Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Edgar Wallace >

Verdammte Konkurrenz

Edgar Wallace: Verdammte Konkurrenz - Kapitel 9
Quellenangabe
pfad/wallacee/verdammt/verdammt.xml
typefiction
authorEdgar Wallace
titleVerdammte Konkurrenz
publisherWilhelm Goldmann Verlag
translatorRavi Ravendro
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20111008
projectidee05a8bc
Schließen

Navigation:

8

Noch zwei andere Leute waren sehr wenig mit Barbara Storrs Verhalten einverstanden. Mr. Hammett und seine Frau gingen weder nach Kanada, noch fuhren sie nach dem Kontinent. Sie befriedigten nur ihre dringendsten Gläubiger und ließen alles andere vorläufig auf sich beruhen. Aus einem bestimmten Grund hatten sie ihre Pläne geändert.

Mr. Hammett hatte einen Eilbrief von Captain Griffin erhalten, der ein alter Klient von ihm war und den Dampfer »Silina« führte. Mr. Hammett hatte diesem Mann schon bei mehreren Gelegenheiten geholfen. Einmal hatte sich Griffin wegen Schmuggels vor Gericht zu verantworten, ein andermal wegen versuchten Mordes, und in beiden Fällen war es Mr. Hammett gelungen, ihn freizubekommen.

Die »Silina« war ein Küstendampfer, der zwischen Leith und Newcastle verkehrte, und Captain Griffin kam gewöhnlich zu dem Rechtsanwalt, wenn er London besuchte, um in irgendeiner schwierigen Sache seinen Rat zu hören. Er bezahlte manchmal in bar, manchmal in Naturalien. Auf diese Weise hatte Mr. Hammett manche Kiste Whisky erhalten.

Und gerade jetzt hätte er gerne selbst einmal seinen Klienten ausgeforscht, um sich über das Klima und die Lebensbedingungen in fernen Ländern zu orientieren. Er wußte nicht, ob er in Kanada alle die Bequemlichkeiten finden würde, die er erwartete und brauchte.

Außerdem eilte es im Augenblick gar nicht mit der Abreise. An diesem Nachmittag hatte das Schifffahrtsbüro die Summe zurückerstattet, die er als Anzahlung für die Schiffskarten geleistet hatte, und er war in guter Stimmung.

»Es wird noch etwa drei Wochen dauern, bis Maber aus dem Gefängnis kommt«, erklärte er seiner Frau und machte ein pfiffiges Gesicht. »Diese günstige Gelegenheit darf nicht ungenützt vorübergehen. Wir müssen es fertigbringen, noch eine weitere Zahlung von tausend Pfund aus Mabers Geschäft zu ziehen. Dann ist es immer noch Zeit genug, zu verschwinden.«

»Aber wie willst du denn das anfangen?« fragte Mrs. Hammett erstaunt.

»Es gibt verschiedene Wege«, sagte er und streifte nachlässig die Asche seiner Zigarre ab.

»Du weißt ja in solchen Dingen gut genug Bescheid«, erwiderte sie befriedigt. Sie gehörte zu den wenigen Leuten auf der Welt, die ihn bewunderten.

Mr. Hammett wußte allerdings gut genug Bescheid. Seine lange Praxis hatte ihn mit den gemeinsten Verbrechern in Berührung gebracht, und er kannte viele Methoden, sich auf unrechtmäßige Weise Geld zu verschaffen. Sie führten alle zum Ziel und waren alle mehr oder weniger einfach, aber sehr gefährlich.

Auf seinem Schreibtisch lag der Brief des Ehrengerichts der Rechtsanwaltskammer, in dem er aufgefordert wurde, eine Reihe von Handlungen zu erklären, für die es keine Rechtfertigung gab, und die deshalb eben unerklärlich waren. Man würde ihn also von der Liste der Anwälte streichen. Schon mehr als einmal hatte er diese Katastrophe mit knapper Not verhindert, aber diesmal gab es keinen Ausweg mehr.

Mr. Hammett tat das nicht einmal mehr leid. Er machte sich jetzt nur noch darüber Gedanken, ob er genügend Mittel besäße, um England zu verlassen und sich in irgendeiner Kolonie eine neue Existenz zu gründen.

