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Franz Werfel: Verdi - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorFranz Werfel
titleVerdi
publisherFischer Taschenbuch Verlag
printrun9. Auflage
year2011
isbn9783596294565
firstpub1924
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20151119
projectid9eb3877f
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Nachspiel

I

 ... Was laßt ihr mir nun für die langen Tage in Sant Agata? Einsam mit der Frucht meiner Arbeit zu leben, das war mein großes Glück; jetzt aber ist es nicht mehr mein, das Werk ...

Verdi zu Boito am Tage nach der ›Otello‹-Premiere

Der Besuch des Maestro Giuseppe Verdi in Venedig blieb geheim. Die wenigen Personen, denen er begegnet war, schwiegen, und so erwähnt auch keine der mehr oder weniger gründlichen Biographien diesen Aufenthalt, weder Monaldi, Perinello, Checchi, noch Pizzi, Pougin, Resasco und Bragagnolo.

Verdi selbst sprach niemals davon, ja versuchte, da er sich alles Ungewohnten und Auffälligen schämte, diese sonderbare Ausschweifung zu vertuschen. Vigna starb im nächsten Monat. Mit dem Senator traf der Maestro zwei Jahre später in Mailand zusammen. Diesmal war der gute Freund aus Eifersucht sehr zurückhaltend, ja fast unangenehm. Der Kreis von treuen Menschen um Verdi machte ihn wütend.

So sehr der Zweifler seiner Erkenntnis mißtraute, das Nie-Erwartete, Nie-Erhoffte war geschehn. Die zehnjährige Ohnmacht, die Krise, die Verfinsterung seiner Schaffenskraft, der Schatten hatte sich hinweggehoben. In der Sekunde, da aus dem vom Grauen des Lebens gepreßten Menschen, angesichts der stygischen Lagune, die rauhe Stimme den Sang ›Vendetta‹ ausgestoßen hatte, war der Bann gewichen. Natürlich trat diese Wiederbelebung nicht so jäh, so dramatisch ein. Aber schon in den folgenden Wochen auf den häufigen Spaziergängen nach Acquasola tauchten immer gebieterischer Klangvorstellungen auf. Musikalische Vorstellungen, nicht Notenbilder wie während der fruchtlosen ›Lear‹-Arbeit. Und jetzt geschah das Seltsame: Verdi wehrte sich.

Eines Tages aber war alles Sträuben vergebens gewesen. Ein Musikstück stand auf dem Papier. Rauh, ungebärdig, zitternd! Eine richtige Cabaletta wie aus den stürmischen Zeiten des ›Attila‹ oder der Schlacht von Legnano. Sehr erstaunt lächelte der Maestro, als er diesen wilden Gesang, zu dem er selbst einige kurz abgerissene Worte gesetzt hatte, am Klavier probierte. Diese Musik war aus jenem unartikulierten Ausbruch »Vendetta« entstanden. Sie wurde später zum großartigen Abschied Otellos.

»Fahr hin denn, für immer fahr hin, heiliges Gedächtnis!«

Und in einer zweiten Verwandlung zum berühmten Schwur:

»Bei des Himmels Marmorgewölbe!«

So hatte auch die Stunde für Boitos Text geschlagen.

Verdi entschloß sich zögernd, unter tausend Vorbehalten und Unsicherheiten, ihn zu komponieren. Tief empfand er die Selbstlosigkeit des Jüngeren, der darauf verzichtete, das eigene Meisterstück zu musizieren. Noch im nächsten Jahr, da schon einige Szenen geschrieben waren, bot der Maestro dem Musiker Boito an, das Libretto des Dichters Boito zurückzunehmen!

Die drei Jahre der ›Otello‹-Arbeit waren ein Erlebnis von ungetrübter Schönheit. Nicht mehr wie in seinen ersten Zeiten beherrschte den Maestro der leidenschaftliche Drang, zu Ende zu kommen, nicht mehr wie in der ›Lear‹-Periode der Gewissensekel nach jeder geschriebenen Seite. Das erstemal genoß er ganz ohne Skrupel die reichen Wonnen der Meisterschaft. Nirgends lauerte mehr eine Schwierigkeit, der er nicht gewachsen war. Er mußte keinen krampfigen Anlauf nehmen, um Hürden zu überwinden. Er schwebte.

Genuesen und Zeitgenossen erzählen, daß man in diesen Jahren den alten Mann am Abend habe oft unter einer Gaslaterne stehen sehn, wie er in sein Notizbuch Eintragungen machte, glücklich verloren, ohne jemanden zu erkennen.

