charakter, der daher kommt, daß alle Möbel, Spiegel, Luster aus den großen Epochen der Stadt in die unsere herübergeerbt wurden, von der auch kein Luftzug in solchen Gräberkammern uns erfrischt. Der Senator haßte, trotz seinem Humanismus, alles Antiquitätentum, und Venedig, soweit es die Riesenscheuer abgemähter Zeit-Ernten ist, liebte er nicht. Dennoch hatte er den Sitz in seiner provinziellen Heimatstadt aufgeschlagen, aus Groll gegen Rom und Mailand.

»Sieh«, sagte er zu Verdi, »bei mir wirst du nicht den Trödel der Ahnen finden, der doch nur der Trödel der Händler ist. Verfluchte Zeit das! Unfruchtbare Jugend! Sie schreiben Gedichte à la Horaz, Dramen à la Sophokles, malen Bilder à la Cinquecento, machen Politik à la Byzanz, à la, Allah ist groß. Snobismus, mein Lieber!«

In der Tat war der noble, altertümliche Raum mit Protesten gegen seinen eignen Stil angefüllt. So stand in dem herrlichen Marmorkamin, der sich als unpraktisch erwiesen hatte, ein kleiner glühender Eisenofen, und auf der Platte oben, vor einem einzigartig schönen Spiegel eine Petroleumlampe von höchst durchschnittlicher Form.

Vor dem Fenster dehnte sich ein Flügel mit Notenstößen auf seinem Rücken. Die dunkle breite Zimmerwand war von der Bibliothek ausgefüllt, deren Kompagnien zerrüttet und strapaziert aneinanderlehnten. Eine Leiter stand vor den Regalen, auf zwei Tischchen lagen Folianten. Trotz seinem Widerwillen gegen alles Antiquarische war die klassische Philosophie Lieblingsbeschäftigung des Senators.

Als die beiden Herren das Zimmer betraten, erhoben sich zwei junge Leute vom mächtigen Mitteltisch, die Söhne des Senators: Italo und Renzo.

Italo, groß, sehr schmal, in makellosem Frack, auf dem seines eignen Reizes bewußten Gesicht den Zug von Ironie, wie er von allen unsicheren und ehrgeizigen Menschen so gern affektiert wird. – Renzo, nach Manzonis Helden genannt, ein etwas träger Bär mit einer schlecht vernickelten und überdies zerbrochenen Brille auf der Stumpfnase. Dieser knapp Zwanzigjährige, dessen Geburt das Leben der Mutter gekostet hatte, ahmte in seiner Kleidung die Manier der Volkstribunen nach, wie sie aus Rußland und Deutschland zu damaliger Zeit in die Schweiz flüchteten. Er war vor einem Jahre Schüler des materialistischen Historikers Labriola in Rom geworden. Jetzt befand er sich auf Ferien bei seinem Vater.

Die Jünglinge standen stramm wie Soldaten, als sie das Gesicht des Gastes erkannten, dessen Büste sie so oft im Schlafzimmer des Vaters gesehen hatten. Junge Menschen, in ihrer noch ungebrochenen Ehrfurcht werden von einer eitlen Erregung ergriffen, wenn sie vor einem bedeutenden oder berühmten Manne stehn. Ein fast erotischer Drang, sich selber auszuzeichnen (vor einer unsichtbaren Frau zu glänzen), wird durch den Anblick dessen, der schon alles erreicht hat, in ihren Herzen erweckt.

»Meine Söhne!« Mit einem etwas mürrischen Ton stellte der Senator vor.

Italo und Renzo verbeugten sich unwillkürlich sehr tief, als ihnen der Maestro die Hand reichte.

Es ging von Verdi, und nicht nur von seinem Ruhm, eine sehr starke Wirkung auf alle aus, die ihn kennen lernten. Das war weder eine bezaubernde, noch hinreißende Wirkung, viel eher etwas Einschüchterndes, das die Fama so lange Zeit unterm falschen Namen »Kälte« verbreitet hatte. Angesichts dieser fernsichtig blauen, stark überwölbten Augen, die, wie mans sonst wohl von einer Stimme sagt, soviel Metall besaßen, wurde so mancher von einem unruhigen Zweifel gepackt, ob er sich auch ganz der Wahrheit gemäß betrage.

Die Söhne des Senators schienen von derselben Empfindung heimgesucht zu sein, denn beide hielten ihre Blicke abgewandt. Doch wie zur Rache verstärkt, kehrte bald der ursprüngliche Ausdruck auf die noch kindlichen Gesichter zurück, bei Renzo eine unterstrichen-gleichmütige Festigkeit, bei Italo eine ironische Höflichkeit, vermehrt um einen Zug von Ungeduld und Überhebung.

Die vier Herren hatten um den Tisch Platz genommen. Das Wesen des Senators, von innerlichster Freude erwärmt, war ganz Genugtuung, ganz Stolz. Er wäre jetzt zu mancher stürmisch guten Tat, zu Mut und Übermut fähig gewesen, wenn nicht die gebändigte Art des Freundes und das Bewußtsein, daß seine Liebe nicht so stark erwidert wurde, wie sie hinströmte, seine Glut gedämpft hätten.

Ein Diener mit neugierigem Gesicht stand in der Tür.

»Den Santo, meinen Santo bring!«

Als der dunkelgoldene Wein im Kristall auf dem Tisch stand, begann der Senator sehr breit Wachstum, Pflege, Lagerung dieses auf seinem Gute gezüchteten Weines darzustellen. Bei dem Thema wurde nun auch der Maestro lebhaft, beschrieb seinerseits eine Bordeaux-Rebe, die er in Sant Agata gepflanzt hatte, erzählte, wie er bei seinen vielen Aufenthalten in Frankreich das Geheimnis der Rotweinbehandlung hier und dort erlistet, und wie er es nun zustande gebracht habe, daß in seinem Keller ein Wein liege, der sich vor dem besten Bordeaux nicht zu schämen brauche und, im Gegensatz zu allem italienischen Gewächs, mit dem Alter gewinne.

Während dieses Gespräches machten die beiden alten Herren keineswegs den Eindruck von Genießern, sondern sie glichen zwei großen Bauern, die nach dem Wochenmarkt in der Kleinstadt-Osteria sitzen und sich über Kauf, Verkauf, Wetter und Ernte unterhalten.

»Aber du rauchst ja!«

Der Senator stürzte zu einem Kasten, den er nach nervöser Schlüsselsuche umständlich aufschloß. Er häufte vor Verdis Platz einen Berg von Havannakistchen. Da zeigte sich auch auf des Maestro Gesicht einen Augenblick lang etwas wie Gier. Sie prüften und berochen all die Henry Clays, Upmans, Bocks, Rogers und Carvayals, die langen knorrigen Zigarren, die am oberen Ende stumpf abgeschnittenen, die dicken und zugespitzten, die mit breiten, die mit schmalen Binden und die in Stanniolsilber verpackten.

Der kräftig pflanzenhafte Geruch des amerikanischen Tabaks verbreitete sich rings. Der Senator pries besonders eine Sorte, die ihm von einem Offizier in Diensten der ehemaligen Südstaaten geschenkt worden war. Die Freunde brannten sich zwei große, grün übersprenkelte Zigarren an. Nun stieg der wie eine satte Harmonie duftende Rauch zur dunkeln Decke.

»Ihr mit euren dummen Zigaretten«, sagte der Senator mit einem Seufzer zu seinen Söhnen, als bedaure er ein weibisches Geschlecht.

»Ich rauche nicht, Vater«, berichtigte Renzo, der übrigens auch keinen Wein trank, mit einer leicht dogmatischen Betonung.

Der Maestro betrachtete die jungen Leute, dann wandte er sich an Vater und Söhne:

»Es tut mir sehr leid, meine Herren, daß ich Ihre Unterhaltung gestört habe ...«

»Geckerei! Ich sage nichts als dies ...«

– Nach diesem ebenso unverständlichen wie unbegründeten Ausruf wischte der Senator sich die Stirn, die aus Gründen einer sehr zusammengesetzten Erregung feucht geworden war.

Verdi blickte fragend zu ihm hin.

»Nichts als Geckerei! Du kennst mich. Bei Gott, ich bin kein laudator temporis acti. Aber nun sind wir oben auf dem Berg und zeigen unsern Kindern das Gelobte Land. Ja! Danke schön! Sie steigen auf der andern Seite wieder hinunter. Ich habe einen Pallavicino gekannt, der dem Viktor Emanuel, dem Sohn des Verräters, seinen sowieso nur vergoldeten Annunziatenorden zurückgeschickt hat. Und das war ein alter Mann. Aber die heutigen jungen Männer?!