Er überlegte mit seiner Frau, auf welche Weise sie am besten fortkommen könnten.

»Wie steht es denn mit Griffin? Könnte uns der nicht helfen?«

Hammett sah sie verächtlich an.

»Sei doch nicht albern. Er könnte mich wohl von London und von Leith wegbringen, aber was hätte das denn für einen Zweck?«

»Da kommt er gerade«, entgegnete sie und eilte hinaus, um den Besucher einzulassen.

Captain Griffin war ein kleiner, unansehnlicher Mann mit abstoßenden Zügen. Außerdem schielte er auf einem Auge.

»Wie geht es Ihnen, Mr. Hammett?« begrüßte er seinen Freund herzlich. »Wir müssen wieder einmal eine juristische Sache miteinander besprechen, wenn Sie nichts dagegen haben«, wandte er sich an die Frau.

Mrs. Hammett wollte das Zimmer verlassen, aber Griffin duldete es nicht.

»Wir kennen uns doch, und ich weiß genau, daß Sie für sich behalten, was ich Ihrem Mann sage.«

Er zog den Stuhl näher an den Tisch. Mrs. Hammett holte die Whiskyflasche und Sodawasser, erlaubte dem Kapitän zu rauchen und ließ sich dann auch nieder.

»Also, ich möchte gern wissen, wie ich daran bin«, begann Griffin. »Ich werde allerdings nicht schlecht bezahlt. Dreißig Pfund monatlich und ein Prozent Tantiemen. Morgen will ich in See gehen. Muß nur noch auf einen jungen Herrn warten, der mit mir ausfährt. Nun ist die Frage: Was riskiere ich bei der Geschichte? Sie kennen doch die Gesetze in Amerika? Wieviel bekomme ich dafür?«

»Wofür?« fragte Hammett interessiert.

»Für Alkoholschmuggel. Welche Strafe steht darauf? Manche sagen zehn Jahre, manche sagen, es gibt nur eine Geldstrafe.«

Der Rechtsanwalt antwortete nicht gleich. Er überlegte, und seine Gedanken arbeiteten blitzschnell.

»Wann fahren Sie ab?« fragte er dann.

»Morgen abend um elf. Mein Schiff liegt in der unteren Themse. Bei Flutzeit wollen wir ausfahren.«

Mr. Hammetts Gesicht zeigte eine leichte Röte. Jetzt sah er deutlich einen Ausweg vor sich.

»Sie brauchen sich wegen der Bestrafung keine Sorgen zu machen«, sagte er schnell. »Es besteht wenig Gefahr, daß Sie abgefaßt werden. Griffin, wäre es Ihnen recht, mich als Passagier mitzunehmen?«

Der Kapitän starrte ihn an.

»Wollen Sie denn eine Reise machen?«

Hammett nickte.

»Selbstverständlich -- mit Vergnügen nehme ich Sie mit. Ich würde sogar noch Geld zulegen, um einen Rechtsanwalt bei mir zu haben. Da können Sie sich mal nette Ferien machen. Ich denke, wir sind im November wieder zurück.«

»Ferien brauche ich nicht«, erklärte der Rechtsanwalt mit Nachdruck. »Ich möchte nur in Amerika unbemerkt an Land gehen.«

Griffin schaute ihn argwöhnisch an.

Hammett bemerkte es und lehnte sich vertraulich über den Tisch.

»Es ist eine geheime Mission -- im Auftrag der Regierung«, sagte er leise.

Der Kapitän runzelte die Stirne.

»Hat es etwas mit Alkoholschmuggel zu tun?« fragte er plötzlich ängstlich.

»Nein, aber mit Gold und gewissen anderen Dingen, über die ich nicht sprechen darf.«

Griffin rieb sein Kinn.

»Und was macht Ihre Frau?«

»Sie benutzt den Postdampfer, wenn ich sie überhaupt nachkommen lasse«, erwiderte Hammett gelassen und warf einen verächtlichen Blick auf sie.