Er liebte die Partitur des ›Otello‹ sosehr, daß er ihre Vollendung hinausschob, weil er vor der Stunde zitterte, da diese geliebte Seele nicht mehr bei ihm sein würde. »Armer Otello«, schrieb er, als er den letzten Akt dem Kopisten übersandt hatte.

Am Abend des Verlustes zeigte er sich melancholisch und unleidlich.

Er stürmte durch die hohen Zimmer seiner Wohnung. Ingrimmig fand er, daß alle Möbel seit zwanzig Jahren schon unsinnig gruppiert seien. Morgen müsse alles umgestellt werden.

Er suchte ein Buch. Es war ihm natürlich gestohlen worden, nicht anders als die Havannazigarren der vergangenen Woche.

Das Diner gab die erwünschte Gelegenheit zu spöttischen Ausfällen. Die Ravioli waren ungenießbar. Die Köchin mußte gerufen werden. Tränen flossen. Eine Eheszene spitzte sich zu. Giuseppina beugte sich nicht. Verjährte Schuldfragen wurden bis zu den Schatten verfolgt.

Mit dem letzten Rest begütigender Resignation seufzte die Gattin:

»Niemand weiß, was für ein Mensch du bist. Gebe Gott, daß du keine Oper mehr schreibst.«

Giftig rief der Maestro:

»Suche Trost in der Religion!«

Dieser Hohn war für die fromme Peppina zuviel. Sie ging aus dem Zimmer.

Wegen dieses Zwistes erlitt die allabendlich einsame Whistpartie der Gatten eine Verzögerung von einer halben Stunde.

II

Ruhm sei ihm dem Unsterblichen, Heiteren und Triumphierenden!

Giosuè Carducci

 

Der Wirbelwinter der ›Otello‹-Premiere ging vorüber. Ein herrlicher Frühling bot den Lohn für Arger und Kränkung, die das Theater mit sich bringt.

In Sant Agata war Besuch. Die Nächsten nur: Boito und Giulio Ricordi. Man hatte auf der Terrasse gespeist und den schwarzen Kaffee genommen. Da es gegen sieben Uhr ging, wurden die beiden Herren unruhig. Sie mußten in zwei Stunden die nächste Eisenbahnstation Fiorenzuola-Arda erreicht haben, um in den Mailänder Zug zu steigen. Ihr Urlaub war zu Ende.

Der Maestro hatte im stillen längst dafür gesorgt, daß angespannt werde. Er wollte selber eine kleine Strecke weit die Freunde begleiten, da er einem Meier in der Nähe Aufträge zu geben hatte. Peppina, die ihren Gästen bis zu den Trauerweiden der Parkeinfahrt die Ehre gab, blieb zurück.

Verdi setzte sich auf den Rücksitz des Wagens. Die Einwendungen der beiden verscheuchte er mit der Hand. Niemand sprach mehr. Aus der herrschaftlichen Pappelallee gelangte man in die nüchterne Landschaft der lombardischen Ebene. Das Maigetreide stand schön und gut. In knorrigen Formen krampften sich die beschnittenen Ulmen empor. Auf den hundert Wasserrinnen des fruchttragenden Bodens lag der beginnende Sonnenuntergang. Stumm deutete der Maestro immer wieder auf ein Gehöft, den Schlot einer Faktorei, auf einen Wassergraben. Dies alles gehörte zu Sant Agata, war seine Schöpfung. Als man aber an dem Kral des Pferdegestüts und an den Ställen vorbeikam, wurde er ganz erregt. An diesen Tieren hing sein Herz.

Hundert Meter hinter der Meierei ließ er halten. Ehe noch der Wagen stand, sprang er ab, winkte den Freunden einen kurzen Abschied zu und schritt weitaus. Ein langer Schatten folgte.

»Der schwache Greis«, sagte Boito.

Die Herren lächelten dem Maestro nach. Sie waren beide gleichaltrig, im Beginn der Vierzig und voll jener sonderbaren leichten Gerührtheit, die Männern auf der Höhe dieses Alters eigen ist.