Darum der ganze Aufschwung, die dynamitgeladenen Worte und Taten? Damit eine banale Gesellschaft von Schleichern und Strebern, den Rüssel im Dreck von gestern, die Körner von vorgestern sucht? Mein Verdi ...«

Asthmatisch schnappte der Senator:

»Verdi, mir scheint nun, daß wir mit unsern patriotischen Moralen und Idealen nichts als Phrasendrescher gewesen sind, und daß die Herrschaften des Tages die Geschäfte, worauf es doch nur ankommt, viel besser verstehn. Diese Realisten ...«

In dem beschämenden Gefühl, übers Ziel geschossen und sich nicht klar ausgedrückt zu haben, schlug der Senator auf den Tisch und versicherte nochmals voll Ekel:

»Diese Realisten!«,

als nagle er mit diesem harmlosen und vieldeutigen Ausdruck all seine Feinde ans Holz.

Renzo sah seinen Vater an, wie ein Mann, der einer Rede, wenn sie auch aus unzureichendem und unberufenem Munde kommt, teilinhaltlich dennoch zustimmen kann. Italo verkniff Zorn, indem er, ohne bemerkt zu werden, eine impertinente Verbeugung gegen den Senator hin machte.

Verdi wandte sich mit einem schwach mißbilligenden Lächeln an seinen Freund als derjenige, dem es vor allem um die Gerechtigkeit geht:

»Mein Alter! Es hat unter uns gewiß mehr Phrasendrescher und Poseure gegeben als ehrliche Burschen. Aber einige waren doch darunter. Heute wirds nicht anders sein, als es gestern und immer gewesen ist.«

Italo machte eine sehr artige Kopfbewegung zu Verdi hin. Seine Stimme klang schüchtern:

»Ich danke Ihnen, Signor Maestro! Papas Philippika sollte vor allem mich kränken.«

Wie so viele gutmütige Menschen fühlte der Senator leidend, daß er irgendein Unrecht begangen habe. Aber indem er litt, ward er nur noch unklarer und verletzender:

»Ja du!« – Er sah seinen Sohn Italo nicht an. – »Dein Um und Auf ist, daß dich der Prätendent von Spanien in seinem Palazzo gnädig empfängt, und daß diese ganze Sippschaft der Mocenigo, Morosini, Albrizzi, Balbi, Colalto dich ja nur entzückend findet.«

Italo hatte die unbezahlbare Eigenschaft, im Ärger ruhig zu werden, ein Vorzug, den er mit allen Menschen teilte, deren Wirkungs-Bewußtsein niemals aussetzt. So konnte er jetzt mit verbindlichem Ton ohne eine Spur von Gereiztheit fragen:

»Papa! Warum soll denn diese Gesellschaft schlechter sein als irgendeine andere? ...«

Ohne weiterzusprechen, wurde er mit Rücksicht auf die Anwesenheit des Maestro rot. Jetzt mischte sich auch Renzo ins Gespräch:

»Aber, wir haben doch eine abstrakte Unterhaltung geführt, Vater, wozu diese persönlichen Ausfälle?«

Verdi gab stumm zu verstehn, daß er in diesem Fall die abstrakte Unterhaltung vorziehe. Renzo setzte sich in Positur:

»Es wurde die Frage besprochen, ob die Kunst innerhalb der menschlichen Gesellschaft einen Zweck habe, ohne den sie nicht zu denken ist. Nein, Zweck ist nicht das Wort, einen Sinn ... eine Aufgabe ...«

Der junge Theoretiker wurde verlegen, geriet ins Stottern: »Gehört zu einem dramatischen Werk, zu einer Musik der Zuhörer als ebenso notwendiger Teil wie dieses Drama, diese Musik selbst? Oder lebt ein Kunstwerk unabhängig ...«

Der Senator war aufgesprungen und schrie:

»Und ich sage euch, ein Kunstwerk hat nur den einen einzigen Zweck, Menschen zu begeistern und göttlich zu machen! Alles andere ist kein Kunstwerk, sondern ein eitles Krankenexkrement.«

Renzo, ebenso wie Italo, übte gegen ihren hitzigen Vater eine Art spöttischer Nachsicht. Mit der ganzen einfältigen Wichtigtuerei eines Knaben, der seit vier Wochen eine imponierende Terminologie beherrscht, überhörte Renzo den Ausbruch des Senators und fuhr belehrend fort:

»Ich für meine Person stehe auf dem Standpunkt, daß man einen Teil des ökonomisch-sozialen Gesamtlebens nicht für sich allein betrachten darf. ›Willst du den Zeiger verstehn, – mußt du ins Uhrwerk sehn‹, sagt das Sprichwort.«

»Ach du mit deinem Labriola und deinem Marx!«

Der Senator setzte sich wieder hin:

»Maestro! Nur du kannst darüber Richter sein.«

Verdi haßte solche »Kunstgespräche« wie den Teufel. Trotzdem zeigte sich in den vielen Fältchen um sein Auge wieder das reizende Lächeln:

»Ob ich das rechte Urteil habe, weiß ich nicht, denn es ist schon lange her, daß ich solch ein Ding, das man Kunstwerk nennt, zustande gebracht habe. Aber als Agronom, als Landwirt, wenn ihr wollt, weiß ich, daß alles, was da draußen wächst, zwar ganz bestimmt nur um seiner selbst willen wächst, aber am Ende doch Futter wird.«

»Und die Blumen, Maestro?«

Der Einwurf Italos war ganz richtig. Dennoch verletzte den Senator die Keckheit dieses Rechthabens. Er fühlte sogleich wieder das Bedürfnis, seinem Ältesten eins zu versetzen:

»Blumen, Blumen! Eine schöne Blume, dein Wagner!«

Der Name war gefallen. Obgleich sie gewiß nicht vom Maestro, noch von den ahnungslosen Söhnen, noch vom Vater ausging, herrschte einen Augenblick lang eine feierliche Peinlichkeit. Der Senator, der heute, wie so oft, wenn er innerlich bewegt war, Unglück stiften mußte, suchte das Unbestimmte gut zu machen:

»Italo ist kein übler Geiger. Er hat heute bei der Jugendsymphonie Wagners mitgewirkt. Übrigens, die Reklame versteht dieser Musikheilige gut. Kommst du mittags auf die Piazza, dich ein wenig von der Sonne bescheinen zu lassen, und bei Floriani oder bei Quadri deinen Wermut zu trinken, da hörst du's überall von den feinen Leuten! Wagner hin, Wagner her. Ah, bah!«

Italo, dessen sonst ein wenig süffisante Miene wie ausgewechselt war, und der plötzlich das trunkene Gesicht der jungen Menschen zeigte, die im Gange des Teatro la Fenice den Meister umgeben hatten, wandte sich, die Hand auf dem Herzen, an den Gast:

»Sie kennen doch Richard Wagner, Signor Maestro?«

»Ich kenne ihn nicht. Ich kenne sehr wenig Menschen.«

»Schade! Schade!«

Einen Moment lang lag ein Nachdenken im Auge des jungen Mannes:

»Aber die Musik, diese göttliche Musik müssen Sie doch kennen und lieben?«

Der Senator lachte auf.

Verdi wurde eiskalt, und als ob der Fragesteller viel zu geringfügig für eine Antwort sei, wandte er sich an eine nicht vorhandene Person im Zimmer, um Rechenschaft zu geben:

»Ich kenne von Wagners Musik ›Tannhäuser‹ und ›Lohengrin‹, von den späteren Werken nur einige Bruchstücke. Wir sind Italiener. Das Prinzip unserer Musik ist grundverschieden von dem der deutschen. Die deutsche Musik beruht auf dem sogenannten temperierten Instrument, wie es das Klavier und die Orgel ist, auf der abstrakten, fast nur gedachten Note. Die italienische, unsere, auf dem freischwingenden Gesangston, auf dem Gesang, nur auf dem Gesang ... Wir müssen wissen, wohin wir gehören.«

Diese Worte, so leise und ruhig sie auch gesprochen wurden, waren von solcher Bestimmtheit erfüllt, waren so sehr Extrakt von Kämpfen und Anfechtungen, Zweifeln und Siegen, daß sie wie Worte eines Herrschers für einen einfachen Raum zu groß ausfielen und Betretenheit erzeugten.