»Na, dann ist es gut. Wir haben nämlich keine Annehmlichkeiten für Damen an Bord des alten Kastens. Aber Sie sollen mir herzlich willkommen sein, Mr. Hammett. Wir fahren also um elf. Gehen Sie erst um zehn Uhr dreißig an Bord, sonst erregen Sie zuviel Aufmerksamkeit. Ich lasse ein Ruderboot am Landungssteg von China Stairs auf Sie warten. Das ist in der Nähe von Wapping. Niemand braucht zu sehen, daß Sie an Bord kommen, und ebenso leicht kann ich Sie dann in Amerika absetzen. Ich schicke Sie mit einem der Motorboote an Land, die außerhalb der Fünfmeilengrenze zu mir hinausfahren.«

Sie schüttelten sich die Hände.

Eine halbe Stunde später ging der Kapitän, und Mr. Hammett überlegte sich einen neuen Plan, der unter keinen Umständen fehlschlagen sollte.

*

Der dritte Tag des großen Verkaufs begann hoffnungsvoll, nachdem der Erfolg der beiden ersten über Erwarten groß gewesen war. Und dennoch fühlte sich Barbara nicht mehr so siegesgewiß, denn nach den aufregenden und spannenden Tagen war die unausbleibliche Reaktion gekommen. Sie hatte etwas von ihrer Unabhängigkeit und Selbstsicherheit verloren und sehnte sich nach einem Menschen, auf den sie sich stützen konnte. Heute war sie sogar dankbar dafür, daß Alan Stewart wie sonst geduldig an der Straßenecke auf sie wartete.

»Ich habe eine gute Nachricht für Sie«, erklärte er ihr, als er neben ihr herging. »Sie haben das Geschäft wirklich fabelhaft in die Höhe gebracht, Miß Storr. Was hat denn Atterman eigentlich für die Firma geboten?«

Sie nannte ihm die Summe, und er lächelte.

»Der alte Geizkragen! Sehen Sie, Tennyson & Burns haben sich gestern abend mit mir in Verbindung gesetzt, und zwar hat mich der alte Tennyson persönlich angerufen. Er wußte, daß ich Sie kenne, und fragte mich, ob Maber die Firma wohl für dreihunderttausend Pfund verkaufen wollte. Die Hälfte in bar, die Hälfte in Anteilscheinen.«

»Das Angebot lehne ich ab«, erwiderte sie prompt.

»An Ihrer Stelle würde ich mir das aber doch noch überlegen. Sie sagten mir, daß Maber Sie bevollmächtigt hat, den Verkauf abzuschließen, und wenn er bereit war, das Geschäft für hundertzwanzigtausend abzugeben --«

»Er hätte es sogar für hunderttausend verschenkt!«

»Nun gut, das wären also zweihunderttausend Pfund mehr, und Mr. Maber würde sich sicher freuen, eine so große Summe für die Firma zu bekommen. Ich hatte sogar selbst schon die kühne Idee, das Geld aufzubringen und Sie mit großem Gehalt als selbständige Leiterin der Firma anzustellen, natürlich mit namhafter Beteiligung. Und wenn wir dann heiraten würden --«

»Das könnte Ihnen so passen, daß ich noch Geld dazu verdiente! Nein, danke schön!« Sie warf den Kopf zurück. »Diese Art Partnerschaft hat nicht soviel Anziehungskraft für mich, wie Sie denken. Warum machen Sie denn nicht Maudie einen Antrag, wenn Sie absolut heiraten müssen?«

»Maudie?« Er runzelte die Stirne. »Ach, Sie meinen Ihre Solotrompeterin?«

»Sie ist nicht mehr bei mir«, entgegnete Barbara grimmig. »Man soll einer Frau in geschäftlichen Dingen niemals trauen, Alan -- Mr. Stewart.«

»Nennen Sie mich doch lieber Alan. Das klingt so schön«, bat er. »Aber was ist denn mit Maudie passiert?«

»Sie hat mich verlassen und ist zum Feinde übergegangen. Mr. Lark sah sie, wie sie gestern kurz vor Ladenschluß durch die Seitentür zu Attermans ging. Und als ich nach Hause kam, fand ich diese merkwürdige Nachricht von ihr.«

Barbara öffnete ihre Tasche, nahm den Brief heraus und gab ihn Alan.