Schwermütig-reizend spielte die Laune des Abends. Giulio Ricordi lehnte seinen Kopf zurück, der nichts von einem Kaufmann verriet, sondern die gebrechliche Mischung aus einem Grafen- und einem Gelehrtentypus vorstellte. Giulio war Erbe der Eroberer. Nach einer Weile wandte er sich an Boito:

»Bist du ihm jemals ganz nahe gekommen?«

Während Boito Antwort gab, veränderte er seine strenge Engländerphysiognomie um keinen Schatten:

»Nahe gekommen? Das ist unwichtig! Er ist der Mensch, den ich auf der Welt am meisten liebe.«

»Du hast recht, Boito. Aber warum lieben wir ihn so sehr? Er ist verschlossen, streng, abweisend bis zur Grobheit, zeigt kein tieferes Interesse am anderen, oder verbirgt es ... Und man liebt ihn doch wie keinen sonst auf der Welt.«

»Vielleicht ist es das Geheimnis der Reinheit.«

»Was nennst du denn Reinheit?«

»Die Unschuld, die Absichtslosigkeit, das unverderbte Kind in einer Seele.«

Ricordi schien nicht befriedigt. Er stützte sein Kinn auf den Spazierstock: »Ich habe als Verleger den absurden Beruf, mit großen Männern verkehren zu müssen. Sie sind meist sehr höflich, diese Berühmtheiten, geben steif-distanziertes Lob von sich. Aber ich sage dir, wie oft fühle ich mich da verringert und beleidigt. Verdi, der alte Hartschädel, erhöht mich. In seiner Nähe habe ich mein bestes Selbstbewußtsein.«

»Ich will« – Boito lachte – »eine Einteilung der großen Männer improvisieren. Also! Es gibt prophetische und homerische Genies. Vor den Propheten hüte dich. Sie sind Menschenfresser, Proselytenmacher, Reklamehelden und Tyrannen ...«

»Ist der Maestro kein Tyrann?«

»Niemals für sich und seine Sache. Er ist ein Gerechtigkeitsnarr!«

»Also gehört er auf die Homerseite?«

»Auch das nicht. Am ersten Beispiel schon geht meine schöne Einteilung zum Teufel. Weißt du, warum Verdi so schamhaft ist? Er verbirgt etwas auf dem Grund seiner Seele. Niemand soll es ahnen. Was das ist? Worte gibts nicht dafür. Nenn' es eine höhere, transzendentale Mütterlichkeit. Pfui, das klingt abgeschmackt wie eine philosophische Abhandlung. Aber ›Liebe‹ ist noch ungenauer. Nun, vielleicht verstehst du mich.«

Sie kamen in ein Städtchen. Da es Sonntag war, spielte die Banda municipale (vierzehn Mann) auf dem Platz. Der Herrschaftswagen von Sant Agata war gesichtet worden. Vielleicht saß der Maestro selber drin. Die Musik stürzte sich in den ›Nabucco ‹-Chor: »Va pensiero.« Der Mann des Schlagwerks tobte. Die Bauern brüllten mit. Wie ein Herrscher in seiner Equipage den aufspritzenden Strom von Ovation und Volkshymne rasch durchschneidet, also durchtrabte der leichte Wagen Musik, Platz und Flecken.

Ein kräftiger Viertelmond erbarmte sich der Dämmerung.

Boito nahm leise das Wort:

»Der Ruhm allein hat recht!«

Ricordi erschrak:

»Bist du ein Erfolganbeter geworden?«

Boito hörte diese Frage gar nicht. Schwermütig verfolgte er seinen Gedanken weiter:

»Was ist ein Kunstwerk? Wann ist es gut oder schlecht? Wir haben schließlich alle eine Melodie darzubringen. Doch ob sie angenommen wird, nur darauf kommt es an. Es gibt tote unbekannte Meisterwerke. Aber schon weil sie tot sind, halte ich sie für keine Meisterwerke. Das Gezücht der Zukurzgekommenen zwar preist sie an. Aber es will sich dadurch nur an der Glorie rächen. Welch ein Geheimnis ist der Ruhm! Die Menschen ergreifen einen Gesang, ein Werk, einen Namen. Sie genießen ihn und wie in ein Gefäß versenken sie ihre eigenen Visionen und Tränen darein. Eine mystische Mitwirkung, ein gegenseitiges Geben und Nehmen entsteht. Es ist nicht nur Genie und Schicksal, es ist eine unerklärliche Kraft im Spiel, wenn ein Mensch oder eine Tat zum Märchen wird.«

Giulio fühlte sich bei dieser Philosophie des Ruhms unbehaglich. Er wußte, daß der Mystizismus eine alte Gefahr für den Freund war. Boito sagte noch etwas vom theologischen Begriff der Gnade, der einen Zusammenhang mit dieser Frage haben müsse. Dann ging man zu einem alltäglichen Gegenstand über.