Der Senator war geradezu froh, als der junge Diener eintrat und meldete:

»Der Herr Marchese sind eben aus dem Theater heimgekehrt.«

»Der Herr Marchese pflegen allnächtlich aus dem Theater heimzukehren. Wo haben sie denn heute gespielt?«

»Im Teatro Rossini!«

Der Diener rührte sich nicht. Sein Herr blickte ihn erstaunt an:

»Was sonst?«

»Der Herr Marchese wünschen vorzusprechen.«

»Ei, eine große, eine unerwartete Ehre. Renzo, geh! Das heißt ...«

Der Senator blickte Verdi an:

»Das heißt, wenn es dir recht ist!«

Der Maestro sah auf die Uhr:

»Welcher Marchese?«

»Unser Hausherr. Der uralte Narr. Gritti!«

»Gritti? Gritti!! Wie!? Der berühmte Hundertjährige?!«

»Der Hundertjährige! Ein Trost für uns beide, mein Verdi!«

»Was? Diese Sage, dieses Märchen aus dem achtzehnten Jahrhundert ist dein Hausherr?«

»Ja, ihm gehört das Haus hier, das er schon besessen hat, als es ein Theater war. Vor fünfundsechzig Jahren ließ er es umbauen.«

»Gritti! Gritti? Das ist doch der Mann, der seit dem Jahre 1790 oder, weiß der Teufel, 1690, täglich ins Theater geht ...«

»Er wird dir die Daten nicht ersparen.«

»Ich habe ihn kennengelernt« – (der Maestro dachte einen Augenblick nach) – »in Petersburg. Das ist vielleicht fünfundzwanzig Jahre her. Jeden Abend saß er in einer Loge des Marientheaters. Er war Gesandter des Kirchenstaats. Auf sein Alter schien er nicht das richtige Gewicht zu legen. Sein Bart und sein Haar waren schwarz, allerdings violett gesprenkelt.«

»Er hat gewiß erfahren, daß du im Hause bist, und will dir seine Schätze zeigen. Sie sind originell.«

Draußen wurde eine helle Stimme vernehmbar, der die gewisse nonchalante Langgezogenheit der Laute zu eigen war, an der man die Leute von Welt erkennt, die allen vorangegangenen und künftigen Widerspruch durch ihre höflich-unverschämte Redeweise auslöschen. Zugleich bediente sich diese Stimme einer Sprache, die, obgleich reines Italienisch, in Klang und Satzbildung das gemischte und fremdartige Volapük kennzeichnete, das Diplomaten und Edelleute mit Vorliebe gebrauchen, um sich von niedrigeren Welten zu unterscheiden.

Die Stimme hatte unbedingt viel Eindringlichkeit, denn alle Augen hingen starr an der Tür, die sich langsam öffnete und aus ihrem schwarzen Raum die Erscheinung einließ, hinter der sehr belustigt Renzo und ein weißhaarig-todernster Bedienter sichtbar wurden.

In einem ganz neuen, ganz modischen Frack, in spiegelndweißem, edel vorgewölbtem Hemd, auf dem kein Fältchen, kein Schatten, keine Buchtung den Eigensinn des lebendig darunter pochenden Leibes verrieten, mit lang zugespitzten Pariser Lackschuhen, die mehr auf dem Leisten als auf einem Fuß zu stecken schienen, bewegte sich in den Lichtkreis des Zimmers der Automat eines Grandseigneurs. Von der rechten Schulter hing am unbelebten Riemen im Etui ein Opernglas herab. Die eine Hand im weißen Glacé stützte sich auf den Elfenbeinkopf eines seltsam-veralteten Stockes. Das einzige Leben schien von der anderen unbeschuhten Hand auszugehen, deshalb, weil sie aufrichtig den Eindruck des Toten machte. Sie hing, von der verrutschten runden Manschette zu drei Vierteln umstülpt, wie eine braunverschrumpfte kleine Tierleiche hinab. Der Kopf, auf dem schon längst kein Haar und Härchen mehr wuchs, war gar nicht faltig, und wenn auch nicht blank spiegelnd, erschien er doch wie gebügelt.

Die Züge hatten etwas Gleichgültiges, Wesenloses, jenseits von Alter und Jugend, Leben und Nichtleben, etwas gar nicht Vorhandenes. Lippen waren nicht da, in einer beweglichen Öffnung zeigte sich ein weißes, unnatürliches Gebiß. Das gewaltige Gerüst einer Nase sprang vor, die in der Mitte wie gebrochen stumpfwinkelig abwärtshing. Nur das Vogelauge, brauenlos, lidlos und umrötet, hatte das raschkreisende Leben eines fieberkranken Tieres. Der eingeschwundene Hals konnte nicht mehr Weite als achtundzwanzig Zentimeter zählen. Wie braune, schuppenartige Gebilde hingen die schlaffen Hauttaschen übereinander. Lächerlich groß stieß bei jedem Atemzug der Adamsapfel vor. Wie der Mechaniker am auf- und niedertauchenden Kolben das Leben der Maschine ablesen kann, so beobachtete man an diesem präzis arbeitenden Kehlkopf das Leben der Erscheinung.

Die Augen des Marchese hatten sich nun an das Licht gewöhnt. Ohne seinen Blick auf einen der Anwesenden einzustellen, führte er mit durchaus schöner Bewegung seine beiden Hände, die bekleidete und den nackten kleinen Kadaver an den Mund und küßte graziös die beiden Daumen. Diese Geste war als Zeichen der Entzückung während des Wiener Kongresses Mode geworden.

Dann neigte er leicht den glatten Kopf, und die helle Stimme, die ihm gar nicht anzugehören schien, sagte:

»Ich beglückwünsche mich, dem großen Maestro zu begegnen.«

IV

Andrea Geminiano Maria Arcangelo Leone Gritti war oder nannte sich Nachkomme jenes nicht unbekannten Dogen gleichen Namens, der zu Anfang des sechzehnten Jahrhunderts sich um Musik, Skulptur und Baukunst Venedigs einige Verdienste erworben hat. Dieser Regent – dessen Grabmal in San Francesco della Vigna ein über die Gebote des Baedeker hinaus eifriger Tourist noch heute bewundern kann – war es, der Sansovin, den Schöpfer der Gigantentreppe, in seine Dienste berief, und ihm den Auftrag für die Bibliothek, die Loggietta und etliche andere Prachtbauten erteilte. Ferner kann man bei Fetis, Gevaert und anderen Musikgelehrten nachlesen, daß derselbe Doge den Begründer und Meister der venezianischen Musikschule, Adriano Vigliarte, den Verfasser der berühmten Vespern in San Marco, förderte und begünstigte. Auf die höchst vielstimmigen Kompositionen dieses Meisters, auf seine Motetten, Madrigale, Frottolen, auf seine heiligen Wechselgesänge, auf die »Symphonien in Echo« wurde von seinen Zeitgenossen das schöne Wort geprägt, sie seien »aurum potabile«, trinkbares Gold.

Auf obigen Dogen, Ahnherrn und Förderer der Musik, bezog sich der Marchese Gritti gern, wenn man auf seine eigene Musikalität zu sprechen kam. Daß aber in seinem Stammbaum auch die berühmte Dichterin Cornelia Gritti, aus der Familie Barbara, zu finden war, das erwähnte er nicht. Soweit ging seine standesgemäße Verachtung der Literatur.

Als Geburtsjahr gab der Marchese das Jahr 1778 an, demnach er also hätte hundertundvier Jahre alt sein müssen!

– Aber o Abgrund der Eitelkeit und ihr unerforschlichen Wege menschlicher Ehrsucht! – Der Marchese machte sich älter als er war. Tatsächlich im Jahre 1781 geboren, zählte er hundertundein Jahr.

Von seinen Leidenschaften waren Gritti nur zwei geblieben, und die eine hieß: Die Leidenschaft, alt zu sein und immer älter zu werden.

Nicht, daß ihn das Leben noch irgend interessierte und ihm wertvoll war, aber jeder Tag, jeder neue Tag an sich bedeutete Ruhm.

Längst herausgehoben aus dem Netz menschlicher Verstrickungen, ledig der Kette jeglichen Schicksals, ohne Verwandte, Freunde und Kinder, in einem allen Jüngeren ganz unfaßbaren Sinne einsam, war ihm das Leben doch eine heißbegehrte Aufgabe als Sport- und Rekordleistung, die er sich selbst zur Glorie (unterm vermeintlichen Beifall geheimnisvoller Zuschauer) täglich vollbrachte.

Wie ein Künstler, ein Erfinder, dem der große Wurf gelungen, ging er aufgeblasen durch die Straßen, denn er war ja hundert Jahre alt. Jeder Spaziergang brachte ihm Befriedigung, und um nichts hätte er diese Befriedigung mit der eines Jünglings vertauscht, den der Gruß der schüchtern Geliebten begeistert.

Jeden Mittag, pünktlich um zwölf, erschien er auf der Piazza, von seinem nur fünfundsiebzigjährigen Kammerdiener gefolgt, der als Bild hoffnungsloser Gebrechlichkeit seinem starren stolzen Schritt zur wirksamen Folie dienen mußte. Dreimal pflegte er den gewaltigen Platz zu umschreiten und empfing, hier und dort Stand nehmend, die Huldigungen, die seinem Genie unweigerlich gebührten, das dem Naturgesetz einen neuen Tag abgetrotzt hatte.

Wenn dann von den gefärbten Lippen der schönen Fürstin A. und der noch schöneren Gräfin B. die ihm vertrauten Ausrufe schmeichelten: ›Ach, wie ein Fünfzigjähriger!‹ – ›Nein, wie ein Dreißigjähriger!‹ – da fühlte er sich wie der dahinjagende Jockey auf dem Rennplatz von Longchamp, dem das ›Hipp! Hipp!‹ der erregten Menge in den Nacken prescht.