»Lesen Sie.«

»Meine liebe Miß Storr, ich muß in gewisser Beziehung sehr vorsichtig sein, da ich dem Verband angehöre. Außerdem habe ich auf meinen Vater Rücksicht zu nehmen, der in nächster Zeit pensioniert wird. Man soll ihm nichts vorwerfen können. Da Sie so liebenswürdig zu mir waren und um der alten Zeiten willen werde ich natürlich nichts ausplaudern.

Mit bestem Gruß Ihre Maud Alice Deane.«

»Was soll denn dieses Schreiben bedeuten?« fragte er erstaunt.

»Möchte ich auch gern wissen«, erwiderte sie und steckte den Brief wieder in die Handtasche. »Auf jeden Fall ist sie in ihre alte Stellung zurückgekehrt. Atterman scheint sie noch ebenso zu verehren wie früher. Ich hätte allerdings nie geglaubt, daß er so sentimental sein könnte. Und der Himmel mag wissen, was mit ihrem Vater los ist.«

Während sie zusammen weitergingen, sah sich Alan mehrmals um.

»Ich möchte nur wissen, wer dieser Kerl ist«, sagte er dann plötzlich.

Ein korpulenter Herr ging hinter ihnen her und schwang vergnügt seinen Schirm beim Gehen. Den Hut hatte er ein wenig in den Nacken geschoben, und seinem wohlgenährten Gesicht war anzusehen, daß er mit sich und der Welt zufrieden war.

Barbara wandte sich nun auch um und betrachtete ihn.

»Kennen Sie den Mann?« fragte Alan.

Sie schüttelte den Kopf.

»Ich sah ihn schon in der Nähe des Hauses. Er machte mir gleich den Eindruck, als ob er auf jemand wartete. Ob er uns wohl beobachtet?«

»Leicht möglich«, meinte Barbara. »Vielleicht hat Ihre Frau ihn engagiert, um Ihnen nachzuspüren.«

»Sie wissen doch sehr gut, daß ich nicht verheiratet bin«, entgegnete er etwas hitzig. »Ich gehe vollständig in meinem Beruf auf.«

*

Barbara hatte eigentlich gedacht, daß das Interesse des Publikums nachlassen würde. Ein großer Teil der Bestände war nach dem zweiten Tag ausverkauft; von den Pariser Modellen war kein Stück mehr vorhanden. Aber Mr. Lark, der plötzlich unerwartete organisatorische Fähigkeiten entwickelte, hatte sofort telegrafisch in Paris neue Bestände eingekauft, die am vergangenen Abend bereits in London eingetroffen waren. Unter seiner persönlichen Leitung wurden sie über Nacht ausgepackt und ausgezeichnet. Barbara hatte nur ungern diese neuen Attraktionen annonciert, denn als sie die Druckfahnen las, befand sich die Ware noch in Paris. Aber es hatte alles tadellos geklappt. Das Schaufenster mit dem Wilden Mann war ausgeräumt worden, und dort hatte man die neuen Wunder an Seidenstoffen und Modellen ausgestellt.

Barbara beunruhigte sich nicht mehr über den verschwundenen Koffer. Sie zweifelte keinen Augenblick daran, daß er im Besitz von Julius Colesberg und seinem Verbündeten war. Welche Folgerung würden die beiden wohl aus ihrer Entdeckung ziehen? Aber mochten sie denken, was sie wollten, wenn nur der wahre Grund von Mr. Mabers Verschwinden unbekannt blieb. Vielleicht waren doch noch andere Leute im Polizeigericht gewesen, als gegen ihn verhandelt und er verurteilt wurde? Es war immerhin möglich, daß ihn einer von diesen erkannt und die Geschichte weitererzählt hatte. Bis jetzt war allerdings alles ruhig geblieben, und Hammett, der tatsächlich eine ernste Gefahr bedeutete, war ja aus dem Lande geflohen. Die zweihundert Pfund Schweigegeld reuten sie nicht. Die waren sicher gut angelegt. Und bevor der Monat zu Ende ging, konnte sich viel geändert haben. Sie war nicht abgeneigt, dem neuen Angebot von Tennyson näherzutreten, da sie wußte, wie wenig Mr. Maber seinen Beruf als Kaufmann schätzte. Aber auf der anderen Seite hätte sie ihm zu gern bei seiner Rückkehr eine vollständig reorganisierte Firma Maber & Maber übergeben. Er konnte dann ja noch nach Belieben über sein neues Eigentum verfügen.