Aber sie waren mit dem Maestro nicht fertig. Das Gespräch glitt zurück. Boito bekannte:

»Mit Verdi ist es mir sonderbar ergangen. Ich bin sein Paulus. Es gab eine Zeit, wo ich ihn gehaßt und verfolgt, seine Musik abscheulich gefunden habe. Ich war damals von Wagner gänzlich verblendet ...«

Ricordi unterbrach:

»Wagner! Was muß er durch ihn gelitten haben?! Hat er jemals eine Andeutung darüber gemacht?«

»Nie! Du weißt es ja selbst. Er hat manchmal von Wagner gesprochen. Ehedem seltener und jetzt recht oft. Aber immer sachlich, nüchtern, wie er über alles spricht. Vielleicht hat er gar nicht an ihm gelitten!«

»Ist es nicht ein großes Unglück, daß diese beiden einander niemals gesehn und gesprochen haben. Welch eine Begegnung! Das ist eine Lieblingsphantasie von mir.«

Boito war anderer Meinung:

»Ist es wirklich ein Unglück? Solche Zusammenkünfte enden meist mit einem höflichen Mißverständnis.«

Die Rede kam auf ›Otello‹. Giulio Ricordi erkundigte sich:

»Findest du auch nur eine Spur von Wagner in der Partitur?«

»Wer das behauptet, hat keine Ohren im Kopf. ›Otello‹ ist die reinste Konsequenz des ›Rigoletto‹.«

»Dies ist Verdis größte Charaktertat! Er hat unsere Musik bewahrt, und du hast ihm zum Sieg verholfen.«

»Die komische Oper kommt noch.«

Und Boito erheiterte sich sehr:

»Man mag auf der Welt noch einen solchen Hausherrn und zwei solche Gäste suchen. Sie kehren den Rücken und halten wahrlich keine üble Nachrede.«

Die Herren kamen zur rechten Zeit in Arda an. Einige Minuten noch und der Zug mußte einfahren. Sie saßen auf einer Bank des Bahnsteigs. Der nervöse Boito kramte in seinen Taschen. Es war die gewohnte Jagd nach der Fahrkarte. Plötzlich zog er einen unförmigen Handschuh hervor, einen Wollhandschuh, wie man ihn bei der Gartenarbeit verwendet. Ricordi sah es:

»Was ist das für ein Monstrum? Dein Handschuh?«

»Nein! Das ist Verdis Handschuh!«

»Hast du ihn eingesteckt?«

»Gestohlen hab ich ihn!«

»Was heißt das?«

»Ich habe ihn gestohlen. Ja, gestohlen als Andenken, als Autogramm, als Gott weiß was. Ein plötzliches Muß! Eine Leidenschaft! Ohne Scherz! Ich konnte mir nicht helfen. So! Und jetzt darfst du lachen!«

Giulio Ricordi lachte wirklich. Aber es war durchaus kein höhnisches Lachen:

»Seht hier den weitberühmten Komponisten des ›Mefistofele‹, seht den großen Dichter! Ecco il leone!«

Boito steckte den Handschuh schnell ein:

»Es steht dir frei, mich für einen Schulbuben, eine Jungfrau oder für einen Amerikaner zu halten. Komm!«

Der Zug rollte heran.

III

Und es kommt ein Tag, da man nicht mehr von Melodie, von Harmonie, von deutscher, von italienischer Schule, von Zukunft, von Vergangenheit etc. etc. sprechen wird, und dann vielleicht kann das Reich der Musik beginnen.

Verdi an Arrivabene

 

In den drei letzten Jahren des sterbenden Jahrhunderts ertrug der verwitwete Maestro nicht mehr die Leere von Sant Agata.

Er lebte, wie ein Kind vom ausgezeichneten Personal des Commendatore Spatz gehütet und gepflegt, im Grand Hotel Milan.

Eines Spätnachmittags, zu anderer Stunde als gewöhnlich, trat Arrigo Boito in das Arbeitszimmer des Alten, der sehr erschrak und ein schuldbewußtes Gesicht machte. Boito sah eine Menge von Notenpapier über den Tisch gebreitet. Ohne sich um die Verlegenheit Verdis zu kümmern, der jetzt, da nichts mehr zu retten war, krampfhaft aus dem Fenster sah, stürzte sich der Neugierige auf die Schriften. Er hatte es ja geahnt, daß es mit dem Müßiggang des Maestro, von dem er wegwerfend immer wieder sprach, nicht weit her sei. Diese einsamen Nachmittage, die niemand stören durfte, waren doch zu merkwürdig und das schüchterne, immer schnellabreißende Klavierspiel auch, das man manchmal im Hotelkorridor des ersten Stockwerks hören konnte. Trotz all seiner List, trotz Finten und Fallen war es aber dem treuen Boito nicht gelungen, hinter das Geheimnis zu kommen.