Mit einem unendlichen Hochmut sah er dann auf diese dem Einsturz geweihten Frauengesichter, auf die unter Schminke schlecht verborgene Knitterung der Haut, auf den verblasenen Schmelz, auf die werdenden Gewöhnlichkeiten der Matrone. Weib war für ihn nicht mehr Weib, sondern ein ohne Glück und Talent kämpfendes Wesen. Das Weib, ordinär wie alles, das allzusehr unterm Naturgesetz steht, kämpfte um die Jugend. Er aber, groß auf dem Sockel der Auserwähltheit, er kämpfte ums Alter.

Es gab Augenblicke, wo dieser Kampf, oder besser der Hochmut des Sieges dämonische Formen annehmen konnte.

Zu Ehren seines vermeintlichen hundertsten Geburtstages gab das Syndikat der Stadt Venedig in der Sala Bonaparte ein großes Fest. Dieses Fest sollte den Anlaß bilden, daß der Jubilar sein riesiges, schon nach dem Gesetz der Progression mächtig angewachsenes Vermögen den wohltätigen Anstalten der Stadt vermache. Der Abend endete mit einem unglaublichen Skandal:

Das Mahl ist zu Ende, die Gesellschaft in behaglich-gehobener Stimmung. Da steht irgendein junger Mann, ein Offizier, auf und läßt Gritti in einer ein wenig kecken Rede leben, indem er ihn auffordert, zu seinem hundertundzehnten Geburtstag dem Magistrat und der ganzen Versammlung ein Revanchefest zu geben.

Der Marchese erhebt sich und spricht die Einladung zu dieser vorgeschlagenen Feier in tiefem Ernst, ohne eine Spur von Humor oder heiterer Resignation wirklich aus, als ob eine andere Möglichkeit für ihn nicht in Betracht käme, als dieses Fest in zehn Jahren wirklich stattfinden zu lassen.

Die Worte des Hundertjährigen sind mit solchem Hochmut, mit solcher Sicherheit, ja mit deutlicher Blasphemie gesprochen, daß eine plötzliche Stille eintritt. Der empfindlich verletzte Kardinal und Patriarch, Grittis, des treuen Katholiken Tischnachbar, wendet sich leise zu ihm und macht ihm Vorstellungen über sein untunlich geschmackloses Verhalten.

Da aber fährt der Greis wütend auf, der trotz seiner traditionellen Frömmigkeit nicht ertragen kann, daß man sein Alter am Ende der Gnade Gottes und nicht seinem eigenen Verdienste zubilligen will. Schneidenden Tons spricht er die Worte:

»Ich wette mit diesem jungen Herrn mein ganzes Hab und Gut gegen tausend Franken, daß ich am fünften Januar 1888 Sie alle zu einem Fest in meinem Hause empfangen werde, soweit Sie meiner Einladung Folge leisten wollen oder können!«

Daraufhin verließ der größere Teil der Honoratioren samt dem Patriarchen und angesehenen Bürgern von solcher Lästerrede empört den Saal, in dem Gritti mit einer Schar von Begeisterten zurückblieb, die ihn doppelt und zehnfach feierte.

Der fromme Marchese tat zwar am nächsten Tag Beichte und Buße. Aber die Wette blieb trotzdem aufrecht. Sie hatte ihm nicht geschadet. Der Boykott der offiziellen Kreise wurde beim nächsten Anlaß aufgehoben, denn es zeigte sich stärker als alles andere, daß ein Hundertjähriger sakrosankt ist und jenseits aller Gesetze des Taktes und Geschmacks steht.

Wie aber steigerte sich erst die Bewunderung der Anhänger, wie wuchs des Uralten Ansehn, als der junge Mensch, der die Wette gegen ihn gehalten hatte, ein Jahr später, am Vorabend des fünften Januar, einer jähen Krankheit erlag. In den folgenden Tagen zeigte sich Gritti überall und zu jeder Stunde auf Platz und Gassen wie ein Sieger, nicht gegen irdische, sondern gegen höhere Mächte, und nicht wenige gab es unterm Volk, die sich vor ihm bekreuzigten.

Dies: Sein ungeheurer Wille, im Endspurt die Natur zu schlagen, war das eine Element seines Lebens, und er wußte genau, mit der Präzision eines Meisters, was zu tun sei, damit durch äußerste Sparsamkeit die Kräfte sich nicht abbrauchten. Der Mechanismus mußte verstanden und geschont werden, wie eben das feinste und kostbarste Instrument geschont wird. Das Wesentlichste war ein weise erdachtes Mindestmaß von Nahrung, damit der unersetzliche Apparat der Stoff- und Blutumsetzung nicht überansprucht, ja kaum gebraucht werde. Dann mußte das Gleichgewicht zwischen Ruhe und Bewegung mit schärfstem Instinkt eingehalten werden. Das Denken, ja der bloße Vorstellungsablauf war verpönt, denn der Marchese hatte erkannt, daß dieses Denken ebenso wie die physische Verdauung ein todverwandter Fäulnisprozeß sei.

Nur allabendlich, immer zwischen acht und neun Uhr, setzte in diesem Mechanismus die andere, entgegengesetzte Macht, die Contremine ein, und es zeigte sich auch in diesem Fall, daß kein Organ der Welt von der Entzweiung Gottes und Satans verschont bleibt. Der Marchese hatte innerlichst voll tiefen Ernstes beschlossen, zweihundert und mehr Jahre alt zu werden. Da das Sterben, ehe es uns antritt, nur eine Erfahrung an anderen ist, warum sollte Marchese Gritti nicht der Überzeugung huldigen, daß es mit ihm eine ganz andere Bewandtnis haben werde. Ein wahrer Edelmann beugt sich nicht, vor allem aber nicht einem Analogieschluß. – Niemand allerdings kann die unabsehbare Größe seines Vorhabens leugnen, und in den Augenblicken, da sich der Alte den Luxus des Selbstgenusses erlaubte, verschrumpften vor ihm die Herren der Welt von Hannibal bis Bonaparte zu kleinen Todes-Sklaven.

Über alle Bewegungen seines Wesens hatte er Macht, nur über eine nicht, diejenige eben, die zwischen acht und neun Uhr abends ihn mit Wucht anfiel. Es war dies der Zwang, das zu tun, was er seit seinem zwanzigsten Jahre täglich getan hatte: immer wieder und ohne Unterbrechung seinen Abend im Theater zu verbringen.

Einen Augenblick hatte er geschwankt, ob er sich gegen diesen, sein Vorhaben, zweihundert Jahre alt zu werden, schädigenden Zwang zur Wehr setzen sollte. Aber die weisere Überlegung hatte gesiegt, daß nämlich die Überwindung dieses Triebes weit mehr Lebenskapital koste, als der Entschluß, ihn gewähren zu lassen. Er richtete sein Leben so ein, daß dieser Drang durch nichts gehemmt und die Ausübung der Lust durch kluge Verwendung auf die Lebensseite gebucht werden konnte.

Wenn die Saison in Venedig zu Ende war, reiste Gritti dorthin, wo eine Truppe spielte. (Wie einem angesehenen Agenten schickten ihm die Direktionen und Impresen ihren Spielplan im voraus.) Er hatte auch gefunden, daß die Eisenbahnfahrt, richtig bemessen und angewendet, ihm wohlbekomme. So verbrachte er den Sommer und Herbst in glänzenden, wenn auch für ihn entlegenen Orten, wie Biarritz, San Sebastian, Monte Carlo, Wiesbaden und Paris, aber immer nur dort, wo es auch ein Opernhaus gab.

Diese Sitte, allabendlich in einer Loge zu sitzen, erst eine angenehme Gewohnheit seines Standes und Vergnügens, später ein geheimnisvolles Muß, wie es den Nervenärzten wohlbekannt ist, erstreckte sich nur auf das musikalische Theater.

Der Marchese war neunundzwanzigtausenddreihundertundsiebenundachtzigmal im Theater gewesen, hatte neunhunderteinundsiebzig verschiedene Werke gehört, doch nur sieben davon waren Schau- und Lustspiele.

Man konnte sagen, daß Gritti fast alle Opernhäuser Europas kenne, denn die Diplomatenlaufbahn hatte ihn weit umhergeführt. – Er war in Diensten vieler italienischer Staaten gestanden. Wie es bei einem Menschen Regel ist, der keine persönlichen Eigenschaften zeigt und sich nur durch Geburt auszeichnet, stieg er vom Attaché zum Legationssekretär, Legationsrat, bevollmächtigten Minister und schließlich zum Botschafter auf. Erst in Modenas Diensten, von Napoleon dem Ersten, dem er persönlich bekannt war, mit seinem ganzen Staat kassiert, ging seine Laufbahn als auswärtiger Beamter Parmas, Toskanas, Neapels über viele Residenzen Deutschlands nach Paris und Spanien, um in der Petersburger Vertretung der regierenden Kurie zu enden. Von Marchese Gritti schweigt die politische Geschichte gründlich. Für ihn war der Dienst nur die notwendige Beschäftigung, die einem Mann von Stand obliegt. Unendlich weit lag nun das träge oder erregte Treiben all der Gesandtschaftspalais in Dresden, Hannover, Paris, Madrid, Petersburg.