Sie wußte sehr wohl, daß sie eigentlich weniger den Wert der Firma gehoben als vielmehr den Leuten die Augen geöffnet hatte, die das Geschäft für altmodisch und erledigt hielten. Es war stets die Summe wert gewesen, die Tennyson jetzt dafür bot, vielleicht sogar noch etwas mehr.

Barbara war eifrig mit der Kontrolle verschiedener Listen beschäftigt, als Albuera den Kopf zur Tür hereinsteckte.

»Mr. Hammett wünscht Sie zu sprechen, Miß«, sagte er leise.

Sie schaute ihn an, als ob er einen albernen Scherz machte.

»Mr. Hammett -- meinen Sie etwa den Rechtsanwalt?«

»Ja, den Linksanwalt«, verbesserte er sie. Sie hatte geglaubt, daß dieser Mann längst nach Amerika unterwegs wäre.

»Lassen Sie ihn hereinkommen.«

Sie staunte, als sie ihn sah. Das war nicht mehr der kleine, schlechtgekleidete Winkeladvokat. Er trat jetzt in einem tadellosen Cut auf und trug einen vollkommen neuen Zylinder. Auch das Monokel fehlte nicht, obwohl er noch nicht gewandt damit umgehen konnte.

»Guten Morgen, Miß Storr«, sagte er leichthin, legte eine große Mappe auf den Tisch und zog einen Stuhl näher. Als er Platz genommen hatte, öffnete er die Aktentasche.

Sie sah ihn scharf an.

»Ich bin sehr erstaunt, Sie hier in meinem Büro zu sehen, Mr. Hammett!«

»Das kann ich mir denken«, erwiderte er mit sonderbarem Lächeln. »Ich hatte ursprünglich die Absicht, Scotland Yard einen Besuch abzustatten, aber dann habe ich mir überlegt, daß es vielleicht besser wäre, erst mit Ihnen zu sprechen. Soviel ich weiß, gehört das Ihnen?«

Bei diesen Worten zog er den Scheck aus der Mappe, den sie Mrs. Hammett zuerst gegeben und nachher gesperrt hatte.

»Ja«, entgegnete sie verwundert. »Ich gab ihn Ihrer Frau --«

Er schüttelte den Kopf.

»Ich bin niemals verheiratet gewesen. Es tut mir leid, daß Sie das Opfer einer skrupellosen Abenteurerin geworden sind. Sie können von Glück sagen, daß ich durch meine Verbindungen instand gesetzt war, diesen gemeinen Plan gegen Sie in seinen Anfängen zunichte zu machen.«

Barbara schaute ihn betroffen an.

»Was, sie ist nicht Ihre Frau?«

»Ich bin niemals verheiratet gewesen, wie ich schon sagte«, erklärte er, »obwohl mir die Liebe nicht fremd blieb.« Er seufzte schwer. »Die Frau, die ich eigentlich hätte heiraten sollen --« Er zuckte die Schultern und schüttelte traurig den Kopf, was bedeuten mochte, daß diese Frau entweder gestorben war oder einem anderen angehörte. »Die Person, die zu Ihnen kam, und der Sie den Scheck gaben, war auf dem Polizeigericht, als Mr. Maber verurteilt wurde.« (Barbara dachte an ihre eigenen Befürchtungen.) »Sie ist eine bekannte Erpresserin. Als sie sah, wie ich mit Ihnen sprach, faßte sie ihren Plan.«

Barbara nahm den Scheck und betrachtete ihn genau. Ihre Unterschrift war mit roter Tinte durchstrichen.

»Das habe ich getan«, erklärte er, »und zwar, als ich der niederträchtigen Frau den Scheck abnahm. Es ist nur eine Vorsichtsmaßregel, damit er unter keinen Umständen kassiert werden kann.«

»Und was haben Sie denn mit den zweihundert Pfund gemacht, die ich ihr in bar zahlte?« fragte Barbara ruhig.

Mr. Hammett warf ihr einen entsetzten Blick zu.