Doch jetzt las der Unerbittliche und, siehe, er kam außer sich:

»Aber Maestro! Wenn ich nicht träume und nicht betrunken bin, und das bin ich nicht, so ist das hier die verwegenste Sache, die Sie je gemacht haben. Wie ist es nur möglich, daß Sie solche Schätze verbergen?«

»Boito mio, Sie scheinen doch kein rechtes Verständnis für Musik zu haben! Das hier ist Unfug, Spielerei, Gelalle, Experimente der Altersschwäche, basta!«

Boito las, ohne daß Verdi es verhindern konnte, immer weiter. Dann schüttelte er den Kopf:

»Ein ganz neuer Verdi! Ich bin starr ...«

»Mein Gott! Ihnen imponieren eben fünf erlesene Ungewöhnlichkeiten mehr als die schönste Melodie, als die kirchenväterlichste Reinheit des Stils.«

»Ein ganz neuer Verdi! Und Sie arbeiten täglich. Warum, um Himmelswillen, verstecken Sie diese Arbeiten?«

»Die Heutigen, wenn sie veröffentlichen, denken nur an den Effekt bei den Kollegen. Ich habe mich immer dem Publikum verpflichtet gefühlt.«

»Nun, Maestro, warum schreiben Sie es dann nieder?«

»Ich kann diese Dummheiten nicht ganz lassen. Bin sehr viel allein. Probleme, Unsinn, Nebensachen! Sehn Sie, das ist unsere Zeit! Kunst ist nichts mehr Selbstverständliches. Man spricht nicht, man reflektiert die Grammatik. Die Maler in Paris, wie man mir sagt, wollen jetzt nur mehr Malerei malen. Nur Malerei malen! Ach! Ach! Es hat immer solche Zeiten gegeben. Die Inhalte sterben. Man will aus Verlegenheit das Material erneuern, die Mittel erneuern. Ruhepausen!«

»Und auch Sie, Maestro?«

»Ja, ich weiß, es ist unausstehlich von mir, unausstehlich! Aber schließlich bleibt es doch Privatsache.«

Der Alte versuchte sich seinen Noten zu nähern, mußte aber dieses Unternehmen als aussichtslos aufgeben. Mit den weitsichtigen Augen, die immer ein wenig über das Ziel hinausblickten, sah er den Freund an:

»Hören Sie, Boito, ich bin dahinter gekommen, was der wahre Dämon, das eigentliche Geheimnis aller Kunst ist.«

Der Maestro machte bei diesen Worten ein sehr unschuldiges Gesicht. Boito sah ihn fragend an:

»Das Geheimnis der Kunst ist die Langeweile.«

»Die Langeweile?«

»Ja, alle Wirkungen werden naturgemäß innerhalb einiger Jahre langweilig. Man muß neue erlisten. Das ist der ganze künstlerische Fortschritt!«

»Bravo, Maestro!«

Noch immer schaute das Greisenantlitz voll Naivität auf den Freund. Boito lachte ausgiebig. Diesen Augenblick aber benützte der schlaue Verdi und schob seine Papiere zusammen. Zu spät bemerkte der andere die Kriegslist.

»Maestro, geben Sie mir diese Noten!«

»Nein, nein, nein, mein Freund!«

»Ich will sie nur in Ruhe lesen.«

»Ich weiß es, aber ich kann nicht dulden, daß Sie Ihre kostbare Zeit verlieren. Der ›Nero‹ wartet.«

Die Blätter verschwanden in einer Schublade.

Der Maestro stand im Zwielicht. Der sehr enttäuschte Boito trat näher zu ihm hin. Da gewahrte er in dem lieben Gesicht des Fünfundachtzigjährigen, in diesem Gesicht voll tausend Runzeln und Augenfältchen solch einen wunderbar schönen Ausdruck von verklärter Schelmerei, daß sein edles Herz die Tränen nicht zurückhalten konnte.

Nun sah er aus dem Fenster.

Verdi suchte in allen Taschen seine Streichhölzchen. Endlich fand er sie und zündete nach allerhand neuen Hindernissen die Klavierlampe an. Dann rückte er einen zweiten Stuhl zum Flügel und legte ein altertümliches Notenheft auf das Pult:

»So, mein lieber Boito! Jetzt lassen Sie uns eine dieser beruhigenden und meisterhaften Sonaten von Corelli spielen. Aber nur eine! Denn mehr vertragen meine Augen nicht.«

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