Unvergeßlich allein waren die neunundzwanzigtausend Abende, da er die vielen golden und roten Theater betreten hatte im Vollgefühl seiner gewählten Kleidung und vornehmen Wirkung. Niemals konnte er des erregenden Klanges satt werden, wenn das Orchester in belebenden Quinten und ungeduldigen Dissonanzen die Instrumente stimmt, wenn allen Moden eines Jahrhunderts trotzend, die nackten lichtumwölkten Schultern der Frauen in den Logen strahlen. Unvergeßlich aus allen Zeiten herüberhauchend der Staubgeruch, wenn man in der Kulisse steht, unter all den kostümierten, geschminkten und fremdartigen Wesen wie ein Forschungsreisender unter Eingeborenen, wie unter Badenden ein Herr im Frack. Der Reiz einer schnellen und wilden Umarmung war längst vergessen, nicht aber der lasterhafte Duft der Garderobe, wo er sie genossen.

Welch ein Meer von Musik lag hinter dem Marchese! Er hatte sie alle gekannt die Maestri, die längst in Stein gemeißelt ein pathetisches Denkergesicht, das ihnen niemals eigen war, dem Beschauer zuwenden. Ihm, dem Mann von Rang, waren sie sehr ergeben mit ausgesuchter Verbeugung begegnet, stolz über das Caro amico, das er ihnen kollegial gab.

Das Leben, das ihn nicht reizte, das, ein ausgesogen Unding, nah und fern rauschte, wollte er nur leben, um diesen Tod, der doch ebenso sagenhaft war, zu beschämen. Und dennoch hatte auch dies sein Mumienleben ein Ziel. Und dieses Ziel war die holde zweite Welt, die ihn Abend für Abend, ohne ihre Kraft zu verlieren, geheimnisvoll lockte.

Einmal, es war schon zur Stunde, da er sich wie immer mit peinlicher Genauigkeit für die Oper anzukleiden begann, kam mit verstörtem Gesicht der Todesbotschaft sein Diener:

»Exzellenz! Dero Herr Bruder, Seine Erlaucht ...«

Der Marchese unterbrach ihn sofort:

»Ah! Nicht jetzt! Bringen Sie mir diese Nachricht morgen!«

Und er ging ins Theater.

Der interessante Niederschlag dieser Leidenschaft aber war die Sammlung des Hundertjährigen, die leider, teils durch Feuer vernichtet, teils verstreut, nicht auf unsere Zeit gekommen ist.

Der Senator hatte Recht gehabt. Gritti, entzückt, den berühmten Maestro zum Opfer zu haben, wünschte mit seiner Sammlung zu paradieren.

V

Bevor der Marchese mit seinem starren Automatenschritt ins Zimmer getreten war, hatte trotz dem Streit, den der Senator in seiner Freude über die unerhoffte Gegenwart des Freundes vom Zaune brach, eine Stimmung voll menschlicher Ströme geherrscht.

Die Anwesenheit des Hundertjährigen verwandelte alles und alle. Denn das Außerordentliche lebte nicht nur in dem Wahn des Alten, es hob ihn tatsächlich über alle übrigen Sterblichen empor, so daß jeder andere Ruhm in seiner Nähe verblaßte. Er verschmähte es, den angebotenen Platz zu nehmen. Ohne alle Regung stand er auf seinen Stock gestützt, nur die irrenden Augen und der arbeitende Adamsapfel gaben ihm Leben, wenn auch kein menschliches Leben. Verdi, der, wie alle Menschen, die aus der Tiefe emporgestiegen sind, Demut vor dem Überragenden besaß, hatte sich erhoben und sah stumm auf diese Gestalt. Der Senator, welcher seinen Hausherrn kaum einmal im Jahr zu Gesicht bekam, schwieg ebenfalls ganz betroffen von der Wirkung, die von dem Widernatürlichen dieses Wesens ausging. Renzo versuchte, sich an das Groteske der Erscheinung zu halten, aber seine stille Lustigkeit hatte etwas Krampfhaftes. Italos schönes Gesicht konnte Schreck und Grauen nicht verbergen. Immer, wenn er den Marchese sah, würgte es ihn, und er hatte Lust, davonzulaufen.

Gritti, das heißt diese helle Stimme, die aber das allen Menschenstimmen eigentümliche Vibrato nicht besaß, begann zu sprechen.

Unsere Sprachen machen im Ablauf der wenigen Jahrzehnte, die wir unser Leben nennen, eine unmerkliche Entwicklung durch. In unserer Kindheit haben die Menschen anders geredet als heute und nicht nur in gewissen Modeworten und technischen Ausdrücken, die wie veraltete Geräte zur Seite gestellt worden sind. Bis in die geheimsten Endungen, Biegungen, Wendungen verändert sich das Wort. Doch nur nach einem großen natürlich beendeten Geschichtsabschnitt wird die Veränderung allgemein wahrnehmbar.

Die Ausdrucksweise des Marchese hatte von einem gewissen Moment an ebenso wie das Zellgewebe seines Körpers die Entwicklung des Lebens nicht mehr mitgemacht. Und auf einem sehr frühen Punkt mußte diese Entwicklung stehengeblieben sein, denn die Sprechart Grittis war schon in Verdis und des Senators Kindheit altmodisch gewesen, ja, die beiden erinnerten sich nicht, jemals eine ähnliche Ausdrucksweise gehört zu haben. Vielleicht war das eine besonders vornehme Sprache des achtzehnten Jahrhunderts.

Der Marchese wandte sich an Verdi immer in der dritten Person:

»Ich habe schon einmal die Ehre gehabt, die Bekanntschaft des Maestro zu machen. Ich werde in wenigen Tagen hundertundfünf Jahre alt. Das Gedächtnis ist gut. Nur Zeit und Ort verwirrt sich. Darf ich um Hilfe bitten?«

Verdi erwähnte kurz und zuvorkommend Petersburg. Die Stimme ohne jede Modulation nahm den Faden auf:

»Rußland! Die Russen! Ich kenne sie. Sie sind ein liebenswürdiges Volk. Sie haben unsere lyrische Kunst verstanden. Hier versteht man sie nicht mehr. Auch haben sie mich Andrei Gemianówitsch genannt. Man denke: Andrei!? Die Guten.«

Nach diesen Worten, ohne daß das Gesicht auch nur die geringste Veränderung zeigte, brachte die Stimme eine Art langsames Lachen hervor:

»Mein Vater hieß Gemiano. Er wurde im Jahre 1740 geboren. Ich, sein Sohn, lebe heute.«

Der Senator fragte, welche Oper der Marchese heute gehört habe. Der Alte gab die undeutliche Antwort:

»Es war Musik.«

Dann wandte er sich an den Kammerdiener hinter ihm, der wirklich alle Merkmale bresthaften Alters zeigte, während der Herr selbst dem Tod nicht unterworfen war:

»François! Es ist notiert?«

Der Diener hielt ein Notizbuch in der Hand und setzte eine Brille auf:

»Jawohl, Exzellenz!«

»Die Nummer?«

»29388!«

»Das Objekt?«

François zeigte einen großen, sorgsam gerollten Theaterzettel.

»In das Archiv! Danke!«

Der Diener verbeugte sich.

Das brauenlose Gesicht sah den Maestro an:

»Cimarosa war mein Freund! Die Neapolitaner sind unübertroffen. Sie hatten die flebile dolcezza.«

Dieses Wort »Tränenseligkeit«, »trauernde Süße«, das irgendwann auf irgendeine Musik gesagt worden war, hatte im Munde dieses Wesens, dem weniger als einem Leichnam Tränen und Seligkeit bekannt sein mochten, etwas Schauriges. Renzo, nach Art von Kindern nicht Herr übers Lachen, prustete in sein Taschentuch. Die steife Stimme tönte fort:

»Flebile dolcezza, die fehlt. Der Vorzug meiner hundertundfünf Jahre: Ich darf die Wahrheit sagen. Was geht es mich an, was man fühlt?«

Und das erstemal kam Ausdruck in die Betonung der Worte, Ausdruck einer unübertrefflichen Grausamkeit:

»Was geht es mich an, was die Menschen fühlen?«

Und dann:

»Der Maestro filosofo! Ich weiß! Zu modern: Das ist der Fehler!«

»Maestro filosofo« hatte man Verdi zu Beginn seiner Laufbahn getauft, weil seine Kunst im Gegensatz zur zeitgenössischen Virtuosenoper Italiens allzu rauh und tief erschien. Jetzt nach vielen Jahrzehnten wieder hörte er dieses Wort, nachdem die Welt seine Musik zum Alltäglichen, zum Selbstverständlichen und Abgeleierten degradiert hatte. Wie kurzatmig sind alle Meinungen und Urteile. Hier stand einer, der ihn wieder zum Jüngling, zum ungehobelten Neuerer machte. Er freute sich über das »Zu modern« des Uralten.