»Was, Sie haben ihr zweihundert Pfund in bar gezahlt?« rief er und preßte die Hand gegen die Stirne. »Aber Miß Storr, wie konnten Sie so unvorsichtig sein! Und ich dachte, ich könnte Sie gerade noch davor bewahren, das Opfer einer Betrügerin zu werden. Jetzt bleibt mir allerdings nichts anderes übrig, als sofort nach Scotland Yard zu gehen.«

Er erhob sich halb, als er aber sah, daß sie keine Miene machte, ihn zurückzuhalten, überlegte er es sich wieder anders.

»Zum Glück weiß ich, wo ich sie verhaften lassen kann.« Er unterbrach sich einen Augenblick und sah auf die Uhr. »Noch vor zwölf wird sie in sicherem Gewahrsam sein.«

Er nahm ein längliches, schmales Heft aus seiner Aktentasche und blätterte darin. Barbara vermutete, daß es sich um ein Quittungsbuch handelte.

»Inzwischen habe ich noch eine Bitte an Sie, Miß Storr. Bescheinigen Sie mir bitte, daß ich Ihnen diesen Scheck zurückgebracht habe. Spätestens um zwei heute nachmittag werde ich Ihnen Ihr Geld zurückerstattet haben, soweit es diese unglaubliche Person noch besitzt.«

Er legte ihr die Erklärung vor, und Barbara las sie mechanisch.

»Ich bestätige hiermit, von Rechtsanwalt Hammett einen Scheck zurückerhalten zu haben, den ich Jane Smith alias Margaret Hammett irrtümlicherweise aushändigte. Der obenerwähnte Scheck trägt die Nummer DH 187475.«

»Das will ich gern tun«, erwiderte sie, griff zu ihrem Füllfederhalter und leistete die gewöhnliche Unterschrift für die Firma.

Er dankte und legte das Buch in seine Mappe zurück.

»Was nun die zweihundert Pfund betrifft, so halte ich es unter den gegebenen Umständen nicht für günstig, die Sache der Staatsanwaltschaft anzuzeigen.«

Sie stimmte ihm entschieden zu.

»Wir wollen nur das Geld wiederhaben, und das werde ich Ihnen beschaffen. Ich kann natürlich nicht dafür garantieren, daß ich es bis auf den letzten Schilling zurückbringe. Selbstverständlich werde ich Ihnen dafür keine Kosten berechnen.«

»Ist es wirklich wahr, daß Sie mit dieser Jane Smith nicht unter einer Decke stecken und nicht an dem Schwindel beteiligt sind?« fragte Barbara mit verblüffender Offenheit.

Mr. Hammett sah sie traurig an.

»Es tut mir leid, daß Sie auch nur einen Augenblick lang einen derartigen Gedanken fassen konnten«, erwiderte er ernst.

Er schien tief gekränkt zu sein, und sie hatte den Eindruck, daß er nur mit Mühe seine Erregung niederkämpfte. Rasch erhob er sich, drückte ihr die Hand und nickte Albuera zu, als er hinausging.

Barbara sah den Scheck noch einmal an, riß ihn dann in kleine Stücke und warf sie in den Papierkorb. Das war also das Ende eines unangenehmen Abenteuers. Sie hatte dem armen Mann unrecht getan und war herzlich froh, daß die Sache nicht noch ein gerichtliches Nachspiel haben sollte.

Mr. Hammett fuhr währenddessen in einem Taxi zu seinem kleinen Büro zurück, in dem er ganz allein hauste. Schon seit Jahren hatte er keinen Bürovorsteher und keine Stenotypistin mehr. Nachdem er die Tür fest geschlossen hatte, trennte er die Quittung aus dem Heft, feuchtete die eine Seite der Oberfläche an und entfernte die oberste Schicht, die nur ganz dünn, aber undurchsichtig war. Darunter erschien ein besonders präpariertes Kohlepapier, das einen Blankoscheck der Southern Bank in der Marlborough Avenue überdeckte. Die Unterschrift Barbara Storrs war so klar und deutlich, daß man diese Kopie kaum von dem Original unterscheiden konnte. Er nahm ein Vergrößerungsglas und trat ans Licht, um sie noch einmal zu prüfen. Befriedigt ging er an den Schreibtisch zurück, legte ein Löschblatt auf die Unterschrift und trug eine große Summe in den Scheck ein. Dann steckte er ihn in seine Brieftasche und verließ das Haus wieder, um sich mit seiner Frau zu treffen.