Der aber gab, mit seinem Stock dreimal auf den Boden pochend, das Zeichen zum Aufbruch:

»Wenn es dem berühmten Maestro genehm ist, schreiten wir zur Besichtigung.«

 

Als sie aus dem Zimmer traten, nahm der Senator seinen Freund unterm Arm:

»Ach, ich bin mir so böse, so böse! Ich hätte mit dir allein die Zeit verplaudern können. Und jetzt dieser Narr! Aber so geht es mir immer, wenn eine Freude sich zeigt. Ich selbst mit Hilfe des Schicksals verderbe mir alles.«

Verdi sagte nichts. So außerhalb der gewohnten Ordnung seines Lebens war der heutige Tag, daß er, der Genaue, der nahenden Mitternacht kaum dachte und fast vergaß, daß ihm nur mehr eine Stunde blieb.

 

Eine glückliche und kultivierte Einrichtung venezianischer Patrizierhäuser ist es, daß die einzelnen Wohnungen eigene Aufgänge haben. Nicht über die finstere und schmale Stiege von vorhin, sondern über die strahlende Nobeltreppe des Hauses begab sich die Gesellschaft unter Vorantritt François' zu der Galerie des Marchese. Auf dem Treppenabsatz zwischen den Türen rechts und links, die in die Räume führten, stand ein hoher Spiegel. Der Hundertjährige, der ohne jede Anstrengung der Beine und des Herzens die Treppe erstiegen hatte, blieb vor diesem Spiegel stehn, um mit Befriedigung festzustellen: Ich bin auf der Welt.

Italo, der sonst jeden Spiegel suchte, schlich jetzt scheu vorbei, als fürchte er, sein Spiegelbild könne dasjenige des Greises berühren. Diese Vermischung wäre ihm schrecklicher gewesen als ein ekelhaftes Bad.

Inzwischen hatten zwei Diener die Kronleuchter der Säle, durch welche die Führung ging, alle angezündet. Die Türen wurden aufgestoßen, im rotgedämpften Licht lag das eigenartige Museum vor den Gästen des Marchese.

Der erste Raum bot den Anblick eines außerordentlich schönen Spielzeugladens, in dem nichts als merkwürdig große Puppentheater zum Verkauf ausgestellt sind. In entzückender, von feinster Hand gearbeiteter Nachbildung, auf brokatbedeckten Postamenten waren die verschwundenen und noch lebendigen Kommunaltheater Venedigs zu sehn. Die Modelle zeigten die äußere und innere Architektur, Saal und Bühne vollkommen, indem entweder die Fassade oder der Plafond aufgeklappt war. Das Herz jedes Kindes und jedes Dramatikers mußte bei diesem Anblick lachen. Der Marchese, von dem warmen Licht des Raumes ungewohnt vermenschlicht, begann seine Erklärung. Auch die Stimme hatte an Schwingung gewonnen. Er zeigte mit seinem Stock auf die Modelle der älteren Theater, die im Laufe der Zeit fast alle durch Feuer vernichtet worden sind: San Cassiano, San Samuele oder Grimani, San Margherita, San Girolamo, San Paolo e Giovanni, San Moisé, alle noch zwischen 1630 und 1700 erbaut. – Nicht anders als Kirchen waren hier Dutzende von Theaterhäusern aus dem Lagunensumpf gewachsen: Orte der Entzückung, Räume spielerischen Wohllauts, Spiegel, die ein festlich geniales Volk errichtet hatte, damit seine eigene Welteinverstandenheit, seine Schönheit, Frechheit, Brutalität und Lieblichkeit ihm widerstrahle.

In der Mitte des Zimmers war eine Marionettenbühne aufgestellt, die mit dem alten Pantalone, mit Pedrolin, dem lustigen Diener, mit dem Liebespaar, dem prahlerischen Schiffskapitän, dem dummen Bergamasker und einem Chor von sabbatfeiernden Hebräern die Schlußszene des Amfiparnasso darstellte, jenes bahnbrechenden Werkes, mit dem der berühmte Orazio Vecchi vor mehr als dreihundert Jahren den Grund zur Opera buffa gelegt hatte. Der Liebhaber unter den Marionetten war dicht an die Rampe gestellt, und sich hinabbeugend, trug er ein aufgerolltes, an seinem Arm befestigtes Pergament, auf dem Verdi die altertümliche Schrift folgender Verse las:

»E voi cortesi ed illustri spettatori
Ci date veramente
Piacevol segno, che vi sia piaciuta
Questa favola nostra, poi che s'ode
Grand applauso, voci di lode.«

›Wie weit‹, dachte der Maestro, ›hat man sich in der heutigen Komödie von den Grundsätzen dieser Worte entfernt. Das kommt alles von diesem verfluchten und affektierten Lügenwort: Kunst! Aber Kunst wie alles Heilige ist nur dann Kunst, wenn sie nicht weiß, daß sie es ist. In meiner Jugend war der Auftrag, ‹die Scrittura› einer Oper eine Sache, bei der nicht viel von Kunst die Rede war. Aber heute wollen die Seiltänzer nicht mehr Seiltänzer sein. Sie schreiben alle nur für schöne dichtnotierte Klavierauszüge, für Musikkritiker, ästhetische Faselhänse und Kollegen. Liszt soll gesagt haben, ein neues Werk, in dem nicht mindestens drei noch nicht dagewesene Akkordverbindungen vorkämen, interessiere ihn nicht. Ah, wir waren vielleicht Analphabeten. Dies aber sind Alphabeten, Alphabeten!‹

Verdi mußte über dieses Wort »Alphabeten«, das er in Gedanken erfunden hatte, trotz seiner Verdüsterung lachen. Man hatte einige Zimmer durchschritten, in denen hundert Bilder von Sängern und Sängerinnen an der Wand hingen. Diese wahren Helden der Stadt-Abende, Freunde und Freundinnen des Marchese, die zu Ausgang des alten, zu Beginn des neuen Jahrhunderts mit den schwellenden Wundern der Menschenstimme, mit ihren freien Rouladen und Kadenzen, mit ihren Registerkünsten, Marcati, Morendi, Fermaten, Bravourschlüssen die belcantotrunkene Menge aufgepeitscht hatten, hier schwiegen sie mühsam auf Lithographien und Stichen. Nur wenige Photographien sah man. Die meisten Bilder trugen Widmungen und Unterschriften in großen törichten Schriftzügen, einige schief über den Körper des Porträts. Mit unveränderlich reizendem und wie bezahltem Lächeln, oder degagiert strahlend blickten die Gesichter dieser Frauen, die einst Könige und Staatsmänner beherrscht, Verzückungen und Selbstmorde hervorgerufen hatten: Die Grisi, die Persiani, die Pasta, die Malibran, die Vellutti, die Pacchierotti, die Colbran, Rossinis Freundin.

Mit dem Ausdruck verklärter Selbstbegeisterung grinsten erhaben freundlich die Herren dieses eitlen Mausoleums: Rubini, Tamburini, Lablache, Nourrit, Donzelli, Levasseur, Bordigni bis zu Tamberlik und Graziani, jeder einzelne ein Mann, der den Parisern zu seiner Stunde wichtiger war als Bonaparte.

Durch zwei dem Ballett gewidmete Zimmer gelangte man in die Räume der Komponisten, wo die Hermen der Maestri standen und in Schaukästen Widmungsblätter und Partiturseiten auflagen. Ein Zimmer war ganz der jüngeren neapolitanischen Schule gewidmet. In goldenen Lettern, unter Köpfen, die einer dem anderen glichen, las Verdi Namen, von denen er die wenigsten kannte. Wer waren sie alle, diese Anfossi, Giordano, Gardi, Gazzaniga, Astaritta, Zingarelli, Marinelli, Capua und Palma? – Waren sie nicht noch mehr tot, noch mehr verwest als jene Sänger? Gefeierte, geliebte, bekränzte Meister! Wozu all die Eitelkeit des Schaffens, dieser letzte Wahn, den man nicht töten kann?

›Was ist richtig, was ist wichtig?‹ tönte es scharf im Herzen.

›Nur für dich, nur für dich!‹ kam die Antwort. Einst hatte er gesagt: ›Soviel habe ich geschrieben, und muß sterben.‹ Aber jetzt war ein anderes Gefühl wach:

»Soviel habe ich geschrieben. Heute oder morgen muß ich sterben. Aber alles, was ich gemacht habe, gilt mir nicht mehr. Es ist nicht da. Ich streiche es aus. Wie ein Zwanzigjähriger muß ich meine Tat erst tun. Ach! Ach! Und es ist so spät.‹

Im nächsten Zimmer machte der Marchese, von dem innerhalb seines Reiches das Automatische immer mehr wich, Verdi auf die Büste Simone Mayrs aufmerksam:

»Der Maestro wird wissen, daß dieser große Kompositeur ein Deutscher war. Er ist aber trotzdem nicht von der wahren Kunst des Gesanges abgefallen.«

Die letzte Herme war die Vincenzo Bellinis, des Catanesen. Mit geradezu väterlicher Geste streichelte der Uralte das Haupt des Standbilds:

»Dieses Kind hier war der Letzte, dieses heilige Kind!«

Von seiner fixen Idee wieder erfaßt, fuhr er fort:

»Ich bin einundzwanzig Jahre älter als er, und er starb vor bald fünfzig Jahren.«

Und nach einer Weile, mehr zu sich selbst, als zu seinen Gästen:

»Ihr Jüngeren alle, was ist das für eine Musik, bei der man zuhören muß?«

Eine neue Tür öffnete sich. Schwerer Dunst von Staub, Wachsgeruch, Kälte und Moder schlug der Gesellschaft ins Gesicht. Der Maestro sah einen sehr langgestreckten Saal vor sich, in dem, wie es ihm schien, Regimenter von Kerzen frei flackernd und mottenumtanzt brannten.

Es war der Kern der Sammlung. Hier hingen die fast tausend Original-Theaterzettel der tausend verschiedenen Werke, die der Hundertjährige bei seinen dreimal zehntausend Theaterbesuchen gehört hatte. Sie hingen in vielen Größen, Arten und Farben unter Glas und Rahmen, nicht nur an den Saalmauern, sondern überdies an vielen Paravents, Zwischen- und Querwänden, die den außerordentlichen Raum durchschnitten.

Die hohe Stimme des Marchese begann wieder zu reden. Aber in einer plötzlichen Verwirrung hört der Maestro die Worte nicht. Welch ungehörige Sache! Wo ist er denn überhaupt? In Venedig? Er, der unerbittliche Pedant? Mitten im Winter? Was hat diese Unordnung zu bedeuten? Er will sich fassen, und um seines Zustands, eines immer wachsenden Schwindelgefühls Herr zu werden, zwingt er sich, den erstbesten der Theaterzettel zu lesen.

Und er liest ein Datum, er liest den Namen einer Stadt und darunter:

Prima rappresentazione
di melodrama:
IL DILUVIO UNIVERSALE
di celebre maestro

G. Donizetti.

Der Maestro will die Augen nicht vom Blatt heben, denn er weiß, daß etwas Namenloses droht. Aber er vermag nicht zu widerstehen. Schreck lähmt ihn, denn er sieht, daß eine der Kerzenflammen das Holz eines Rahmens erfaßt hat, daß innerhalb einer Sekunde der Brand all diese Welt von Papier ergreift. Ein fauchender Knall! Flammenrasen, grausige Hitze, schwarze Zunderwolken, tödlicher Rauch, Ersticken!

Sehr bleich, mit einem kurzen, kaum verständlichen Ausruf den Senator zu sich bescheidend, verläßt Verdi den Saal, gehetzten Schrittes den Ausgang der Galerie suchend.

Mit großem Erstaunen blickt man den beiden Herren nach.

VI

Der Maestro ließ sich nicht mehr zurückhalten. Er stand auf der wasserumspülten Stufe, um seine Gondel zu besteigen. Der Senator trug ihm seine Begleitung an. Er lehnte ab.

»Wir gehen nicht heiter auseinander, mein Verdi!«

In den guten Augen standen Tränen. Aber der Freund im Dunkel konnte es nicht bemerken.

»Oh, dieser chimärische Alte mit seiner verfluchten Galerie.«

Verdi wehrte ab:

»Das ist es nicht. Aber in unsern Jahren soll man nicht mehr von sich verlangen, als man zu geben hat ... Ach, Freund, ich sehne mich sehr nach dem Frühling, nach den Feldern, wo der Anbau bald beginnen wird, nach meinen guten Tieren. Schwer, immer schwerer liegt auf mir der Schatten der Städte. Da draußen, in meinem Haus, in den Ställen, auf den Wochenmärkten, unter den Bauern, da bin ich das, was ich wirklich bin. Niemals hätte ich etwas anderes werden sollen!«

Der Senator packte die Hand des Maestro:

»Verdi! Einen Tag nur möchte ich Verdi sein!«

»Das rate ich dir nicht. Denn was bin ich? Ein höchst fauler und unzufriedener Rentner eines Ruhms, der lange nicht mehr wahr ist. Zehn Jahre bin ich kein Komponist mehr, und ein wirklicher Bauer leider auch nicht!«

Als wäre dieses Bekenntnis zu viel des Vertrauens gewesen, nahm Verdi schnell Abschied. Die Gondel vermischte sich schnell der Nacht, denn der Mond war untergegangen und leichte Winterkälte triumphierte.

 

Der Senator trat ins Zimmer zu seinen Söhnen zurück. Renzo las in einem Buch, Italo machte Zeichen höchster Ungeduld. Der Vater sagte in der Art eines Redners, der unwiderrufliche Sätze zu prägen die Gewohnheit hat:

»Dies ist der größte Mensch unserer Zeit, weil er der wahrste ist. Habt ihr es gefühlt?«

Niemand sagte etwas auf diese Frage. Italo vermied es, seinen Vater zu reizen, obgleich er die Melodien des ›Trovatore‹ und die Rührseligkeit der ›Traviata‹ abgeschmackt fand. Und Renzo, gänzlich unmusikalisch, dachte an Rom, an seine dortigen Freunde.

Dem Senator waren die Tränen stets sehr nahe, und, je mehr er in die Jahre kam, um so näher. Er hatte noch immer abschiedsfeuchte Augen, und seine Gedanken konnten nicht von Verdi lassen:

»Wenn man bedenkt, wie diese Sonne aufgegangen ist! Kein Mensch wußte etwas. Man kam, die Musik irgendeines Maestrino zu hören ...«

Italo wußte, daß jetzt die Geschichte der ›Nabucco‹-Premiere komme, die er schon zum Überdruß kannte. Rasch benützte er deshalb die Gelegenheit, den Vater zu unterbrechen. Er tat das freilich mit leiser, etwas benommener Stimme, die jungen Männern eigen ist, die nach Mitternacht ihren Vätern mitteilen wollen, daß sie noch einen Freund besuchen müssen:

»Papa! Verzeih, daß ich gehe. Ich habe noch eine Verabredung mit Pilade.«

»Gut! Gut! Geh zu deinem Pilade, mein Orest!«

Der Alte forschte den Wegen seines Sohnes nicht nach. Obwohl er wußte, daß Italo selten zu Hause schlief, machte er keine Erwähnung davon. Italo verschwand äußerst schnell. Renzo nahm sein Buch und empfahl sich gleichfalls.

Allein geblieben, bekam der Senator plötzlich einen roten Kopf, als würge er einen Wutanfall hinunter, dann trat er zu seinen griechischen Texten, warf sie ohne Grund durcheinander, kehrte zum Tisch zurück und zündete eine neue Zigarre an. Sein großes Temperaments-Gesicht wurde sogleich freundlich. Mit sinnlicher Behaglichkeit blies er den Rauch und seine Stimme war verschlagen und ohne Ursache belustigt, als er, selbst nicht recht wissend, was er rede, den Zitatvers vor sich hinsprach:

»Exoriare aliquis nostris ex ossibus ultor.«

 

Der Marchese Andrea Gritti hatte sich über den jähen Abschluß der Besichtigung schnell getröstet. Eine plötzliche Übelkeit, so meinte er, habe den berühmten Maestro befallen. Er war überaus damit einverstanden und freudig bewegt, wenn jüngere Menschen als er an den Tod gemahnt wurden. Jeden Sterbefall im Umkreis seiner Bekanntschaft rechnete er sich selbst zum Erfolg an.

François bereitete in einem kleineren geheizten Raum jetzt alles für die Nacht vor. Der Marchese legte sich nicht zu Bett, denn das Liegen war die Stellung des Besiegtseins, des Sich-ergeben-müssens.

Liegend konnte einen die List des Endes besser erwischen. Es hieß ja in jedem Augenblick gerüstet zu sein. Der Hundertjährige nahm in einem großen Lehnstuhl Platz. Damit er nicht vornüberfalle, ließ er sich bequem mit einem Riemen an die Lehne schnallen. – Übrigens hatte er schon seit zehn Jahren nicht recht getan, was die Menschen schlafen nennen. Ähnlich wie die Fakire und Yogis verstand er es, ohne zu schlafen (denn auch Schlaf ist vielfach Abnützung), sein Leben zu beurlauben.

Er saß starr da, ohne daß sich sein Gehirn auch bloß die Bilderflucht des Dämmerns gestattete, der Atem ging nur sparsam und in großen Pausen, die Augen waren nicht ganz geschlossen. Auf einer Matratze im Zimmer schlief noch ein hübscher siebzehnjähriger Bursche seiner Dienerschaft. Wenn Gritti auch nicht das gute Hausmittel der Bibel, wonach David seinen eiskalten Greisenleib durch Abigails Wärme beleben ließ, anwendete, so empfand er doch den frischen jungen Atem neben sich als Schutz.