*

Mr. Peeker hatte beobachtet, daß Hammett die Firma Maber betrat. Er kannte ihn als einen Anwalt von recht zweifelhaftem Charakter und war höchst erstaunt, daß ein solcher Mann bei Maber verkehrte.

Von seinem Zimmer aus konnte er Barbaras Büro überschauen und hatte sie schon den ganzen Morgen mit einem Feldstecher beobachtet. Er war auch unsichtbarer Zeuge der Szene mit Hammett gewesen, denn Barbara hatte die Gardinen vor den Fenstern halb zurückgezogen. Das Büro war nicht sehr hell, und sie hatte ja auch keine Ahnung, daß sie beobachtet wurde.

Als Mr. Hammett wieder auf die Straße trat, heftete sich Mr. Peeker an seine Fersen. Er verfolgte ihn zu seinem Büro und nachher zu dem Restaurant, in dem sich der Rechtsanwalt mit seiner Frau verabredet hatte. Dort setzte er sich an den Nachbartisch, um möglichst viel von ihrer Unterhaltung zu hören.

»Alles in bester Ordnung«, sagte Hammett leise zu ihr.

»Kann die Sache nicht noch schief gehen?« fragte sie bedrückt.

»Ausgeschlossen. Ich habe einmal ernsthaft mit ihr gesprochen und ihr den Standpunkt klargemacht.« Argwöhnisch sah Mr. Hammett zu dem Detektiv hinüber, aber der Mann war so vollkommen in die Lektüre seiner Zeitung vertieft, daß der Kellner, der ihn bedienen wollte, ihn bereits zum zweitenmal laut anrief. »Du glaubst nicht, wie ängstlich sie darauf bedacht ist, daß kein Mensch den Aufenthalt von Maber erfährt. Es würde ja auch den Ruin bedeuten, wenn die Sache herauskäme. Denke doch, ein Mann wie Maber! Dann könnte er sich gleich begraben lassen!«

Peeker spitzte die Ohren. Barbara Storr würde ruiniert sein ... Maber könnte sich begraben lassen, wenn jemand seinen Aufenthalt erführe! Er empfand Genugtuung und Freude wie alle großen Detektive, die eine schwere Aufgabe durch die Schärfe ihres Verstandes gelöst haben.

Später sprach Hammett in leiserem Ton, und Peeker hörte nichts mehr, was ihm weiterhalf, obwohl der Rechtsanwalt seiner Frau Instruktionen gab, die sehr wertvoll für den Detektiv gewesen wären.

Zehn Minuten vor Bankschluß sollte sie sich telefonisch mit Barbara in Verbindung setzen und sich als Vertreterin einer großen deutschen Firma für Kunstseidenartikel vorstellen. Hammett hatte sich am Morgen überall erkundigt und sich mit großer Mühe Preise derartiger Artikel verschafft. Er hatte eine Liste von Artikeln zusammengestellt, die um dreißig Prozent billiger waren als in London.

»Vor allem mußt du sehen, daß du sie zehn Minuten lang am Apparat festhältst, damit die Bank ihr Büro nicht erreichen kann. Und gib dir Mühe, daß sie deine Stimme nicht wiedererkennt. Die ist gerissener, als du ahnst.«

»Du willst ihr doch nicht im Ernst diese Dinge verkaufen?« fragte sie ängstlich.

Er holte tief Atem und unterdrückte einen Fluch.

»Wir haben jetzt keine Zeit, uns lange darüber zu unterhalten. Ich wiederhole, daß du sie zehn Minuten lang am Telefon beschäftigen sollst, damit die Bank ihr Büro nicht anrufen kann.«

Zehn Minuten vor Schalterschluß ging Mr. Hammett zur Bank und überreichte dem Kassierer den Scheck mit gleichgültiger Miene.

»Sind Sie selbst Mr. Hammett?«

»Ja«, entgegnete der Rechtsanwalt mit einem verbindlichen Lächeln.

Obwohl er in größter Erregung war, beherrschte er sich nach außen hin. Es gelang ihm auch, die Ruhe zu bewahren, als der Kassierer den Scheck längere Zeit schweigend prüfte.

»Wie soll ich Ihnen die Summe auszahlen?« fragte der Beamte schließlich.

Mr. Hammett hätte am liebsten vor Freude laut aufgejubelt.

»In Hundertpfundnoten, wenn ich bitten darf«, erklärte er gelassen.

Der Kassierer zählte mehrmals hintereinander zwanzig Scheine ab, schrieb dann mit Bleistift eine Bemerkung unter die Unterschrift des Schecks und reichte Hammett das Päckchen.

Der Rechtsanwalt verließ den Schalterraum ohne die geringste Hast. Aber draußen wartete noch sein Taxi, und drei Minuten vor Bankschluß betrat er die prachtvolle Halle der Eighth National Bank von New York und wechselte die englischen Banknoten in Dollarscheine um.

*

In Mr. Attermans Büro schrillte das Telefon, und Mr. Peeker meldete sich.

»Ich habe den anderen gefunden«, sagte er aufgeregt.

»Den Komplicen?« fragte Mr. Atterman schnell.

»Es ist ein gewisser Hammett. Er erpreßt Miß Storr. Maber lebt. Aber sie halten ihn irgendwo gefangen.«

»Einen Augenblick!« rief Atterman atemlos und teilte Julius rasch mit, was er gehört hatte.

»So, er lebt noch?« fragte Mr. Colesberg nicht gerade sehr begeistert.

»Ich wußte ja, daß Peeker ihn finden würde«, erwiderte Mr. Atterman selbstbewußt. »Jetzt haben wir gewonnen, Julius. Wenn wir Mr. Mabers Leben retten, muß er sich dankbar erweisen, und dann wird er auch wegen des Verkaufs keine Schwierigkeiten mehr machen. Auf diese Miß Storr muß er ja geladen sein! ›Atterman‹, wird er zu mir sagen, ›das haben Sie einfach großartig gemacht. Wenn Sie nicht gewesen wären, würde ich längst unter dem Rasen liegen.‹«

»Sie meinen, wenn wir beide nicht gewesen wären«, warf Julius ein.

»Möglich, daß er Sie auch erwähnt«, gab Mr. Atterman großmütig zu.

Inzwischen wurde Peeker am Telefon ungeduldig.

»Ich kann nicht länger warten, sonst entwischen mir die beiden noch«, drängte er.

»Lassen Sie sich bloß nicht stören, und verfolgen Sie die Halunken. Sparen Sie kein Geld. Und halten Sie mich auf dem laufenden! Nach Büroschluß bin ich in meiner Wohnung. Ich werde nicht ausgehen, damit ich jederzeit sofort Ihre Nachrichten entgegennehmen kann.«

Aber erst um halb zehn hörte er wieder etwas von dem Detektiv.

»Ich spreche von Wapping aus«, sagte Mr. Peeker geheimnisvoll. »Er ist hier in einem kleinen Restaurant, und zwar verkleidet.«

»Meinen Sie Mr. Maber?«

»Nein, nicht Maber -- Hammett. Ich habe ihn den ganzen Tag verfolgt. Er ist jetzt als Matrose maskiert und trägt einen falschen Schnurrbart.«

Mr. Attermans Augen leuchteten wild vor Erregung.

»Fabelhaft!« rief er außer sich. »Bleiben Sie um jeden Preis mit mir in Verbindung, koste es, was es wolle.«

Die Uhr zeigte zehn -- elf --

Schließlich wurde es Mitternacht. Dann endlich klingelte das Telefon wieder, aber es meldete sich nicht Mr. Peeker, sondern die tiefe Stimme eines Beamten.

»Hier Sergeant Johnson von der Themsepolizei. Ist bei Ihnen ein gewisser Mr. Peeker angestellt?«

Atterman wurde bleich.

»Ja«, antwortete er mit unsicherer Stimme. »Ist etwa ein Unglück passiert?«

»Wir haben seinen Mantel am Themseufer gefunden. Ein Polizist hörte, daß ein schwerer Gegenstand ins Wasser fiel, eilte zum Fluß hinunter und fand den Mantel, der halb im Wasser lag.«

Zitternd legte Mr. Atterman den Hörer zurück. In welch eine Tragödie war er plötzlich verwickelt!

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.