 

Durch ein Tor, das auf den Kirchplatz hinausging, hatte Italo das Haus verlassen. Der ein wenig geschraubte und selbstbewußte Ausdruck war vollkommen von seinem Gesichte verschwunden. Hochauf atmete er, als wäre von ihm der schwerste Zwang abgefallen. Er kam jetzt um eine halbe Stunde zu spät und manches konnte vorgefallen sein. Aber welche Sensation der Gefahr, ja des Todes, wünscht sich die Jugend nicht im innersten Herzen, mag sie auch noch so sehr sie fürchten. Italo raffte den Mantel über den Frack und begann wie ein Wilder zu rennen. Er lief durch die toten schwarzen Callen, über stufenreiche Brücken, vorüber an den Kirchen, die mit ihren abseitigen Türmen wie vorsintflutliche Riesenvögel auf den nachtstarren Campi hockten. Er lief, wie man nur in der Nacht läuft, ohne Widerstand und Mühe, schwebend, durch die kleingewordenen Maße der Stadt. – Er traf nicht mehr als drei Wesen, aber diese Schatten-Wesen, die grölend mit sich selber sprachen, gehörten ja kaum der Menschheit an.

Viele Jahre später, als er längst schon im Netz der reiferen Lebensbräuche zappelte, erinnerte sich Italo dieser nächtlichen Parforceläufe, dieser Ausgefülltheit, dieses Zielhabens als der stärksten Glücksmomente seines Lebens.

In einer der hundert kleinen Gassen blieb der junge Mann stehen. An der Türe, wo er bebend vor Erregung kurz zweimal pochte, war das Blechschild eines Arztes angebracht: ›Dott. Carvagno.‹

Sogleich wurde geöffnet und man zog Italo hinein: »Endlich! Endlich!«

Die Angst war unnütz gewesen. Biancas Mann, einer der Leiter des Ospedale Civile, verbrachte heute, wie schon so oft in letzter Zeit, die Nacht im Krankenhause. Vor zwei Stunden hatte er einen Boten geschickt, der ihm ein Buch bringen sollte.

Ohne Abenteuer löste sich alles. Doch für die Überspannung der Nerven entschädigte Italo bald das Glück, das nur reifere Frauen in ihrer unendlich weichen Umarmung, mit all ihren mütterlich wissenden Bewegungen Männern gewähren, die noch Knaben sind.

VII

Der Nachtschnellzug nach Mailand hatte längst die endlose Lagunenbrücke und Mestre passiert. In einem Abteil erster Klasse, in dem sonst kein Reisender fuhr, saß der Maestro am Fenster. Er war so grenzenlos müde nach diesem Tag, da er gegen die feste Gewöhnung seines Lebens auch die Nacht hatte opfern müssen. Gedanken, die keine waren, kamen und gingen, Bilder, ohne Bilder zu sein, schwankten hin und her. Stärker als alle unfertigen Gedanken und Bilder bannte das geistunabhängige Ohr des Musikers der donnernde Rhythmus des Zuges, der wilde Taktwechsel der Weichen.

In seiner Abneigung gegen ein bequemes Sich-gehen-lassen verschmähte es Verdi, sich hinzulegen oder seine Füße auch nur auf den gegenüberhegenden Sitz zu stützen. Aufrecht und ohne Nachlässigkeit der Kleidung saß er in seiner Ecke. Nur den grauen Kopf lehnte er weit zurück, so daß ein Stück des Mantels sein Gesicht verdeckte. Der Eisenbahnzustand zwischen Schlafen und wachen überkam den Maestro, ein Zustand, der, wenn man heiteren Herzens reist, angenehm ist und die Zeit tötet.

Aber unklar und unaufhaltsam bohrte der Schmerz unter jeder Form des Lebens. War für einen Augenblick das Bewußtsein geschwunden, so kehrte es plötzlich mit einem quälenden Ruck zurück und der Reisende tastete erschrocken um sich. Er hatte immer das Gefühl, daß ihm seine Reisetasche abhanden gekommen sei. Aber das durfte nicht geschehen! Mit dem Leben mußte sie verteidigt werden. Es war ja eine Partitur darin, die niemand kannte, die dreißig Jahre schon sein Herz fraß, die einmal seine große Rechtfertigung sein würde vor allen Feinden. Immer wieder, wenn der Schlaf nahte, fuhr der Maestro schreckhaft auf, aus Angst um diese Partitur, die er in seinen klaren Stunden verwünschte.

Auf einmal mußte er sich erinnern, daß er in früherer Zeit bei den endlosen Reisen im Postwagen zwischen Schlaf und Wachen so oft den gleichen Schreck verspürt hatte. Immer steckte solch eine unvollendete Partitur in seiner Tasche, die er neben oder über sich liegen wußte. – Aber der Feinde waren damals wenig. Und die wenigen Feinde konnte man leichten Herzens verachten, denn sie standen tief unter ihm, diese Schulmeister, Winkelmaestri, Journalisten und Musikgrammatiker. – Doch die Feinde jetzt überhoben sich, sie standen hoch oben, sie stellten sich über ihn, diese Musikdramatiker. – Und die Flammen werden kommen. Es wird ein Diluvium des Feuers sein, und alle Hundertjährigen, alle lorbeerumkränzten Büsten werden mitverbrennen und die altheilige italische »Flebile dolcezza« auch. Einst vor langer Zeit wurde ein großes Geschrei erhoben: Hie Piccini, hie Gluck! Aber sie sind beide verbrannt und keiner schert sich um sie.

Bei diesem Gedanken durchzog ein seltsames Glück das Herz Verdis, und ehe das Kaleidoskop des Schlafes farbendunkel wurde, sprach es noch in ihm: Das Gesicht des Deutschen ist nicht böse.

Nachdem die Nacht des Schlafes ganz dicht geworden war, tat sich im Dickicht der helle Weg des Traumes auf, und dieser Weg führte auf eine Halde, die aber ebenso eine Bühnendekoration hätte sein können. Es geschah so manches, ehe dieser König dastand mit den wahrhaft durchfurchten Zügen und der Flitterkrone auf dem Haupt. Echt war der Schmerz des Königs, der zu einem echten Himmel empordrohte, über den die schwarzen Wolken ritten. Aber der Mantel dieses Königs war nicht echt, sondern ein Mantel aus dem Fundus der Scala, den schon hundert Darsteller getragen hatten.

Was aber wollte diese Kompagnie kostümierter Laffen dahinter, die in einem dumm-symmetrischen Takt turnten, mit den Händen ruderten, vorgingen oder retirierten? – Dabei war die Natur ringsum so schaurig, überall im Land brannten die Städte und Dörfer und der Qualm zog langsam dahin. Unter Himmel und Wolken, unter den brennenden Städten und Dörfern, unter den Füßen des Königs, unter denen des schmierenhaft verkleideten Chors bebte die Erde im Dreivierteltakt.

Da aber geschah etwas Schreckliches, etwas, was keinesfalls hätte geschehen dürfen: Mit tragischen Gebärden und Verzerrungen begann dieser König, eine schnelle scharfakzentuierte Polka in Moll zu singen, vielstrophig und scheußlich. Immer, wenn eine Strophe zu Ende war, fiel der Chor mit demselben Motiv ein, während der König drüberhin wie im Wahnsinn Koloraturen in schnellen, blöden Sechzehnteln sang.

Der Träumer schwor immer wieder, diese Musik sei nicht von ihm, sie sei von wem sie wolle, selbst in seiner frühesten Jugend hätte er dergleichen nicht gemacht.

Aber es nützte ihm nichts, Gott wollte es so. Da drang ihm eine gräßliche Scham zu Kopf. Er sah sich um und überlegte, wie um Christi willen man es nur verhindern könnte, daß durch irgendein Tor jemand käme und Zeuge dieser schweren Schmach würde. Aber je mehr er sich wehrte, um so weniger entging er dem Schicksal. Langsam und immer deutlicher fühlte er, daß er selbst ja singe, daß er selbst dieser König sei, verfangen und gefesselt an die Moll-Schnellpolka, aus deren widrigem Taktgewebe er sich nimmer würde befreien können.

Und da geschah auch, was er von allem Anfang an hatte fürchten müssen: Gefolgt von zwei preußischen Soldaten in Pickelhauben erschien Wagner, den gelben Überzieher über den Frack gehängt, den Zylinder in der Hand. Begeisterte Jugend drängte näher. Einen Augenblick lang betrachtete er das Schauspiel. Aber sein Gesicht war jetzt nicht gütig, sondern höhnisch und boshaft.

Den Tod im Herzen, mußte der Träumer seine Koloraturen weiter und immer weiter singen, während Wagner sich hochmütig zu den Soldaten wandte und ihnen die Worte hinwarf:

›Diese dünnflüssigen Cantilenen mache ich im Handumdrehen!‹

Da schrie der Sänger auf und warf die Krone zu Boden, während der Chor weiterplärrte. Wagner aber sagte nur kurz und deutsch:

›Auf! Verhaften Sie ihn!‹

 

Klirrend stand der Zug.

Der Maestro war sofort bei sich. Unzerstört von Schlaf, Traum, Müdigkeit war sein Gesicht. Er sah durchs Fenster die vielen Lichter einer größeren Station.

»Verona! Erst Verona!«

Und er seufzte.

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